Mauergefühle – Fahren wir noch darauf zu, oder prallen wir schon ?

by markusgaertner on 03/07/2012 · 22 comments

2012-07-02_1526

Share

Eine wichtige Randbemerkung vorweg: Der Bürgermeister von Anchorage in Alaska, Dan Sullivan, hat am Sonntag ein seltenes Beispiel von Flexibilität in der Politik gegeben. Man findet das sonst nur noch bei kniffligen Spezial-Angelegenheiten, zum Beispiel wenn in Dienst-Jets Teppiche aus Kabul eingeflogen werden. Sullivan weilt bis zum 16. Juli mit seiner Familie auf Hawaii.

Weil die Stadtgesetze in Anchorage von einem frisch gewählten Bürgermeister verlangen, am 1. Juli den Amtseid abzulegen, zog sich Sullivan am Sonntag ein Hula-Hoop-Röckchen über, fand sich bei einem Insel-Notar ein, und ließ per Satellit eine Video-Verbindung ins ferne Anchorage herstellen.

Dort verlas im Rathaus ein Richter den Amtseid, den Sullivan auf der fünf Flugstunden entfernten Insel brav nachsprach, bevor er sich mit einem schallenden „Aloha“ verabschiedete.

Tja, so einfallsreich können Politiker sein. Wenn sie wollen. Und so falsche Prioritäten wie Sullivan können sie auch setzen. – Drei Wochen Hawaii-Urlaub, wenn zuhause die Amtseinführung wartet.

Aber halt: Ist das nicht sogar ein Beweis dafür, wie abkömmlich Politiker in einem Zeitalter geworden sind, in dem Banken und andere große Firmen die Geschäfte in Rathäusern, Gouverneurs-Palais und Kanzlerämtern übernehmen ? Jedenfalls: Wenn man das Beispiel Sullivan auf Europa übersetzt, ist das mindestens wie Fußball gucken während eines G20-Gipfels

Zum ernsten Teil dieses Blogeintrags.

Wir stoßen langsam aber sicher an die ehernen Grenzen der wirtschaftlichen Physik. Die viel beschworene Mauer, auf die wir zufahren, wird zum ersten Mal erfahrbar. Es ist, als ob wir bereits die Aura der Ziegelsteine spüren, in die sich unser kollektives Schuldenvehikel demnächst mit enormer Wucht bohren wird.

Der Spielraum in der Schuldenkrise ist selbst für Populisten wie Francois Hollande so eng geworden, das Vertrauen in die Banken so gering, der umgehende Widerstand gegen Beschlüsse von EU-Gipfeln so rapide – und das Risiko einer gefährlichen Fehlentscheidung der US-Notenbank so akut – dass es jetzt verstärkt Offenbarungs-Eide hagelt.

Beispiel eins: Hollandes luftige Versprechen aus dem Wahlkampf werden von einem Milliardenloch im Budget regelrecht verschlungen, so, dass fast nichts davon übrig bleiben kann. Der französische „Cour des Comptes“ hat gestern in seinem neuen Jahresbericht zwar enthüllt, dass er für die nächsten Jahre mit der Einhaltung der versprochenen Sparziele in Paris rechnet (von 5,2% des BIP in 2011, auf nur noch 3% in 2013). Doch hierfür, so die honorigen Erbsenzähler, müsse der neue Präsident ein 46 Milliarden Euro umfassendes Sparpaket schnüren.

Autsch ! Das entspricht 2,3% des BIP. Ein Wachstumspakt ? Eher eine Zwangsjacke.

Beispiel zwei: In Großbritannien sind laut führenden Kommentatoren Unehrlichkeit, Gier und kriminelle Machenschaften der führenden Banken dabei, den ganzen Wirtschaftsstandort auszuhöhlen und damit den Wohlstand des Landes zu untergraben. Besorgt wird in großen Zeitungen wie dem Telegraph (Jeremy Warner) bereits gefragt, welche Industrien das Geldgewerbe überhaupt ersetzen könnten.

