Von britischen Rentnern bis zum Weißen Haus – Der Krisen-Sumpf als tägliches Milliardengrab

by markusgaertner on 19/07/2012 · 37 comments

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Es war ein Deutsche Bank-CEO, der dem Wort Peanuts neue Bedeutung gab. Aber es war die Finanzkrise von 2008 mit ihren schweren Nachbeben, die uns mit Milliarden-Beträgen öfter konfrontiert, als innerstädtische Parkuhren mit 1-Euro-Münzen.

Satte 500 Milliarden im Europäischen Stabilitätsmechanismus, 1.000 Milliarden Euro LTRO-Kredite der EZB, über 500.000 Milliarden variabel verzinste Finanzprodukte und -dienstleistungen, die weltweit am manipulierten LIBOR hängen.

Es geht heute an dieser Stelle um große Zahlen.

Die jüngsten Nachrichten verdeutlichen das in prekärer Manier. Egal, ob es um Verluste von Rentnern geht, um entgangene Investment-Einnahmen von Kommunen, um Amerikas Energie-Revolution, die Anleihekäufe Chinas in den USA, oder die viel größer als vermuteten Cash-Berge von US-Firmen, die irgendwie nicht das machen, was sie sollen: Arbeiten und neue Stellen schaffen.

1 Reuters berichtet, dass US-Firmen (ohne Banken) drei Mal so viel Bares vorhalten, wie die US-Notenbank vermutet. Quelle der Informationen sind die US-Steuerfahnder. Der jüngste Flow of Funds-Bericht der Fed weist demnach bis Ende März 1.700 Milliarden Dollar liquide Assets für US-Firmen aus. Doch der Internal Revenue Service kommt auf 5.100 Milliarden.

Die Krise sollte eigentlich die Cashbestände der US-Firmen dezimiert haben, schreibt der Autor, David Cay Johnston. Aber denkste:

“Given the enduring hard times, you might think that corporations have used up their cash since 2009. But real pretax corporate profits have soared, from less than $1.5 trillion in 2009 to $1.9 trillion in 2010 and almost $2 trillion in 2011, data from the federal Bureau of Economic Analysis shows.”

Doch all das gehortete Cash, sagt Johnston, liegt billig verzinst auf Konten herum, anstatt Arbeitsplätze zu schaffen und den USA aus dem Schlamassel eskalierender Schulden und geringer Staatseinnahmen heraus zu helfen. Im Klartext: 11,3% der Firmen-Aktiva werden in Bar gehalten, während jeder fünfte Amerikaner arbeitslos oder unterbeschäftigt ist und die Reallöhne zurück auf das Niveau von 1999 gefallen sind.

Johnston hat Recht: Dies sind keine Zeiten, in denen Gewinne Urlaub machen sollten.

2 “Wir kriegen in den USA nicht mehr hin, als uns durch einen miserablen Status Quo hindurch zu quälen”, beschwert sich Lawrence Lessig im Atlantic. Recht hat er. Die eindringlichen Warnungen prominenter Amerikaner – auch vieler Wirtschaftskundiger – dass die USA auf ein fiskalisches Kliff zurasen, nehmen drastisch zu. Lessig ist Professor an der Harvard Law School und vielfacher Buchautor.

In dem Stück im Atlantic echauffiert er sich darüber, dass mit dem Aufkommen sogenannter Super PACs – Geldvehikeln privater Spender für politische Wahlkämpfe – die US-Politik auf den Kopf gestellt wird. Der Kauf des Weißen Hauses und weiter Teile der Abgeordneten durch reiche Amerikaner ist keine ferne Bedrohung mehr, sondern spätestens jetzt Realität.

Lessig verdeutlicht dies an folgenden Zahlen:

A tiny number of Americans — .26 percent — give more than $200 to a congressional campaign. .05 percent give the maximum amount to any congressional candidate. .01 percent give more than $10,000 in any election cycle. And .000063 percent — 196 Americans– have given more than 80 percent of the super-PAC money spent in the presidential elections so far.

