Abgesang für den Euro – Wenn selbst Ornithologen gefährlich werden

by markusgaertner on 16/06/2012 · 20 comments

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Keine Frage: Die (Finanz-)Welt steht vor entscheidenden Tagen. Das hört nicht nur, wer an diesem Wochenende Mario Monti lauscht: “Wir sind schon einmal vor dem Abgrund zurückgewichen, aber das Loch wird jetzt größer, und es könnte uns verschlingen, wir sind wieder in einer Krise” Das sagte Monti am Samstag bei einem Auftritt in Mailand.

Wow, ein Loch, das Italien zu verschlingen droht. Und das sagt der Regierungschef, der vor sieben Monaten Herrn Berlusconi ablöste, um das Land in ruhigeres Fahrwasser zu steuern.

Eigentlich sollen immer neue Regierungen in Europa irgendwann einmal die Krise eindämmen und beenden. Aber es scheint, als würde das schier unaufhaltsam voran schreitende Drama stattdessen immer schneller die neuen Regierungen verspeisen. Denn Montis Reformpusch steckt fest, der Mann kommt kaum weiter voran.

Wie gefährlich muss eine solche Krise eigentlich werden, damit sich die Regierungschefs endlich zusammen in ein selbst gewähltes Arbeitslager begeben und solange nicht herauskommen, bis sie uns einen überzeugenden Fahrplan präsentieren können ? Vatikan: Habt Ihr gerade das Zimmer mit dem Kamin für den weißen Rauch frei ?

Nicht überall ist die Dringlichkeit – die aus Montis mahnenden Worten klingt – an diesem Wochenende zu hören oder zu sehen. Wer am Samstag die Europa-Nachrichten der Huffington Post aufsucht, findet prominent platziert den Bericht über einen österreichischen Politiker, den eine im Wald versteckte Ornithologen-Kamera beim Spaß unter Bäumen filmte.

Doch ansonsten mehr vom Üblichen: Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker wendet sich mit einem dramatischen Appell an die Griechen: Ein Sieg der Linksradikalen habe “unabsehbare Folgen für die Währungsunion”. Ist das ein spätes Eingeständnis ? Oder ist es die dreiste Angstmacherei des Premiers von Luxemburg, dessen BIP weitgehend auf der Aktivität von Banken beruht ?

Und wir hören den ehemaligen britischen Premier Gordon Brown. Seine Warnung: Die “üblichen, aber oft leeren” Pläne, die auf diversen Gipfeln beschlossen wurden, “werden nicht helfen, wenn die Eurozone ihren Tag der Wahrheit erreicht.” Browns zweite Warnung: Die Krise drohe, sich auf Italien und selbst Frankreich auszudehnen und Rettungspakete zu erzwingen.

Wow, für eine halb so dramatische Feststellung bezog Österreichs Maria Fekter in dieser Woche kräftig Prügel. Über Brown fällt keiner her. Weil er mehr Gewicht hat ? Weil er Brite ist und niemand etwas anderes erwartet ? Oder weil sein Befund jetzt kaum noch zu bestreiten ist ?

Beim “Spaziergang” im Blätterwald bin ich an diesem Wochenende auf so manches gestoßen, was mich erstaunt. Zum Beispiel im Spiegel.

1 Dort schreibt Wolfgang Münchau über “Die Mär von der Überlastung Deutschlands.” Ein Zitat daraus: Die deutsche Position ist zum Teil irrational. Man will seine Kreditrisiken strikt begrenzen, aber man will auch nicht, dass der Euro auseinander bricht. Und wenn man die beiden Ziele nicht in Einklang bringen kann, dann schlägt man verbal um sich. Das Verhalten erinnert eher an einen Psychopathen, der sich eine Waffe an die Schläfe hält und Drohungen ausspricht. - Hmmm. Ich bin, wie jeder hier weiß, kein Anhänger der Merkelschen Krisenpolitik. Aber wenn man einen Punkt in ihrer Strategie, wenn es eine gibt, versteht, dann ist es doch dieser: Das deutsche Portemonnaie wird vor allem deshalb zögerlich weiter geöffnet, weil so mehr Druck für Reformen in den Wackelländern erzeugt werden soll.

