Die Gefahr kommt von innen: Al Greifa, die Selbstbediener

by markusgaertner on 15/08/2010

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Noch 12 Monate, und die schrecklichen Terroranschläge vom 11. September 2001 liegen ein ganzes Jahrzehnt zurück.

Sie haben die Welt gründlich verändert.

Die USA führen zwei Kriege deswegen, darunter ihren längsten, in Afghanistan. Flughäfen sind zu Stripper-Bezirken geworden. In den U-Bahnen lösen auffallende Rucksäcke Gänsehäute, ja Angst-psychosen aus. Harmlose Moslems werden in öffentlichen Verkehrsmitteln angegafft wie Boris Becker bei einer U-Bahnfahrt. Die nicht so harmlosen Jihaddisten werden derweil von westlichen High-Tech-Drohnen bis in die hintersten Ecken der Welt verfolgt.

Der Milliardenaufwand für die Terrorabwehr trägt dazu bei, unsere Budgets und damit unsere Gesell-schaften finanziell auszuzehren. Ausgerottet ist al Qaida noch lange nicht. Dass länger kein Anschlag in Europa passierte, mag reines Glück sein.

Doch längst ist eine andere Gefahr entstanden. Diese geht nicht von einer organisierten Gruppe aus. Unsere neuen Gegner tragen keine Waffen. Sie haben keine Ideologie. Und sie haben kein nahöstliches Rückzugsgebiet. Sie verstecken sich nichtmal in Moscheen oder Höhlen im Hindukusch.

Ihre Gallionsfiguren werfen keine Bomben. Sie werden auch nicht von Hass getrieben. In Fahndungslisten findet man sie nirgends. Sie beten weder Mohammed an, noch Jesus. Die westliche Gesellschaft wollen sie nicht durch einen Angstrausch zerstören. Im Gegenteil, sie leben gut von ihr und wollen, dass alles beim Alten bleibt. Denn sie leben in ihr wie die Maden im Speck. Sie gehören zu einer elitären Gruppe, die ihre Gehälter selbst festlegt; sie profitieren von korrupten Verstrickungen mit der politischen Elite. Oder sie gehören dieser gleich selbst an.

Der Schaden, den sie anrichten, ist immens. Denn sie zerstören das Vertrauen in unsere Institutionen und deren Integrität. Sie zerstören einiges vom chemischen Grundstoff unserer Demokratien, die nicht zuletzt von Vertrauen leben. Sie geben mehr als 90% der Bevölkerung das Gefühl, dass mit deren Steuern weitgehend ohne Kontrolle, ohne Scham und Rücksicht geprasst wird, dass diejenigen, die sich vor dem Zusammenbruch des Systems noch eine letzte ordentliche Party gönnen wollen, sich rück-sichtslos alles, was sie kriegen können, aus den Kassen grabschen.

Auf dem Weg zu den Protesten und schließlich bitteren Klassenkämpfen, die bei der Aufarbeitung der immensen öffentlichen Schulden noch warten, verstärken die Abgreifer die Wut und das Ohnmachtsgefühl, das schließlich die Leute auf die Straßen treiben wird.

Erst langsam richten sich die Scheinwerfer der westlichen Öffentlichkeit auf diese Abgreifer. Sie sind nicht zentral organisiert, sie haben auch keinen Führer. Sie gehören einzelnen beruflichen Gruppen an, die oft nichts miteinander zu tun haben. Nur eines haben sie gemeinsam.

Ihre GIER.

In den traditionellen Medien, die sich solcher Widersprüche und sozialen Spannungen bei weitem nicht genug annehmen, tauchen Beispiele solcher Gierhälse dennoch in jüngster Zeit zunehmend auf.  Das jüngste Beispiel der Parasit-Tycoone enttarnte in dieser Woche der Spiegel, mit einem Überblick über die bislang bekannt gewordenen Intendanten-Gehälter, die von 308.000 beim WDR über 273.000 beim SWR und 220.000 beim Rundfunk Berlin-Brandenburg reichen.

In den USA schlägt seit Wochen die Geschichte von Robert Rizzo hohe Wellen. Der ehemalige City Manager der Stadt Bell, ein Vorort von Los Angeles, gönnte sich ein Jahreseinkommen von 800.000 Dollar, bevor er am 22. Juli unter dem Druck der Öffentlichkeit zurücktreten musste. Jetzt hat er den obersten Kassenhüter des Bundesstaates, John Chiang, am Hals. Chiang hat bereits herausgefunden, dass die Stadt Bell 2007 über das erlaubte Maß hinaus die Immobiliensteuern anhob, um ihre Extravaganzen zu finanzieren.

