Die neue Ökonomie des Wahnsinns – Erkenntnisse aus der Güllegrube

by markusgaertner on 10/07/2012 · 7 comments

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Verflixt. Ich wusste, es würde wieder nicht lange dauern, bis das Pendel der Fassungslosigkeit auf einen neuen Extrempunkt schwingt. Der Markt für die Bestimmung des Interbanken-Zinses Libor sei “eine Güllegrube” gewesen, gab der zweite Mann in der Bank of England am Montag vor Parlamentariern in London zu Protokoll. Laut Paul Tucker dürfe man den Banken auch in einigen anderen wichtigen Märkten nicht über den Weg trauen.

In diesem kurzen Statement steckt für mich jede Menge Nitroglycerin. Erstens: Geldhüter rund um den Globus sagen uns seit Jahren, dass die Geschäftsbanken nicht mit überzogenen Regulierungen erstickt werden sollten. Insbesondere in den USA wurde das Mantra freier Märkte und minimaler Regulierung unbeirrbar hoch gehalten.

Und dann kommt einer dieser Top-Geldhüter und erklärt uns, dass es bei der Bildung des wichtigsten Basiszinssatzes auf diesem Planeten zuging wie in einer Schweinegrube ? Gibt es denn keine Scham mehr auf diesem Planeten ?

Wer Paul Tucker am Montag in der LIVE-Übertragung aus der Anhörung nur ein paar Minuten lauschte, wusste: Das ist ein Pokerface, ein gerissener Kerl, der es faustdick hinter den Ohren hat. Die Ohren hatte Tucker zwar eng angelegt, aber der bullig wirkende Währungshüter verbarg nicht, dass er sein Geschäft genau kennt und keine Gefangenen macht, wenn er an sein Ziel will.

So ist es auch Ausdruck seines Scharfsinns, dass er trotz der Feststellung – es handle sich bei der Libor-Feststellung um eine Güllegrube – von einem “Markt” sprach. Will sagen: Wir mussten ja davon ausgehen, liebe Leute, dass das ordentlich funktionierte mit der Bildung des Londoner Interbanken-Satzes, sonst hätten wir bestimmt eingegriffen. You know what I mean …

Und jetzt setzt sich der gleiche Kerl hin und sagt den Abgeordneten – und uns – LIVE ins Gesicht – dass da NATÜRLICH eine Räuberbande am Wirken war. Für mich ist nach diesem Auftritt ganz klar: Wer Notenbanken, Geschäftsbanken und zugeschaltete Parlamente nicht als ein zusammen hängendes Orbit in seine Analyse einbezieht, der macht sich sträflicher Nachlässigkeit bei der Erfassung der Realität schuldig.

Das Fazit von Tuckers Aussagen am Montag ist ganz klar: Die gesamte Finanzwelt ist zu einem korrupten, auf flächendeckenden Betrug ausgelegten Saustall verkommen. Diejenigen, die wie Tucker in die Schusslinie geraten, scheuen sich nicht einmal, das zu Protokoll zu geben, damit sie da wieder irgendwie rauskommen. Und diejenigen, die noch nicht vom Laserstrahl der Fahnder und der wütenden Öffentlichkeit erfasst wurden, tragen die scheinheiligsten Gesichter die man sich vorstellen kann und erklären uns – wie Jamie Dimon – dass strikte Regulierung “unpatriotisch” sei.

Welch ein Abgrund. Und in unseren Parlamenten sind Abgeordnete mehr damit beschäftigt unsere Daten zu vermarkten, als diesen Kerlen per Gesetz das Handwerk zu legen.

Keine Frage, wir leben in außerordentlichen Zeiten.

Das hat uns ja gestern auch die OECD wieder bestätigt. Wir haben es dieser ultra-schlauen Organisation zu verdanken, dass wir jetzt um eine wichtige Erkenntnis reicher sind: Großbritannien befindet sich in einem “Zyklus schwachen Wachstums.” Das ist schon wegen der Minusraten vor dem britischen BIP logisch falsch.

Wenn diese und andere Denk- und Datenfabriken unserer Regierungen immer solchen Tiefgang beweisen, dann wundere ich mich natürlich nicht mehr über das, was am Tisch der Entscheider hinten wieder rauskommt. Dass dann aber Minister wie Herr Schäuble einer ganzen Kompanie respektabler Ökonomen mit einem Satz die Meisterprüfung aberkennen, das spricht in diesem Zusammenhang Bände.