2 David Rosenberg, ehemals Nordamerika-Chefvolkswirt bei Merrill Lynch, gestand in dieser Woche, dass er jetzt “ein Licht am Ende des dunklen Tunnels” sieht. In einem Beitrag mit dem Titel “Die Wolken teilen sich” (klingt so wie damals, als sich das Wasser teilte) sagt Rosenberg, er sei “so aufgeregt, dass ich es gar nicht verbergen kann.”

Wow: Griechenland hält eine Wahl mit unabsehbaren Folgen ab, Gordon Brown befürchtet Bailouts für Frankreich und Italien, die Kunden in Spanien leeren ihre Bankdepots, China und Indien bremsen stark ab, die USA erleiden in einer keineswegs überzeugenden “Erholung” einen beängstigenden Rückschlag – und Herr Rosenberg sieht das Licht am Ende des Tunnels. – Hat der Mann ein schwarz-weiß-Problem ?

3 Die New York Times findet, es sei an der Zeit, jetzt langfristig in Europäische Aktien zu investieren. Das Blatt zitiert den Befund des Vermögensberaters Litman Gregory Asset Management: “We think the markets have gotten ahead of themselves, they’ve priced in so many problems for Europe that, on a relative basis, European stocks look very attractive for long-term investors.”

Hat sich die gute alte NYT da zur Postille für einen der Wall Street-Cheerleader gemacht ? (Das Blatt bringt den Artikel mit der Abbildung einer Euro-Münze, aus der eine Zündschnur herausragt). Oder ist das die alte Philosophie vom kaufen, wenn die Kanonen donnern ? – So weit ist es in Europa nicht, fürchte ich. In der laufenden Krise werden wir es noch erleben, dass die Börsen geschlossen werden. Erst dann mache ich mir eine Liste über die am meisten ausgebombten Aktien mit Zukunft.

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{ 17 comments… read them below or add one }

Victor June 16, 2012 at 22:01
Victor June 16, 2012 at 22:09

Griechenlands Weiterkommen in der EM könnte psychologisch proeuropäische Auswirkungen auf die Wahl haben, die Hoffnung lebt.
Je nach dem wie Deutschland heute spielt, könnten die dann als nächstes Aufeinandertreffen. Mir graust jetzt schon vor den (BILD)Schlagzeilen..

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die Simpsons June 17, 2012 at 06:53

Wenn es denn so kommt, Deutschland hat noch die Chance die Heimreise anzutreten, dann wird es ein sehr brisantes Viertelfinalspiel. Zynisch formuliert könnte man auch sagen Zuchtmeister gegen Schuldenmeister. Das könnte sehr interessant werden.

Für positive Schlagzeilen sorgen meine Iren. The Fields of Athenry sagen die irischen Fans und dies dürfte eine der Höhepunkte dieser EM gewesen sein. Wer solche Fans hat kann stolz sein; Ireland 12 Points!. Und der deutsche Moderator, Tom Bartels, wusste intuitiv dass er hier einfach nur zu schweigen hat und den Gesängen zu lauschen hatte. Schön zu wissen, dass es Moderatoren gibt die wissen was in sochen Situationen das Richtige ist.

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Ralf R. June 17, 2012 at 01:32

So dringlich kann aus Sicht der obrigen die Lage nicht sein, wenn zwischen den “Rettungsgipfeln” Tage oder gar Wochen vergehen.
Eingeschlossen in einem Zimmer können Sie nicht Ihre alternativlose Propaganda unters Volk bringen.

Zum ersten Punkt kann ich Ihnen nicht zustimmen.
Frau Merkel und Herr Schäuble verpacken die Geldgeschenke nur gut im Hintergrund.
Schließlich möchten die Damen und Herren wiedergewählt werden, da ist es doch eher hinderlich wenn man das Geld so offensichtlich aus der Hand gibt.

Ich räume noch heute Vormittag mein Konto und kaufe mir etwas schönes, wer weiß wie lang die Automaten noch was ausspucken :)

@ #3 Wenn das Vertrauen verloren gegangen ist wird das mit den Börsen vermutlich sehr schnell gehen.

