“Mayday, Mayday, 2. Triebwerk ausgefallen” – Tower an Pilot: “Sie haben gar kein 2. Triebwerk”

by markusgaertner on 02/07/2012 · 17 comments

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Kurzer Dialog aus einem Katastrophen-Cockpit. Pilot (hochroter Kopf, Schweißperlen) an technischen Offizier: “Engine One Down.” – Technischer Offizier (Schluckt, kreidebleich): “Confirmed.” – Pilot (gereizt, jetzt auch bleich) zurück: “Status on Engine Two …” – Technischer Offizier (maßlos staunend, im Handbuch blätternd): “What ?, There is no Engine Two !!” – An dieser Stelle reißt die Kommunikation in der Black Box ab. Der Jet wird später im Atlantik gefunden.

Dieser Dialog fiel mir ein, als ich am Sonntag Abend darüber nachdachte, wie ich sinnvoll die Nachrichten des Wochenendes zusammen fassen könnte. Die Analogie ist natürlich völlig schräg. Jeder Pilot kennt die Zahl der Triebwerke in seiner Maschine. Zweitens: Große Verkehrsjets mit nur einem Triebwerk sind mir nicht bekannt.

Und doch hat diese imaginäre Situation so viel mit dem europäischen Schuldendrama und der Weltwirtschaft zu tun. Im Cockpit herrscht Verwirrung. Die Maschine befindet sich eindeutig in einer Notsituation. Ein Strömungsabriss droht. Und einen Plan B scheint es nirgends zu geben. Vor allem nicht in Deutschland.

Darüber macht sich am Sonntag die New York Times lustig. In Anspielung auf das verlorene Italien-Spiel am Donnerstag wird dort gefragt: “What now, Frau Merkel?”, und es wird festgestellt: Huch, Deutschland hat gar keinen Plan B. Währenddessen steuere die größte Volkswirtschaft Europas geradewegs auf eine Rezession zu, während wichtige Indizes in den freien Fall übergingen:

Without a scoreboard’s precision or a referee’s play-stopping whistle, the evidence says that Germany is moving in the direction of a recession, faces palpable international concern about its public debt and the solidity of its banks, and, no longer infallible or triumphant (but rather like a senior partner in shared misery), must develop a more flexible approach in leading Europe.

Und was hören wir zur gleichen Zeit aus China ? – Andy Xie, der hier allseits bekannte Ökonom in Shanghai, schreibt in Caixin Online über Chinas aktuelle Probleme. Die Produktion von Elektrizität – in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um 12% pro Jahr gewachsen – habe im April und Mai nur noch jeweils 1,7% zugelegt. Und die Eisenbahn-Tonnage – von 2005 bis 2011 jeweils um 6% gewachsen – nahm im April und Mai lediglich um 1,3% zu.

Doch selbst Chinas Mandarinen in Peking seien nun wegen rasant gestiegener Schulden, hoher Immobilienpreise und der Gefahr von mehr Inflation die Hände gebunden. Niedrigere Zinsen seien keineswegs hilfreich.:

Cutting interest rates stimulates the economy by encouraging borrowing. Businesses and local governments have reached their limits in terms of borrowing. Their main collateral, land, is depreciating. Cutting interest rate alone won’t ignite borrowing from them.

In dieser Situation berichten Staatsbetriebe für die ersten fünf Monate dieses Jahres zwar noch 11% Umsatzzuwachs, aber 10% Gewinnrückgang. Private Firmen, so Xie, dürften noch schlechter abgeschnitten haben.

Und der Einkaufsmanager-Index, so erfuhren wir am Wochenende, fiel im Juni auf 50,4 Punkte. Dass Analysten einen noch schwächeren Wert erwartet hatten, tröstet nicht. Denn mit der neuen Zahl wird der geringste Zuwachs der Industrieproduktion in der Volksrepublik im laufenden Jahr signalisiert. Vor allem neue Aufträge und die Exportnachfrage zeigen eine ausgeprägte Schwäche, die auf noch schlechtere Konjunkturzahlen in den kommenden Monaten schließen lässt.

Zu allem Überfluss sehen wir einen weiteren Mega-Zylinder der Weltkonjunktur kräftig stottern: Die US-Konsumenten. Der Leitindex für die Stimmung der US-Verbraucher – herausgegeben von der University of Michigan – fiel im Juni auf 73,2 Zähler, nach 79,3 im Mai. Selbst die Benzinpreise, die seit Wochen in vielen US-Städten auf dem Rückzug von etwa 4 Dollar je Gallone auf 3,50 Dollar und teilweise weniger sind, können die Eintrübung der Konsumlaune nicht aufhalten.

