Spaziergang am Ende eines Zeitalters – Wer rettet uns jetzt noch ?

by markusgaertner on 19/06/2012 · 26 comments

Jim_Linwood,_flickr

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Seit dem Wochenende sammle ich Links zu interessanten Analysen über die Vorgänge unserer Tage: Schuldendramen, die Einschränkung bürgerlicher Rechte, korrumpierte Politik, die Karriere des Euro vom Friedensstifter zum Streitobjekt, Forderungen an und Kritik für die Deutschen, entfesselte Banker, die Ideologisierung der Religion und der Wissenschaften, die Aufheizung des Klimas ….

Die Liste ist so lang geworden, dass ich jetzt sofort schreiben muss, bevor die Leiste aufgeschlagener Webseiten in meinem Explorer den Mond erreicht und meinen PC endgültig lahmlegt.

Wie stark unser Vertrauen und unsere Zuversicht  in politische Führung, Institutionen und Märkte beschädigt wurden, sieht man unter anderem an der Rekordzeit, in der die Wahl in Griechenland am Sonntag Abend zu den Akten gelegt wurde. Alle reden jetzt über Spaniens Renditen und sonstige Probleme sowie über Angela Merkels NJET.

Dass die Regierungsbildung in Athen schon wieder länger zu dauern droht als am Sonntag vollmundig angekündigt, ist nur noch wenige Kommentare wert. Warum auch, wenn Spanien seit heute ökonomisch und sozial halsbrecherische Renditen von deutlich über 7% zahlen muss. Kein Staat hält das aus. Erst recht nicht, wenn er aus so schwacher Position kommt.

Hier die versprochenen Links, mit kurzen Bemerkungen. Es ist eine Galerie von sehr beunruhigenden Analysen und scheinbar übertriebenen Essays und Berichten. Aber sie spiegeln die Gedanken, die uns alle hier ständig beschäftigen.

1 William Greider beschäftigt sich in THE NATION mit der gefährlichen Erosion der amerikanischen Demokratie. Den Europäern attestiert Greider, dass der Druck zur Problemlösung inzwischen so groß ist, dass durchaus etwas langfristig Positives entstehen könnte. Den Amerikanern empfiehlt er dagegen: “Hold your Schadenfreude.”

Greiders Eingangs-Feststellung: Americans are clucking righteously over the financial mess in Europe, acting alarmed but privately finding pleasure in the other guy’s misfortunes. Poor, poor, pitiful Europeans. Why can’t they be more like us? American punditry assures us the end is nigh for the euro, with the slow-motion breakup of the European Union bound to follow. Now American politicians have someone to blame if the US economy goes off the rails. U-S-A, U-S-A, U-S-A.

2 Der Finanzjournalist Charles Gasparino schreibt in der NEW YORK POST über “Morgan´s großes Geheimnis”, ein vertraulicher Bericht, der lediglich ausgewählter Kundschaft wie Hedgefonds zugänglich gemacht wurde.Die konnten und können mit diesen Details gezielt gegen die Anleihen einzelner US-Städte wetten, die gleichzeitig von Wall Street-Banken wie JP Morgan gegen fette Gebühren beraten werden, was man gegen solchen Bond-Vandalismus unternehmen kann.

In dem Papier steht laut Gasparino, dass die Verbindlichkeiten im US-Pensionssystem vier Mal so groß sind wie offiziell angegeben. Natürlich ist die selektive Verbreitung eines solchen Informationsvorsprungs kein Insiderhandel, wie wir seit dem Facebook-IPO wissen. In der Geldzunft sieht man darin eher cleveres Marketing.

O-Ton Gasparino: I got my hands on the report not from an disgruntled employee looking to even up the score with his old firm, but from someone who believed the reason JP Morgan kept it a secret stinks to high heaven: Bankers there are afraid of upsetting state and city officials who hand them large fees to underwrite municipal bonds.

3 Boris Johnson schreibt im TELEGRAPH über Europas drohenden Rückfall ins demokratische Mittelalter. Seine These: Wenn Brüssel in Griechenland das ökonomische Ruder in der Hand hält, werden die Lehren der Geschichte nicht beachtet. Johnson hält es für “eine der tragischen Selbsttäuschungen der Menschheit”, dass es kollektiven Fortschritt geben soll. Weil auch die europäische Einigung und Integration als solches Konzept verstanden wird, opfert man auf ihrem Altar trotz besseren Wissens die Griechen.