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die Simpsons June 17, 2012 at 07:30

Wenn wir den Fehler im System – das Geld – nicht korrigieren, werden wir den Planeten in Schutt und Asche legen. Die Korrektur muss lauten Tauschmittelsystem oder kein Geld. Das setzt aber ein völlig neues Bewusstsein voraus und wir würden ein “unentdecktes Land” betreten. So wie in dem Film “Das unentdeckte Land” aus der Star Trek Serie.
Da das nicht passieren wird, wird der Planet von den Menschen in Schutt und Asche gelegt. Die Überlebenden haben nur eine Chance wenn sie tatsächlich aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.
Das entspricht der Weissagung der Hopis.
Stattdessen müssen wir uns tagein, tagaus von Ökonomen und Politiker belehren lassen, dass man die Märkte beruhigen muss und dass Alles so alternativlos ist. TINA ist das Geschwätz dieser Zunft, die nur um ihr Überleben, sprich Macht und Privilegien kämpft und zwar so lange bis der Planet tatsächlich in Schutt und Asche liegt. Die Natürlichkeit des Lebens wird mit allen Mitteln bekämpft. Und diesen Irrsinn findet man überall. Ich möchte auch keine Diskussion darüber anfangen, denn viele die hier und in anderen Blogs schreiben sind mit diesem Irrsinn infiziert. Das sind nur meine persönlichen Gedanken, nicht mehr und nicht weniger.

Schönen Sonntag

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Heiner Hannappel June 17, 2012 at 08:01

Ohne Rückgrat ist Deutschland nur noch ein Krabbeltier, man tritt leichter drauf.

Schon wieder werden Kriterien vorab aufgeweicht.Man läd Schuldner so zur leichtfertigen Nichteinhaltung von Verträgen geradezu ein, um Nachverhandlungen auf Kosten der Geberläner zu führen. Was sind Kredtitbedingungen zukünftig noch wert? Zeigt doch endlich mal Rückgrat ihr unermütlich erfolglosen Krisenbewältiger und öffnet nicht ständig neue Schleusen,die nie mehr zu schließen sind.
Was muss denn eigentlich noch in den Illusions Hochburgen Brüssel- Berlin- Paris passieren um zu realisieren,dass ständiges Nachgeben nur immer neue Forderungen nach sich ziehen, zu Lasten solider Staaten versteht sich.Was soll das Festhalten auf biegen und brechen an der jetzigen unhaltbaren Euro Situation.Einer reduzierten Eurozone, mit Ökonomien auf gleicher wirtschaftlicher Ebene könnten auch andere Staaten,jetzt dem Euro noch fern,dann beitreten.Polen,Tschechei,Dänemark zum Beispiel.Je länger wir an dieser verfehlten Euro Konstuktion festhalten,um so teurer werden die Beerdigungskosten!!!
Doch verbissen wird an den verfehlten Weichenstellungen durch den Bruch der Maastrichtverträge im Mai 2010 festgehalten ,welche ausgerechnet von dem Bundespräsidenten am 22.Mai 2010 per Unterschrift abgesegnet wurde,welcher 1992 als Staatssekretär im Finanzministerium für die Einbringung der No-Bailout Klausel in den Maastrichtvertrag gesorgt hat. Mit seiner Unterzeichnung des “Gesetzes zur Euro Stabilisierung” wurde der deutsche Bundespräsident Köhler durch eine viel zu kurze Entscheidungsfrist quasi gezwungen um Kanzlerin Merkel nicht in den Rücken zu fallen, dieses Gesetz ohne einer diesen dreistelligen Milliardensummen angemessenen Bedenkzeit zu unterschreiben,was er dann auch aus Loyalität tat.Er, der Bundespräsident kontakarierte so seinen von ihm selbst geschaffenen wichtigsten Baustein Deutschlands im Maastricht Vertrag, ja, er wusste dass er ihn mit dieser Unterschrift elliminierte,so seinen Standpunkt der Staatsräson opferte,Diese Vergewaltigung im Amt nicht ertragend,führte meines Erachtens zu seinem plötzlichen fühzeitigen Rücktritt!
Warum erwähne ich dieses alles? Ich will damit nur aufzeigen,dass unserer Kanzlerin Merkel auf keinen Rücksicht nimmt,der ihren je nach Lage sprunghaft wechselnden Entscheidungen im Wege steht! Sie musste wissen was Sie von Köhler verlangte!Köhlers Rücktritt erfolgte dann nach einer Schamfrist von 7 Tagen am 31 Mai 2010.Hier blieb aufgrund von Vereinbarungen mit Frankreich,da dieses in Griechenland stark finanziell involviert war,mehr als Deutschland,der eigene Präsident zum Freundschaftserhalt des anderen Präsidenten auf der Strecke,
ein erbärmlicher Vorgang, Doch wenn man beobachtet,dass sich Frau Merkel
bei ihrer Politik der Übernahme exorbitanter Risiken für Andere zu Lasten Deutschlands anscheinend keinerlei Gedanken über ihren geleisteten Kanzlereid macht,begreift ihre machtorientierte Unsensibilität:
Machterhalt ist Merkels einzige Strategie und das ist für eine Demokratie zuwenig!
Sie zerstört im Gegensatz zu ihren Reden, so die ganze Vision von einem einigen Europa. Ständiges Umfallen kann doch nicht der Primat deutscher Politik sein!

