Griechen, Gipfel, Geldhüter: Eine gespickte Woche, die nicht allzu viel verspricht

by markusgaertner on 18/06/2012 · 8 comments

IKONE_EUROPA

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An den Finanzmärkten in Asien und Nordamerika sorgte der Wahlausgang in Griechenland gestern Abend nur kurz für Freudensprünge. In der Nacht auf Montag machte der Euro einen Satz über die Marke von 1,27 zum Dollar. Die DOW Futures legten – ebenso wie die vorbörslichen Kurse im S&P 500 – über ein halbes Prozent zu. Die vorbörslichen Ölnotierungen kletterten 1,3%. Wichtige Asien-Indizes wie der Nikkei 225 und Südkoreas Kospi konnten über 2% zulegen.

Das alles wegen des Wahlsieges der Neuen Demokratischen Partei von Antonis Samaras und dessen Zitat, das in der Nacht in allen amerikanischen Medien oft wiederholt wurde: “Das griechische Volk hat heute dafür gestimmt, den europäischen Kurs fortzuführen und in der Eurozone zu bleiben.” An den Kapitalmärkten waren die ersten Reaktionen fast ausnahmslos positiv. “Heute werden sich die Börsen durchweg erleichtert zeigen”, so der japanische Analyst Masayuki Doshida beim Brokerhaus Rakuten Securities.

Fast verflogen schienen für kurze Zeit die Ängste, die die Finanzmärkte seit Tagen in Atem hielten: Das Ausscheiden der Griechen aus der Eurozone, ein Run auf die Banken in Griechenland und Spanien, ein Übergreifen der Schuldenkrise auf Italien mit eskalierenden Renditen für Staatsanleihen – und schließlich ein Chaos an den globalen Börsen.

Mark Blythe, Professor für internationale Ökonomie an der Brown University in Rhode Island, hatte am Wochenende den Euro sogar als “verdammte Untergangs-Maschine” gebrandmarkt, die der US-Erholung einen tödlichen Stoß von außen versetzen könne: “Amerikanische Banken könnten bis zum Hals in Kreditausfall-Versicherungen stecken, wir wissen das gar nicht, das Drama könnte auf verschiedenen Kanälen wie die amerikanischen Geldmarktfonds, die 15% ihres Anlagevmögens von 2.500 Milliarden Dollar in Europa investiert haben, zu uns herüber schwappen.”

Mehr noch: Die New York Times hatte am Samstag vor der Wahl in Griechenland auf ihrer Webseite groß eine Euromünze mit einer glimmenden Zündschnur gezeigt, ein Bild das ein Auseinanderfliegen der Eurozone symbolisieren und die mögliche Gefahr eines Finanz-GAUs an die Wand malen sollte. Diese Angst scheint nach der zweiten Wahl binnen sechs Wochen in Griechenland nur auf den ersten Blick kurzzeitig verflogen.

Doch in Wirklichkeit wurde sie nicht gedämpft. Schon wenige Stunden nachdem das Ergebnis der Wahl in Griechenland weitgehend feststand, kamen die Zweifel zurück, gaben die Futures wieder nach: Der Euro sank zurück unter die Marke von 1,27. Die Aktienindizes in New York waren lediglich noch 0,3% im Plus.

Sofort schlichen sich wieder die bekannten Ängste ein: Vor einem Abflauen der globalen Konjunktur, vor den Konjunktur- und Schuldenproblemen in Italien und Spanien, vor dem Streit, der am Wochenende auf höchster politischer Ebene zwischen Berlin und Paris ausgebrochen war. Und vor den monströsen Aufgaben, die eine neue Regierung in Athen vor sich hat. “Wir sind kurzfristig trotz der Wahl nicht bullisch, was Europa angeht”, sagt zum Beispiel der Investmentstratege Jeremy DeGroot bei Litman Gregory in Larkspur, Kalifornien.

