Der Pessimismus, ja Hohn gegenüber den Wall Street-Protestlern ist mit den Händen greifbar. Sie hätten keine klar umrissenen Ziele, seien zu schlecht organisiert und würden auch die Wall Street gar nicht verstehen. New Yorks Bürgermeister, der Milliardär Michael Bloomberg, wirft den Demonstranten vor, sie kämpften in Wahrheit gegen eine Mittelschicht, die 40.000 bis 50.000 Dollar im Jahr verdient. Wenn ich mich recht entsinne, ist das etwa der Bonus, den Topmanager bei Goldman Sachs und JP Morgan Chase alle 5 Stunden einstreichen können.
Auch die von Brokern und Händlern verehrte Ex-CNBC-Sexbombe Erin Burnett äußert sich so unappetitlich abfällig gegenüber den Demonstranten: Sie sei mal selbst nachschauen gegangen, verriet sie zum Wochenauftakt in ihrer neuen CNN-Sendung, da habe sie im Zuccotti-Park in Mahattan tanzende Menschen, Bongo-Trommeln und auch einen Clown gesehen.
Die auf soziale Ungerechtigkeiten spezialisierte Webseite Common Dreams hält dagegen: “Seit wann braucht man eine PR-Firma, um seine Mitgliedschaft in einer Demokratie zu beanspruchen ?”
Die Arroganz, die Kaltblütigkeit und die Gier der Wall Street-Mafia – und der ihr hörigen Politiker – wird in diesem Jahrzehnt in mehr als einem Blutbad enden, die westlichen Demokratien werden auf ihre größte Probe gestellt. Die etablierten Eliten bekommen es jetzt mit Menschen zu tun, die nur noch wenig zu verlieren haben, den Glauben an das Wirtschaftssystem, die Banken, die Politik und die Institutionen verloren haben.
“Meine Administration ist das einzige, was zwischen Euch und den Heugabeln steht”, hatte Barack Obama Anfang 2009 bei einem Treffen mit 13 Spitzenbankern gesagt. Das war auf dem Höhepunkt der öffentlichen Rage über Banker, die gleich nachdem sie von Steuerzahlern gerettet wurden, die Boni erhöhten.
Die Wall Street hat nichts, aber auch gar nichts dazu gelernt. Sie hat sich in ihrem Gier-Biotop eingerichtet und aus gekauften Politikern einen dicken Schutzwall errichtet. Das Problem ist nur: Deren Welt wird in den nächsten Monaten ebenfalls erschüttert, weil es nicht nur eine Hyperinflation an sozialen Verlierern gibt, sondern weil viele Menschen in jüngster Zeit einen weiteren Glauben verloren haben, den an die Macht ihres Stimmzettels. Von Berlin bis Washington gibt es furchtbare Ernüchterung darüber, dass auch ein Parteien- oder Koalitionswechsel nicht mehr hilft, um die 99% gegen das 1% zu schützen.
Denn die politische Elite hat längst das Wahlvolk verlassen. In den USA geht das soweit, dass die Republikaner bereit sind, die Konjunktur mit in den Boden zu rammen, bloß um Obama zu beseitigen. Die Sabotage der Konservativen macht vor dem eigenen Land und dessen Zukunft nicht halt. Das ist das politisch-strategische Equivalent zu einem Potentaten, der seine Atomwaffen tatsächlich einsetzt, um die Gegner zu zerstören und der dabei inkauf nimmt, sich selbst zu verstrahlen.
Der Unwille der Finanzeliten zur Umkehr, zur Mäßigung und zum Teilen wird in den USA eine neue Revolution noch in diesem Jahrzehnt heraufbeschwören, sagt auch Paul B. Farrell im Wirtschafts-BLOG Market Watch vorher. In dem exzellenten Meinungsstück, bei dessen Lektüre sich eine Gänsehaut einstellt, wird bis 2020 die zweite verlorene Dekade in Folge prognostiziert.
In der ersten bis 2010 habe die grenzenlose Gier der Wall Street Millionen von Jobs gekillt. In der zweiten – jetzt – führe eine klaffende Einkommensschere in eine Ära von Parteien- und Klassenkriegen, in der die Superreichen mit ihren Republikaner-Marionetten fieberhaft versuchen, die neoliberale Ausbeutungs-Ordnung gegenüber den Sparern zu retten, während eine wachsende Volksbewegung den großen Verteilungskrieg endlich aufnehme.
In diesem Umfeld werde – worauf ich ebenfalls wette – die Bewegung der Wall Street-Besetzer die Tea Party als Alternative zu den etablierten Parteien meilenweit abhängen.
