Chaos im Billionen-Club – Auch die USA beginnen eine zweite Bailout-Runde

by markusgaertner on 18/10/2011 · 52 comments

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Auweia, die Zahlen klingen dramatisch, und sie stellen alles in den Schatten, wovor man sich in Europa dieser Tage fürchtet: Bloomberg berichtet gerade, dass die Bank of America Derivate aus dem Investmentbanking bei Merrill Lynch in eine Gesellschaft verlegt, die von der Einlagensicherung abgedeckt wird. Laut dem Office of the Comptroller of the Currency (OCC) umfassten die Derivate Ende Juni ein Volumen von 75 Billionen (ja, 75.000 Mrd.) Dollar, wie Bloomberg schreibt.

Die Quellen für diese Information werden nicht genannt, es sollen mehrere sein. Damit deutet sich an, wie auf der anderen Seite des Atlantiks, in Amerika, die Vorbereitungen auf einen möglichen Kollaps des europäischen Finanzsystems getroffen werden, mit der Verschiebung der Derivate – zu einem großen, aber nicht exakt bekannten Teil Garantiegeschäfte für europäische Schuldpapiere – in ein Orbit, für das die US-Einlagensicherung, sprich der amerikanische Steuerzahler, aufkommt.

Bei dieser Zahl wird nun klar, warum Timothy Geithner vor drei Wochen höchstpersönlich nach Europa flog, um mit den Finanzministern auf dem Alten Kontinent zu konferieren.

Die beiden Grafiken hier stammen aus dem jüngsten Vierteljahresbericht der OCC über den Derivatehandel der großen Banken, Stand 2. Quartal 2011.

So wertet der Daily Bail-Blog den Transfer der Derivative:

This means that the investment bank’s European derivatives exposure is now backstopped by U.S. taxpayers. Bank of America didn’t get regulatory approval to do this, they just did it at the request of frightened counterparties. Now the Fed and the FDIC are fighting as to whether this was sound. The Fed wants to “give relief” to the bank holding company, which is under heavy pressure.

Bei Daily Bail wird also klar darauf hingewiesen, dass der Transfer der Risiken zu den amerikanischen Steuerzahlern ohne Genehmigung der Marktregulierer und ohne öffentliche Anhörung geschah. Mehr noch: Die US-Notenbank und die Einlagensicherung FDIC streiten sich nun darüber, ob der Transfer rechtens war.

Laut Bloomberg war es seit Jahrzehnten eine der zentralen Bestrebungen der US-Finanzgesetze, Derivate von FDIC-gesicherten Einlagenkonten fern zu halten. Damit wird jetzt gebrochen, wenn die Information von Bloomberg stimmt.

Daher ist der folgende Hinweis in dem Bloomberg-Bericht von enormer Bedeutung:

Moving derivatives contracts between units of a bank holding company is limited under Section 23A of the Federal Reserve Act, which is designed to prevent a lender’s affiliates from benefiting from its federal subsidy and to protect the bank from excessive risk originating at the non-bank affiliate, said Saule T. Omarova, a law professor at the University of North Carolina at Chapel Hill School of Law.

Ganz nebenbei, weil uns ja große Zahlen kaum noch schocken: JP Morgan transferiert laut Daily Bail ebenfalls Derivative auf Konten, die von der Fed und der FDIC garantiert werden. Hier handelt es sich um Geschäfte im Umfang von bis zu 79 Billionen.

Mir läuft bei diesen Zeilen wirklich eine Gänsehaut über den Rücken. Ich dachte in den vergangenen Monaten immer, wie schrecklich es ist, dass wir uns statt mit Millionen, nur noch mit Milliardensummen herumschlagen. Jetzt kommen in der jüngsten Runde offenbar noch einmal drei Nullen hinzu.

Vergrößerung der Grafik: Bitte anklicken

Zum Vergleich: In den zähen Schuldenverhandlungen in Washington in diesem Sommer rangen sich Republikaner und Demokraten in erbitterten Gesprächen – die viel Vertrauen in das politische System zerstörten – nach quälenden Monaten Einsparungen von 2,4 Billionen in 10 Jahren ab, von denen der sogenannte “Super-Ausschuss” im Kongress bis November noch die fehlenden 1,5 Billionen sucht.

Und ein weiterer Vergleich: Der erweiterte Europäische Rettungsfonds mit 440 Mrd. Euro macht nur 0,6% der BofA-Derivate aus !

Nur zwei Überlegungen noch kurz: Wenn es die Occupy Wall Street-Bewegung nicht schon gäbe, müsste sie bei dieser Meldung aus den Löchern kommen.

Und zweitens: Warum schließen wir nicht unsere Kanzlerämter und Parlamente und übergeben alles den Banken. Wenn wir sowieso über kurz oder lang verschlungen werden, sparen wir vorher wenigstens noch ein bisschen Geld und ersparen uns nervige Tagesschauen, die bei solchen Nachrichten wie eine Wasserfolter wirken ?

Nachtrag eins: Der DOW ist 6 Minuten vor Ende des Handels bei Plus 224 Punkten. Bravo, Wall Street.

Nachtrag zwei: Ein weiteres Beispiel aus dem frisch gegründeten Billionen-Club: Wolfgang Schäuble will den Rettungsschirm auf 1.000 Milliarden Euro hebeln, meldet die FTD gerade.

Nachtrag drei: …Aus dem Guardian, DANK an Bernd für den Hinweis. Der Rettungsfonds könnte demnach bald 2.000 Mrd. Euro umfassen. Man sollte nochmal die Debatte im Reichstag vor zwei Wochen nachlesen, um zu verstehen, mit welcher INFLATION wir es hier zu tun haben, abgesehen von den brutal gebrochenen Versprechen.

Nachtrag vier: Am Abend kommen von Dow Jones Newswire Meldungen mit Dementis zu dem Guardian-Bericht. Bezug: Gut informierte Kreise. Namen: Keine. Angeblicher Diskussionsstand: Zahlen werden noch debattiert. – Was dann, drei Billionen ? Und woher ? Von den Marsmenschen ?

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