“Der Ausgang der Wahl in Griechenland ist nur unter den realistischen Szenarios das beste Ergebnis”, sagt auch Alberto Gallo, Analyst bei der Royal Bank of Scotland. Viele Kommentatoren und politische Beobachter außerhalb Europas haben die Wahl in Griechenland schon wieder abgehakt, bevor noch die letzten Stimmen ausgezählt sind und das Ergebnis amtlich bestätigt wurde.

Natürlich müssen die jetzt das zweite Rettungspaket neu aushandeln”, sieht Paul Donovan bei der UBS vorher. “Die neue Regierung – und Europa als Ganzes – haben jetzt einige sehr schwierige Entscheidungen vor sich”, sagt auch der Portfolio-Manager Todd Lowenstein bei Highmark Capital Management in Los Angeles. “Es bleiben riesige Herausforderungen, und nächste Woche am Dienstag und Mittwoch tagt auch noch der Offenmarkt-Ausschuss der US-Notenbank (Fed)”, fügt die Vermögensberaterin Belinda Allen bei Colonial First State Global Asset Management in Sydney hinzu.

Wie große Wall Street-Banken die nächsten Wochen sehen, das machte am Wochenende die Citigroup in einem Research-Papier überaus deutlich: “Unserer Ansicht nach wird die Haltbarkeit jeder griechischen Regierung begrenzt sein, weil es große Hürden gibt, vor allem den öffentlichen Widerstand gegen die Sparpolitik sowie die Opposition organisierter Interessen gegen Struktur-Reformen.” Das sind Zweifel, die auch in Mexiko geäußert wurden, wo heute und morgen die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer ihren G20-Gipfel abhalten.

Während die Stimmen in Griechenland noch ausgezählt wurden, war der Chef des Institute for International Finance, Charles Dallara, bereits am Tagungsort in Mexiko eingetroffen: “Die Welt hat sehr schwierige Zeiten vor sich, sowohl wirtschaftlich, als auch finanziell, sozial und politisch”, sagte Dallara, “wir brauchen wieder weltweit koordinierte Aktionen.”

Auch IWF-Chefin Christine Lagarde wurde im mexikanischen Badeort Los Cabos, wo die G20 heute und morgen tagen, überaus deutlich, als sie Topmanager aus den 20 führenden Industrie- und Schwellenländern in einer Rede adressierte: “Seien sie in Ihren Gesprächen mit den Politikern hier schonungslos offen, skizzieren Sie ganz deutlich Ihre Prioritäten, die erfüllt werden müssen, um das Vertrauen der Märkte wieder herzustellen.”

Aufmerksam registriert wird in den USA die erste Reaktion von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die nach der Wahl in Griechenland erklärte, sie erwarte von den Hellenen, dass sie zu ihren Reformversprechen im Bailoutpaket stehen. Jetzt, da sich Griechenland für Europa entschieden habe, so das erste Echo im US-Blätterwald, richteten sich alle Scheinwerfer auf Deutschland, um zu sehen, welche Zugeständnisse man den Hellenen machen könne. “Deutschland hat die Macht, die Geldunion zu retten, wenn es will”, erklärt der Wirtschaftsforscher Sebastian Mallaby beim US-Council on Foreign Relations, “ein Auseinanderbrechen der Eurozone wäre eine optionale Katastrophe, die nicht sein muss.”

Mehr dazu heute in meinem Stück im Manager Magazin

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{ 7 comments… read them below or add one }

PetMol June 18, 2012 at 08:25

Das einzig Interessante bei den 2 aufeinanderfolgenden Wahlen ist doch, daß Syriza von 4,9% (2009) über 15,5 (Mai 2012) nun bis auf 26,9% gekommen ist. Allerdings haben ja viele ja schon im Vorfeld vermutet, daß Syriza zwar in Opposition zu ND stark werden will, aber Alexis Tsipras keine Regierungsverantwortung übernehmen will. Insofern hat er richtig taktiert, da die ND wieder die stärkste Partei geworden ist.
Den Mut, mit dem alten Schlamassel wirklich von der Wurzel her zu brechen, haben die Griechen nicht aufgebracht. Das Leiden in altbekannter politischer Umgebung wird also weitergehen. Mal sehen, wann die nächste zur “Schicksalswahl” hochstilisierte Runde in Griechenland anstehen wird. Vielleicht ist dann die Frage ob Euro oder nicht schon anderswo entschieden worden.