Fünf maßgebliche Entwicklungen, so Farrell, würden die Jahre bis 2021 kennzeichnen: Eine von anhaltend hohen Schulden zementierte Stagnation, in der es nicht mehr darauf ankommt wer im Weißen Haus regiert, weil zerstörerische Klassenkämpfe eine überwältigende Dynamik entfalten. Zweitens eine totale Abwendung der Anleger von den Kapitalmärkten, an denen sie wie zwischen Mühlsteinen zerrieben werden. Drittens eine Fed, die schließlich entgeistert aufgibt, weil selbst größte geldpolitische Kraftakte nichts mehr helfen. Viertens eine Wall Street, die erst durch die kommende Katastrophe zur Aufgabe gezwungen werden kann. Und fünftens die verlorene Dekade mit anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und wachsenden sozialen Kämpfen.
In der Folge komme es zu einem Übergang der Demokratien in Anarchie, die sich bereits andeute. Farrell zitiert die bekannten Proteste, die wir alle im Fernsehen bereits gesehen haben, und bezeichnet sie als zarte Anfänge verheerender Auseinandersetzungen: Eine Welle von zivilem Umgehorsam, Protesten und Aufständen, die von Indien über den arabischen Raum und Nordafrika bis ins Herz von Europa kriechen soll.
Hier geht es zu dem Stück von Farrell.
{ 11 comments… read them below or add one }
“Macht korrumpiert – absolute Macht korrumpiert absolut”; das stammt von Machiavelli. Die absolue Wirtschaftsmacht ist auch korrumptionsfähig; das lieber Markus bringen ist für mich die Botschaft zwischen Ihren Zeilen. Und es spricht sehr viel dafür, dass Ihr oben beschriebens Szenario zur Realität wird. Hand in Hand verspielen Boni-Banker und Politiker unsere Zukunft; geleitet allein von ihren persönlichen Interessen und ihrer Gier nach noch mehr wirtschaftlicher und politischer Macht.
Wir können uns nur noch vorbereiten.
“Wir können uns nur noch vorbereiten.” —— Oder wehren!
Gruss
Tom
Wehren ja – aber wie? Wenn genügend Menschen dem System in kurzer Zeit das vollständige Vertrauen (Kapital) entziehen würden, dann würde es eine Änderung geben. Das Problem: Es müssten genau diejenigen sein, die aktuell vehement versuchen das System über die Einschläge zu retten.
Alles andere wäre direkt gegen das Gewaltmonopol gerichtet – auf genau das wird aber gewartet, um möglichst viele Gegner und “unnütze Mitesser” zu beseitigen.
Wehren? Wer ist denn dazu bereit?
Was ist der Unterschied zwischen einem Sklaven und einem Herrn, Master?
Der Master ist bereit für die Freiheit sein Leben zu geben.
Dem Sklaven ist das Leben wichtiger als die Freiheit.
Darum ist die derzeitige Generation von Deutschen nur Sklaven aber keine Herren.
Vorbereiten auf den Systemkollaps – Bilden wir uns ein.
“In dieser Zeit wird vieles geschehen oder beginnen, was auch die pessimistischsten der Optimisten befürchten”.
Wehren – gegen wen und was?
Soll ich mit meiner Pumpgun jeden erschiessen, der es wagt mein Grundstück zu betreten und jeder der nach Wall Street “riecht” abknallen.
Bevor jetzt entsprechende Reaktionen kommen, behaupte ich dass in einem halben Jahr dies durchaus schon Realität sein kann.
Hallo allerseits,
es ist die übliche Masche:
1. ignorieren
2. wenn das nicht mehr geht, diffamieren
3. und zum Schluss bekämpfen
Die Herren von der Korpokratie haben natürlich berechtigte Angst, dass sich daraus etwas Großes entwickelt und der Großteil der Menschheit erkennt, dass diese “Elite” keinerlei Legitimation hat.
Danke an Markus Gärtner für die Beiträge.
Einen schönen Gruß aus dem “demokratischen” Deutschland
Zitat: “Die Arroganz, die Kaltblütigkeit und die Gier der Wall Street-Mafia – und der ihr hörigen Politiker – wird in diesem Jahrzehnt in mehr als einem Blutbad enden, die westlichen Demokratien werden auf ihre größte Probe gestellt.”
Welche amerik. Politiker, sobald sie an der MAcht sind, sind denn eigentlich nicht “hörig”? Es war doch wohl die Ardennenoffensive der Wall-Street-Mafia, über die amerik. Regierung massiv Druck auf die Europäer, vor allem Deutschland auszuüben, den Euro und Griechenland zu “retten”, also eigentlich die europ. und amerik. Banken zu retten.
“Sabotage der Konservativen”
Das sind keine Konservativen! Das sind nur Polit-Schauspieler die einen Konservativen spielen. Echte Konservative würden nie ihrem Volk und ihrem Vaterland bewusst schweren Schaden zufügen!!
Ich möchte gerne diesen Beitrag als Gastbeitrag auch im FIWUS veröffentlichen. Bei Zustimmung bitte Mail an mich persönlich.
… gerne, mit Angabe der Quelle habe ich nichts dagegen … Viele Grüße
Ich bedanke mich recht herzlich und hier ist das Ergebnis:
http://freies-in-wort-und-schrift.info/2011/10/07/gastbeitrag-eine-unheilige-arroganz-auch-in-den-medien/
{ 2 trackbacks }