US-Jobzahlen: Gefährlicher Stillstand im Siegerland

by markusgaertner on 06/07/2012 · 4 comments

IKONE_AMERIKA

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Nur 80.000 neue Jobs im Juni, die Arbeitslosenrate bei 8,2%. Die US-Konjunktur steht still. Das sind nicht einmal genügend neue Arbeitsplätze, um die Zugänge zum Arbeitsmarkt abzufangen, geschweige denn so viele, wie es in einem “Aufschwung” – wenn er den Namen verdienen würde – zu diesem Zeitpunkt gäbe. Die Löhne stagnieren, der Konsum lahmt, die Exporte sind wegen schwacher Überseemärkte unter Druck, trotz des schwachen Dollars.

Die Politik in Washington ist zerstritten, der Schuldenberg wächst rasant. Willkommen im größten Griechenland. Der Eisberg wird mit jeder Woche besser sichtbar. Und dennoch tun die USA so, als sei alles paletti. Kapital, das von anderswo – vor allem der Eurozone – hierher flieht, stützt die Aktienkurse und hilft, die Zinsen niedrig zu halten, woran vor allem die Fed kräftig arbeitet. Doch trotz allen Kurbelns in der Geldpolitik: Die USA fahren auf ihr eigenes Kliff zu. Und die Konsumenten, die bislang 70% zum BIP beisteuerten, können das Ruder nicht herumreißen.

Die USA haben aber mit Blick nach Europa auch einen gravierenden Nachteil: Das Schuldendrama in der Euro-Zone lenkt von den eigenen Problemen stark ab. In einem Land, das die Fehler ohnehin meist anderswo sucht, ist das gefährlich, denn die Polster sind aufgezehrt.

Die Krise in der Eurozone hält die USA in ihrem Bann. Die Aktienkurse an der Wall Street taumeln – der DOW taucht heute 160 Punkte ab – die Preise für Rohstoffe rutschen ab, die Unternehmensgewinne sinken: In der kommenden Woche beginnt die Bilanzsaison für das zweite Quartal, und erstmals seit 2009 wird mit sinkenden Gewinnen der Wall-Street-Firmen gerechnet. US-Konzerne vom Aluminiumschmelzer Alcoa über den Baugeräterhersteller Caterpillar bis hin zum Softdrink-Produzenten Coca-Cola bekommen die Bremsspuren im Exportgeschäft immer stärker zu spüren.

Das hat auch politisch gravierende Folgen: Barack Obama fürchtet ernsthaft um seine Wiederwahl. Doch die Fixierung Amerikas auf die schlechten Nachrichten von der anderen Seite des Atlantiks lenken Finanzwelt und Politik immer stärker von den eigenen Problemen ab – und die wurden über Nacht wieder deutlich: Der Konsum, eine der tragenden Säulen der US-Konjunktur, ist im Juni offenbar so stark zusammengeschnurrt – ein Miniplus von 0,2 Prozent wurde im Mai festgestellt -, dass Experten über das Fast-Stagnationsniveau entsetzt sind. “Das sind niederschmetternde Ergebnisse” kommentierte Ken Perkins die Zahlen, Chef des Analysehauses Retailmetrics; der Monat Mai ist traditionell der zweitwichtigste Verkaufsmonat der US-Einzelhändler nach der Weihnachtszeit.

Entsprechend kritisieren Experten wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz die Fixierung der USA auf die Euro-Krise. Stiglitz hat dann auch vorige Woche den amerikanischen Traum – der Wohlstand für harte Arbeit verheißt – als Mythos bezeichnet. “Amerika wurde einmal als Land der großen Chancen gesehen, heute hängen die Perspektiven eines Kindes in den USA mehr vom Einkommen der Eltern ab als in Europa.” So die vernichtende Kritik des sozialkritischen Topökonomen.

Stiglitz macht klaffende Einkommensunterschiede, wachsende Regulierung und “räuberische” Bank-Praktiken für die grassierende Umverteilung von Einkommen und Wohlstand verantwortlich. Tatsächlich machen sich Firmengewinne und Managergehälter immer höhere Anteile des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu eigen, während der Anteil der Löhne am BIP auf ein Rekordtief gesunken ist. Harsche Worte wie die von Stiglitz waren lange Zeit verpönt in den USA. In einer Gesellschaft, die sich selbstbewusst als weltweit besten Standort für die Tellerwäscher-zum-Millionär-Karriere empfiehlt, galten die Reichen als der lebende Beweis, dass man sich den Traum mit harter Arbeit jederzeit verwirklichen kann.

Mehr in meinem Bericht im Manager Magazin

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