Rote Zwangsjacke: Chinas magisches Viereck

by markusgaertner on 13/08/2010

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Chinas Immobilienpreise schossen im ersten Quartal 2010 gegenüber demselben Vorjahreszeitraum um 68% in die Höhe. Im zweiten Vierteljahr bis Juni stiegen sie wiederum 12,2% gegenüber dem ersten Quartal. Ein Taxifahrer in

Shenzhen, Chinas erster Sonderwirtschaftszone und heute neben Guangzhou und Dongguan eines der drei südchinesischen Boomzentren, muss 20 Jahresgehälter hinblättern, wenn er ein Apartment kaufen will.

Hier kommen ein paar mehr bedenkliche Fakten: Vor kurzem wurden in China über 64 Millionen Wohnun-gen gezählt, in denen seit mindestens 6 Monaten keine Elektrizität verbraucht wurde. Das ist jedes vierte Apartment. Man könnte in diesem von Spekulanten gekauften Wohnraum 200 Mill. Chinesen unter-bringen. Laut dem Buchautor Gordon Chang, der China seit 10 Jahren einen Kollaps vorhersagt, ent-spricht der Wert leerstehender Kondos in China 15% des BIP.

Für die weitaus meisten Chinesen wird sich daher der Traum, in den eigenen vier Wänden zu wohnen, zu Lebzeiten nicht mehr erfüllen. Die Preise für Immobilien – aber nicht nur für die – ist einfach zu weit nach oben geklettert. Das gilt ähnlich für ein anderes Symbol der neuen chinesischen Mittelschicht, das Auto. Kein Wunder, dass derzeit die bislang satten Zuwachsraten auf diesem Markt schlapp machen. Der Markt ist noch lange nicht gesättigt. Aber die, die sich den Traum vom eigenen Auto erfüllen wollen, bringen einfach nicht das nötige Geld auf, weil die Löhne nicht so schnell gestiegen sind wie die Preise vieler begehrter Waren.

Hier zeigt sich ein Dilemma in Chinas magischem Viereck: Die Regierung muss Wachstum von mindestens 8% organisieren, um genügend Jobs zu schaffen. Ansonsten drohen Unruhen. Doch derart hohes Wachstum, seit langem etwa 10% pro Jahr, kann China nur erreichen, wenn es deutlich billiger produziert als die meisten anderen Standorte. Eine andere Lösung als niedrige Löhne wären andauernd satte Produktivitätszuwächse. Doch dann würde der Aufschwung ohne die Produktion so vieler neuer Jobs stattfinden.

Eine Einbahnstraße ? Es wird noch schwieriger.

Weil immer mehr Chinesen erkennen müssen, dass sie mit niedrigen Löhnen zwar zu dem weltweit bestaunten Boom beitragen aber sich nicht die schönen Produkte leisten können, die sie da zum Beispiel in den Autofabriken bauen, kommt es zu ersten Streikbewegungen. Die Behörden schreiten nicht ent-schieden ein, weil sich hier ein schönes Ventil zum Ablassen von sozialem Druck ergibt, solange praktisch nur ausländische Firmen bestreikt werden.

Doch wenn das Teufelchen erstmal aus der Flasche ist und die Chinesen entdecken, dass ihre Streiks Erfolg haben, wer garantiert dann, dass nicht auch heimische Firmen zum Ziel einer Bewegung werden, die derzeit rasant an Dynamik gewinnt ? Doch schnell steigende Löhne über eine längere Zeit kann sich China nicht leisten, wenn gleichzeitig – wie versprochen – der Renminbi an Wert gewinnt und die Aus-fuhren verteuert. Das würde die Exporte dämpfen und Wachstum kosten.

Für die politische Führung in Peking ist das keine unlösbare Aufgabe. Sie muss mit Anreizen dafür sor-gen, dass das Land schnell genug die technologische Leiter raufklettert, um nicht weiterhin so stark vom Import von Know How abzuhängen. Gleichzeitig dürfen die Effizienz- und Produktivitätszuwächse aber nur so hoch sein, dass noch genügend neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

All das muss mit der Lohnentwicklung abgestimmt werden.

China wird dabei eines auf keinen Fall: So schnell kapitalistisch, wie sich das viele im Westen immer naiv erträumen.

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