2012 kommt es auf uns an

by markusgaertner on 02/01/2012

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Ich habe lange gezögert, einen Eintrag mit Blick auf das Jahr 2012 zu schreiben. Alles, was ich erwarte, habe ich bereits aufgeschrieben. Und dem Schwall an Prognosen kann man kaum etwas hinzufügen, nur die Prioritäten oder Wahrscheinlichkeiten variieren.

Meine Meinung habe ich erst heute Abend geändert. Der Auslöser war ein Kommentar in der Indienausgabe des Wall Street Journal: “Geht auf die Straßen und protestiert für eine ökonomische Erneuerung“, lautet die Schlagzeile.

Ein Aufruf, der genau so gut in Deutschland, Griechenland, den USA oder Kanada hätte erschallen können.

Denn so unterschiedlich die konjunkturellen Szenarien in diesen Ländern sind, sie haben alle eines gemeinsam: Die Politik ist das Problem geworden.

In Kanada ist es ein hoffnungslos rückständiges Wettbewerbsregime, kombiniert mit einer einseitigen Ausrichtung der Exportwirtschaft und der zunehmenden Abhängigkeit vom Rohstoffsektor.

Die Industrie – in Ontario und Quebec konzentriert – leidet unter der Schwäche im dominierenden Absatzmarkt USA, schwachen Marktanteilen in der BRIC-Gruppe und dem starken Kanada-Dollar, der die Ausfuhren erschwert.

Das Ergebnis: Die Industriereiche Provinz des G7-Landes ist zum zweitgrößten Empfänger im Provinzausgleich geworden, der kanadischen Variante des deutschen Länder-Finanzausgleichs.

In der Politik wurden nicht rechtzeitig bessere Weichen gestellt.

In den USA lähmen sich Demokraten und Republikaner gegenseitig in einem zunehmend bitteren und ideoligisierten Dauerstreit. Die Finanzwirtschaft hat selbst die Obama-Administration strategisch besetzt und verhindert seit der Finanzkrise deutlich mehr als zuvor wirkliche Reformen.

Ein veraltetes politisches System, in dem kleine Staaten ungebührlichen Einfluss haben, die Legislative und das Weiße Haus sich gegenseitig lähmen – und religiöse wie andere Extremisten in wachsendem Maße die Parteien, vor allem die konservative in Beschlag nehmen – erlaubt keine weitreichenden Reformen mehr.

Der Kongress und viele wichtige Institutionen des Landes erleben eine Vertrauenskrise.

In Griechenland kommen offenbar unter dem Druck der enormen Wirtschaftskrise immer noch keine einschneidenden Reformen in Gang, weil auch hier wirtschaftliche und andere Partikularinteressen sich des Staats- und der Parteiapparate bemächtigt haben.

In Deutschland ist zwar einiges gemächlich in Bewegung gekommen, aber große Reformen, die den Namen verdienen, fallen mir nicht ein. Die Rentenreform ? Nichts, was das System langfristig ökonomisch sichern kann, ist in Sicht. Rente mit 67 ? Ein Anfang, aber offenbar auch schon wieder ein Tabu. Jedenfalls längst nicht das, was benötigt wird.

Eine Arbeitsmarktreform ? Eine umfassende Finanzmarktreform ?

Und was ist mit den vielen Gipfeln, die das Euroland und die Europäische Union nicht in die Nähe einer nachhaltigen, dauerhaft wirksamen Lösung der Schuldenkrise zu bringen vermochten ?

Das Problem ist die Politik, der Mangel an wirksamer Handlung im Angesicht aufgestauter Reformbedürfnisse und einer chronisch werdenden Finanz- und Wirtschaftskrise.

Warum das so ist, haben wir hier oft genug analysiert. Vor allem der starke Einfluss der Finanzwirtschaft und anderer wohl organisierter Interessen wie der Pharmaindustrie und der Lebensmittelbranche lassen kaum noch Veränderungen zu.

Die werden erst kommen, wenn Politiker vor ihren Wählern wieder mehr Angst haben als vor diesen korrumpierenden Gewerben.

Hierfür muss aber auch in Europa der Druck der Straße viel größer werden, als er bisher ist. Occupy Wall Street hat sich 2011 schnell global ausgebreitet, entwickelt aber seit Wochen kaum weiteres Momentum. Der jungen Bewegung droht ihre erste Krise.

Hier droht ein Rückschlag, statt mehr von dem, was das WSJ auf dem Subkontinent von der Indern verlangt: Geht auf die Straße, fordert endlich die überfälligen Veränderungen , die Ihr haben wollt.

Macht Druck dafür, geht in den Ausstand, boykottiert Firmen, die Euch als Verbraucher schlecht informieren, einem Risiko aussetzen oder übermäßige Gebühren verlangen. Bombardiert Eure Abgeordneten mit Anfragen, eMails und demonstriert vor ihren Büros.

