Weltwirtschaft – Am seidenen Faden

by markusgaertner on 15/02/2012 · 34 comments

IKONE_KONJUNKTUR

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Es klemmt. Es brennt. Es sieht nicht gut aus. Rund um den Globus. Indien siecht. Die USA kriechen. Europa sinkt. Und China muss seine biblische Immobilienblase bändigen. Das bedeutet für die zweitgrößte Volkswirtschaft auf dem Planeten: Vorläufiger Verzicht auf Konjunkturanschub.

Früher machte man eine Reise um die Welt in 80 Tagen. Heute zeigen sich in viel kürzerer Zeit auf diesem Rundweg 80 Plagen.

Das Epizentrum aus europäischer Sicht ist Griechenland. Das Land ist abgebrannt. Überschuldet. Ohne Weg aus der Falle der Verbindlichkeiten. Bei einer Wirtschaft, die im Schlussquartal um 7% schrumpfte – 40% schneller als im Vorquartal – bei fast 50% Arbeitslosigkeit unter jungen Griechen, und bei drakonischen Sparmaßnahmen die sozialer Brandrodung gleichen, gibt es nur eine Lösung, die Erfolg verspricht: Die argentinische.

In Portugal, das sein Budgetdefizit auf 4,5% des BIP kürzen will, hat das Bruttoinlandsprodukt mit 2,7% den Rückwärtsgang eingelegt. Investitionen und Importe sinken, der Konsum ist schwach. Auch die Exporte verlangsamen sich. Die Sparziele werden in diesem Umfeld kaum einzuhalten sein.

In der Alpenrepublik Österreich lassen schwache Absatzmärkte der Exportwirtschaft die Ausfuhren Ende 2011 um 0,5% sinken. Der BIP-Zuwachs im vierten Quartal sinkt auf 0,1%. Im Vorquartal hatte er 0,2% betragen (doppelt so viel).

Die Wirtschaft der Niederlande ist gerade in eine Rezession abgeglitten. Minus 0,7% im Schlussquartal 2011, nach -0,4% im dritten Quartal.

Deutschlands BIP ging im vierten Quartal 2011 gegenüber den drei Vormonaten um 0,2% zurück, die Aufwärtskorrektur für das September-Quartal von +0,5% auf +0,6% ist kein Trost. Die Zeitungen schreiben fleißig, die Teutonen-Konjunktur habe mit ihren -0,2% die Erwartungen übertroffen, weil -0,3% vorhergesagt worden waren.

Wen kümmert das ? Die größte Volkswirtschaft auf dem Kontinent steht mit einem Bein in der Rezession. Und der Rest des Kontinents zieht kräftig nach unten.

In den USA enttäuschen weiterhin die meisten Konjunkturzahlen, die man sich genau anschaut. Das BIP wuchs im vierten Quartal 2011 nur um 0,8%, wenn man den Lageraufbau, also die unverkaufte Produktion, abzieht. Die Konsumenten haben im Januar mit lediglich 0,4% Zuwachs beim Umsatz des Einzelhandels kaum überzeugt.

Und das, obwohl im Dezember für 20 Milliarden Dollar Kredite aufgenommen wurden, die Aktienkurse hochgejubelt werden und die Sparquote sinkt. Wo bleibt das Geld ? Zum Beispiel an den Tankstellen, wo Benzin 12% mehr kostet als vor einem Jahr, bei stagnierenden Reallöhnen.

Weiter nach Asien: Wir überfliegen vom nordamerikanischen Kontinent die immensen Trümmerfelder, die im Pazifik vom japanischen Erdbeben auf die Pazifikküste Kanadas und Kaliforniens zutreiben: Zerschreddert, verstrahlt, verwunschen !

Japans Exportwirtschaft wird von allen Seiten in die Mangel genommen: Starker YEN, schwache westliche Absatzmärkte, Staus in den Lieferketten der lokalen Insel-Wirtschaft, die – weil elektroniklastig – noch immer unter den Spätfolgen vom Erdbeben im eigenen Land und zuletzt auch Hochwasser in Thailand leidet.

Das japanische BIP schrumpfte im Dezemberquartal um 2,3%. Starker Rezessionsverdacht. Dazu Überschuldung, Auszehrung, unausgestandener Strahlen-GAU, hilflose Politik, und jetzt auch noch Schwäche beim wichtigen Neu-Wirtschaftspartner China.

In Indien, Asiens drittgrößter Volkswirtschaft, bremste die Industrie-produktion im Dezember schroff ab. Hier sind es die schwache Eurozone als Absatzmarkt, die straffere Zinspolitik der Notenbank und die Lähmung der Regierung, die Sorgen bereiten. Von November auf Dezember hat der jährliche Zuwachs der Fertigung im Verarbeitenden Gewerbe von 5,9% auf jetzt nur noch 1,8% eine Vollbremsung hingelegt.

Wer investiert in so einem Umfeld, wenn zudem die Reformen lahmen ?

In Südkorea hat das Tempo der Konjunktur schon bis auf 0,4% BIP-Wachstum nachgelassen. Im Südteil der koreanischen Halbinsel wachsen die Schulden der privaten Haushalte so schnell, dass der Anteil der Verbindlichkeiten an den verfügbaren Einkommen auf 172,3% gestiegen ist. – Hoppla, bitte Sauerstoffmasken anziehen …

… denn in den USA platzte 2008 bei etwas über 140% die Blase und mündete in die schwere Finanzkrise.

Wo ist die Insel der Seligen ? In Deutschland ? Bestimmt nicht: Zu viele Nachbarn und Handelspartner, denen es schlecht geht, zu viele eigene Schulden, zu sehr auf die BRIC-Länder Brasilien, Russland, Indien und China getrimmt, wo sich jetzt unangenehm schnell die Wachstumsraten normalisieren.

Huch. Wir haben China vergessen ! Wie kann man das nur ? Steigende Wechselkurse, rasant kletternde Löhne, schwache Absatzmärkte im Westen – und die größte Immobilienblase in der Geschichte der Menschheit. Peking will sie sanft deflationieren. Dafür bedarf es eiserner Geduld. Währenddessen geht den lokalen Regierungen die Geduld aus, weil lokal die Schmerzen der Schrumpfkur am stärksten ausfallen.

Doch Peking zieht die Daumenschrauben an: Njet, keine erneute Lockerung, zumindest vorerst nicht.

Und wo bekommen wir Trost ? Am besten bei den DOW Futures, die um 10:48 Uhr deutscher Zeit am Mittwoch bei +75 liegen.

Krise ? Iwo, sagt die Wall Street. Und das Rumpeln aus Deutschland ? Kennen wir, das erledigt Mario, zusammen mit dem Rest Europas. Und Asien ? Die Chinesen sind hart im Nehmen. Und Japan ? Alles eingepreist.

Na also. Ich gebe auf.

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