Heiner Hannappel
Raiffeisenstrasse 63
56072 Koblenz
E-Mail:heiner.hannappel@gmx.de

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Grinario June 17, 2012 at 08:36

Jetzt darf Wolfgang Münchau auch noch zusätzliche Kommentare im Spiegel schreiben, es reicht nicht mehr die wöchentliche Kolumne. Das ist schon interessant, vor allem wenn man bedenkt, dass der Spiegel ja eigentlich “links” ist (Jakob Augstein ist ja “im Zweifel links”), aber Wolfgang Münchau ein lupenreiner Vertreter der britischen Zeitungs- und Bankenlandschaft ist (meiner Meinung nach). Der Kommetnar von Münchau ist m.E. auch schrill und aggressiv, die deutsche Politik oder Merkels Position als psychopathisch zu bezeichnen, weil nicht die völlig rückhaltlos die Gelder des deutschen Steuerzahlers zur Begleichung der Verschuldung der Euro-Südperipherie benutzt werden sollen, sondern wenigstens noch so etwas wie ein verfassungsrechtlicher Rahmen eingefordert wird, ist selbst schon psychopathisch. Der gute Mann ist seinen eigenen Apokalypse-Vorstellungen erlegen und tilt nun teilweise. Dabei versucht er die ungeheuerliche Anforderungen an die Deutschen zu verschleiern. Wenn er wenigstens ehrlich wäre, dann würde er einfach sagen, “die Deutschen müssen leider die Schulden der Pleitestaaten begleichen, das wird zur Folge haben, dass ihr Lebensstandard sinken wird, dass viele nötigen Infrastrukturprojekte in Deutschland nicht durchgführt werden können und dass viele deutsche Rentner ab 2010 in bitterer Arnmut leben werden, weil der dt. Staat kein Geld mehr hat, um die zu geringe Rente auszugleichen”. Aber das erzählt er natürlich nicht, statt dessen kommen solche Sprechblasen, die nur noch lächerlich sind:

“Was von Deutschland und von allen anderen 16 Euro-Ländern verlangt wird, ist nicht die Vergemeinschaftung von Schulden selbst. Es ist die Vergemeinschaftung unabsehbarer Risiken.”

Oder:
“Man erwartet von Angela Merkel keine Opfer, sondern lediglich die Bereitschaft, ein Problem zu lösen. Stattdessen sucht sie Zuflucht in langfristigen Themen wie die politische Union.”

Die Vergemeinschaftung unabsehbarer Risiken als verantwortliche Politik einer dt. Kanzlerin. Eine “Problemlösung”, die in weiterer unkontrollierter Ausschüttung von Geld an die Südperipherie zur weiteren Schuldenaufnahme besteht? Dem geht der A**** wirklich auf Grundeis, der ist in seiner Argumentation wirklich tief gesunken. Nicht das ich die Politik von Frau Merkel wirklich gut und zielführend finde, aber was Wolfgang Münchau da von sich gibt, ist nur noch Schwachsinn.