Beispiel drei: Das Insel-Märchen von der US-Konjunktur, die ein Beben in Europa ohne größere Blessuren wegstecken kann, ist als solches entlarvt. Nur vier Handelstage vor Beginn der nächsten Bilanzrunde an der Wall Street (Alcoa, am 9. Juli) meldet der Spezialist für Konjunkturdaten – Markit – dass der Einkaufsmanager-Index für das Verarbeitende Gewerbe der USA im Juni mit 52,5 Zählern das geringste Wachstum in 18 Monaten signalisiert.

Zudem lernen wir heute, dass die Zuversicht der Mittelständler in den USA im zweiten Quartal mit nur noch 92,8 Zählern einen regelrechten Absturz von 105,1 Punkten im ersten Quartal verzeichnet. Die Zahl stammt von Vistage International, einem Netzwer von kleinen und mittleren Unternehmen. Demnach erwarten nur noch 19% aller Unternehmer im US-Mittelstand für das zweite Halbjahr eine Erholung der Konjunktur. Im ersten Quartal waren das noch 30% gewesen.

Im Klartext: Die ökonomische US-Festung wird nun von der brandenden globalen Konjunktur-See sichtbar geschliffen. End of story für die Ritter der Yankee-Runde, die das Reich des ökonomischen Bösen tapfer und wie in Hollywood üblich – mit einem glatten Sieg – zurück schlagen wollten.

Beispiel vier: Noch bevor der letzte Analyst verstanden hatte, wie wenig detailliert und mit welcher Verzögerung bei der Einführung versehen das Gipfel-Dokument der EU vom Freitag aussah, drohte schon am Montag die mühsam ausgehandelte Rettungs-Strategie für Europas Wackelländer zur Makulatur zu werden. Finnlands Regierung unterstrich in einem Bericht an das Parlament in Helsinki, dass sie ihr Veto gegen Staatsanleihekäufe durch den Europäischen Rettungsfonds ESM einlegen will. Und in Berlin formiert sich sich innerhalb der Koalition Widerstand gegen „die Ausplünderung Deutschlands„, weil jetzt auch Hilfe für Zypern geprüft wird.

Ein reiches Land wie Deutschland kann viel verkraften und sollte mehr Opferbereitschaft zeigen, wie Helmut Schmidt findet, doch solche Appelle können nicht verhindern, dass im Wahlvolk – und jetzt selbst bei Parlamentariern – Schluckbeschwerden auftreten.

Beispiel fünf: Europa, vor allem Großbritannien, ist geschockt über LIBORgate, den Manipulations-Skandal rund um den wichtigen Referenz-Zinssatz zwischen Banken. US-Zeitungen halten sich in diesem billionenschweren Betrugs-Schocker auffallend zurück, wahrscheinlich weil eine europäische Bank (Barclays) die erste ist, die in diesem globalen Geldmafia-Raubzug genannt und mit einem teuren Vergleich „bestraft“ wird.

Für mich ist ganz klar: Wenn jetzt kein Topbanker in den Knast wandert, dann hat unser gesamtes System jegliche Legitimität und Glaubwürdigkeit restlos verspielt. Aber es wird ja noch viel besser. Bevor der LIBORgate-Skandal sich voll und ganz über die Finanzspalten der Zeitungen dieser Welt ausbreiten kann, geht die zweite Atombombe krimineller Machenschaften im Banken-Universum hoch: Bloomberg berichtet heute Nacht europäischer Zeit, dass laut gerade frei gegebenen Dokumenten eines Bundesgerichtes in Manhattan Morgan Stanley im Jahr 2006 die Ratingagenturen Standard & Poor´s und Moody´s erfolgreich unter Druck gesetzt haben soll, um  für Schuldtitel, die mit Subprime-Hypotheken besichert waren, bessere Noten zu bekommen.

Demnach unterließen es Manager bei den Kreditwächtern, Investoren der Derivate über die Risiken der verbrieften Wertpapiere des Londoner Hedgefonds Cheyne Capital Management aufzuklären, weil sie nicht das lukrative Gebührengeschäft mit Morgan Stanley verlieren wollten. Der Prozess, um den es hier geht, soll laut Bloomberg einer der größten sein, die sich als Folge der Finanzkrise ergeben haben. Die entsprechende Klage wurde von der Abu Dhabi Commercial Bank in den Vereinigten Arabischen Emiraten eingereicht.

