Aktuelles Krisenwetter: Zwischen den Stürmen, brisante Offenbarungen

by markusgaertner on 04/07/2012 · 13 comments

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Am Mittwoch wurde in New York nicht gehandelt, Unabhängigkeitstag. Währenddessen warten alle: Auf die heutige Entscheidung der EZB. Auf die Details zum EU-Gipfel. Auf die Jobzahlen in den USA am Freitag. Auf mehr Ehrlichkeit bei den Banken. Auf ordentliche Finanzmarkt-Reformen, die diesen Namen verdienen. Oder auf Regulierer, die mehr Zähne und weniger korrupte Hintern haben.

Wir befinden uns quasi im Wellental zwischen dem jüngsten Gipfel und dem nächsten finanzpolitischen GAU oder Kapitalmarkt-Ereignis, das unsere Laune – und die Kurse an den Börsen – den nächsten Kapriolen aussetzen wird.

In diesem Krisen-Zustand zwischen zwei Eskalationen fällt mir heute auf, dass es eine sichtbare Häufung von Offenbarungen gibt. Die Offenbarungen von Bob Diamond vor der Kommission, der er über die Rolle von Barclays, als dessen CEO er am Dienstag zurück getreten war, im LIBOR-Zinskartell Auskunft geben sollte. Die Offenbarung, dass Italiens Budgetdefizit 2012 reichlich größer ausfallen wird, als bisher angenommen. Oder die Offenbarung, dass Frankreichs Regierung ihre Wachstums-Prognose für dieses Jahr halbieren muss.

Wir haben erst vier Tage seit dem EU-Gipfel, die Aktienkurse in New York haben die längste 3-Tagesrally seit dem Dezember hinter sich – mit dem DOW stattliche 300 Punkte im Plus – und der Notfall-Patient Eurozone bekommt im Koma-Zelt gerade den nächsten Anfall.

Ich führe die Serie von Offenbarungen am heutigen Tage in der Folgenden Liste auf.

1 TELEGRAPH: Frankreich halbiert seine Wachstumsprognose – Frankreichs Premier Jean-Marc Ayrault hat gewarnt, dass der BIP-Zuwachs im laufenden Jahr nicht 0,7% betragen wird – wie bisher verkündet – sondern 0,3%, weniger als halb so viel. “Wir wussten, so die brisante Beichte von Ayrault, “dass das Budget 2012 die Ausgaben zu niedrig ansetzt und zu optimistisch in Bezug auf die Einnahmen ist.”

Wow, really ? Wir sollten alle mal verstärkt darüber nachdenken ob es sich lohnt, den Tatbestand des Prognose-Betrugs einzuführen. Solche gravierenden Eingeständnisse wie die des Pariser Premiers riechen für mich fast nach Täuschung. Der Rechnungshof hatte ja schon in der Woche die Regierung Frankreichs darauf aufmerksam gemacht, dass sie für die angepeilte Drosselung der Haushaltsdefizite allein im laufenden Fiskaljahr mindestens 10 Mrd. Euro auftreiben muss.

2 Sollen wir Mario Monti eine Ehren-Nadel anhängen, weil er Angela Merkel über den Tisch zog und so die Eurozone rettete, die laut seiner Vorhersage am Freitag unter zu gehen drohte ? Sicher nicht, das Urteil über den Gipfel ist mangels Fakten und Details noch lange nicht gesprochen. Heute aber hören wir von Slow-Motion-Monti, dass Italien Budgetdefizit im laufenden Jahr mit 2,0% deutlich höher ausfallen wird, als bislang mit lediglich 1,3% vorhergesagt.

Das offenbarte Monti nach dem Gespräch mit Frau Merkel. Welche Salbung hat sie denn Monti verpasst, dass auch er auftaucht wie aus dem Beichtstuhl ? Das Budgetdefizit lag 2011 bei 3,9%, und soll 2013 auf 0,5% sinken.

Die Begründung der italienischen Statistikagentur Istat für die fiskalische Zielverfehlung: Geringere Staatseinnahmen wegen der Rezession, und höherer Schuldendienst wegen der gestiegenen Renditen.

Ohne Berücksichtigung der Zinslasten werde Italien im kommenden Jahr zu einem Budgetüberschuss zurückkehren, so Monti. Sind das römische Sommergespinste, oder eine weitere Warnung, an den Bondmärkten zu Gunsten des Landes stärker zu intervenieren ?

3 CNN MONEY: “Für Dich … alles”LIBORgate ist ein uralter Hut. Das macht aus dem Monster-Betrug natürlich noch lange kein kleines Verkehrsvergehen unter Zinsmarkt-Kollegen. Aber es erstaunt mich zu sehen, mit welcher Spannung und Aufregung der Wirbel um Barclays und Herrn Diamong beobachtet wird, und wie nun alle staunen, obwohl das LIBOR-Kartell seit Jahren wegen ebendieser Vergehen nicht nur unter verschärfter Beobachtung steht, sondern auch bereits juristisch angegriffen wird.

