Populismus, Panik, Einsicht, PR ? – Der Krisen-Kampf wird dringlicher

by markusgaertner on 08/07/2012 · 7 comments

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Spaniens Premier Mariano Rajoy will beim Sparen noch einen Gang zulegen. Bundespräsident Gauck fordert von Bundeskanzlerin Merkel mehr Klartext in der Krise. Christine Lagarde kündigt eine gedrosselte BIP-Prognose für die dümpelnde Weltwirtschaft an. Die Briten bereiten sich auf 10 Jahre Austerität vor.

Währenddessen fordert Labour-Chef Ed Milliband auf der Insel Zwangsverkäufe von Assets der Großbanken. Und selbst den Siegertypen auf der anderen Seite des Atlantiks empfiehlt MSN Money, sie sollten sich doch besser auf japanische Verhältnisse – dauerhaft niedriges Wachstum (Tsunamis?) einstellen. Und Metro-Chef Olaf Koch fürchtet „deutliche“ Bremsspuren beim deutschen Konsum.

Ganz klar: Der Blutdruck steigt weiter. Die Nervosität wächst. Die Zeichen der wirtschaftlichen Erosion beunruhigen zunehmend auch Zeitgenossen, die bislang eher dem „Keep cool Darling“-Club angehörten. Wenn ich versuchen würde, meine Beobachtungen an diesem Wochenende ironisch auf einen Punkt zu bringen, dann würde ich sagen: Deutschland macht Fortschritte. Ossi-Präsident erklärt Ossi-Kanzlerin, wie man im Westen Politik macht. – So weit war die Mauer noch nie weg !

Doch das furchtbare Ding ist ja längst durch ein anderes Monstrum ersetzt worden. Jetzt terrorisiert uns ein Schulden-Gorilla. Jeden Morgen, noch bevor wir den ersten Schluck Kaffee gesüffelt haben, grinst uns dieser haarige Mistkerl auf N-TV oder in der ARD, oft auch auf der Bloomberg-Webseite, rotzfrech an.

Er ist das einzige Lebewesen, das nicht nur älter wird, sondern trotz zunehmenden Alters eine steigende Lebenserwartung hat. Gäbe es so etwas für uns, dann wäre sofort das ganze schöne Kur-Gewerbe futsch.

Zurück zu den ernsten Dingen.

1 Spaniens Premier Mariano Rajoy zeigt den schlappen Griechen, was eine Harke ist. Zeit schinden ? Lockerungen fordern ? Pah ! Rajoy will noch eins drauflegen und mehr sparen. Aber erst einmal, sagt er, soll die EU gefälligst ihre Hilfsversprechen für Spaniens Banken schnell umsetzen. Rajoy ist clever. Jetzt wedelt er mit dem Schinken, die EU muss in die Gänge kommen. Am Ende ist das aber doch nichts anderes, als das, was uns diverse Hellenen-Regierungen schon vorgeführt haben: „Wir haben die Schulden. Ihr habt die Not, wenn wir nicht parieren. Also sputet Euch.“

Bei einer Konferenz am Samstag forderte Rajoy, „es ist Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen“, das europäische Projekt sei in Gefahr. Lieber Herr Premier: Dieser letzte Hinweis ist ja nun wirklich etwas abgenutzt, und macht zwischen Kreta und Travemünde niemanden mehr nervös.

2 In den vergangenen Monaten sei der Ausblick für die Weltwirtschaft bedauernswerterweise „beunruhigender“ geworden, sagt IWF-Chefin Christine Lagarde. Nachrichtenwert hat diese Feststellung nicht. Dafür aber die Schlussfolgerung, die sie daraus zieht: Eine abwärts korrigierte Prognose für das weltweite BIP. Also: Wegen schwächelnder Investitionen, Jobmärkte und Produktion in Europa, den USA, Brasilien, Indien und China soll in 10 Tagen ein revidierter Ausblick vom IWF kommen.

„Alles eingepreist“, würde die Wall Street jetzt sagen.

Aber die bekommt in der neuen Woche ihr Fett von ganz anderer Seite ab. Alcoa wird am Montag die Bilanzsaison für das zweite Quartal bis Juni eröffnen. Das alte Spiel der Geldgilde – die Erwartungen und Analysten-Prognosen so weit senken, dass sie locker übertroffen werden – funktioniert jetzt aber nicht mehr so gut. Erstens hat sich dieser Trick längst rumgesprochen. Zweitens hängt die Latte inzwischen so tief, dass die „schlauen“ Analysten fast nichtmal mehr ihre Prognose-Spreadsheets darunter durchschieben können. Sie noch weiter zu senken, geht also nicht.

