Liquidität weicht Realität

by markusgaertner on 09/04/2012 · 6 comments

IKONE_BÖRSE

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Während die Europäer über das Wetter meckern, aber noch den freien Ostermontag genießen, wird in den USA heute schon wieder gearbeitet – und an der Wall Street Geld verloren. Es dämmert den Anlegern und Investoren zunehmend, dass unter ihren Augen – während sie es sich so schön im risikofreien Fed-Orbit eingerichtet hatten – eine neue Ära angebrochen ist.

In dieser Ära weicht die Liquidität sozusagen der Realität. Die Notenbanken – vor allem EZB und Fed – zögern mit neuen Liquiditäts-Kampagnen und verweigern den Aktienjunkies damit Stoff für eine Fortsetzung der Party. Aber nicht nur das. Die Geldhüter offenbaren auch ihre offene Flanke wie nie zuvor.

Während Maestro Bernanke verlauten lässt, dass ein QEIII erst einmal unwahrscheinlich bleibt, tritt er auffällig oft als Redner auf und macht Schlagzeilen: Über den Goldstandard, über Inflation, über die Segnungen niedriger Zinsen. Dabei verrät er viel, ohne es zu sagen: Denn Worte haben jetzt gut erkennbar Taten ersetzt. Das zeugt von erschöpfter Munition im Köcher. Aber auch von wachsendem Widerstand gegen die agressive Geldvermehrung. Bernanke & Consorten können kaum noch eins drauflegen, ohne in der Politik für massiven Widerstand zu sorgen.

Bernanke steht in den USA unter starkem Druck, sich geldpolitisch fortan zu mäßigen. Man hatte ihm ja schon vor Monaten den Mob von Texas angedroht. Jetzt häufen sich die kritischen Stimmen, die ihm Einhalt gebieten. Bis hin nach China zu Notenbank-Gouverneur Zhou Xiaochuan warnt man Bernanke, Entschiedenheit nicht in zerstörerischen Aktivismus umschlagen zu lassen.

Hier machen sich sozusagen politische Marktmechanismen bemerkbar. Die Anleger an der Wall Street – aber in der Nacht auf Montag auch schon die Asienbörsen, und nach ihnen am Dienstag die europäischen Handelsplätze – müssen jetzt ihre Sicht der Dinge neu ordnen.

Will heißen: Die ökonomische Basis, also die Konjunktur, wird jetzt wieder stärker die Entwicklung der Kurse beeinflussen, der Zauberstab der Geldhüter verstrahlt unterdessen weniger Magie. Das brisante an dieser Entwicklung ist das Timing: Der Gezeitenwechsel geschieht ausgerechnet zum Auftakt der neuen Bilanzrunde, die am Dienstag vom Aluminiumförderer Alcoa eingeleitet wird. Und in dieser Runde werden auch die Gewinne enttäuschen.

Zwei Mal desillusioniert macht noch keinen Crash. Die Notenbanker können ja schnell ihre Meinung ändern und wieder eingreifen. Aber danach sieht es erst einmal nicht aus. Jetzt regiert die Korrektur. Zuvor war Rally stur. Was danach kommt, hängt von der Wucht der Realitäts-Einkehr ab. Die könnte erstaunlich dynamisch daherkommen.

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