3 Dem Europäischen Rettungsfonds EFSF geht das Geld aus, bevor der ständige Mechanismus ESM einsatzbereit ist, sagen Analysten bei der Bank of America vorher. Wegen der verzögerten Einführung – unter anderem wegen der zurecht laufenden Prüfung in Karlsruhe – wird der ESM später kommen als ursprünglich geplant, während der EFSF nach der Hilfe für Spaniens Banken nur noch 150 Milliarden Euro übrig hat. Davon aber wird bald nichts mehr dasein, wenn die Spreads für Italien und Spanien weiter steigen. Beide Länder nehmen seit Jahren monatlich zusammen etwa 30 Mrd. Euro am Bondmarkt auf.

4 Mark Perry, Finanzprofessor an der University of Michigan, beschäftigt sich mit der Energie-Revolution in den USA, die dem Land Unmengen von Gas und Öl aus Schieferproduktion beschert, zu Kosten für Umwelt und Gesellschaft, die bislang noch nicht genügend Widerstand provozieren, um die Förder-Tsunami zu stoppen.

Perry zitiert den Mai-Bericht des Government Accountability Office (GAO) – “Opportunities and Challenges of Oil Shale Development” – wonach US-Schiefervorkommen mehr Öl enthalten könnten als im Rest der Welt. Allein die Green River-Formation an der Grenze zwischen Utah und Colorado soll 3.000 Milliarden Barrel Öl-Äquivalent enthalten (GRAFIK).

Wir müssen solche Schätzungen mit größter Vorsicht genießen. Doch wir sehen, dass hier eine Jobmaschine für die US-Wirtschaft angeworfen wurde, die gleich an mehreren Stellen für sichtbare Bewegung sorgt: 600.000 neue Jobs, billige Energie, Anziehungskraft für neue Fabriken.

5 Während sich die Schuldenkrise auch in den USA zuspitzt – ohne dass bisher die Bond-Geier über New York kreisen – kaufen internationale Anleger, Notenbanken und Fonds Rekordmengen von US-Schuldtiteln. Laut dem Finanzministerium in Washington nahmen die Treasury-Käufe durch Ausländer im Mai zum fünften Mal in Folge zu, diesmal um 1%, angetrieben von China, das zum zweiten Mal hintereinander seine Treasury-Bestände ausbaute.

Ausländische Adressen halten jetzt für 5.260 Milliarden Dollar Treasuries. Die Fed kauft weiterhin massiv, aber auch Geld aus dem Rest der Welt, vor allem aus der Eurozone, sucht vermeintliche Sicherheit in den US-Schuldpapieren. China baute seine Bestände an US-Anleihen im Mai um 0,4% aus, auf 1.170 Milliarden Dollar, nach einem Anstieg von 1,8% im April und einem Rückgang im März um 1%.

6 Der Telegraph ereifert sich darüber, dass dreiste Fondsmanager in der “City” den britischen Sparern bis zur Hälfte der späteren Pensionen durch versteckte Gebühren abgreifen. Demnach weisen 9 von 10 Fondsmanagern die Kunden gar nicht auf die Gebühren hin. Diese sollen sich über die gesamte Laufzeit des Ansparens typischerweise für die Pension eines Durchschnittsverdieners auf bis zu 100.000 Pfund addieren.

Laut einem Bericht, den der Telegraph zitiert, sollen den Briten systematisch Pensionsprogramme mit niedrigen Gebühren – wie anderswo in Europa verbreitet sind – vorenthalten werden. Angeblich sparen elf Millionen Briten zu wenig für die Pensionen an. Der Telegraph zu den Folgen der Gebühren-Abzocke:

The issue of charges is increasingly important for millions of workers who now have to make their own pension provision. The number of people contributing to personal pensions fell by 400,000 to six million people between 2008 and 2010. The proportion of people in a workplace pension has fallen below half for the first time in at least 15 years. Just 48 per cent of employees were in a scheme, compared with 55 per cent when records began in 1997. The number of people in the private sector with pensions linked to their final salary has fallen from almost a third of workers in 1997 to 9 per cent.

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