Zurück zu Frau Lagarde. “The global growth outlook will be somewhat less than we anticipated just three months ago”, hat sie bei einer Rede am Freitag in Toyko gesagt. Und selbst bei dieser gedrosselten Vorhersage müssten die richtigen politischen Maßnahmen ergriffen werden. Autsch ! Ein Seitenhieb. Zur Erinnerung: Im April hatte der IWF 3,5% globalen BIP-Zuwachs vorhergesagt.

3 Angela Merkel soll den Deutschen die Euro-Rettung besser erklären, fordert Herr Gauck. Wow, das ist eine Karriere: Pastor, Stasi-Akten-Spezialist, Kanzlerberater. Und dabei nebenberuflich PR-Experte.

Aber er hat Recht. Die Frage ist nur: Versteht die Kanzlerin das alles so gut, dass sie es in der Bild-Zeitung in Sätzen mit jeweils höchstens fünf Wörtern erklären kann ? Und dann auch noch so knackig, dass niemand respektlos und gelangweilt auf das nackte BILD-Mädchen in der Spalte nebenan schielt ?

Ehrlich gesagt: Der reale Abstand zwischen Titten und Tacheles ist größer, als es sich der Bundespräsident vorzustellen vermag.

4 Auch den CEOs glüht langsam die Hutschnur, ob der hartnäcktigen Krise. Zuerst haben sie geschwiegen: „Wir haben ja die Emerging Markets“, was schert uns die Krise daheim ? Dann wurde der amateurhafte und verzweifelte Kampf der Regierungen gegen die Krise so teuer und schmerzhaft, dass er die Eurozone in eine Rezession trieb. Da runzelten schon einige Firmenlenker die Golfplatz-gegerbte Stirn.

Und jetzt ? – Mon Dieu, wenn es die Bilanz erwischt, ist Schluss mit lustig. Jetz red i …

Die Eurokrise drossele die Konsumlaune der Deutschen, beschwert sich Metro-Chef Olaf Koch. Im laufenden Jahr werde daher im günstigsten Fall eine leichte Zunahme des privaten Konsums erwartet. Lieber Herr Koch, da wird Sie bald das selbe Schicksal ereilen wie Frau Lagarde: Solche Prognosen werden mit Nachbesserungen nach unten bestraft.

Wenn man schon als so wichtiger Firmenkapitän zum BILD am Sonntag-Interview geladen wird, soll man es da nicht besser halten wie Herr Gauck ?: Gleich der Kanzlerin und allen anderen Verantwortlichen in Europa in den Hintern treten und Ihnen die Leviten lesen, anstatt so ein Analysten-Geplapper loszulassen, an das sich zwei Tage später keiner mehr erinnern kann ? Wie soll sich da etwas bessern ? Oder geht es nur darum, die eigene Meinung für die Historiker zu Protokoll gegeben zu haben ?

5 Italien schrumpft, und Visco kämpft – Wer kennt Ignazio Visco ? – Ich finde, den Namen des italienischen Notenbankchefs muss man sich merken. Er hat an diesem Wochenende vorhergesagt, dass Italiens Wirtschaftsleistung 2012 um 2% schrumpfen wird. Visco fordert einen „neuen italienischen Geist.“ Kampfgeist ist damit sicher gemeint.

Tja. Die Notenbanker dieser Welt erweitern ihr Mandat unaufhaltsam und andauernd. Zins-Fixer, Geldmengen-Akrobaten, Sparbuch-Saboteure, Bankenretter, fiskalische Regierungs-Handlanger – und jetzt auch noch Einpeitscher, Cheerleader !

Go Italy, GO ! Lieber Herr Visco: Es ist ja lieb gemeint, was Sie da tun. Aber mit Anspornen ist das nicht mehr getan. In dieser Krise brauchen wir endlich bessere Politik. Erst die Sparbücher der Menschen dezimieren, ihr Geld entwerten, ihr Investment-Universum verkrüppeln – und im schlimmsten Fall Erfüllungsgehilfe der LIBOR-Jongleure sein – und dann noch fordern, die Menschen sollen beherzter sein und schneller laufen ? Solche Coaches haben keine lange Halbwertszeit. Also, besser doch nicht merken …

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