O-Ton Johnson: And now look at what is being proposed in Greece. For the sake of bubble-gumming the euro together, we are willing to slaughter democracy in the very place where it was born. What is the point of a Greek elector voting for an economic programme, if that programme is decided in Brussels or – in reality – in Germany? What is the meaning of Greek freedom, the freedom Byron fought for, if Greece is returned to a kind of Ottoman dependency, but with the Sublime Porte now based in Berlin?

4 Ex-Arbeitsminister Robert Reich fragt im eigenen BLOG, warum die Erholung der US-Konjunktur im ersten Gang bleibt und keine Fahrt aufnehmen kann. Seine Antwort: Weil die Reichen des Landes dank der immer weiter klaffenden Einkommensschere die Mittelklasse ausgesaugt haben. Zum Beleg führt Reich einen neuen Bericht der US-Notenbank an, der in der vorigen Woche ziemliche Wellen schlug.

O-Ton Reich: The major reason this recovery has been so anemic is not Europe’s debt crisis. It’s not Japan’s tsumami. It’s not Wall Street’s continuing excesses. It’s not, as right-wing economists tell us, because taxes are too high on corporations and the rich, and safety nets are too generous to the needy. It’s not even, as some liberals contend, because the Obama administration hasn’t spent enough on a temporary Keynesian stimulus.

5 David Michael Green beschäftigt sich in COMMON DREAMS mit dem Niedergang der USA. Er selbst sei in den 70er Jahren politisch mündig geworden und sein ganzes Erwachsensein habe daraus bestanden, staunend zu beobachten, wie die Säulen des Fortschritts beseitigt worden seien: Ein Land mit gleichen Rechten und Möglichkeiten, dem New Deal und der Great Society mit ihrer Mittelschicht und einem Mitgefühl für die Schwachen in der Gesellschaft sei zerfallen. Heute komme ihm seine Heimat wie ein fremdes Land vor.

O-Ton Green: Who knows? What we can be sure of, however, is that what was once a great and promising idea as much as a nation is now decrepit to the core, and rapidly rotting away, and that these wounds are entirely self-inflicted. That, for me, is the kicker. The Soviets didn’t invade and take us over. We didn’t succumb to some raging virus like the Black Plague. A meteor didn’t blast a hole in the middle of North America. We just killed the goose ourselves, through a toxic mix of greed, laziness and stupidity

6 Der Buchautor John Atcheson beschäftigt sich mit der amerikanischen Politik und sieht nicht nur ein Ende des Zeitalters der Aufklärung kommen, sondern auch den Beginn einer neuen dunklen Ära. Die beiden großen Entwicklungen, die den Unterschied zwischen dem “dunklen Mittelalter” und der modernen Ära gemacht hätten, seien nun bedroht: Das empirische Verständnis der Wissenschaften sowie der soziale Kontrakt moderner Gesellschaften, die auf dem Verständnis von John Locke basieren, dass Regierungen ihre Macht aus dem Volk beziehen und nur im Einverständnis (Konsens) mit den Regierten legitim sein können.

Beide Prinzipien – das Wissenschaftliche und der Gesellschaftsvertrag – seien großer Gefahr ausgesetzt.

O-Ton: Atcheson: And the descent into the Dark Ages is marked by more than global warming. Take austerity budgets. There is an extensive historical record showing that implementing austerity measures in an economic slowdown is counter productive. And this data is backed up by current experience in Europe, where austerity measures have been disastrous. So the data is telling us austerity during a jobs crisis hasn’t worked in the past and isn’t working now. What to do? Pass an austerity budget, of course. Welcome to the Dark Ages.

7 Der College-Lehrer und Buchautor Paul Buchheit ist Anhänger der Zyklentheorie der Geschichte: Alle 75 Jahre Revolution oder Krieg – so geht es seit der französischen Revolution, dann den Aufwallungen des amerikanischen Bürgerkrieges und der industriellen Revolution, schließlich der Großen Depression und der aktuellen Dauerkrise. Buchheit erwartet, dass die Übertreibungen der vergangenen Jahre – einschließlich der grotesken Einkommensunterschiede – erneut zu Aufruhr und Revolution (gegen die Plutokratie) führen werden.

O-Ton Buchheit: The face of plutocracy has changed, but not the consequences. Just before the French Revolution, Paris and London were dismal places for the masses, with islands of unimaginable splendor for aristocrats, who, like the multi-millionaires of today, found it hard to relate to the commoners … Today the two cities could be Los Angeles and Chicago, both among the ten most unequal metropolitan areas in the United States. Instead of lords and noblemen, we have CEOs and hedge fund managers. The economic injustices are fashioned in more civilized ways. Insidious ways.

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