Große Zahlen, kleine Zweifel – und umgekehrt

by markusgaertner on 29/03/2012 · 11 comments

2012-03-28_2235

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Hier kommt ein kleiner gedanklicher Spaziergang durch Berichte und Analysen, die mir heute aufgefallen sind. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie zeigen, dass die Schuldenkrise in Europa keineswegs abgeblasen ist und dass – im Gegenteil – die behauptete, und vielleicht auch gefühlte, aber keineswegs begreifliche Beruhigung eine blanke Täuschung ist.

Sie zeigen aber auch – an einem eklatanten Beispiel – dass die USA wenigstens so skrupellos wie die Europäer sind wenn es darum geht, sich Zeit für die Aufschiebung des Unvermeidlichen zu kaufen, inklusive Selbsttäuschung der Eliten und Versteckspiel gegenüber den Steuerzahlern.

1 Großbritannien ist tiefer im Schlick als vermutet. Das BIP schrumpfte im Schlussquartal 2011 um 0,3%. Wir müssen hier nicht der Frage auf den Grund gehen, welchen Anteil die eiserne Sparpolitik der Regierung Cameron an dieser – von britischen Medien als “shocking” bezeichneten – Zahl hat. Entscheidend ist nur: Die Insel ist auf dem direkten Weg in einen Double Dip.

Der Preis ist enorm hoch, wie wir an den verfügbaren Einkommen der Briten sehen. Sie fielen im vergangenen Jahr stärker als zu jeder Zeit seit 1977. Hier werden weite Teile der Bevölkerung sozial durch den Reißwolf gejagt, und dann noch teure Studien angefertigt, wie es zu den Unruhen und Übergriffen in Städten wie Brighton kam.

2 Währenddessen rutscht Spanien wieder ein Stück näher an das Kliff heran. Heute steht ein Generalstreik an. Morgen das neue Sparpaket von Premier Mariano Rajoy. Erwartet werden 30 Mrd. Euro Einsparungen – und das nach dem 15-Mrd.-Sparpaket vor drei Monaten.

Diesmal stehen für das geplagte Land mit seinen 23% Arbeitslosigkeit – 50% bei Jugendlichen – Entlassungen im öffentlichen Dienst, eingefrorene Löhne, ein Stopp für große Infrastruktur-Projekte sowie höhere Steuern auf dem Programm.

Rückkehr zum Wachstum ? Nicht vor Ende 2013. Reichen die Geduld der Spanier sowie deren finanzielle und soziale Substanz ?

3 Die US-Notenbank hat im vergangenen Jahr 61% aller neu ausgegebenen Staatsanleihen des Finanzministeriums gekauft. Mit künstlich geschaffenem Geld werden Schuldtitel der Regierung aufgesaugt, um die Zinsen niedrig zu halten für immer weitere Schulden. Dabei wird gezielt die Illusion erzeugt, dass für die Refinanzierung des amerikanischen Schuldenmolochs endlos Nachfrage vorhanden ist.

Im Klartext: Durch das Auftürmen immer neuer Schulden, die nie mehr abbezahlt – nur weginflationiert – werden können, kreiert die Fed die Illusion einer Erholung. Dafür pumpt sie auch den Aktienmarkt auf. Die berühmten Potemkinschen Dörfer waren kleine schäbige Provinzschauspiele gegen das, was Maestro Bernanke hier vorführt.

Dabei gerät das Land immer tiefer in die Schuldenspirale. Höhere Zinsen, wenn die Inflation irgendwann kommt ? Reine Illusion, es wäre ökonomischer Selbstmord.

Das ist wie eine Zwangsjacke, aus der der Schuldenjunkie nie mehr herauskommt. Doch die Schnüre werden immer fester gezogen. Bis Erstickung eintritt.

Die Zahlen stammen aus einem Meinungsstück des ehemaligen Finanzbeamten Lawrence Goodman, der heute Präsident des Center for Financial Stability ist. Seine Kritik erinnert an die Vorbehalte von Angela Merkel gegen die Aufstockung des Rettungsschirms und die Einführung von Eurobonds: Wenn der Kreditfluss nicht gezügelt wird, bleibt der Ansporn zum Sparen gering, der Weg aus der Schuldenfalle ist versperrt.