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Grinario June 17, 2012 at 08:38

“dass viele deutsche Rentner ab 2010 ”

Sollte natürlich heißen: “2020″

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Andreas Ludwig June 17, 2012 at 09:05

@Heiner Hannappel
Leider wird unser Land genau die wieder wählen, die jetzt da sind. Egal welche der etablierten Parteien. Fakt ist auch, das alle diese Parteien in den letzten 20 Jahren maßgeblich an dieser Situation in der wir jetzt stecken beteiligt waren. Jede mehr oder weniger ein bisschen. Das einzigste was der Bürger sofort erfährt wenn er das Radio einschalten, ist was über das Betreuungsgeld. Das ist wahnsinnig wichtig. Vielleicht fährt Deutschland ja noch vor den Wahlen gegen die Wand. Dann wird es für alle Parteien brenzlig. Und dann bekommen wir griechische Verhältnisse und unsere Demokratie ist in Gefahr.Letztendlich gebe ich denen recht, die sagen wir sollten alles auf null stellen. Nur so bekommen alle wieder die gleiche Chance. Wenn das nicht passiert, gibt es irgendwann Krieg. Und davon sind wir nicht weit entfernt. Und wenn der finanzielle Zusammenbruch Deutschlands kommt, dann wird bei vielen der Federkern des Sofas nachgeben und die ungläubigen Gesichter werden dort am Fernseh verfolgen, das ihr Harz4 leider nicht mehr ausgezahlt werden kann. Und so lange wie 500 zum protestieren gehen und 400.000 zum public view, brauchen wir nicht mehr weiter reden über die Allgemeine Teilnahme der Bevölkerung am Geschehen. Es ist auch schwierig einer Bevölkerung klar zu machen, das das was sie heute in den s.g. Qualitätsmedien sieht, so nicht mehr stimmt. Es war doch immer so, das man das konnte mit Verlässlichkeit. Das eine Demokratie nach Jahrzehnten, mit freiem Journalismus sich drehen könnte, das kommt in den Gedanken der Bevölkerung nicht vor. Wir wollen für uns alle hoffen, das vieles sich wieder einrenkt. Wenn nicht, sitzen wir alle bei Stärke 8 auf der Richterskala des Finanzbebens, wieder im Wald.Gruss

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HaPennyBacon June 17, 2012 at 13:09

Die Angst auch nur eine Kleinigkeit zu verlieren ist wesentlich, größer als die Hoffnung etwas zu gewinnen. Von daher ist es schon erklärbar, warum die dummen Lämmer permanent ihre Metzger selber wählen.

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Tom June 17, 2012 at 15:53

Die Qualität der Medien erkennt man schon daran, dass sie für die öffentliche Aufführung von Sportveranstaltungen auf Grossbildschirmen von “Public Viewing” reden. Dieser Begriff steht hier in den USA für die öffentliche Aufbahrung von Toten.
Die Dummheit der Massen drückt sich dann eben in der kritiklosen Übernahme eines solchen Schwachsinns aus.
Einrenken, lieber Andi, wird sich indessen gar nichts! Da folgt die Menschheit strikt den Murphy’schen Gesetzen. Ich brauch nur anschauen, womit sich einige meiner “Freunde” bei FB beschäftigen, und dies, obwohl sie auf Grund einiger meiner Postings aufgeklärter sein müssten als andere…

Gruss
Tom

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Andreas Ludwig June 17, 2012 at 09:10

@Grinario
Das dir das jetzt erst auffällt mit dem Münchau. Der schreibt doch schon seit 4Jahren blödsinn. Gruss

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Grinario June 17, 2012 at 09:46

Der war schon immer m.E. ein Vertreter der Bankeninteressen, der Londoner City. Aber früher hat er immerhin noch argumentiert im Rahmen seiner makroökonomischen Theorien. Sein Buch über die amerikanische Immobilienkrise ab 2007 ist sogar relativ lesbar, eigentlich nicht schlecht.
Aber was er im Zuge der sich verschärfenden Krise von sich gibt, wird langsam wirklich pathologisch. Und es ist schon interessant, auf welchen Plattformen er es inzwischen tut: FT, FTD + (!) Spiegel Online.
Der steigert sich langsam aber sicher in seine antideutschen Tiraden

(“Und so warne ich davor, deutsche Rationalität in der Debatte zu überschätzen.”)

und seine eigenen Apokalypsevorstellungen rein

“Was von Deutschland und von allen anderen 16 Euro-Ländern verlangt wird, ist nicht die Vergemeinschaftung von Schulden selbst. Es ist die Vergemeinschaftung unabsehbarer Risiken. Ohne diese ist die Lage aussichtslos.”

und bekommt dafür auch noch jede Menge Veröffentlichungsraum (in dieser Woche hat er ja schon zwei Kommentare im Spiegel platziert).

Seine Argumentation wird in seinem letzten Artikeln immer unsauberer. Einerseits sagt er, es gehe nur um eine Problemlösung, redet aber gleichzeitig von aussichtslosen Lagen (neue Weltwirtschaftskrise), in die wir angeblich geraten, wenn Deutschland nicht spurt und das “Problem” in Münchaus Sinne löst. Er verlangt von Deutschland angeblich keine Vergemeinschaftung von Schulden, sondern nur die Vergemeinschaftung “unabsehbarer Risiken”. Toll, wir sollen für unabsehbare Risiken haften. Genau das darf doch keine dem Wähler verantwortliche Regierung machen. Das Problem ist doch, dass Leute wie Wolfgang Münchau für die Demokratie, wie wir sie verstehen, nichts mehr übrig haben, seit sie gemerkt haben, dass die Interessen der Londoner City nicht mehr gewährleistet sind. Technokratenregierungen in Griechenland, Italien und am liebsten überall und ansonsten Regierungen, die “Probleme” lösen, sich aber um den Willen der Wähler nicht mehr kümmern. Dafür steht m.E. inzwischen Wolfgang Münchau, und das ist armselig.

So, genug aufgeregt und abgekotzt.

Einen trotzdem schönen Sonntag.

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Tempa June 17, 2012 at 09:19

“Wie gefährlich muss eine solche Krise eigentlich werden, damit sich die Regierungschefs endlich zusammen in ein selbst gewähltes Arbeitslager begeben und solange nicht herauskommen, bis sie uns einen überzeugenden Fahrplan präsentieren können ?”

Clausewitz benannte ein Problem, das man dem strategischen Überdehnungs-Themen zuordnen kann, als Friktion.
Er drückte es als das, was „den wirklichen Krieg von dem auf dem Papier unterscheidet“, aus. Es sind Reibungsverluste und Störungen im Handeln militärischer Einheiten und in ihrem Zusammenwirken zB aus Gründen des Zustandes der Truppe, des Wetters, des Geländes oder auch der Zwistigkeiten zwischen den Befehlshabern, „so dass Kombinationen, die man mit Leichtigkeit auf dem Papier entwirft, sich nur mit großen Anstrengungen ausführen lassen“.

Für Clausewitz wäre die Konstruktion der EU, vor allem ihr derzeitiger Zustand ein Alptraum in Sachen Friktion gewesen. Der griechische, riesige und völlig unfähige, korrupte Beamtenaparat, verflochten mit streikbereiten und mächtigen Gewerkschaften, verflochten mit korrupten oder radikalen politischen Parteien und lokal segmentiert ist ja offensichtlich von vor Ort nicht kontrollierbar und reformierbar. Das grosse Spanien mit seinen Regionen und Lokalpolitikern und seinem zusammengebrochenen Wachstumsmotor “Bauwirtschaft”. Das grosse Italien mit seinem schwachen Süden, in denen die Mafia-Familien gebietsweise mehr Einfluss haben als Parteien. Länder wie Rumänien und Bulgarien mit ihrer schwachen Wirtschaft,Korruption und absehbarer demographischer Probleme.
Es fehlt in Einzelstaaten wie Griechenland an res publica, an Gemeinschaftsgeist. Dem gesamten Gebilde EU ist ebensowenig res publica beizubringen. Ein zentrale Strategie wird aufgrund der lokalen Situationen aufgrund der erwähnten Friktion scheitern. In Griechenland, Spanien sieht man ja alles als “Diktat” und Widerstand sei legetim und sogar Pflicht. Ohnehin darf an der Weisheit und Kompetenz der “zentralen Planer” gezweifelt werden.