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Nepumuk June 18, 2012 at 11:56

Es ist noch nicht alles verloren in Hellas…

Denn die PASOK hat verlauten lassen, das sie einer Regierung nur beitreten will wenn auch die SYRZA sich daran beteiligt.

Die hat aber schon iner der Wahlnacht abgewunken.

•PASOK official Anna Diamantopoulou said that PASOK would not join a coalition government without SYRIZA.
•PASOK considers citizens have downvoted the party’s policies therefore it can not join a pure ND-PASOK government.

http://www.zerohedge.com/news/pasok-throws-monkey-wrench-coalition-discussions

Alles bleibt also spannend.

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Marco June 18, 2012 at 14:05

Nach der Griechenwahl ist in den Kommentaren der Mainstream-Medien heute der “Hätte-hätte-hätte-Tag”.

Z. B.

http://www.focus.de/finanzen/news/staatsverschuldung/die-griechen-wahl-loest-keine-probleme-haetten-wir-die-griechen-bloss-laengst-rausgeschmissen_aid_768894.html

Noch am Wahltag hat der Focus Panik vor einem Sieg von Syriza geschürt:

„Sollte die Syriza gewinnen, wäre das eine massive Belastung für den Euro“…usw. usw.

Ja was denn nun? Auf einmal wäre es das beste gewesen, wenn Syriza gewonnen “hätte”.
Wie soll man sowas bewerten? Wissen die nicht, was sie wollen? Ist das jetzt der neue Standard (ich häng mein Fähnchen in den Wind)? Steckt da System dahinter (totale Verblödung der Leser)?

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vlk June 18, 2012 at 14:37

Auflage generieren um jeden Preis..

Je mehr neue Artikel desto mehr Leser ( klicks ) und desto mehr Werbeeinnahmen…

Qualität gibt es da schon lang nimmer

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Tom June 18, 2012 at 15:25

“Deutschland hat die Macht, die Geldunion zu retten, wenn es will”, erklärt der Wirtschaftsforscher Sebastian Mallaby…..

Angesichts solcher Worte weiss man nicht, ob man lachen oder heulen soll. Was für eine Wirtschaft erforscht dieser Mann eigentlich? Die “ewig-exponentiell-wachsende-Märchenwirtschaft”?
Das Geseimel der “Eliten” und ihrer Handlanger von den “freien” Medien liest sich mittlerweile wie die Durchhalte-Propaganda der SED-Ideologen, mit denen man das Volk in der DDR bei der Stange halten wollte.

Man kanns eigentlich kaum noch ertragen. Wieviel EURO-”Rettungen” haben wir jetzt bereits hinter uns? 50? 100?
WANN, frag ich mich, wollen all die Damen und Herren “Analysten”, “Chef-Volkswirte”, “Wirtschaftsforscher” und wie sich dieses Gesindel sonst noch so nennt und ihre Gesinnungsgenossen aus der Politik mals anfangen, der Schafherde die Realität zu verklickern? Oder behalten die “Verschwörungstheoretiker” Recht, die da behaupten, es ziele am Ende Alles daruf ab, Deutschland ein für allemal am Boden liegen zu sehen, auf das es sich nie wieder erhole? Oder sind die wirklich alle derart bekloppt, dass sie an das glauben, was sie da von sich geben und tun? Oder ist es die pure Verzweiflung? Egal, denn auf alle Fälle ist das, was da abläuft ein Verbrechen gegenüber all den den Menschen, die Alles verlieren werden, wenns knallt.

