Nur zwei Tage nach dem Sparbeschluss der G20 in Toronto senden Konjunkturdaten und Kapitalmärkte ein klares Signal: Die Weltwirtschaft kippt in eine neue Rezessionsphase ab, und die angepeilte Haus-haltsdisziplin könnte zu einem psychologischen und sozialen Sprengsatz
werden. Am Montag – vor allem aber am Dienstag – hagelte es negative Meldungen aus Japan, China, Europa und den USA. Alle Zahlen lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Die Konjunktur stürzt nach kurzem Anschub – und kurz vor dem dritten Jahrestag
der Krise - erneut ab.
Dieser “Double Dip” wird die frisch angekündigte Sparpolitik in Europa einem erheblichen Stresstest aussetzen.
Die Kurstafeln der Weltbörsen verwandelten sich am Dienstag in ein rotes Meer: Der S&P 500 fiel auf den niedrigsten Stand im laufenden Jahr. Chinesische Aktien purzelten 4%. Rohstoffe wie Kupfer und Zink brachen 4% ein, der Pries für das Barrel Öl reduzierte sich um fast drei Dollar. Klettern konnten US-Anleihen, wo die erneute Flucht in vermeintlich sichere Papiere den Zinssatz für die 10jährige zum ersten Mal seit 14 Monaten unter die Marke von 3% drückte.

Hier die unheilvolle Serie von Meldungen, die am Dienstag die Börsen erschütterten:
- In Washington trafen sich Präsident Obama und Notenbankchef Bernanke, um über die Wirkungen der Schuldenkrise in Europa auf die US-Konjunktur zu beraten. Obama sprach anschließend von “Gegenwinden“. Sein Gesprächspartner Bernanke hatte noch drei Wochen zuvor – bei einer An-hörung im Kongress am 9. Juni gesagt, der europäische Teil der weltweiten Krise habe nur “mode-raten” Einfluss auf die amerikanische Wirtschaft. “Die Konjunktur ist auf dem Weg, in diesem und im nächsten Jahr zu expandieren”, hatte Bernanke am 9. Juni ausgesagt. Und jetzt ein Tete-a-Tete mit dem Präsidenten zu dem angeblich so moderaten Tiefausläufer aus Europa ?
- Der führende Vertrauensindex der New Yorker Research-Gruppe “The Conference Board” stürzte im Juni regelrecht ab, von 62,7 (im Mai) auf jetzt 52,9. Das ist ein 3-Monatstief und der erste Rückschlag seit Februar.
- Als ein Zeichen, wie stark die Erosion auch der US-Konjunktur geworden ist und wie schwach die Wachstums-Perspektiven – und damit die Suche nach neuen Reserven – schlug der führende Repu-blikaner im Repräsentantenhaus, John Boehner, am Dienstag als neue Schwelle für den Renten-eintritt das Alter von 70 Jahren vor; selbst in den USA, wo längeres Arbeiten weit verbreitet ist, ein Knaller. Ganz nebenbei: Boehner warnte in einem Interview mit der Zeitung Pittsburgh Tribune-Review auch vor einer bevorstehenden Rebellion in den USA, die größer sei als alles, was man seit der Erklärung der Unabhängigkeit 1776 gesehen habe.

- Gleichzeitig wurde am Dienstag in Washington bekannt, dass nach dem Tod des Demokratischen Senators Robert Byrd am Montag der Demokratischen Partei nun zwei Stimmen fehlen, um den Kompromiss zur Finanzmarktreform vom Freitag – der weltweit Beachtung (aber auch viel Kritik) erntete, nun bei der entscheidenden Abstimmung durchzubringen. Die Wackelpartie ist nur ein weiterer Beleg, wie wenig stabil und verlässlich politische Führung geworden ist. Und das zu einer Zeit, in der die Herausforderungen fast täglich wachsen.
- Der Conference Board musste seinen Ausblick für China drastisch korrigieren. Die Prognose vom April – ursprünglich mit dem besten Indexwert seit 14 Monaten versehen – ist nun auf dem niedrigsten Niveau seit November. Das drosselt die Erwartungen an China als Lokomotive der Weltkonjunktur, zu einer Zeit, wo es fast allerorten wieder zu brennen beginnt.
- In Europa sanken die Bond-Yields für deutsche Anleihen, während Anleihekurse für italienische, spa-nische und griechische Papiere fielen; die jüngste Autkion im Gesamtumfang von 10,7 Mrd. Euro zog weniger Nachfrage auf sich als erwartet.
- Währenddessen stufte Standard & Poor´s im laufenden Quartal laut Berechnungen von Bloomberg zum ersten Mal seit Beginn der Krise mehr US-Anleihen herauf als herunter. Auch das ein Zeichen für die erneut wachsende Nervosität an den Kapitalmärkten.