Im Internet finde ich unter diesem Link eine Klageschrift, in der unter anderem der Bürgermeister und der Stadtrat von Baltimore als auch ein örtlicher Pensionsfonds die LIBOR-bildenden Großbanken – darunter die Deutsche und die WestLB, die als Beklagte aufgeführt werden – vor ein Bezirksgericht im Süden von New York zerren. Das war bereits am 30. April dieses Jahres.

Um es klar zu sagen: Dieser Skandal, der uns noch Monate mit immer neuen Enthüllungen intensiv beschäftigen wird, stellt in meinen Augen schon jetzt den weitaus größten Finanzbetrug in der Geschichte der Menschheit dar. Hier geht es um Zinsen von Kreditkarten über Kommunalanleihen bis hin zu Studentenkrediten und Kreditkarten sowie Derivaten im Gesamtwert von mindestens 300 Billionen Dollar weltweit.

Wir werden auch in Deutschland und in den USA noch Köpfe rollen sehen, es werden Vorstände gehen, und es wird hoffentlich Gefängnisstrafen geben. Hier wird im Vergleich zur Finanzkrise eine ganz neue Dimension aufgemacht. Jetzt geraten selbst Notenbanken in den Strudel dieses global angelegten Betrugs-Monsters. Die Bank of England, deren zweiter Mann von Bob Diamond belastet wird, dürfte nur der Anfang sein.

Mein Rat an alle Leser hier: Rauft Euch zu Sammelklagen zusammen. Nutzt das Forum hier, schließt Euch zusammen, sucht ausgewiesene Anwälte und macht die LIBOR-basierten Verluste auf Kreditkarten und allen daran hängenden Krediten geltend.

4 Sinking Feeling auf der Insel – Der Einkaufsmanager-Index für den Servicesektor in Großbritannien stürzte im Juni auf 51,3 Punkte ab. Das verheißt eine Fortsetzung der flauen Rezession, die hinter dem Kanal herrscht. Das könnte den Ausschlag für eine Mehrheit in der Bank of England geben, die nächste Runde QE einzuläuten.

Im Juni votierten nur vier der neun Mitglieder im zuständigen Gremium dafür, mindestens eines zu wenig. Jetzt winkt eine 50-Mrd.-Pfund-Zugabe bei QE.

5 MONEY NEWS: Reflexionen eines Kaffee-Managers. Starbucks-CEO Howard Schultz sieht den “Amerikanischen Traum” in Gefahr. Das ist nun wirklich brisant, denn er ist der zweite bekannte Amerikaner in wenigen Tagen, der so etwas gravierendes von sich gibt. Vergangenen Woche hatte Joseph Stiglitz den amerikanischen Traum als “Mythos” bezeichnet. Demnach drosseln krasse – und immer noch wachsende – Einkommensunterschiede sowie ein politisches System, das auf Vorteile für die Reichen ausgelegt ist, das Wachstum des Landes.

Für Howard Schultz stellt sich das so dar: Ein fehlender kollektiver Wille hindert die US-Gesellschaft daran, große Probleme wie die seit 40 Monaten über 8% liegende Arbeitslosigkeit (in Wirklichkeit viel höher) und Gesundheitsversorgung für Veteranen (22 Mio.) anzupacken. Schultz fleht die Amerikaner regelrecht an: “We can’t be bystanders anymore,” hat er zu FORTUNE gesagt, “it’s a dangerous time, we are drifting toward mediocrity. We deserve a better America.”

Die USA müsse nun aktiv werden und nicht dieselben Fehler wie die Europäer machen, sagt der Firmenlenker. Dafür müsse Vertrauen in die Wirtschaft wieder hergestellt und die Konjunktur angekurbelt werden. Er hasse es, daran zu denken was passiert, wenn in ein paar Monaten wieder zähe und lähmende Budgetverhandlungen in Washington geführt werden, die im Stillstand enden und eine erneute Ratingwatsche nach sich ziehen könnten. “Ich habe eindeutig vom amerikanischen Traum profitiert”, sagt der Starbucks-CEO, und dieser Traum ist jetzt in Gefahr.”

Wie wäre es, lieber Howard Schultz, mit einem Appell an die übrigen CEOs der Wall Street und die Banken anzufangen, dass wieder ehrlich Bücher geführt, Kunden behandelt und vor allem Steuern gezahlt werden – damit zum Beispiel an der Atlantikküste nicht wochenlang der Strom ausfällt wie im Hinterland von Tansania.

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