In Kanada deckte der Toronto Star schon im April auf, dass der “100K-Club” – die Gruppe der Staatsdiener mit mindestens 100.000 Dollar Jahresgehalt – allein in Toronto im vergangenen Jahr um 500 Mitglieder gewachsen ist. Da ist von Fahrern die Rede und Verkäufern von U-Bahn-Tickets, die – Überstunden eingerechnet – sechsstellig abkassieren und anschließend fette Pensionen einstreichen. Den Bock in dem Toronto Star-Bericht schoss mit seinem Einkommen der Chef der Kunstgallerie von Ontario, Matthew Teitelbaum, ab, der inklusive Boni im vergangenen Jahr auf über satte 981.000 Dollar kam !

Beispiele wie diese gibt es sicher zu Tausenden, sie werden in den kommenden Monaten – wenn in Europa und den USA öffentliche Ausgaben gedrosselt und die Steuern angehoben werden – ans Tageslicht kommen. Und sie könnten sehr wohl der Auslöser für größere Protestaktionen werden, wie sie auch gegen Robert Rizzos unfassbar gierige Selbstbedienungs-Orgie stattgefunden haben.

In der laufenden Krise, vor allem wenn sie jetzt einen Double Dip erlebt, wird es immer mehr Verlierer geben. Und deren Geduld ist bereits bis zum Anschlag strapaziert worden. Kein Wunder, wenn der Philosoph Oskar Negt im SPIEGEL-Gespräch über Deutschland sagt, “in dieser Gesellschaft brodelt es”.

In den USA und Europa mehren sich bereits Analysen und Aufrufe, die klaffenden Lücken zwischen den Privilegierten und dem Rest der Bevölkerung schnellstens wieder zu schließen. Dabei zielt der Zorn bisher noch ausschließlich auf die Geldelite und die 1% Topverdiener.

In den USA hat in dieser Woche der Filmemacher Michael Moore die Rückkehr von General Motors in die Gewinnzone zu einem messerscharfen Kommentar genutzt.

Das Unternehmen sei zurück in der Gewinnzone und baue trotzdem weiter Arbeitsplätze ab. “Millionen von Amerikanern finden dieser Tage heraus, dass wir einen neue Deal brauchen”, schreibt Moore. Mit Obama und dem Kongress sei nicht zu rechnen. Die große Masse der Bevölkerung müsse aufhören zu warten, dass von irgendwo her die Kavallerie komme um ihr zu helfen. Hier der entscheidende Textauszug:

“…We’re just sitting here. The only thing that will work to get us there is what’s worked before: just like we did in the ’30s and ’60s, we have to stop being scared of the top 1 percent, and make them scared of us. That’s the only way they’ll relax the death grip they have on this country long enough to let us save ourselves and them. The entire business world has figured out how to make huge buckets of money without hiring us to work for them. One thing is certain: Obama won’t do this for us. Congress? Forget it. If we want a life worth living for ourselves and our kids, we have to go get it ourselves. We can’t keep waiting for the cavalry to come. That’s because we’re the cavalry.”

Ähnlich der Aufruf des US-Top-Bloggers Philip Davis, der in seinem Blog am Freitag forderte, das einzige Partikularinteresse, das die USA derzeit haben sollten, sei es, 10 Millionen arbeitslose Amerikaner wieder in den Arbeitsprozess zu bringen. Selbst wenn diese lediglich 30.000 Dollar pro Jahr in ihrem neuen Job verdienten, würde das 3.000 Mrd. Dollar in die Kassen der Finanzämter spülen und die Konjunktur stabilisieren.

Davis schreibt in dem Blog, die US-Wirtschaftskapitäne investierten nicht mehr in Amerika, sie vergewal-tigten mit ihrer Plünderung jeden Amerikaner. Sein Aufruf zum Widerstand gegen die Finanzelite der 1% Bestverdienenden gipfelt in der Frage: “Warum lasst Ihr das zu ? Weil ihr zu denen gehören wollt ? Weil Ihr hofft, dass etwas von deren Reichtum nach unten durchsickert ? …”

Hier ein kleiner Auszug aus dem Aufruf von Philip Davis:

Big Business no longer invests in America, Big Business does nothing more than suck money out of America to pay their employees overseas and hide their profits in offshore accounts and you drones just keep voting for it to continue over and over again and actually rally to protect the interests of these wealthy corporations and their wealthy CEOs and stockholders as they repeatedly rape and pillage your neighbors (as long as it’s not you, right). And why do you let it happen? Because you want to be one of “them”? Because sometimes when they trickle, a little bit of their wealth trickles on you?

