Innenansichten eines Abgrunds – Die Goldmedaille für die größte Gaunerbank geht an …

by markusgaertner on 16/07/2012 · 23 comments

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Man muss die Beispiele von Raub und Betrug im Finanz-Universum nicht einmal suchen, sie kommen von alleine, sie drängen sich regelrecht auf. Wer dieser Tage Zeitung liest, stößt auf immer neue Räuberpistolen, schier unglaubliche Fälle von Manipulation, Übervorteilung und krassem Betrug.

Stets fallen die Namen großer Banken. Stets geht es um viel Geld, wie bei Janet und Jim Baker, die 1982 “Dragon Systems” gründeten und das Unternehmen zu einem erfolgreichen Pionier in der Spracherkennung durch Computer machten. Seagate stieg Mitte der 90er Jahre mit 20 Millionen Dollar bei Dragon Systems ein, die Fortschritte hielten die ganze Branche in Atem.

Die Bakers wandten sich an Goldman Sachs, für einen Verkauf ihrer Firma. Die Investmentbank tütete im Jahr 2000 einen 580-Millionen-Dollar Deal ein, den Kauf von Dragon Systems durch Lernout & Hauspie. Tage später brach das Unternehmen zusammen. Die Bakers verloren in dem Deal, der mit Lernout & Hauspie-Aktien bezahlt wurde, alles.

In Lernout & Hauspie, so wurde in dem noch laufenden Mammut-Prozess mit 800 Seiten voller eidesstattlicher Erklärungen deutlich, wollte Goldman Sachs selbst einst investieren, sah aber dann nach eigenen Recherchen von einem Einstieg ab. – Das negative Ergebnis der Goldman-Recherchen wurde nicht an die Bakers weiter gereicht. Mehr noch: Während die Investmentbank die Bakers beriet, arbeitete sie auch am IPO für einen Konkurrenten von Dragon Systems.

Die ganze Geschichte stinkt und qualmt, die New York Times rollt sie in einem gut zu lesenden Bericht auf. Man ahnt ganz dunkel, wie es in diesem Segment des Marktes zugeht und fragt sich, warum hier kein gesetzlich allseits verbindlicher Code of Conduct aufgestellt wurde. – Ach ja, ganz vergessen, wir wollten ja alle in den vergangenen 20 Jahren sämtliche wirtschaftlichen Kräfte entfesseln und dabei die Segnungen und Gewinne des Kapitalmarktes von oben auf alle herab regnen lassen. Und zu viele Regeln schädigen schließlich dem Geschäft: Mehr erzwungene Ehrlichkeit, weniger Investitionen, weniger Jobs, weniger Steuern, bla bla, bla.

Das ist jedoch nicht das einzige Beispiel von Faulspiel in der Finanzbranche an diesem Wochenende. Der Libor-Skandal kommt noch gar nicht richtig ins Rollen, die Beteiligung von Notenbanken, US-Geschäftsbanken und deutschen Instituten ist noch gar nicht absehbar – da offenbart sich bereits der nächste Abgrund, der mehr als eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten betreffen könnte: Die Manipulation des Öl- und damit Benzinmarktes.

Die G20 haben sich eine Studie anfertigen lassen, die heftig die Alarmglocken bimmeln lässt. Banken, Ölfirmen und Hedgefonds haben demnach starke “Anreize”, den Markt zu manipulieren. Ölhändler nutzen demzufolge bestimmte Indizes, um heraus zu finden, was sie für künftige Versorgung zahlen müssen. Diese Indizes entstehen aus Angaben, die von Banken, Energiefirmen und Fonds publik gemacht werden.

Laut dem Bericht ist die Weitergabe dieser Daten freiwillig, die teilnehmenden Firmen wählen nur solche Preise aus, die sie weitergeben wollen. Laut dem Bericht eröffnet das Möglichkeiten, “nur einen Teil der Informationen weiter zu leiten und den Preis zum Vorteil der Händler zu beeinflussen.” Der G20-Bericht bezeichnet das ganze Preisbildungs-System in der Branche als “offen für Manipulation und Verzerrung.”

Kritische Blogger wie Phil Davis auf Seeking Alpha machen darauf seit Jahren aufmerksam, geduldig, deutlich, unüberhörbar, anschaulich und mit vielen Fakten. Davis analysiert immer wieder, wie der Futures-Handel an der NYMEX systematisch die Ölpreise verzerrt, indem eine enorme Nachfrage vorgetäuscht wird, die es gar nicht gibt.

Im April 2011 beschrieb Davis das so: “That’s how we have developed a massive glut of 677 million barrels worth of contracts in the front four months on the NYMEX and, come rollover day – that will be the amount of barrels “on order” for the front 3 months, unless a lot barrels get dumped at market prices fast. Keep in mind that the entire United States uses ‘just’ 18M barrels of oil a day, so 677M barrels is a 37-day supply of oil. But, we also make 9M barrels of our own oil and import ‘just’ 9M barrels per day, and 5M barrels of that is from Canada and Mexico who, last I heard, aren’t even having revolutions. So, ignoring North Sea oil Brazil and Venezuela and lumping Africa in with OPEC, we are importing 3Mbd from unreliable sources and there is a 225-day supply under contract for delivery at the current price or cheaper plus we have a Strategic Petroleum Reserve that holds another 727 Million barrels (full) plus 370M barrels of commercial storage in the US (also full) which is another 365.6 days of marginal oil already here in storage in addition to the 225 days under contract for delivery.

Natürlich gibt es auch beim Libor-Skandal selbst jede Menge unappetitliche Neuigkeiten an diesem Wochenende. Die vielsagendste und brisanteste ist die, dass US-Finanzminister Timothy Geithner die Empfehlungen, die er schon 2008 den Briten für eine Reform des Preisbildungs-Systems beim Libor übermittelte, von zuständigen Managern bei den Banken bekam, nicht aus seinem eigenen Hause, der New York Fed, die er damals führte. Geithner gab die Empfehlungen dennoch als seine eigenen aus, wie die Huffington Post heute enthüllt. Hier die Quelle dafür.

Und hier das entsprechende Zitat aus der Huffpost: A comparison between Geithner’s recommendations and those put forward by “market participants” — shorthand for banks — makes it clear that Fed staff asked banks how to fix the problem, then presented those answers as their own. (Most of the banks consulted were likely U.S.-based institutions, as several of the recommendations are aimed at giving more power, not surprisingly, to U.S. banks.)

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