- In Großbritannien genehmigten die Banken im Mai weniger Hypotheken als Ökonomen vorhergesagt hatten. Ein Zeichen, dass der fragile Immobilienmarkt dort – wie in den USA – erneut Dampf verliert. Die Häuserpreise auf der Insel zeigten im Juni den geringsten Anstieg seit fünf Monaten.
- In Griechenland sorgten derweil Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei während des fünften Generalstreiks in diesem Jahr, wie hart umkämpft die von Europas Regierungen ange-kündigten Sparmaßnahmen in den jeweiligen Gesellschaften sein werden.#
- In Japan wurde am Dienstag ein Rückgang von Konsum und Industrieproduktion im Mai gemeldet, dazu unerwartet steigende Arbeitslosigkeit. Für Nippons Premier Naoto Kan gilt damit, was auch auf europäische Kabinettschefs zukommt: Der erneute konjunkturelle Rückschlag wird die dringend nötigen fiskalischen Hausaufgaben in den kommenden Monaten schwer torpedieren.
- Wenn jetzt noch an diesem Freitag in den USA die neuesten Arbeitslosenzahlen einen Rückschlag andeuten, werden nicht nur die Börsen, sondern auch die endlich sparwilligen Regierungschefs in Europa und den USA noch mehr unter Druck geraten
- In den USA versah – nachdem in den vergangenen Tagen schon Peter Schiff und Paul Krugman das Wort Depression in den Mund genommen hatten – der bekannte Investment-Manager John P. Hussman seine Webseite mit einer “Recession Warning“. Der von Hussman verwendete ECRI Weekly Leading Index brach in der neuesten Berechnung um 6,9% ein. Nur einmal seit 1988, so Hussman, habe ein derartiger Rückgang dieses Barometers nicht eine Rezession angekündigt.

Hier ein Zitat aus dem Artikel von Hussman:
In short, my concerns about the economy and financial markets are escalating quickly. Given the already vulnerable condition of the U.S. economy, a second phase of weakness would most likely contribute to already troubling levels of mortgage delinquency and foreclosure, and could be expected to push the unemployment rate toward 12%. It is not useful to rule out unfavorable outcomes simply because they seem unpleasant or unthinkable. It is also not useful to place superstitious hope in the Fed and the Treasury to fix the consequences of irresponsible lending without any ill effect. In the coming quarters, remember that every time you hear an incomprehensibly large bailout commitment from government, it will equate to an unconscionably large extraction of public resources, possibly through overt taxation, but more likely through the long-term destruction of purchasing power.
Da läuft es einem kalt den Rücken herunter.
Hussman zitiert in dem lesenswerten Artikel das in den USA äußerst erfolgreiche Buch des Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff und seiner Co-Autorin, der Wirtschafts-Professorin Carmen Reinhart an der University of Maryland, “This Time is Different”. In dem Werk haben die beiden die Folgen systemischer Finanzkrisen auf der ganzen Welt bis zurück ins 12. Jahrhundert in China und ins mittelalterliche Europa verfolgt. Eine ihrer Schlussfolgerungen: Umfas-senden Bankenkrisen folgten im Schnitt sechs Jahre Korrektur bei den Immobilienpreisen, 3,4 Jahre Börsenflaute und 5 Jahre steigende Arbeitslosigkeit.
Im Klartext: Wenn man den Beginn der laufenden Krise auf Anfang 2008 legt, könnte das Tief an den Börsen erst Mitte 2011, das Hoch bei der Arbeitslosigkeit Ende 2012 und der untere Wendepunkt am Immobilienmarkt 2014 erreicht werden. Ganz und gar nicht der Stoff, aus dem noch bis vor wenigen Wochen viele Börsianerträume gemacht waren.

Hier die ziemlich schwer verdauliche Ableitung von Hussman für die Aussicht an den Börsen. Den S&P kann er sich bei 500 vorstellen:
Based on our standard valuation methods, the S&P 500 Index would have to drop to about 500 to match historical post-war points of secular undervaluation, such as June 1950, September 1974, and July 1982. We do not have to contemplate outcomes such as April 1932 (when the S&P 500 dropped to just 2.8 times its pre-Depression earnings peak) to allow for the possibility of further market difficulty in the coming years. Even strictly post-war data is sufficient to establish that the lows we observed in March 2009 did not represent anything close to generational undervaluation.
Autsch !!
Ganz offenbar verleiht der jüngste Angst- und Nervositätsschub den “Doomsayern” wieder einigen Auf-trieb. Denn am Dienstag traute sich auch gleich noch Richard H. Suttmeier, der Chefstratege bei ValuEngine.com, mit einer haarsträubenden Prognose an die Öffentlichkeit: Die US-Immobilienpreise könnten weitere 50% fallen, schreibt er in FORBES.
Hier das entscheidende Zitat:
Home prices will decline again with risk of another 50% down to get house prices back to levels of 1999 / 2000. Community banks can’t lend as they continue to choke on C&D and CRE Loans written in 2004 through 2006. These are nearly uncollectible. There is no double-dip, just a continuation of the Great Recession. I have been calling this “The Great Credit Crunch”. On April 26th predicted the beginning of the second leg of the multi-year bear market which is again led by housing and financials.

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Die Bankster sollte man aufhängen!
Die Steigbügelhalter in der Politik auch!
Sehr schöne Zusammenfassung, Danke