Eindrücke vom Ende des Finanz-Universums

by markusgaertner on 17/04/2012 · 30 comments

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Sind wir am Rand oder am Ende des uns bekannten Finanz-Universums ? Das ist keineswegs eine theoretische Frage, und schon gar keine unsinnige. Denn vom Rand aus gibt es verschiedene Richtungen, die man sinnvoll einschlagen kann. Am Ende des Universums bleibt dagegen nur die fehlende Fortsetzung der Sackgasse. Rückzug, oder über das Kliff. Das sind die Alternativen.

In den vergangenen Tagen gab es zahlreiche Meldungen, die uns verdeutlichen, wie sehr nach langer Krise alles ausgereizt ist: Zinsen, Geldmengen, Geduld, Demokratie, guter Wille, die Zeit, das Wähler- und Konsumentenvertrauen. Habe ich etwas vergessen ? Sicher einiges.

Wir hören von einem Wähler in Griechenland, der seine Stimme für den Urnengang am 6. Mai auf eBay versteigern will. Wenn das nicht ein PR-Coup des Internet-Auktionshauses ist, sagt das einiges darüber, wie angespannt die Situation vieler Hellenen inzwischen ist.

Wir sehen auch, dass spanische Anleihen wieder mehr als 6% Rendite erzielen. Das ist zuallererst ein Misstrauensvotum. Und es ist ein klarer EZB-GAU, nach zwei Kredittranchen mit zusammen fast einer Billion Euro. Außerdem erleben wir ein neues Hoch für Prämien auf Kreditausfall-Versicherungen für Italien-Bonds. Das ist weniger als am 11. November, aber nur 20 Basispunkte von den CDS des Libanon entfernt.

Auch den Mächtigen geht die Geduld aus, schnell und drastisch, wie wir sehen. Statt Geduld müssten wir korrekterweise allerdings Demokratiewille sagen. Moskau plant nach den jüngsten Massenprotesten, das Demonstrationsrecht einzuschränken. Die großen Demos der vergangenen Wochen hätten den “Rhythmus des Stadtlebens” verletzt sowie Verkehr und Wirtschaft gestört, heißt es. Das ist eine Sprache, wie wir sie von den berufsmäßigen Angstmachern in den USA kennen, die an jeder Ecke mit dem Ministerium zum Schutz des Heimatlandes drohen.

In Spanien kündigt derweil Innenminister Jorge Fernandez Diaz Strafen gegen Straßenproteste an. Er will zivilen Ungehorsam kriminalisieren. Um die “Indignado”-Bewegung zu stoppen – anstatt mehr gegen die Schuldenkrise zu tun – soll auch die Kommunikation auf den sozialen Plattformen ins Visier genommen werden. Die Begründung des Ministers erinnert an die Anti-Terror-Kampagne, mit der die USA seit 2001 zunehmend und mit leichter Hand bürgerliche Freiheiten einschränken.

Aber nicht nur das Wahlvolk ist Ziel solcher Attacken gegen die pluralistische Demokratie. Madrid will jetzt auch noch die Regionen an die Kandarre nehmen, um “die Märkte” – Verzeihung, die Banken – zu beschwichtigen und am Laufen zu halten.

Mindestens zwei Jahre Gefängnis drohen Spaniern für Proteste, die im Grundgesetz noch als Rechte verankert sind (Artikel 8, das Grundrecht der Versammlungsfreiheit, ein Abwehrrecht der Bürger gegen den Staat). Der einzige Trost: Je nach Alter ein Viertel bis die Hälfte der erwerbsfähigen Spanier hat für das lautstarke Einfordern ihrer Freiheitsrechte wegen intensiver Jobsuche ohnehin keine Zeit. Schließlich wird vielen ja die Freiheit einer regelmäßigen und bezahlten Arbeit auch verweigert. Also: Arbeitslos und ab in den Knast, oder arbeite und scher Dich nicht um Deine komischen Rechte. BASTA.

Auch in deutschen Landen nimmt man es mit Geist und Worten verfassungsartig verankerter Rechte nicht mehr so genau. Gewählte Volksvertreter, die nur ihrem Gewissen und ihren Wählern verantwortlich sind, sollen sich von den Fraktionen ihre Redefreiheit – und somit ihren Wählerauftrag – beschneiden lassen. Berufsverbot der früheren Berufsverbieter ?

Dass nicht die gesamte Republik auf den Barrikaden tobt, sagt mehr über das Gemüt der Wähler, als über den lausigen Zustand der etablierten Parteien. Und dann wird noch über den “Erfolg” der Piraten gerätselt. Das leuchtet mir sogar von Vancouver aus ein, was sich da abspielt.

Hier schließt sich ein Teufelskreis, der leider keinen Ausgang mehr kennt: Die Bereitschaft der politischen Eliten, die Freiheiten von Wählern, Körperschaften und Institutionen drastisch einzuschränken wenn es die Finanzsituation verlangt, nimmt sichtbar zu.

Der Grund dafür ist, dass sich auf der Achse zwischen Kabinetten und den Bankenvorständen ein schwarzes Loch auftut, das beide zu verschlingen droht, wenn eine Seite im Kampf gegen die horrenden Schulden schlappmacht. – Sie müssen das ruinöse Spielchen weiter treiben, oder abdanken.

Setzt die Politik ihre drastischen Maßnahmen zur Anästhesierung der Märkte nicht fort, platzen die Banken und verschlingen alles. Die Banken haben also einen langen Hebel, wenn sie auf lebensverlängernde Maßnahmen für die im fiskalischen Sinne klinisch toten Wackelländer drängen. Die Politiker wiederum können eine einschüchternde Drohkulisse erzeugen. Sie ist so groß, dass sie gar nicht erwähnt oder anderswie ins Spiel gebracht werden muss.

Regierungen drängen den Banken im Tausch gegen das frische Kreditgeld der Notenbanken immer weitere Schuldversprechnungen auf, Anleihen, die durch nichts mehr gedeckt sind, als durch neue Käufe, die die Geldhäuser mit immer neuen Krediten der EZB finanzieren müssen. Das ist ein Kettenbrief-System jener Art, wie es die, die es augenblicklich amtlich betreiben, allen anderen bei Strafe verbieten.

Das LTRO-Geld treibt die Banken dabei immer tiefer in die Arme der hoch verschuldeten Länder, weil die Anleihen, die sich die Banken zusätzlich ins Depot nehmen, nie mehr abbezahlt werden können, höchstens noch eine Weile refinanziert.

Das ist wie schmusen in einer Autopresse. Nur viel stärker als bei innigen Umarmungen. Aber absolut tödlich.

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