Angela Merkel hat offenbar ihre Meinung geändert, zumindest dem immensen Druck nachgegeben. Auf Goodman hört in Washington einfach keiner.

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Andreas Ludwig March 29, 2012 at 06:40
Andreas Ludwig March 29, 2012 at 06:46

Warum erfahre ich erst jetzt davon? Da wäre ich gerne mal hin….die wäre heute keine Mutter der Nation mehr…..
http://m.spiegel.de/politik/deutschland/a-824421.html

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Tempa March 29, 2012 at 07:51

zu 2.
Spanien hat eine geplatzte Immobilienblase und hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Die wirkliche Katastrophe zeichnet sich allerdings schon seit Jahren ab.
Ein Artikel aus 2005(schon 2003 brachte eine Hitzewelle):
http://www.heise.de/tp/artikel/20/20834/1.html
2007,war eigentlich noch schlechter.Die Folgejahre kaum besser mit unterschiedlich starken Extremen(Dürre und Überschwemmungen)
Der aktuelle Winter brachte den trockensten Winter seit 1940.Was Ernteverluste brachte und zeitige Waldbrände:
http://derstandard.at/1332324068719/Nordspanien-Feuerwehr-kaempft-gegen-15-Waldbraende
http://www.agrarheute.com/duerre-spanien-hilfen
http://www.agrarheute.com/spanien-ernteeinbussen?suchbegriff2=D%FCrre%20
Jetzt hängt alles von den nächsten Regenfällen ab.

Die Prognosen gehen aber in eine unangenehme Richtung:
http://derstandard.at/1332324049500/IPCC-veroeffentlicht-Bericht-Weltklimarat-prophezeit-mehr-Extremwetter

Bedeutet einen Genickschlag fur die grossen bewässerungsintensive Landwirtschaft in Spanien,Portugal,Süditalien und zB Türkei. Bedeutet Probleme für den wasserverbrauchenden Tourismus, Bauwirtschaft und Industrie( wie Automobilindustrie.Bedeutet höhere Getreidepreise.
Der europäische Süden wird nicht mehr auf die Beine kommen.
Achja, der arabische Frühling beruhte ja auch darauf, das (nach einigen Preisschocks bei Lebensmittel) viele Jugendliche keine Arbeit mehr fanden,keine Familie sich aufbauen konnten und sich Lebensmittel stark verteuerten.
Hoffe, jeder begreift, was da für ein gigantisches Pulverfass im Mittelmeerraum liegt. Ein paar längere Dürreperioden (auch global in einigen wichtigen Anbauregionen), der Bevölkerungsanstieg ist entsprechend den Prognosen gerade in problematischen Gebieten und wir werden sehen, was es bedeutet wenn die Massen wirklich auf den Strassen wegen unerschwinglicher Brotpreise revolutionieren.
Es wird eine neue Flüchtlingswelle von den arabischen Ländern in die südlichen europäischen Länder. Und die haben eigene Probleme.

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Klaus Kastner March 29, 2012 at 08:18

Die Schuldenkrise wird in dem Moment abgeblasen sein, wenn die EU mit einer richtigen Diagnose und mit einem glaubhaften Therapievorschlag an die Öffentlichkeit geht. Dann werden die Märkte erkennen, dass es Licht am Ende des Tunnels geben wird. Bisher hat man es nicht gewagt, die richtige Diagnose offiziell auszusprechen.

Freie Marktkräfte können die Probleme eines Landes wie Griechenland derzeit nicht lösen. Im Gegenteil, 2 der 4 EU-Freiheiten (Güter-/Kapitalverkehr) machen das Land kaputt, weil Griechen natürlich immer billigere Importprodukte kaufen und ihr Geld ins Ausland transferieren werden. Das ist im ureigensten Interesse des Einzelnen (und auch legal).