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Tempa June 17, 2012 at 14:28

Ach ja, um die Problematik der Friktion am griechischen Beispiel zu verdeutlichen, hier einige Auszüge aus einem Welt-Artikel.
Anscheinend hat das 10 Millionen Volk etwa 1 Million Staatsbedienstete, von denen viele nicht qualifiziert, nicht reformwillig und, im Falle einer Kündigung, nicht vermittelbar sind. Dazu kommt ja auch der notwendige Aufbau der griechischen Wirtschaft, die keinerlei Basis hat. Und das ist nur ein kleiner, europäischer Flecken mit 10 Millionen Einwohnern. Der östereichische Finanzminister aD, Androsch, sprach letztens von ein paar Jahren, die man Griechenland geben muss. Erschreckend, wie realitätsfern inzwischen die offiziellen Beurteilungen der Lage klingen.

“Das Rezept des Populisten war einfach: Potenzielle Wähler wurden Beamte oder Staatsangestellte. “Noch 1984 hatte Griechenland nur etwa 250.000 Beamte”, sagt Panagiotis Karkatsoulis, Abteilungsleiter im Ministerium für Verwaltungsreform.
“Papandreou verdoppelte ihre Zahl fast – auf 450.000. Zudem wurden Dutzende verlustbringender Firmen verstaatlicht und ihre Mitarbeiter ebenfalls aus der Staatskasse bezahlt.” Nachfolger Simitis bringt die Zahl der Beamten und Staatsangestellten auf 650.000; unter seinem konservativen Nachfolger Konstantin Karamanlis steigt ihre Zahl bis Ende 2009 auf deutlich über eine Million.

“Nach zwei Jahren wirft Spinellis das Handtuch. Sein Fazit: “Unfähigkeit und Korruption sind so verbreitet, dass Griechenlands Steuerdienst nicht reparaturfähig ist. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, müssen wir eine völlig neue Struktur aufbauen.” Das wird in Athen nicht gern gehört. Die Gewerkschaft der Finanzbeamten verklagt Spinellis wegen Verleumdung ihres Berufsstandes.”

“Auch Minister scheitern am Widerstand des Apparates. Vor seiner Zeit als Transportminister lässt Innenminister Ioannis Ragkousis 2010 erstmals zählen, wie viele Beamte Griechenland bezahlt, und weist alle Behörden an, überflüssige Posten zu melden. Viele Stellen antworten gar nicht erst. Im Mai 2011 versucht Ragkousis, bis zu 130.000 Beamte zu versetzen und Dienststellen neu zu ordnen. Doch wegen zunehmender Proteste schiebt Regierungschef Papandreou Ragkousis ins Transportministerium ab.”

“Die Feldforscher finden einen zersplitterten, technisch und fachlich großteils zurückgebliebenen und gleichzeitig überbesetzten Apparat vor. 99 Prozent der Ministerialoutputs bestehen aus Vorlagen, Rundschreiben, Entwürfen und Gesetzen – nur ein Prozent aus konkreten Aktionsplänen.”

“Verwaltungsreformer Karkatsoulis beschreibt auch das Erbe der Klientelpolitik. Es wimmelt von Vize- oder beigeordneten Ministern und mehr als 1000 politischen Beratern allein für die Regierung. Viele Beamte haben bestenfalls einen Hauptschulabschluss. “Es sind Träger, Boten, Putzfrauen, Hausmeister. Sie stellen 40 Prozent des Personals – und wir reden wohlgemerkt über die Ministerien”, sagt Karkatsoulis. “Auf regionaler Ebene oder in den Dörfern sieht es noch viel schlimmer aus. Diese Leute sind meist über 55 Jahre alt und werden oft für nichts bezahlt. Aber wenn sie entlassen werden, enden sie in der Hölle – auf dem freien Arbeitsmarkt kann sie niemand gebrauchen.”

http://www.welt.de/wirtschaft/article106613106/Warum-in-Griechenland-seit-Jahren-alles-stockt.html

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Andreas Ludwig June 17, 2012 at 10:23
Grinario June 17, 2012 at 17:26

Ja, guter Hinweis.

Allerdings ist Münchau schon etwas höher in der Hierarchie, er ist nach meinen Informationen auch Herausgeber der FTD.

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