Gestern gab es noch so eine vielsagende Enthüllung. Eric Rosengren, der Präsident der Boston-Fed, hielt eine Rede beim Sasin Bangkok Forum. Dabei konnte er nicht umhin, auch über Europa zu sprechen. Rosengren legte die hier gleich folgende Grafik auf, die einen scharfen Rückgang der Investitionen von US-Firmen belegt, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die Lage in Europa hierfür eine wichtige Rolle spiele:

With concerns over Europe heating up in the last two quarters, business fixed investment has slowed. Firms have become more tentative, which I expect will, unfortunately, continue. One reason for my pessimism is the recent weakness in orders for capital goods, for example aircraft.

Und noch eine vielsagende Beobachtung von diesem Montag: Während Paul Tucker den Eindruck erweckte, dass die armen Geldwächter nicht alle Gauner der Geldbranche zu jeder Sekunde auf dem Monitor haben können, feilte die Europäische Zentralbank an einem ganz anderen Image. Sie wiederholte ihre Zusage, alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu erhalten. YES, WE CAN ! Und wir haben natürlich alles gut im Griff.

Die blöde Frage ist nur: Was können selbst Notenbanker noch erreichen, wenn ihre gute Saat in eine Güllegrube gestreut wird.

Sprich, wenn die Geld-Kanoniere der Geschäftsbanken, die eben noch frisch mit neuer Liquidität von den Notenbanken aufgefüllt wurden, eben jene Bondmärkte in Spanien und Italien zum Einsturz bringen wollen, die die heroischen Retter der EZB mit Arbeitskapital der Steuerzahler – und mit Sicherheiten der Steuerzahler im Hintergrund – stabilisieren wollen.

Kein Wunder, dass sich ausgewachsene Ökonomen an diesem “Markt”-Modell die Zähne ausbeißen und sich ins theoretische Niemandsland versetzt fühlen. Was hier passiert, ist simpel gesagt das folgende: Banken und deren Fonds spekulieren mit unseren Einlagen gegen Staatsanleihen, die von unseren Regierungen ausgegeben werden. Das Ziel: Die Zinsen in die Höhe treiben und Gewinne einstreichen. Dagegen halten die Notenbanken, um die Zinsen wieder nach unten zu bringen, mit Arbeitskapital und Risiken, die zu Lasten von Steuerzahlern gehen.

Wenn die einen gewinnen, zerstören sie unser Geld, Wenn die anderen die Oberhand behalten, zerstören sie unser Geld. Wie fasst man so etwas in eine Theorie ?

Um es anders zu sagen: Wenn ich in ein richtiges Kasino gehe, weiß ich, an welchem Spieltisch ich meinen Einsatz verliere. Wenn ich Sparer in Europa oder Nordamerika bin, weiß ich am Ende aber nicht, wer mehr von meinen Rücklagen für schwierige Zeiten durchgebracht hat: Die Notenbanken mit Entwertung, die Geschäftsbanken mit manipulierten Zinsen und hohen Gebühren, oder meine gewählten Volksvertreter mit umfangreichen Vollmachten für alle möglichen Rettungs- und Stabilitätsmechanismen.

Wenigstens werde ich demnächst wieder mehr kommerzielle Produkt-Information bekommen, wenn Werbetreibende mit den Informationen, die ich Behörden unter Zwang zur Verfügung gestellt habe, mir tolle Angebote zuschicken.

Neue Derivate von ihrer Bank !, könnte es da heißen. Vielleicht auch: Haben Sie schon ein Konto auf den Bahamas ? Sicher vor dem Fiskus (wenn auch nicht vor Bernanke) ? Ich werde mich für das dritte Angebot entscheiden: Verspielen Sie ihr Geld in Las Vegas: Schnell, zuverlässig und geräuschlos. Und die Mädels tragen keine Hosenanzüge.

Halt: Eine gute Nachricht gibt es noch in diesem Malstrom unappetitlicher News: Jean-Claude Juncker bleibt Euro-Gruppenchef. Die Stabilität in Europa bleibt gewahrt ! Hurra, wir leben noch, und wir dürfen uns auf weitere unterhaltsame Schlagzeilen freuen.

Doch Vorsicht: Der Einsatz steigt. Mehr noch: Risiken und Nebenwirkungen sind größer als in der stinkigsten Güllegrube.


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