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{ 3 comments… read them below or add one }

christiane August 16, 2010 at 1:24 pm

hallo,
Ihre Kommentare verdienten wahrlich mehr Widerhall. Ich habe Sie im “Gelben Forum”, das leider
an Qualität sehr nachgelassen hat, entdeckt und besuche Ihre web-site seitdem regelmäßig.

Ja, Sie haben vollkommen recht: “Al Greifa” ist m.E. nichts anderes als der ad absurdum ge-
triebene, -in der Unabhängigkeitserklärung als Menschenrecht postulierte- “persuit of happiness”.
Wobei ursprünglich, im Calvinismus, materieller Wohlstand = Auserwähltsein von Gott =
happiness verstanden wurde. Diese Gier nach Geld und Haben hat sich zu einem unsere Natur
restlos zerstörenden Monster entwickelt. Man sollte nicht vergessen, daß dieser Gedanke/Glaube
aus Europa kam, weshalb hier auch kein nennenswerter Widerstand gegen diesen Irrsinn zu
beobachten ist, ganz im Gegenteil.
Allen Naturvölkern (inkl. Indianern) war/ist eines gemeinsam: der Respekt vor der Natur. Sonne,
Wasser, Erde, Tiere und Pflanzen sind ihnen heilig, beseelt und anbetungswürdig. Wir, die christlichen Weißen, haben sie seit der Epoche der Entdeckungen als als “unzivilisierte Wilde” verachtet und entsprechend behandelt.

Die Rede des Häuptlings Seattle vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von
Amerika im Jahre 1855 ist ein Beispiel für die Weisheit dieser “Primitiven”, deren Wahrheit uns
vielleicht allmählich dämmert. Auszug: “Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde.
Ihr müßt eure Kinder lehren, daß der Boden unter ihren Füßen die Asche unserer Großväter ist.
Damit sie das Land achten, erzählt ihnen, daß die Erde erfüllt ist von den Seelen unserer Vorfahren. Lehrt eure Kinder, was wir unsere Kinder lehren: Die Erde ist unsere Mutter. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Wenn Menschen auf die Erde spucken, bespeien sie sich selbst. Denn das wissen wir, die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde – das wissen wir. Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint.”
…”Eines wissen wir, was der weiße Mann vielleicht eines Tages entdeckt – unser Gott ist derselbe
Gott. Ihr denkt vielleicht, daß ihr ihn besitzt so wie ihr unser Land zu besitzen trachtet – aber das könnt ihr nicht. Er ist der Gott der Menschen – gleichermaßen der Roten und Weißen. Dieses Land ist ihm wertvoll – und die Erde verletzen heißt ihren Schöpfer verachten.”

Wunderbare Sätze, die ich immer wieder lesen kann. Ob es bei uns zu einer Umkehr des
Denkens kommt?? Wer weiß.

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die Simpsons August 17, 2010 at 4:52 pm

Ich kann mich dem Vorposter anschließen – Dieser Blog verdient mehr Aufmerksamkeit. Sachlich brilliant und spannend zu lesen (Das Gelbe Forum langweilt bis auf Zara und Morpheus).
Ein Aspekt zur Gier möchte ich noch ergänzen: Die betriebliche Altersversorgung wird schamlos vom mittleren und oberen Management ausgenutzt. Direktzusagen sind leistungsorientierte Zusagen. Das heisst Zusagen auf monatliche Renten im fünfstelligen Bereich (10.000 Euro im Monat Altersrente und MEHR). Wir reden hier von einer Summe zwischen 700 und 800 Milliarden Euro. Ausfinanziert sind gerademal (wenn überhaupt) 45 %. Das widerum bedeutet, dass auf den Steuerzahler mit großer Wahrscheinlichkeit ein systemrelevanter Bailout von ca. 400 Milliarden Euro wartet. Der Steuerzahler wird dann ein zweites Mal zur Kasse gebeten, da die betriebliche Altersversorgung in der Ansparphase großzügige Steuervorteile genießt.
Diektzusagen mit aberwitzigen Leistungsversprechen sind Mitesser und Parasiten dieser Gesellschaft. Tut mir leid für die harte Wortwahl aber diese Durchführungsform der betrieblichen Altersversorgung gehört entsorgt bzw. auf den Müllhaufen. Und rate mal welcher Personenkreis davon profitiert

die Simpsons

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Hardy August 21, 2010 at 8:34 pm

Besser spät als nie, aber:

“…sei es, 10 Millionen arbeitslose Amerikaner wieder in den Arbeitsprozess zu bringen. Selbst wenn diese lediglich 30.000 Dollar pro Jahr in ihrem neuen Job verdienten, würde das 3.000 Mrd. Dollar in die Kassen der Finanzämter spülen…”

DAS würde ich dann aber doch nochmal nachrechnen.

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