Die simple Welt der Finanzgangster – Geldwäscher, Slumlords & böse Regulierer

by markusgaertner on 18/07/2012 · 12 comments

2012-07-17_1844

Share

Die Kollegen beim Wall Street Journal haben sich den Abschiedsbrief von Peregrine Financial-Chef Russ Wasendorf Sr. besorgt. Der Mann wollte sich am Montag nach Bekanntwerden der Pleite des Future-Brokers das Leben nehmen.

Man kann über die Zeilen in dem Brief kräftig staunen. Bös gesinnte Regulierer hätten ihn – Wasendorf – zum Betrug verleitet. Das fehlende Geld der Kunden – mindestens 200 Millionen Dollar – sei für die hohen Kosten drauf gegangen, die überzogene Vorschriften und Gesetze verursachen.

Das ist wie ein Autofahrer, der gerade einen Fußgänger über den Haufen gefahren hat und den herbei eilenden Polizisten erklärt, die Verkehrsvorschriften seien ein solches Dickicht, dass er dem Paragraphen-Dschungel mit dem fünften Gang durch die Stadt entkommen wollte, allen roten Ampeln und Zebrastreifen zum Trotz.

Hier offenbaren sich Windungen in den Gehirnen von Wall Street-Managern, die man mit traditioneller Analyse gar nicht erfassen kann. Zugegeben, alle Menschen haben eine selektive Wahrnehmung. Dann gibt es welche, die können richtig gut verdrängen. Schließlich solche, die die Schuld immer nur bei anderen suchen. Und dann gibt es Zeitgenossen, denen mag man unterstellen – wenn man es gut mit ihnen meint – dass sie ihre Verrücktheit nur spielen, um als nicht voll schuldfähig gesehen zu werden. Wasendorf gehört aber zu einer Gattung, die ist noch einen ganzen Dreh durchgeknallter.

Doch das ist nicht die einzige vielsagende Nachricht, die wir heute in den Zeitungen finden.

So, wie sich in den USA der American Dream verflüchtigt, so löst sich für immer mehr Familien in Italien das berühmte Dolce Vita auf. Der Telegraph beschreibt diesen Aulösungsprozess in seiner heutigen Ausgabe. Demnach kämpfen acht Millionen Italiener – von 60 Millionen Einwohnern – gegen den finanziellen Abgrund an. Quelle der Information ist die Statistikbehörde Istat. Von den acht Millionen lebt fast jeder zweite in absoluter Armut. Das sind 5,7% der Bevölkerung, nach 5,2% vor zwei Jahren.

Auf dem südlichen Teil des “Stiefels”, Mezzogiorno, lebt jede vierte Familie unterhalb der Armutsgrenze. Dabei hat Mario Monti gerade erst mit dem Sparen begonnen.

Währenddessen erklärt Griechenlands früherer Finanzminister Evangelos Venizelos im lokalen Radio, dass die angestrebten Einsparungen von 11,5 Mrd. Euro im Bundeshaushalt für die beiden kommenden Jahre wegen der Rezession “fast unmöglich” zu realisieren sind. Diese Äußerungen von dem Sozialistenführer kommen genau einen Tag, bevor er den neuen Premier Antonis Samaras trifft, um eben jene Kürzungen zu besprechen.

Nach meiner Erfahrung gibt es in jeder Firma drei “Arten” von Beschäftigten: Gestalter, Verwalter und Verhinderer. Venizelos kam mir von Anfang an wie ein Mitglied dieser dritten Gruppe vor.

Nicht nur Venizelos fürchtet einen Kollaps seines Landes. Auch Immobilien-Tycoon und irrationales Lästermaul Donald Trump befallen solche Ängste. Obwohl Ben Bernanke derzeit mit QE3 wartet und stattdessen mit Worten Geldpolitik macht – siehe gestrige Börse – warnt Trump eindringlich: Keine neue Geldrunde, sonst geht der Dollar “zur Hölle.” – “The dollar is going to go to hell, we’re no longer the great source and lots of things are happening and lots of bad things are happening with the country”, zitiert Money News den Developer und Gebäudehändler.

Was er damit meint, sieht man an den Zahlen in einem neuen Bericht von Robert Litan bei der Ewing Marion Kaufman-Stiftung und Hal Singer, dem Direktor bei Navigant Economics. Die beiden haben auf Basis von Pensionsstatistikenden folgenden beunruhigenden Befund erarbeitet: Immer mehr Amerikaner räubern ihre “401(k)” genannten Pensions-Sparpläne und haben anschließend noch größere Probleme, ihre Schulden abzuarbeiten.

Persönliche Bankrotte nach Kreditentnahmen von den 401(k) haben in jüngster Zeit ein Volumen von 37 Mrd. Dollar im Jahr erreicht, viel mehr als bislang angenommen. In den 12 Monaten bis Mai stieg der Prozentsatz der Pleiten auf 17,4%, nachdem der Wert bis Mitte 2008 bei 9,7% gelegen hatte. Bis Mitte 2010 stieg der Prozentsatz dann wegen der Finanzkrise und der Großen Rezession auf 19,8% an.

Wundert sich jetzt noch jemand, warum der private Konsum im Juni im Monatsvergleich um satte 0,5% sank, obwohl die Kreditkarten wieder stärker in Anspruch genommen werden ? “Maxed out”, sagt man in Amerika. “Aus dem letzten Loch”, heißt das bei uns. Das ist eine Situation, die Herr Bernanke mit noch so niedrigen Zinsen nicht beheben kann. Im Jahr 2009 haben die Amerikaner demnach kollektiv 105 Mrd. Dollar von ihren Pensionskonten ausgeliehen.
Dieses Problem lässt sich nur durch Zurückhaltung lösen. Und während die Amerikaner das nun versuchen, entwertet Ben Bernanke durch rekordniedrige Zinsen gleichzeitig ihre Ersparnisse. Währenddessen kann sich Mark Zuckerberg eine fast sechs Mrd. Dollar umfassende Hypothek zu 1,05% refinanzieren.
Steigen die Zinsen jemals vor dem Totalcrash wieder an, wird er – nachdem er Steuern gespart hat, und sich die Schulden bei der Bank zurecht-inflationieren ließ – auf einen Schlag zurückzahlen. Dann wechselt er verstärkt auf die andere Seite und verdient – angesichts stabilisierter Börsen und steigender Zinsen – wieder mehr Geld als Investor von Wertpapieren.
Für diesen Spurwechsel auf der Zinsautobahn von Herrn Bernanke haben die Menschen aus der Studie von Litan und Singer nicht genügend Sprit. In Zeiten niedriger Zinsen werden ihre 150 Dollar auf dem Sparbuch entwertet. Steigen die Zinsen wieder, haben sie erst recht keine “Firepower” mehr, um an der nächsten Börsenrally teilzunehmen.
Share

{ 12 comments… read them below or add one }

Leave a Comment

*

Previous post:

Next post: