Krisen-Streiflichter: Kreditsucht, Geldsucht, wachsende Schwindsucht

by markusgaertner on 17/07/2012 · 43 comments

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Wir nähern uns den Grenzen, die diese Krise auf beiden Seiten des Atlantiks nicht durchbrechen kann: Die ehernen Gesetze der Finanz-Physik. „Bis hierhin und nicht weiter“, schreien Budgets, erzürnte Verbraucher, Gerichte und Kontroller.

Wer aufmerksam mit seinen Augen durch den Blätterwald wandert, trifft andauernd auf sie: Die Beispiele, die uns zeigen, dass im Orbit des Konventionellen die Möglichkeiten langsam aber sicher erschöpft sind.

Ich will mich heute solchen Beispielen widmen und mit einem ganz besonders vielsagenden beginnen.

1 Wenn das Krankenhaus beim Notarzt landet. Die New York Times berichtet von einer wachsenden Zahl von Hospitälern, die – um das Unvermeidliche aufzuschieben – ihre Rücklagen für Klagen wegen ärztlicher Fehler aufgezehrt haben. Viele Krankenhäuser in den USA haben demnach schon länger für bestimmte medizinische Leistungen keine Versicherungen mehr unterschrieben, weil ihnen die Beiträge dafür im Land der astronomischen Streitsummen einfach zu teuer sind.

Im Klartext: Ungezählte Krankenhäuser sind nur eine Klage von der Pleite entfernt. Viel besser lässt sich das Aufzehren der Substanz in der größten Volkswirtschaft der Welt kaum illustrieren, außer vielleicht in der Infrastruktur.

2 Chinas Staats- und Wirtschaftslenker in Peking finden sich in der berühmten Ecke wieder, aus der es kaum einen Weg heraus gibt. Der Grund: Mit nur noch 7,6% BIP-Wachstum im zweiten Quartal – dem niedrigsten in drei Jahren – gerät das erklärte Wachstumsziel von 7,5% für 2012 in Gefahr. Ministerpräsident Wen Jiabao hat vor ein paar Tagen erklärt, dass der Abwärtsdruck anhält. Dennoch gibt es Zeichen, dass die Führung in Peking die Zügel lockert.

ABER: Weil die Exporte lahmen – und der Konsum mit 35% erst halb so viel zum BIP beisteuert wie in den USA – bleibt Peking als Option für die Ankurbelung der Konjunktur im Grunde nur das, was die Wirtschaft im Reich der Mitte gefährlich aufgebläht hat: Die massive Ausweitung der Anlage-Investitionen: Alles von Fabriken, über Eisenbahnstränge bis hin zu neuen Kraftwerken und Immobilien.

Wenn die Volksrepublik im laufenden ihre Exporte 10% ausdehnen kann, habe sie Glück, erklärte im Juni Handelsminister Chen Deming. Doch im ersten Halbjahr haben die Anlage-Investitionen laut dem Statistikbüro in Peking 50% des Wachstums bestritten, mehr als jene 45%, bei denen der IWF Alarm geschlagen hat. Überkapazitäten und Wackelkredite der Staatsbanken in unbekanntem Ausmaß werden die Folge sein. Schon jetzt breitet sich darüber Sorge aus.

3 Francois Hollande verspricht den Autoherstellern in Frankreich Hilfe. Überraschend kommt das nicht, man kann es bis zu einem gewissen Maße nachvollziehen. Doch mit derlei Kraftakten verflüchtigt sich die Wachstumspolitik schnell. Hollande ist geschockt, dass Peugeot 8.000 Stellen streichen und ein Werk schließen will. Aber auch ihm werden hier enge Grenzen aufgezeigt. Auch für uns hier kommt das keineswegs überraschend. Aber voilá, hier kommt der Beweis.

4 Der IWF hat die Prognose für die globale Wirtschaft gesenkt, auf nur noch 3,5%. Auch das wird sich bald als viel zu rosig herausstellen. Aber mit dieser Vorhersage im neuen Weltwirtschafts-Ausblick steht die Ernüchterung quasi im Protokoll, nachvollziehbar für alle. Der Chefvolkswirt des IWF hat dabei heute den USA einen „enormen Schock“ prophezeit, falls in Washington kein Kompromiss zu einem konjunktur-schonenden Sparpakt – was immer das sein soll – gefunden wird, bevor Anfang 2013 automatische Steuererhöhungen und schroffe Budgetkürzungen die Konjunktur in den freien Fall schicken.

5 Die Gegenattacke gegen den weltweiten Betrug, die Ausbeutung von Handels- und Produzentenmacht sowie die nicht enden wollende Gier von Banken rollt an. Beispiel eins: Die überraschende Entscheidung des U.S. Court of Appeals im 7. Bezirk in Chicago, eine Klage gegen das „eng geknüpfte globale Kali-Kartell“ wieder aufleben zu lassen. Unter den Beschuldigten sind die kanadischen Kali-Giganten Potash Corp. und Agrium sowie Mosaic in Minnesota und vier russische und weißrussische Kali-Produzenten. Die sieben Firmen kontrollierten 2008, als die Klage erstmals erhoben wurde, 71% der Weltproduktion.

Dazu passend: Das US-Justizministerium bereitet eine Klage gegen mehrere Banken wegen illegaler Machenschaften im Zusammenhang mit der Manipulation der Libor-Zinsen vor. Staatsanwälte in mehreren US-Bundesstaaten tun dasselbe. Und JP Morgan (schon wieder) wird von einem ehemaligen Brokerage-Kunden verklagt. Die Bank soll ihm und anderen Investoren überteuerte und schlecht abschneidende Fonds unter gejubelt haben. Passt doch genau in das Schema, das wir immer klarer vor unseren Augen sehen.

Und wir sehen schon die nächste Sauerei im Anmarsch. Die FT berichtet, dass mehrere Wall Street-Banken – darunter JP Morgan (NEIN!!) und Morgan Stanley sich im Ölhandel breitmachen und sich über die rasch zunehmende Kreditfinanzierung unabhängiger Raffinerien, die wegen der hohen Öl-Notierungen nicht mehr genügend Liquidität haben um ihre Ölvorräte vorzufinanzieren, im Ölsektor zusätzliche Macht für die Preisgestaltung verschaffen. Manipulation ? Nein, Pflege der Notierungen. Unsere Regulierer würden das rausfinden, bevor der erste Scheck geschrieben ist, wenn hier Betrug zu vermuten wäre.

6 Auch in den USA naht die Stunde der Wahrheit. „Wie nah sind wir an einer neuen Großen Depression?“, fragt CNBC besorgt.  Arthur Laffer, einer der Architekten der Wirtschaftspolitik von Ronald Reagan, sieht die US-Wirtschaft vor einem Kollaps. Und aus der Vanguard-Gruppe, mit 148 Mrd. Dollar Treasuries der größte private Gläubiger der US-Administration, sind wir höchstens vier Jahre von dem Punkt entfernt, an dem sich die Bond-Geier auch über die USA hermachen werden. Meine Vermutung: Die Jungs bei Vanguard sind recht optimistisch. Das könnte genauso gut in diesem Herbst losgehen.

7 Mit der „perfiden Enteignung der Massen“ (finanzielle Repression) befasst sich heute Die Presse in Wien. In dem Bericht geht es auch um die DIW-Forderung, über Zwangsanleihen Wohlhabende zur Balancierung der öffentlichen Haushalte einzuspannen. Zurecht stellt die Zeitung die Frage, wie das mit dem grundgesetzlich geschützten Eigentumsrecht vereinbar ist. Die Vermutung in dem Bericht, die ich für sehr realistisch halte: Die Forderung nach „Zwangsanleihen“ zeigt dreierlei: wie weit sich die Eurokrise bereits fortgefressen hat, wie verzweifelt die Vertreter überschuldeter Sozialstaaten mittlerweile sind und wie weit sie gehen werden, um ihr nicht mehr zu finanzierendes Geschäftsmodell der systematischen Wähleralimentierung über die Zeit zu retten. Man muss kein diplomierter Weltverschwörungstheoretiker sein, um zu erkennen, dass sich der Staat über niedrige Zinsen, steigende Inflationsraten, höhere Steuern und Zwangsanleihen entschulden wird.

Hiermit stoße ich auf die Rally an den Bondmärkten an und gehe ins Bett.

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