Es macht mich völlig sprachlos, welch abgrundtiefer, widerlicher Morast krimineller Machenschaften sich hier auftut. Es wird tonnenweise Belege und Zeugenaussagen geben, es werden ganze Landstriche abgeholzt werden müssen, um die Zeitungsseiten für die Berichterstattung darüber zu produzieren. Wir werden uns in der Blogger-Sphäre die Finger an den Tasten abwetzen, um das alles zu beschreiben.

Und wir ahnen, was dabei herauskommt. Wann wandert der erste Topbanker in den Knast. Wann wird der erste Nadelstreifenanzug für solche Machenschaften persönlich in die Haftung genommen, damit aus seinen Boni-Konten Wiedergutmachung geleistet werden kann ? Wann erleben wir das erste Machtwort von Regierungschefs in Europa und den USA, die diesem mafiosen Treiben besser Einhalt gebieten wollen ? Wann werden Boni gesetzlich verboten, solange so etwas aufgedeckt wird und solange Firmen Verluste schreiben oder Menschen entlassen ?

Wann werden unsere Regierungen Deckungsversprechen für Girokonten an jene Banken streichen, die mit den Einlagen ihrer Kunden (Steuerzahler) spekulieren ? Wann wird endlich eine Strafsteuer eingeführt, die Spekulation mit Nahrung und Energie belastet, oder – am besten – ganz verbietet ? Wann werden Haftungsversicherungen für Vorstände verboten ? Wann werden in Europa und den USA zusätzliche Staatsbanken gegründet, die nicht spekulieren dürfen, aber – um die vielen Gebühren für gierige Geschäftsbanken, und deren kriminelle Geschäfte, darunter die Manipulation von Zinsen zu sparen – Steuereinnahmen der Bürger als Einlagen halten und mehr Kredite an den Mittelstand vergeben ?

Hier wird der Bloomberg-Bericht zu einer richtigen Räuber-Klamotte: Morgan Stanley successfully pressured New York-based S&P to raise its rating on some of the Cheyne securities, according to the plaintiffs. After Lapo Guadagnuolo, an S&P employee, told Morgan Stanley that some of the securities would get BBB ratings instead of the desired A grade, a banker e-mailed his boss and said the ratings were “very inappropriate.” S&P then agreed to give the higher rating.  Morgan Stanley earned fees totaling as much as $30 million when the Cheyne notes were issued, according to the documents.

Beispiel sechs: Die Algo-Computer zerstören Marktmechanismen und Börsen, sie sabotieren die effiziente Allokation von Kapital, indem sie einer verschwindend kleinen Minderheit von elektronisch gestützten Super-Tradern einen uneinholbaren Formel 1-Vorteil gewähren. Dieser erlaubt es ihnen, alle anderen am Markt über den (Computer)Tisch zu ziehen.

Dazu gibt es im Internet einen interessanten Podcast des Algo-Experten Joe Saluzzi. Das High Frequency Trading (HFT) wie die totale Eskalation in der Trading-Branche genannt wird, hat praktisch den kompletten Wertpapierhandel durchsetzt. Der Marktanteil der Supersonic-Parasiten am Handelsvolumen der Börsen hat 50-70% erreicht. Nur 2% der Händler repräsentieren an manchen Börsen bis zu 80% des Umschlags. Hier werden Millisekunden gegen minutenlange Telefon-Warteschleifen beim Berater der örtlichen Sparkasse gehebelt. Selbst mit Online-Konten und Realtime-Daten besteht hier keine Chance mehr, einen Vorteil gegen die Überschall-Trader zu erlangen.

Das ist Concorde-Kasino gegen Vespa-investieren, algo-Blitzkrieg statt effiziente Preisbildung. Pervertierte Kapitalmärkte, für ganz irdische, unbändige Gier. Mit fairer Preisbildung und Mechanismen eines freien Marktes hat das so wenig zu tun wie Kannibalismus mit humanitärer Gesinnung. Hier geht es zu dem Podcast:


Share

Previous post:

Next post: