In den USA rücken die Big Brains der Volkswirtschaft aus. Und sie raufen sich wie die Furien im Film Gladiator. Es geht zwar nicht um Leben und Tod, aber ums schöne Renommé – und natürlich, wer ein für allemal
recht behält.
Streitpunkt in dem eskalierenden Spektakel ist der Anleihemarkt. Zu den intellektuellen Raufbolden in dem prominent ausgetragenen Streit gehören das Wall Street Journal und die New York Times ebenso wie groß-kopferte Starökonomen. Die Frage, die alle zu teilen scheint, ist schlicht: Bubble, or no Bubble ?
Selbst in regionalen Blättern der USA wird kräftig darüber berichtet und argumentativ dreingeschlagen.
Die Chicago Tribune wurde am Donnerstag ziemlich bildlich: “Eine Finanzblase ist wie ein Tornado”, stimmte das Blatt seine Leser auf das brisante Thema ein. “Erst siehst Du sie von weitem, dann redest Du ernsthaft mit anderen darüber und Du zögerst für einen Augenblick um sicher zu gehen, dass Deine Beobachtung wirklich das ist, was Du denkst – Dann überwältigt Dich das Ding !”
Der Bondmarkt repräsentiere das jüngste Risiko mit zerstörerischen Konsequenzen, schreibt die Chicago Tribune. Die Zinsen seien nun im Keller, die Bondpreise dafür auf Rekordniveau.
“Aber zu einem bestimmten Zeitpunkt müssen die Zinsen sich nach oben in Bewegung setzen. Und das ist ein ernstes Problem”. – Das klingt fast so, wie Ex-Präsident George W. Bush den Amerikanern das Phänomen al Qeida erklärte: “Das Reich des Bösen wabert überall, wenn Ihr nicht jeden Tag dagegen kämpft, schneiden sie Euch die Köpfe ab”. (so ungefähr jedenfalls).
Die Warnungen mehren sich: “Jetzt Bonds zu kaufen, ist wie auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase Aktien zu erwerben”, sagt Linda Williams, die Anleihe-Chefin beim Vermögensberater Lowry Hill in Minneapolis. “Die meisten Anleger sind wie Lemminge, im vergangenen Jahr wurde mehr Geld in Anleihefonds gesteckt als in den 10 Jahren davor”, resümiert Marilyn Cohen, Präsidentin bei Envision Capital Management in Los Angeles.
Eines ist sicher: Die Zinsen am Bondmarkt sind wegen der Rally der Kurse so stark gesunken, dass die Rendite auf 10jährige Treasuries in den USA jetzt niedriger ist, als die Durchschnittsrendite der Divi-denden im Dow Jones-Index. Das aber war zuletzt in den 50er Jahren der Fall, wie unser ECONCHART weiter unten zeigt.
Es sind nicht nur kleine Anleger, die ihr Geld verstärkt in die Anleihemärkte der USA, Deutschlands, Großbritanniens und Japans investieren.
Auch die Banken ziehen kräftig mit, wie zuletzt der Hong Konger Star-Analyst Chris Wood beim Credit Lyonnais Securities Asia belegte: Wood schaute in den Zahlen der US-Einlagensicherung FDIC nach und fand: Die Anleihebestände der bei der FDIC versicherten US-Kreditinstitute sind von Ende 2007 bis zum 1. Quartal 2010 um satte 583 Mrd. Dollar gestiegen, das sind 30%.
Gegen das, was dann an diesem Mittwoch geschah, waren diese Sachargumente aber nur müdes Geplänkel. Das Wall Street Journal fuhr zur Wochenmitte “die beiden Jeremies” auf, Wharton-Professor (“Stocks for the Long Run”-Guru) Jeremy Siegel, und Jeremy Schwartz, Researchdirektor beim Fonds-Unternehmen Wisdom Tree in New York.
Die beiden warnen in starken Worten vor der “großen amerikanischen Bondblase”. Sie vergleichen die aktuelle Rally der Anleihen mit dem Aktienmarkt unmittelbar vor dem Dotcom-Crash vor zehn Jahren. Die meisten Titel hätten damals 80% verloren. Doch die jetzige Blase in Bonds habe bei einem Platzen viel ernstere Konsequenzen.
Auch Schwartz und Siegel belegen mit Zahlen, warum sie den Anleihemarkt für eine Bubble halten. Sie beziehen sich auf das Investment Company Institute, das für den Zeitraum von Januar 2008 bis Juni 2010 aus den Aktienfonds Abflüsse mit einem Volumen von 232 Mrd. Dollar registrierte, während bei den Bondfonds Zuflüsse von 559 Mrd. Dollar gemessen wurden.
Die Yields seien von den Kurssprüngen, die dieser massive Zufluss an den Bondmärkten ausgelöst habe, so zu Boden gegangen, dass inflationsgesicherte Bonds in den kommenden vier Jahren eine negative reale Verzinsung aufwiesen. Mit jeder Zeile, in der man sich durch diese Analyse vorarbeitet, fühlt man sich stärker von einem kosmischen schwarzen Loch angesaugt und fürchtet, jeden Augenblick von dessen Sog durch die Dachziegeln geschlürft zu werden.
Natürlich muss gegen eine solche Kanonade ein echtes Schwergewicht wie David Rosenberg antreten, der ehemalige Nordamerika-Chefvolkswirt bei Merrill Lynch, der jetzt als (Kult-)Partner beim Vermögensberater Gluskin Sheff + Associates in Toronto arbeitet (und brilliert). Rosenberg wirft den beiden Jeremies eine “zweifel-hafte” Argumentation vor und bezeichnet deren Szenario als “ziemlich schwach”.
Econchart aktiendividendevsbondyield 20082010
Begründung: Erstens würden die USA niemals bankrott gehen, was das Risiko am Bondmarkt stark begrenze. Zweitens sei das aktuelle Wachstum der Konjunktur schwach, es gebe keinerlei Inflations-druck. Im Gegenteil: Deflation sei im Anmarsch.
Und mit einer Kerninflationsrate (CPI) von absehbar -1% bis -2% zeichneten sich am Bondmarkt sogar “saftige” Renditen ab. Regelrecht belustigt zeigt sich Rosenberg über den Hinweis von Siegel und Schwartz zu den massiven Kapitalzuflüssen in die Bondfonds. “Na und, das zeigt doch nur, dass die Kleinanleger dazugelernt haben, wenn man bedenkt, dass zwischen Januar 2008 und Juni 2010 Anleihen 13% zulegen konnten, während Aktien 21% verloren”.
Rosenbergs Schlussfolgerung, wonach die amerikanischen Familien lediglich ihr Portfolio besser balan-cieren, klingt einleuchtend. Die privaten US-Haushalte haben 27% in Aktien angelegt, weitere 27% in Immobilien, aber gerade einmal 6% in festverzinslichen Werten.
Rosenberg argumentiert stark mit der nach seiner Ansicht kommenden Deflation. “Wir sind lediglich 88 Basispunkte von der Null-Linie (der Preisentwicklung) entfernt”, schreibt er, “und die Inflation weist 80% Korrelation mit dem Bondmarkt auf”.
Was keine der beiden heftig streitenden Seiten ausgeführt oder geklärt hat, ist die Frage, wieviele der Anleger im Bondmarkt ganz unabhängig von Kursen und Renditen einfach nur ihre Assets retten wollen und darauf vertrauen (was ich für realistisch halte), dass so viele drinbleiben werden (weil sie Angst haben und wenige Alternativen sehen), dass ein Crash schon von daher in absehbarer Zeit nicht möglich erscheint.

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Hi Markus,
danke für den Blog (mal so ganz allgemein und vorweg).
Habe gestern ebenfalls mit großer Freude “Rosy’s” Erwiderung auf den Beitrag der “2 Jeremys” gelesen und bin voll auf seiner Seite. Rein senttimenttechnisch fällt es mir ebenfalls schwer, am eine Blase zu glauben, wenn medial solche Breitseiten gefahren werden. Wie Rosenberg schreibt: Es ist dies der “Pain Trade” der nächsten Zeit.
Cheers,
Eimsbusher
… das ist gut auf den Punkt gebracht, Danke
Herzlich, Markus
Noch läßt sich an der Zinsstrukturkurve Geld verdienen – bis sie dann am Ende zusammenklappt. Gerade große Investoren engagieren sich immer noch z.T. über Auktionen mit späterer Rückgabe an die FED. Seit etwa einem Jahr sollen die Bestände nur der Großbanken in Treasuries um 30% gestiegen sein. Da scheint eine Menge Angst im Spiel zu sein. Und Angst ist kein guter Ratgeber – auch und vor allem nicht bei denen, die sich einen zweiten (Beinahe-) Konkurs keinesfalls leisten können. Wie die agieren werden, wenn es eng wird, kann auch Freund Rosenberg nicht voraussagen. Ob sie sich erneut auf die Regierung verlassen können, ist offen, da diese trotz anderslautender Annahmen keineswegs allmächtig ist – besonders nicht im globalen play off. Die Masse der Bürger spielt da kaum die entscheidende Rolle, wie Rosenberg zu insinuieren versucht. Sie ist eine träge Masse, die allerdings errratische Bewegungen der Großen nicht wird ausgleichen können – und schließlich die Nerven verlieren wird. Das wäre es dann.
…. das ist die psychologische Seite des Marktes – halte ich für gut denkbar ….
Herzlich, Markus Gärtner
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