Interne Deflation ist sehr wichtig, aber zu glauben, dass man die Anpassung nur mit interner Deflation schaffen kann, ist illusorisch. Zu glauben, dass ein Land wie Griechenland mit Deutschland erfolgreich wettbewerben kann, ist illusorisch. Bitte zu beachten, dass in Griechenland – trotz aller bisherigen Anpassungen – die Preise insgesamt nach wie vor steigen. Es gibt Milliarden und Aber-Milliarden außerhalb der „offiziellen Buchhaltung“ und diese konterkarieren jede offizielle Maßnahme.

Planwirtschaft kann nicht die Antwort sein. Verbleibt nur mehr die Antwort einer „managed economy“. The EU ist bereits teilweise eine managed economy – man denke an alle Förderungen, um einen regionalen Ausgleich zu schaffen.

Die richtige Diagnose wäre m. E.: Leistungs- und Geldströme sind innerhalb der Eurozone außer Kontrolle geraten und dieser Prozess wird nicht von selbst stoppen. Deswegen muss eine Therapie anpeilen, die Leistungsströme wieder ins Gleichgewicht zu bringen, damit auch die Geldströme wieder ins Gleichgewicht kommen.

Damit die Nutzniesser der Leistungsströme einsehen, dass sie auf einen Teil verzichten werden müssen, muss man sie nur daran erinnern, dass Geldströme die Umkehrseite der Leistungsströme sind.

Im Klartext: die Wirtschaft funktioniert auf Basis von Incentives (und nicht per Mandat). Ein Marshall Plan für die Eurozone würde nicht primär Geld bedeutet. Stattdessen Incentives, wie Investitionen beispielsweise von Deutschland nach Griechenland verlagert werden. Wie Griechenland beispielsweise mehr von dem, was es von Deutschland importiert, selbst produzieren kann. Wie Deutschland beispielsweise mehr Agrarprodukte von Griechenland statt aus Südamerika importieren würde. Etc., etc.

Die einzige Möglichkeit, einen zahlungsunfähigen Kreditnehmer wieder zahlungsfähig zu machen, ist, ihn wieder „ins Verdienen zu bringen“. Wenn man nur seine Kosten streicht, dann wird das auch gelingen, nur dass am Ende der Operation der Patient tot ist.

http://klauskastner.blogspot.com/2012/03/eurozones-two-killing-killer-apps.html
http://klauskastner.blogspot.com/2012/03/plea-for-special-economic-zones-again.html
http://klauskastner.blogspot.com/2011/12/finally-importance-of-current-account.html

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Beobachter March 29, 2012 at 09:25
Andreas Ludwig March 29, 2012 at 11:01
Nepumuk March 29, 2012 at 13:32

Tagchen Herr Gärtner,

ich bin grade über einen Artikel in der WELT gestolpert den ich wirklich bemerkenswert finde.

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106129958/Spaniens-Misere-lebensgefaehrlich-fuer-Deutschland.html

Nepumuk

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die Simpsons March 29, 2012 at 14:36

Könnte einer der schwarzen Schwäne sein, die in den nächsten Wochen die Börse abtauchen läßt. Meine persönliche Meinung.

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Joker March 29, 2012 at 13:56

Der Papst soll fuer die Rettung des Euros beten:

http://www.businessinsider.com/now-even-the-eu-is-treating-the-crisis-like-a-joke-2012-3?

Koennen wir eine Kategorie ” witze zum entspannen” in der woechentlichen Leseliste aufmachen? Das ist der erste Beitrag :-)

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die Simpsons March 29, 2012 at 14:35

Merkel will Deutschland ohne Rücktrittsrecht an EU binden

http://www.marktorakel.com/index.php?id=9193160802496330727

Welche Hausnummer haben wir denn inzwischen beim ESM 2 Billionen oder dürfen es noch mehr sein? Egal, auch Deutschland wird ausgenommen. Entrechtung, Verarmung, Überwachung und Versklavung = Ermächtigungsgesetz.
Gleichschaltung, Chip und Abschaffung des Bargeldes stehen natürlich auch auf der Agenda.

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