Die simple Welt der Finanzgangster – Geldwäscher, Slumlords & böse Regulierer

by markusgaertner on 18/07/2012 · 12 comments

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Die Kollegen beim Wall Street Journal haben sich den Abschiedsbrief von Peregrine Financial-Chef Russ Wasendorf Sr. besorgt. Der Mann wollte sich am Montag nach Bekanntwerden der Pleite des Future-Brokers das Leben nehmen.

Man kann über die Zeilen in dem Brief kräftig staunen. Bös gesinnte Regulierer hätten ihn – Wasendorf – zum Betrug verleitet. Das fehlende Geld der Kunden – mindestens 200 Millionen Dollar – sei für die hohen Kosten drauf gegangen, die überzogene Vorschriften und Gesetze verursachen.

Das ist wie ein Autofahrer, der gerade einen Fußgänger über den Haufen gefahren hat und den herbei eilenden Polizisten erklärt, die Verkehrsvorschriften seien ein solches Dickicht, dass er dem Paragraphen-Dschungel mit dem fünften Gang durch die Stadt entkommen wollte, allen roten Ampeln und Zebrastreifen zum Trotz.

Hier offenbaren sich Windungen in den Gehirnen von Wall Street-Managern, die man mit traditioneller Analyse gar nicht erfassen kann. Zugegeben, alle Menschen haben eine selektive Wahrnehmung. Dann gibt es welche, die können richtig gut verdrängen. Schließlich solche, die die Schuld immer nur bei anderen suchen. Und dann gibt es Zeitgenossen, denen mag man unterstellen – wenn man es gut mit ihnen meint – dass sie ihre Verrücktheit nur spielen, um als nicht voll schuldfähig gesehen zu werden. Wasendorf gehört aber zu einer Gattung, die ist noch einen ganzen Dreh durchgeknallter.

Doch das ist nicht die einzige vielsagende Nachricht, die wir heute in den Zeitungen finden.

So, wie sich in den USA der American Dream verflüchtigt, so löst sich für immer mehr Familien in Italien das berühmte Dolce Vita auf. Der Telegraph beschreibt diesen Aulösungsprozess in seiner heutigen Ausgabe. Demnach kämpfen acht Millionen Italiener – von 60 Millionen Einwohnern – gegen den finanziellen Abgrund an. Quelle der Information ist die Statistikbehörde Istat. Von den acht Millionen lebt fast jeder zweite in absoluter Armut. Das sind 5,7% der Bevölkerung, nach 5,2% vor zwei Jahren.

Auf dem südlichen Teil des “Stiefels”, Mezzogiorno, lebt jede vierte Familie unterhalb der Armutsgrenze. Dabei hat Mario Monti gerade erst mit dem Sparen begonnen.

Währenddessen erklärt Griechenlands früherer Finanzminister Evangelos Venizelos im lokalen Radio, dass die angestrebten Einsparungen von 11,5 Mrd. Euro im Bundeshaushalt für die beiden kommenden Jahre wegen der Rezession “fast unmöglich” zu realisieren sind. Diese Äußerungen von dem Sozialistenführer kommen genau einen Tag, bevor er den neuen Premier Antonis Samaras trifft, um eben jene Kürzungen zu besprechen.

Nach meiner Erfahrung gibt es in jeder Firma drei “Arten” von Beschäftigten: Gestalter, Verwalter und Verhinderer. Venizelos kam mir von Anfang an wie ein Mitglied dieser dritten Gruppe vor.

Nicht nur Venizelos fürchtet einen Kollaps seines Landes. Auch Immobilien-Tycoon und irrationales Lästermaul Donald Trump befallen solche Ängste. Obwohl Ben Bernanke derzeit mit QE3 wartet und stattdessen mit Worten Geldpolitik macht – siehe gestrige Börse – warnt Trump eindringlich: Keine neue Geldrunde, sonst geht der Dollar “zur Hölle.” – “The dollar is going to go to hell, we’re no longer the great source and lots of things are happening and lots of bad things are happening with the country”, zitiert Money News den Developer und Gebäudehändler.

Was er damit meint, sieht man an den Zahlen in einem neuen Bericht von Robert Litan bei der Ewing Marion Kaufman-Stiftung und Hal Singer, dem Direktor bei Navigant Economics. Die beiden haben auf Basis von Pensionsstatistikenden folgenden beunruhigenden Befund erarbeitet: Immer mehr Amerikaner räubern ihre “401(k)” genannten Pensions-Sparpläne und haben anschließend noch größere Probleme, ihre Schulden abzuarbeiten.

Persönliche Bankrotte nach Kreditentnahmen von den 401(k) haben in jüngster Zeit ein Volumen von 37 Mrd. Dollar im Jahr erreicht, viel mehr als bislang angenommen. In den 12 Monaten bis Mai stieg der Prozentsatz der Pleiten auf 17,4%, nachdem der Wert bis Mitte 2008 bei 9,7% gelegen hatte. Bis Mitte 2010 stieg der Prozentsatz dann wegen der Finanzkrise und der Großen Rezession auf 19,8% an.

Wundert sich jetzt noch jemand, warum der private Konsum im Juni im Monatsvergleich um satte 0,5% sank, obwohl die Kreditkarten wieder stärker in Anspruch genommen werden ? “Maxed out”, sagt man in Amerika. “Aus dem letzten Loch”, heißt das bei uns. Das ist eine Situation, die Herr Bernanke mit noch so niedrigen Zinsen nicht beheben kann. Im Jahr 2009 haben die Amerikaner demnach kollektiv 105 Mrd. Dollar von ihren Pensionskonten ausgeliehen.
Dieses Problem lässt sich nur durch Zurückhaltung lösen. Und während die Amerikaner das nun versuchen, entwertet Ben Bernanke durch rekordniedrige Zinsen gleichzeitig ihre Ersparnisse. Währenddessen kann sich Mark Zuckerberg eine fast sechs Mrd. Dollar umfassende Hypothek zu 1,05% refinanzieren.
Steigen die Zinsen jemals vor dem Totalcrash wieder an, wird er – nachdem er Steuern gespart hat, und sich die Schulden bei der Bank zurecht-inflationieren ließ – auf einen Schlag zurückzahlen. Dann wechselt er verstärkt auf die andere Seite und verdient – angesichts stabilisierter Börsen und steigender Zinsen – wieder mehr Geld als Investor von Wertpapieren.
Für diesen Spurwechsel auf der Zinsautobahn von Herrn Bernanke haben die Menschen aus der Studie von Litan und Singer nicht genügend Sprit. In Zeiten niedriger Zinsen werden ihre 150 Dollar auf dem Sparbuch entwertet. Steigen die Zinsen wieder, haben sie erst recht keine “Firepower” mehr, um an der nächsten Börsenrally teilzunehmen.
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die Simpsons July 18, 2012 at 06:54

Wir leben in zwei Universen. Universum 1 ist die Systemkrise oder wie immer man das nennen mag. Universum 2 ist die persönliche Alltagswelt. Und hier wird es für jeden sehr gefährlich. Man glaubt dass es zwei verschiedeneWelten sind, die man auch voneinander trennt. Die Krise, die sich nicht in meiner persönlichen Welt abspielt, wird man schon lösen – Prinzip Hoffnung und Realitätsverweigerung, und dann wird sich in meinem Leben nicht viel ändern. Mon fokussiert sich auf sein Leben, auf sein Umfeld und auf seinen Beruf, auf seinen Besitz, auf sein Vermögen. Ich habe das Ego betont, weil es zeigt wie der Mensch mit Angst besetzt ist. Und wenn dann der Sensenmann an der Haustür klingelt brechen alle Dämme. Wer sein Ego weiter pflegt, was nichts anderes heisst mit dem System weiter ins Bett zu gehen, darf sich nicht wundern wenn dieses ihm eines Tages die A….karte zeigt. Sozusagen ein Pluto Uranus Quadrat (Pluto = System; Uranus = Freiheit). Eigentlich keine schlechte Konstellation.

Wie sagt Garak so schön in DS9 “Die Wahrheit mein Freund liegt im Auge des Betrachters.”

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Joker July 18, 2012 at 08:45

Sehr schoen beschrieben – es nimmt langsam sizophrene Zuege an….
Nur scheinen mittlerweile alle abgestumpft – Italien runtergestuft – na und, noch ein Broker hat Kundengelder veruntreut – ist doch normal…. hauptsache, nicht bei mir im Umfeld, so dass ich weiter abends vor der Glotze abhaengen kann……

Ich denke, wir haben es in die Sommerpause geschafft, (oder?) die MS Presse schweigt ueber Spanien, der GR Troika Bericht wird erst im September veroeffentlich, auch Karlsruhe denkt so lange nach – und die EZB kauft wahrscheinlich heimlich irgendwie Staatsanleihen, um die Italiener zu refinanzieren – kennt jemand die aktuellen Bondissuance Termine fuer Spanien und Italien? Wahrscheinlich ist da auch Sommerpause…

Nur, letztes Jahr hat dann S&P Anfang August etwas Aerger gemacht, (das trauen die sich nicht nochmal). Schaun wir mal, welches Puzzlestueck diesmal alle vergessen haben und Aerger macht……

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Joker July 18, 2012 at 09:41

Zwei Punkte – ich habe nirgendwo anders von dieser Konferenz gelesen (FAZ, SPIEGEL WELT – tsst tss)

Etwas fuer die Mitleser, die noch Geduld fuer Nuancen haben …….. ( I know, difficult)

Ich habe die Seite im Feed, das ist oft nicht so interessant, aber zwischendurch sind Sachen damit, die sonst an einem vorbei gehen.

http://www.truthdig.com/report/item/stalemate_in_siena_20120717/?

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vlk July 18, 2012 at 08:09

Das dürfte in D auch nicht viel anders aussehen …
Die Mehrheit hat nix auf der Kante ausser Schulden.
Und immer noch werden Schulden gemacht – für Auto – Urlaub – Handy – SchönheitsOPs
Die Banken werben auch mit günstigen Konsumkrediten … schöne heile Welt.
Die Hypozinsen bewegen sich im Bereich 2-3% je nach Laufzeit-es wird gebaut als wenn es kein Morgen gäbe…

In FFM werden ganze Straßenzüge abgerissen und neu gebaut-die Coba baut nen neuen Turm… (Warum eigentlich ? )
Der Leerstand ist bei über 50% – in einer “Boomregion”.
Zeitglich gab es diese Woche wieder Artikel über Wohnungsnot – ich frag mich wieso ? Wir werden immer weniger in dem Land hier.
Das wird alles ein böses Erwachen. – wenn viele auf Betongold setzen und danach merken das keiner mehr Miete zahlen kann …

Es gibt inzwischen Regionen da werden ganze Häuser quasi verschenkt…und das nicht mal im Osten !
Alles verzerrte Realitäten.

Ach ja . bei mobile.de erscheinen gefühlt auch immer mehr Autos aus Europa in der Suchliste…

Und die Schlagzeile auf NTV gestern : Zulassungsschwäche in Europa erstmal gestoppt….

Ein Schelm….

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Andreas Ludwig July 18, 2012 at 09:18

@vlk
Ach ja . bei mobile.de erscheinen gefühlt auch immer mehr Autos aus Europa in der Suchliste…

Das gleiche habe ich auch gedacht letztens. Immer mehr Autos aus Osteuropa werden auf Mobile angeboten.
Den Grund habe ich noch nicht herausgefunden. Aber wenn die auf Deutschland ausweichen, liegt der Nahe….

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HaPennyBacon July 18, 2012 at 09:29

Man muss den Sizilianern eigentlich applaudieren. Die greifen wenigstens zu bevor es sich die Bankster holen.
http://www.n-tv.de/wirtschaft/Sizilien-droht-die-Pleite-article6755401.html
Auch die Iren haben nun gemerkt das sie mit dem Sparkurs ihre eigentlich noch recht solide Realwirtschaft vor die Wand fahren und wollen nicht mehr so weiter machen wie bisher. Mal sehen was die “Meinungsführer” in Europa dazu sagen werden wenn die Ferien vorbei sind.

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Andreas Ludwig July 18, 2012 at 09:39