Die US-Konsumenten treibt eine ähnliche Analyse um wie viele Europäer: Angst vor Rezession, Furcht um die Jobs, Sorge um die Ersparnisse, dazu miserable politische Führung und ein wachsendes Verschuldungsproblem. In den konservativen Talk-Radios quer durch das Land wird tagein tagaus erzählt, wie Barack Obama die USA gegen eine Wand fährt. Die Wall Street bietet an den meisten Tagen viel traurigere Kurse als am vergangenen Freitag. Und der Arbeitsmarkt produziert derzeit die geringsten Wachstumszahlen im Land.

Jetzt wächst die Furcht vor einer BIP-Rate deutlich unter 2% im zweiten Quartal, das Samstag zu Ende ging. Und die Börsianer schauen mit flauem Gefühl im Magen auf den Kalender: Am 10. Juli gibt Alcoa den Startschuss für den Bilanzreigen des zweiten Quartals. Erwartet wird seit vielen Monaten erstmals wieder ein Rückgang der Gewinne im S&P 500.

Wo soll da Kauflaune herkommen ? Auch der Meinungsforscher Nielsen berichtet, dass die Befindlichkeit der Konsumenten im zweiten Quartal gesunken ist, von 92 auf 87 Zähler im Nielsen-Index.

Währenddessen rätseln viele Analysten, Ökonomen und Zeitungs-Kolumnisten auch am Tag drei nach dem EU-Gipfel, wo hier der Durchbruch wirklich liegt.

Ja, direkte Kredite an die Banken von Wackelländern belasten die Bilanz der Staatsschulden nicht. Und doch: Wenn dieselben Banken später insolvent werden oder verstaatlicht werden müssen, hängt doch wieder alles an den Steuerzahlern. Ja, die zentrale Bankenaufsicht – irgendwo aufgehängt bei der EZB – kommt. Aber sehen wir nicht seit Jahren in den USA, wo das endet, wenn sich Notenbanker und Geschäftsbanker in ihrem eigenen behaglichen Orbit selbst überlassen werden ? Und ist der ESM ausreichend kapitalisiert ?

Während solche Fragen bleiben, und die Brisanz der Schulden in der Eurozone nur verbucht, aber nicht gelindert wurde, kommen immer neue Nachrichten, die belegen: Die Auslöser der Finanzkrise, die Banken, sind nicht bereit, aus der Krise zu lernen. Sie “pflegen” längst wieder alte Praktiken und setzen ihren Raubzug an Kunden und Allgemeinheit fort.

Die Manipulation des LIBOR (London Interbank Offered Rate), ein Zinssatz, der für Tausende variabel verzinster Produkte weltweit herangezogen – und von 14 Großbanken exklusiv gepflegt – wird, wurde seit langer Zeit nach Belieben zurecht gebogen, um den Geldhäusern bessere Konditionen zu verschaffen.

Zu Lasten von Hypothekenkunden bis hin zu Kommunen, die Anleihen begeben. Banker in großen Geldhäusern wie Barclays, Citigroup, HSBC und Royal Bank of Scotland werden von Regulierern und Fahndern durchleuchtet. Im Falle der Barclays Bank haben sich zwischen New York und London Kollegen fröhlich – und in eigens entwickelter Tarnsprache – abgestimmt, wo sie den Zinssatz als nächstes sehen wollten. Der Telegraph bringt heute den anonymen Bericht eines Bankeninsiders, der schildert, wie der Interbanken-Zins fast nach Belieben massiert wurde.

Wie lange muss eigentlich die Serie von Beweisen noch werden, bis Politiker diesem Treiben Einhalt gebieten ? Stattdessen setzt sich der Vormarsch der Geld-Gilde in die europäischen Regierungen fröhlich fort.

Mehr noch: Am Wochenende konnten wir auch ein ziemlich erschreckendes Beispiel davon sehen – Beispiel Freie Welt – wie mit Kritik und Aktion erzürnter Bürger inzwischen umgegangen wird. Die Webseite www.abgeordneten-check.de war einen Tag vor der ESM-Abstimmung im Deutschen Bundestag und im Bundesrat abgeschaltet worden.

Davor waren von der Seite aus bis zu 50.000 Emails an Angela Merkel und weitere Regierungsmitglieder und Abgeordnete verschickt worden. Angeblich führte ein Virus zur Abschaltung. Aber 50.000 Menschen haben jetzt furchtbare Hintergedanken und Vermutungen – und noch mehr Zweifel an unseren Institutionen.

In dieser Phase wird auf mehr Integration in Europa gesetzt, auf Zentralisierung bei fernen Institutionen wie der EZB und dem ESM, in den keine gewählten Abgeordneten entscheiden und juristische Immunität der neue Sex-Appeal ist.

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