Wirtschaftsheorie fand ich stets so wenig sexy wie eine gelbe Unterhose: Abstrakt, mathematisch, anstrengend, wenig ergiebig. Doch das hat sich vor kurzem gründlich geändert.
In einem Gespräch mit dem Wirtschafts-Professor Bill Archibald am Douglas College in Vancouver kam jüngst die Frage auf, wieso der Monetarismus eigentlich in den vergangenen Jahren einen so herben Niedergang erlebte. Seitdem lässt mir das Thema keine Ruhe. Und wie immer, wenn einen etwas längere Zeit umtreibt, kommt irgendwann mal ein Zeichen von oben.
So wie gestern der Artikel des Berkeley-Professors Brad DeLong im US-Business Blog Seeking Alpha. DeLong präsentiert zwei Grafiken der Fed in St. Louis, die ich weiter unten abbilde. Die erste zeigt die Veränderungen in der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes in den USA in den 60er und 70er Jahren.

Die Aussage: Von 1959 bis1979 hat sich diese Umschlagrate des Geldes niemals mehr als 5% von ihrer langjährigen Trendlinie entfernt. Die Volatilität war also vergleichsweise gering.
Damals konnte man noch das tun, was die Gallionsfigur der Monetaristen, Milton Friedman, einst als Formel auf sein kalifornisches Autokennzeichen klebte: Die wirtschaftliche Stabilität fördern, indem die Geldmenge in etwa genauso schnell wuchs wie das potentielle Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Das war die Aufgabe der Notenbanken. Und die taten das auch.

Doch dann kamen die vergangenen drei Jahrzehnte ab 1979, dargestellt im zweiten Chart mit den vielen Bemerkungen von mir. In dieser Phase begann sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sehr stark von der Trendlinie zu entfernen. Im Klartext: Der Umlauf des Geldes, angeheizt von Kreditkarten, inter-nationalen Kapitalströmen und neuen Technologien, explodierte förmlich.
Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass dies ab der Savings & Loan-Bankenkrise in den USA Anfang der 90er Jahre begann. Aha ! – Das war doch, als die Pumpaffen in der Fed begannen, so agressiv am Geldhahn zu drehen und die Zinsen jedes Mal, wenn es mit der Konjunktur bergab ging, in den Keller zu schleusen.
Die Geldwirtschaft gleicht seit dieser Zeit eher einem riesigen Blasebalg, auf den der Chairman der Fed seinen klumpigen Fuß setzt. Und wenn die Konjunktur frische Luft braucht, wird kräftig getreten, damit genügend “Stoff” in den Kreislauf strömt.

Es war also die Fed, die den 2006 leider verstorbenen Milton Friedman schon zu Lebzeiten – und damit ein zweites Mal – ins Jenseits beförderte.
Hier noch das intellektuelle Trockenfutter, die Theorie, damit das alles leichter verständlich wird:
Milton Friedman stellte die Formel M mal V = P mal Q (manchmal Y) auf – das heißt: Geldmenge mulzipliziert mit der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes entspricht dem Preisniveau (P) multipliziert mit der wirtschaftlichen Leistung (Q) in der Volkswirtschaft.
Hinter dieser Theorie steckt die Annahme, dass in einer stetig wachsenden Konjunktur ohne große Ausschläge – wo Umlaufgeschwindigkeit und Output sich nicht schlagartig verändern – eine Ausdehnung der Geldmenge zu einem proportionalen Anstieg der Preise führt. (“Quantitative Geldtheorie).
Dabei wird unterstellt, dass stetes moderates Wachstum der Geldmenge zu einem stetigen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts führt. Doch nach den beiden Ölkrisen in den 70er Jahren zeigte sich, dass die westlichen Volkswirtschaften trotz aller Interventionen nicht zu einem inflationsfreien Wachstum bei Vollbeschäftigung fanden.
Wegen der monetaristischen Theorie gingen in den 70er Jahren viele Notenbanken dazu über, die Geldmenge – statt der Zinsen – in den Mittelpunkt ihrer geldpolitischen Steuerung zu stellen und dabei Geldmengenziele zu verkünden.
Übertragen auf heute, in die Ära der Fed-Eskapaden, heißt das: Die Geldmenge ist zwar explodiert, aber die Inflation zieht derzeit trotzdem nicht an, weil in der Gleichung das M zwar irrsinnig steigt (aufgebläht von der Fed), aber der Geldumlauf nur Schneckentempo aufweist, denn die Leute legen ihr Geld unters Kissen, die Banken leihen kaum etwas aus und die Firmen sitzen zwar auf viel Cash, investieren aber wenig davon.
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Ihre Geistesblitze sind einfach wunderbar;)
Falls ich das richtig interpretiere gibt es eine unsichtbare Geld’bubble’, weil keiner genug Geld ausgibt – oder herleiht. Das Geld wird ja dem Kreislauf entzogen, der schrumpft etc etc.
Das könnte doch die Vorstufe des brüchtigten Crack-up Booms bedeuten: abwarten auf bessere Zeiten. Entweder billiger einkaufen oder höhere Zinsen, zum Beispiel.
Die Niedrigzinsen fördern den Sparstrumpf unterm Kissen, weil die Steuern auf angelegtes Geld die Zinsen mehr als auffressen. Da fragt sich wohl Mancher: was tun mit dem Schotter? – und wartet ab.
Aber was passiert, wenn das Geld – aus welchen Gründen auch immer – zu schnell zurück in den Waren – Kreislauf fließt, also auch in den monetären?
Es gilt nicht mehr: “Dabei wird unterstellt, dass stetes moderates Wachstum der Geldmenge zu einem stetigen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts führt.”
Dann hat die Formel M mal V = P mal Q ausgedient.
“Weiden lassen sich biegen” – aber sie brechen, wenn man es übertreibt.
Eine feine Analyse , Danke.
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