Man muss einfach den gesunden Menschenverstand einschalten bei den Autoverkäufen. Ein Auto liegt heute im untersten Segement dort, wo früher die Mittelklasse anfing. Die Mittelklasse fängt heute da an, wo früher die Oberklasse los ging.
SLK/CLK Bj 1999 72.000 Mark Neupreis
Golf zwischen 28-34000 Euro je nach Ausstattung
BMW 1er zwischen 23.000-280000 Euro= 45.000- 54.000 Mark
Wer soll das bezahlen bei halbierten Löhnen und Lohnsteigerungen von moderaten 0,5-2,5%. Reicht nicht mal für die Inflation. Dazu steigende Kosten bei Strom und sonstige Abgaben. Ich würde sagen, es kommt zur schleichenden Insolvenz des Normalbürgers.Manche wissen es nur noch nicht.Viele versuchen das noch durch 400 Euro Jobs an der Tanke auszugleichen.Der Tag hat aber nur 24 Std.
Also müssen wir uns nicht wundern, wenn die Konsumgüterindustrie einbricht.Autos, Computer usw.
Vielleicht haben noch Firmen wie Rolex Chancen. Da kauft sich der ein oder andere mal eine als Anlage.
Die Pfandverleiher haben Hochkonjunktur.
Und jetzt ist die Frage wann Peugeot wirklich zusammenbricht. Dauert es mehrere Jahre? Ich glaube nicht.
Hat die deutsche Autoindustrie etwas davon? Ich glaube nicht.Die schleppen sich noch ein paar Jahre länger durch. Kommt es an irgendeiner Stelle auf dieser Welt zum stocken, erlebt Deutschland sein blaues Wunder. Deshalb finanzieren wir dem Rest von Europa schon den Konsum, damit wir weiter produzieren.Das ist der Kanzlerin ihr Problem.Nur wird der Kreislauf irgendwann massiv gebrochen sein. Das Geld läuft eigentlich nur im Kreis.Dabei muss es irgendwo geholt werden. Das ist der normale Bürger. Erst wenn der total ausgebrannt ist, ist das Hütchen wieder auf Los. Wir stehen erst am Anfang der Plünderung. Wie lange das dauert? I dont know.Gruss an alle

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Victor July 18, 2012 at 13:02

Erleichterung für private Pleitiers: Das Bundeskabinett hat eine Neuregelung des Privatinsolvenzverfahrens beschlossen, Schuldner können sich künftig drei Jahre eher von der Last befreien. Auch Gläubiger sollen profitieren.
http://www.sueddeutsche.de/geld/bundesregierung-beschliesst-aenderung-der-privatinsolvenz-schuldenfrei-in-drei-jahren-1.1415656

Unsere Kanzlerin kümmert sich.

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vlk July 18, 2012 at 11:37

So schnell wird Peugeot nicht zusammenbrechen – die Marktdurchdringung ist schon vorhanden als Europas #2 hinter VW.
Und man ist im entsprechenden Marktsegment vertreten das in Zukunft die höchsten Absatzzahlen wohl bringt.. Kleinwagen – Roller – und Fahrräder.

Ein schrumpfen der Modellpalette ist in meinen Augen aber unbedingt notwendig.

Eher geht FIAT den Bach runter als Peugeot …

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Marco July 18, 2012 at 16:36

OT: Versagen meine mathematischen Fähigkeiten oder liegt es an der Springerpresse oder will uns der gute Mann mit dieser Aussage veralbern?

“Knapp 800.000 Tonnen Lebensmittel lagern so in ganz Deutschland, macht pro Bürger etwa zehn Kilo. Wer sich auf 500 Gramm Getreide am Tag beschränkt, kann sich mehrere Monate lang aus der Notfallreserve ernähren.”

http://www.welt.de/politik/deutschland/article108292654/Deutschland-hortet-tonnenweise-Lebensmittel-Vorraete.html

500 Gramm am Tag = 1/2 kg. Bei 10 kg pro Bundesbürger = 20 Tage. Wie kann man da zu einer Aussage von mehreren Monaten kommen?

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dank July 18, 2012 at 17:08

Wahrscheinlich lassen wir das dann jeden Tag davon 100 gr ca.mit einem halben Liter Wasser aufquellen…

“Doch ist sie noch zeitgemäß?”

Abwarten…

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Klaus July 20, 2012 at 08:09

Ich finde es gut, wie sie immer das obere Ende gegen das untere Ende der Gesellschaft halten, weil am Schluß doch Verbindungen gibt. Nur wird man das nie justizial Nachweisen können. Am Ende ist es wohl Schicksal, wenn die Menschen einfach ärmer werden.

Was mich aber noch ganz persönlich interessiert: Wie lesen sie Nachrichten? Also ihre Quellen sind immer sehr vielfältig und ich vermute, dass sie nicht die kompletten Zeitungen durchlesen. Deshalb wollte ich nach ihren Suchfiltern fragen. Das interessiert mich immer sehr, weil ich meine optimieren will.

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