Maltraitiert die Zeitungen mit Berichten, wie junge, unerprobte Medikamente, die nicht hätten verschrieben werden sollen, Euch mit Nebenwirkungen und gesundheitlichen Schäden plagen. Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass fast jeder solche Fälle kennt. Sagt Euren Bankern bei jedem Besuch in der Schalterhalle, was Euch seit der letzten Geldabhebung nicht gepasst hat.

Und wartet nicht darauf, dass “die anderen” schon aufbegehren werden, wenn der Druck zu groß wird. Denn Eure Nachbarn warten auch darauf. Und wenn keiner anfängt, wird das nichts, selbst wenn sich die Krise zuspitzt.

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{ 10 comments… read them below or add one }

Tigerentenzersäger January 2, 2012 at 6:12 am

Eine terminologische Anmerkung:
Den Wunsch, die “Straße” möge “Druck” machen (und sich damit auch noch durchsetzen), sollte man vielleicht nochmals überdenken. “Straße” ist in letzter Konsequenz der Mob. Ob dessen Herrschaft einen zivilisatorischen Fortschritt mit sich brächte, scheint zweifelhaft.
Unzweifelhaft richtig ist, daß die Politschickeria keinen Respekt vor dem Volk mehr hat und diesen dringend wieder erlernen muß. Probates Mittel dazu sollte die Korrektur von Politikerdiktaten durch Volksentscheide sein. Für deren Institutionalisierung also sollte man sich also mE dringend einsetzen.

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markusgaertner January 2, 2012 at 5:24 pm

… die Straße sind wir. Wir müssen sie ja nicht dem Mob überlassen. Das erreichen wir, wenn wir beizeiten als Bürger aktiv werden. Deshalb habe ich nicht dazu aufgerufen, die Heugabeln aus der Scheune zu holen, sondern zivilisiert Protest zu leisten, in einer Weise, die unsere Demokratien vorsehen …. Viele Grüße.

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Martin January 2, 2012 at 8:49 am

lieber Herr Gaertner, ein gutes neues Jahr 2012 zuerst einmal und vielen Dank fuer Ihren stets informativen Blog.

Sie haben wirklich recht, es wird Zeit, sich aktiv gegen das System zu wenden, in dem sich eine unselige Symbiose zwischen allen Beteiligten Politikern, Verwaltung sowie privaten und gewerblichen Subventionsempfaengern herausgebildet hat. Dies alles geschieht auf Kosten weniger Leistungstraeger und – weil das nicht reicht – eben mit Schulden.

Mit Refoermchen kommen wir jedenfalls nicht weiter, die dienen nur dazu, die Lebensdauer des Systems zu verlaengern. Mit jedem Tag wird die Gefahr groesser, dass es implodiert. Und dann leiden vor allem die kleinen Leute.

Darin besteht aber gerade auch eine grosse Chance des sich abzeichnenden Totalcrashs, naemlich dass wir einen Reset bekommen, nach dem ein geordneter Neuaufbau erfolgen kann.

Wenn man den Crash beschleunigen moechte, dann muss man alles tun, was dem System schadet. Die von Ihnen aufgezaehlten Massnahmen gehen definitiv in die richtige Richtung.

Wenngleich es nicht jedermanns Geschmack ist, sich mit Protestemails bei den Maechtigen zu exponieren, zumal man aufpassen muss, dass man nicht in die politisch unkorrekte Ecke gestellt wird.

Aber man kann auch ganz unspektakulaere Massnahmen treffen, beispielsweise indem man raus geht aus allem Geld und aus allen Papierwerten und rein in Sachwerte, die zur Groesse des Vermoegens passen, insbesondere also in kleingestueckelte Edelmetalle. Alle Kredite zurueckzahlen, zur Zeit sind ja die Immobilien teuer, da rentiert sich ein Verkauf. Unternehmen verkleinern bzw. ganz aufgeben anstelle noch eine weitere Subvention zu kassieren, die einen noch abhaengiger macht. Auswandern in Laender mit geordneten Verhaeltnissen. Politiker in persoenlichen Gespraechen davon ueberzeugen, sich aus dem System zurueckzuziehen. etc.

Der Roman “Atlas Shrugged” von Ayn Rand gibt zahlreiche weitere Anregungen dafuer, was man als Einzelner tun kann, um das System zu Fall zu bringen, indem man es sich selbst ueberlaesst.

Auf ein aktives Jahr 2012 also!

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Grinario January 2, 2012 at 12:04 pm

Auch ich wünsche Ihnen noch ein gutes neues Jahr 2012 und uns allen wünsche ich, dass auch für Prognosen gilt: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Zentrale Aussage für die ´bundesrepublikanischen Verhältnisse:
“Die werden erst kommen, wenn Politiker vor ihren Wählern wieder mehr Angst haben als vor diesen korrumpierenden Gewerben.”

Ich denke, dass es das trifft. Unsere Politiker meinen immer noch, dass das deutsche Wahlvieh letztendlich immer noch die etablierten Parteien wählen wird. Die Piraten sind ein erster Warnschuss, aber noch scheint die Angst vor den Wählern nicht so groß zu sein.

