Erleben wir eine globale Zeitlupen-Depression ?

by markusgaertner on 04/06/2012 · 35 comments

IKONE_KONJUNKTUR

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Der Ausblick für die Weltwirtschaft hat sich am Freitag schlagartig verschlechtert. Mit einem extrem schwachen Arbeitsmarkt haben die USA deutlich gemacht, was sie auf jeden Fall nicht sind: Die einzig verbliebene Zugmaschine in einer drastisch abbremsenden globalen Konjunktur. Die sorgsam aufgebaute Illusion, dass die US-Konjunktur der rauen See trotzen und auch weitere Schockwellen aus Europa wegstecken können, ist geplatzt.

Mit Chinas schwachen Kennziffern, enttäuschenden Zahlen aus Indien, der Rezession mit Banken- und Schuldenkrise in der Eurozone sowie einem herben Einbruch in der britischen Industrie, die im Mai so schnell schrumpfte wie seit drei Jahren nicht mehr, bleibt kein Raum für Beschönigungen: Wir erleben eine synchronisierte Vollbremsung der Weltwirtschaft. Die Bank of England soll in dieser Woche angeblich 50-Mrd. Pfund Stimulus zur Ankurbelung der Wirtschaft ankündigen.

Der Einkaufsmanager-Index krachte im Mai von 50,2 auf 45,9 Zähler, tief in jene Zone unterhalb von 50 Punkten, die eine schrumpfende Wirtschaft signalisiert. Der Index hat den niedrigsten Stand seit dem Mai 2009 erreicht. Der schwerste Rückschlag kommt von einem Einbruch der Auftragseingänge um 7 Punkte, der für die kommenden Monate eine schwache Produktion erwarten lässt.

In Deutschland hatten wenige Tage zuvor der schwächer als erwartet ausgefallene ifo-Index sowie der Einkaufsmanager-Index enttäuscht und erste Belege dafür geliefert, dass die größte Volkswirtschaft auf dem Kontinent nicht mehr immun gegen die Abschwächung bei fast all ihren Handelspartnern ist.

Laut Investoren-Legende George Soros bleiben der Eurozone unter deutscher Führung jetzt höchstens drei Monate Zeit, um ihre Probleme zu lösen, danach ist es für den Euro und die Eurozone zu spät. Soros erwartet, dass die Hellenen zwar am 17. Juni so wählen, dass eine Bailout-freundliche Regierung gebildet werden kann. Doch diese wird laut Soros nicht in der Lage sein, die Verpflichtungen aus dem zweiten Rettungspaket einzuhalten.

Die laufende Serie miserabler Konjunkturzahlen begann am Freitag mit dem Rückgang des Einkaufsmanager-Index in China auf 50,4 Zähler. Das ist ein scharfer Rückgang von 53,3 im April. Die Volksrepublik ist dem Index zufolge am Rande einer Rezession angekommen. Bis ins ferne Moskau reichen die Schockwellen.

Dort hat der Rubel in der vergangenen Woche 6% an Wert verloren, weil Russlands Geschäftsleute – wie auch ausländische Investoren mit den Füßen abstimmen und ihre Sorge ausdrücken, dass die einbrechenden Öl-Notierungen dem BRIC-Land wie schon 2009 große Probleme bescheren werden.

Die Kapitalflucht erreichte von Januar bis April 42 Mrd. Dollar. Das war mehr als die Hälfte jener 80,5 Mrd. die im gesamten Vorjahr beobachtet wurden. Und das war bereits die zweitgrößte Zahl in der Geschichte des Landes gewesen.

Auch Brasilien, die führende Volkswirtschaft in Südamerika, bremst abrupt ab. Im ersten Quartal wuchs das BIP gegenüber dem Vorquartal nur noch um 0,2%. Mehrere Anschubprogramme der Regierung konnten nicht verhindern, dass die Investitionen in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres schrumpften.

Geschäftsleute sehen nur eine Chance, die Wirtschaft nachhaltig anzukurbeln, wenn drastische Reformen eingeleitet werden, darunter ein einfacheres Steuersystem. Wie in Europa und den USA wird auf dem südlichen Teil des amerikanischen Doppelkontinents ein Masterplan für Wachstum verlangt.

In Europa kommt dieser nicht, weil 17 Regierungen der Eurozone zu unterschiedliche Rezepte empfehlen. In den USA kommt er nicht, weil Washington sechs Monate vor der Präsidentenwahl von einem ideologischen Grabenkrieg zwischen Republikanern und Demokraten gelähmt wird.

Hier nur ein Beispiel von vielen, wie führende Analysten in Nordamerika die globale Lage sehen. Sherry Cooper bei BMO Capital Markets in Toronto, eine der führenden Wirtschaftsexpert(inn)en des Landes, beschreibt die Kettenreaktion der schwachen Wirtschaftsräume in Europa und anderswo auf rohstoffreiche Länder so:

The triple whammy of a rotten U.S. jobs report, slowing growth in China and India, and the escalating European debt crisis has hit Canada’s economy and financial markets everywhere. Stock market indexes are plunging, and other signs of distress are proliferating.
The drop in commodity prices—reflecting weakening global demand—has hit Canada and Australia hard as mining companies are now postponing investment. Ironically, this is only a week after the OECD recommended that the Bank of Canada hike rates, which of course,
will not happen anytime soon. Indeed, today’s very disappointing U.S. jobs report has triggered calls for further easing by the Federal Reserve (so-called QE3).

Hier die Gedanken von Cooper – die ansonsten Optimismus gleich Fassweise ausschüttet – zur globalen Lage:

With China’s growth slowing, the loss of economic momentum in the U.S. is particularly troubling. The U.S. rebound could have cushioned the blow of Asian and European slowing, but now that is in question. American businesses are reluctant to hire when there is so much uncertainty regarding taxes, financial regulation and health care costs. Banks are reluctant to make loans when European banks are set to topple, regardless of stopgap government measures to prop them up.

So fasst die Times of India die wirtschaftliche Lage auf dem Globus zusammen:

The world’s economic outlook darkened on Friday as reports showed US employment growth slowing sharply, Chinese factory output barely growing and European manufacturing falling deeper into malaise. In a shock that sent global markets into a dive, the US economy added just 69,000 new jobs in May, less than half what analysts expected. Readings for the prior two months were also revised down, while the unemployment rate rose for the first time in almost a year, to 8.2 percent

Wie wir aus dem synchronisierten Abschwung herauskommen, bevor uns überall die Schuldenberge um die Ohren fliegen und das Bankensystem zusammenbricht, ist mir schleierhaft. In den USA können sich Kongress und Präsident vor der Wahl im November nicht verständigen, wegen des Wahlkampfes. In der Eurozone wird mit Blick auf den Wachstumspakt bisher nicht über Zahlen geredet, die einen spürbaren Unterschied machen könnten.

Zehn Milliarden für die Entwicklungsbank werden es jedenfalls nicht tun. In China und anderen großen Schwellenmärkten setzen die Teuerungsraten sowie die ebenfalls gewachsene öffentliche Verschuldung großen Stimuluspaketen derweil Grenzen. Ein Kraftakt wie vor drei Jahren ist in China derzeit nicht möglich, das ließ der Staatsrat bereits per Xinhua verlauten.

In Europa mehren sich zwar die Rufe – wie zuletzt aus Madrid – nach einer beschleunigten politischen Integration. Doch hierfür werden mit Abstimmung zwischen den Mitgliedsländern, Ratifizierungen und Umsetzungen im günstigsten Fall einige Monate benötigt. Und das würde voraussetzen, dass es kaum Meinungsunterschiede gibt. Eine blanke Illusion.

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