Gruss
Tom

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Marco June 18, 2012 at 18:25

Die Mehrheit glaubt zumindest das, was da verzapft wird.
Beispiel heute Betriebsversammlung in meiner Firma. Der Auftragseingang ist so mies (ich kenne die Zahlen), dass die Geschäftsführung einfach mal gar keine konkreten Zahlen genannt hat. Nur dummes Gelaber: “Wir fahren auf Sicht…”. Kurzarbeit nach den Sommerferien ist in Vorbereitung. Man glaubt aber nicht, dass das kommt, da China (der Auftragseingang ist in den ersten beiden Quartalen bei uns rapid eingebrochen) sich ganz bestimmt in den nächsten Monaten mindestens genau so schnell wieder erholt…(woher sie das nur wissen) blablabla. Dabei wird China zum größten Teil von unserem neuen Werk in China aus beliefert. Hat fast keine Auswirkungen auf unsere deutschen Werke. Also alles nur Blendgranaten. Null konkretes.

Vorhin war ich auf der Einführungsveranstaltung für Regionalgeld in meiner Stadt und habe mal ein paar Euro in Regionalgeld umgetauscht. Die meisten Leute, die da waren haben aber nicht ansatzweise wie dieses fließende Geld im Gegansatz zum verzinsten Geld funktioniert (trotz guter Erklärungen und Aufklärungsarbeit seitens des Vereins). Dementsprechend sind dann auch wieder die meisten gegangen, ohne überhaupt mal was umzutauschen und so einem regionalem Projekt (hinter dem verdammt viel Arbeit steckt) auch nur die geringste Chance zu geben, sich zu bewähren. Wo kein Wille, da kein Weg. Leider.

Auf deine Frage “sind die wirklich alle bekloppt” kann ich leider nur antworten, dass diese Politiker mit ihren ganzen “Rettungen” schlicht und einfach das tun, was für sie der Weg des geringsten Widerstands ist und was sie den meisten Menschen mit irgendwelchen hohlen Phrasen auch mehr oder weniger irgendwie verklickern können. Damit will ich sie jetzt auf keinen Fall in Schutz nehmen (wenn mehr von ihnen einen Arsch in der Hose hätten, dann würden Leute wie Frank Schäffler nicht so auf verlorenem Posten kämpfen). Aber leider neigen die meisten Menschen nun mal dazu, den Weg des geringsten Widerstandes zu nehmen. Deswegen wird sich dieses Gemetzel vielleicht auch noch über so einen langen Zeitraum hinziehen, wie wir ihn uns aus heutiger Sicht vielleicht gar nicht vorstellen können. Ich hoffe das zwar nicht, aber irgendwie haben mich die letzten Jahre gelehrt, dass schlicht und einfach nichts unmöglich ist in diesem System.

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tomtom June 18, 2012 at 23:59

“Deutschland hat die Macht, die Geldunion zu retten, wenn es will”, erklärt der Wirtschaftsforscher Sebastian Mallaby beim US-Council on Foreign Relations

Retten ? Eine Währung ? Und zu welchem Preis ? Aufgabe der Souveränität ? der Verfassung ? der Menschen ? der Infrastruktur ? Ist das die Rache für den WK2 oder was ?
Die “Geldunion” ist entstanden aus der Ungeduld, das die Wiedervereinigung in der Kanzlerphase “Kohl” zu geschehen habe. Dabei hätte man die Wiedervereinigung nicht niemals verhindern können, eben nur 10+ Jahre später – weil: Volkes Wille lässt sich nicht auf Dauer aufhalten! – Wann begreifen das diese Karrierepolitiker endlich ? (Wehner und Strauss waren die letzten echten Vollblut Politiker in der BRD! Bei denen hätts diesen Scheiss nicht gegeben!).
Und Volkes Wille sagt schon einige Zeit: Euro ist schlecht für uns! Er macht uns arm!

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