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Marco January 2, 2012 at 6:35 pm

“2012 kommt es auf uns an”.
Absolut korrekt.
Wie bei allem gibt es eine “kritische Masse” ab der ein System anfängt zu kippen.
Mich würde mal interessieren, wie hoch der Prozentsatz der “agierenden” Bevölkerung wohl sein müsste, bis diese kritische Masse erreicht ist. Ich habe das Gefühl, dass die Anzahl derer, die wissen oder allmählich anfangen zu kapieren, was hier abgeht, langsam aber kontinuierlich ansteigt.
Das schließe ich zumindest aus der gestiegenen Anzahl der Blogs zu diesen Themen und der Anzahl der Kommentare in diesen Blogs. Die große Frage wird sein, wie können diese ganzen Menschen dazu bewegt werden, nicht nur passiv Informationen aufzunehmen, sondern auch noch diesen einen entscheidenden Schritt weiterzugehen und AKTIV zu werden.
“Klugheit ist die praktische Vernunft, die das Wissen umsetzt in ein Tun, das der Wirklichkeit angemessen ist.”

http://www.wissensmanufaktur.net/media/pdf/steuerboykott.pdf
(ab Seite 32)

Wieviel Prozent der Bevölkerung müssten wohl einen Teil dieser 10 beschriebenen Punkte umsetzen, um den Anstoß einer Systemänderung zu bewirken?

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markusgaertner January 2, 2012 at 7:05 pm

… das ist eine gute Frage, aber sehr schwer zu beantworten: Denn die Zahl der Protestierenden allein sagt gar nichts. Wie intensiv bringen sie Ihren Unmut zum Ausdruck, mit welcher Vehemenz ? Protestieren sie an einer wirksamen Stelle ? Es macht einen Unterschied, ob ich mich mit einem Plakat vor mein Wohnhaus stelle, oder mit dem Schilde den Eingang zur EZB versperre. Und wie gut sind sie organisiert ? Abgestimmte Aktionen haben mehr Wirkung als fragmentierter Protest. Mein Hinweis: Soziale Plattformen bieten uns viel mehr Möglichkeiten, als wir je hatten. Die jüngsten Proteste gegen Gebühren bei Banken und bei Verizon wurden so organisiert, auch mit Facebook-Gruppen, und haben enormen Erfolg gehabt. Viele Grüße

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ivanhoe January 3, 2012 at 11:02 pm

Um etwas zu ändern, muss man bereit sein sich zu opfern.
UND DAZU FEHLT EUCH DER ARSCH IN DER HOSE

In Syrien gehen die Menschen auf die Straße obwohl auf Sie geschossen wird und weil Sie
bereit sind sich für die angestrebte Änderung zu opfern.

“Zivilisierter Protest” …. Ist das einen neue Blogkrankheit?

Wer von Euch hat seine Kreditkarten vernichtet oder zurückgegeben?

Wer einen Schuldigen sucht, warum das alles immer weiter geht braucht nur in den Spiegel zu schaun.

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Martin January 7, 2012 at 3:07 am

stimmt, in aller Konsequenz müßte man zum Tauschhandel zurückkehren.

Nicht nur damit, auch mit weiteren der zehn von Marco zitierten Maßnahmen tue ich mich persönlich schwer, z.B. Das kann man praktisch nur erfuellen, wenn man auf dem Land lebt. In der Grossstadt kann man das vergessen. Ganz ohne Genussmittel ist das Leben schon sehr dürr.

Aber es führt beim heutigen Zustand des Systems, wenn jeder nur die Hälfte der Vorschläge umsetzt, jeder so wie er kann. Kredite auflösen und die Ersparnisse in Sachwerte wechseln macht ja sogar Spaß. Und es kann sich jeder einer kritischen Bürgerorganisation wie abgeordnetenwatch.de anschließen, das ist auch noch umsonst.

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Martin January 7, 2012 at 5:41 pm

Nachtrag:

so geht es natürlich auch, einfach niemanden mehr einstellen:
http://andorjakab.blog.hu/2012/01/06/this_is_why_i_don_t_give_you_a_job

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Franz January 8, 2012 at 9:05 am

Es ist Zeit, das Arbeiten einzustellen – nicht generell, sondern die Arbeit, die zur Generierung von steuerpflichtigem Einkommen führt.

Sobald man also mit seinem steuerpflichtigem Familieneinkommen die Grenze zur Steuerpflicht erreicht hat, nebenbei sich nicht zum Sklaven seiner Gelüste gemacht hat und schuldenfrei ist, kann doch mit dem bis dahin erzielten Jahreseinkommen wunderbar komfortabel leben und deutlich mehr Lebensqualität erzielen.

Wieso sollte man seine Zeit für die Zechpreller dieser Welt aufopfern und möglichst viel steuerpflichtiges Einkommen generieren? Die gewonne Zeit kann man viel besser für sich nutzen, für eigene Interessen, Bildung, Bautätigkeiten zuhause, Familie, Freunde.

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