Hollywood, oder höllische Realität ? – Deutschland gerät in den Eurostrudel, und Tony Blair wirft sich schützend vor die Banker

by markusgaertner on 25/07/2012 · 16 comments

2012-07-24_0723

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Ich würde gerne mal wieder eine Presseschau nur mit positiven Meldungen schreiben. Heute war dafür der schlechteste Tag in diesem Jahr. Ich kam mir bei der Suche nach Beispielen vor wie ein Goldschürfer, der seit 20 Jahren am Yukon gräbt und siebt, und Würmer isst statt Nuggets zu finden.

Spanien rutscht näher an den Bailout-Abgrund. Griechenland hat die Troika-Repräsentanten am Hals, die in Athen Bücher wälzen und nach Beweisen suchen, dass die Hellenen-Regierung die Zusagen des Landes aus dem zweiten Rettungspaket nicht einhält. Diese Versäumnisse und gebrochenen Versprechen sind bis nach Vancouver zu sehen. Aber wir wollen ja den lieben Taxifahrern in Athen den zusätzlichen Umsatz gönnen.

Fest steht: Wenn Antonis Samaras am Freitag die Top-Vertreter der Troika aus IWF, EZB und EU trifft, werden die Funken fliegen. Der Hahn könnte schon sehr bald zugedreht werden. Und plötzlich findet sich in der ganzen Presselandschaft keiner mehr, der das nicht schon immer hat kommen sehen.

Mehr noch: Deutschland wurde gerade von Moody´s auf die Abschussliste für ein mögliches Downgrade gesetzt. Wir hören, dass dies die Deutschen ärgert, die mit so vielen Zusagen und Garantien bereits in der Pflicht stehen.

Ist es Undank, wenn nach zwei Bailouts mit starker deutscher Beteiligung der griechische Premier Antonis Samaras auf jene in Europa eindrischt, die einen Grexit vorhersagen ? Nein, es ist der wutgetriebene Aufschrei eines Verzweifelten, der seinem aufgeblähten Staatsapparat – vor allem seiner Armee – mehr Einsparungen zumuten könnte, sich aber nicht traut. Und dann noch -7% beim BIP im laufenden Jahr.

Samaras: “Ich sage es offiziell: Es handelt sich um Untergraber unserer nationalen Bemühungen, wir tun, was wir können, damit das Land wieder auf eigenen Beinen stehen kann, und sie tun alles, was in ihrer Macht steht, damit wir scheitern.” – So schnell werden Helfer zu Saboteuren. Das zeigt, wie sehr die einigende Währung mit ihrer Schwäche den Spaltpilz streut. Dennoch kommen aus der EZB und aus Berlin unbeirrte Zusicherungen, der Euro werde das alles überstehen.

Wie aber soll das gehen, wenn Europas Anker tiefe Risse zeigt ?

Der Einkaufsmanager-Index von Markit für die deutsche Industrie kracht im Juli nach unten. Das ist schlechte Kunde, wie das Wall Street Journal zurecht feststellt, nicht nur für Europa, sondern für die ganze Weltwirtschaft. Die Exportaufträge sind auf den schwächsten Wert seit Mai 2009 gefallen. Das drückte den Composite PMI – den Gesamtindex – auf 47,3. Das ist der schlechteste Wert seit Juni 2009, und deutlich unter der Marke, an der sich Expansion und Rezession scheiden.

Im Klartext: Die Abwärtsspirale zwischen Shanghai, Detroit und Bochum nimmt weiter Fahrt auf.

Das wirft für mich die Frage auf, wohin uns diese Entwicklung zurückwerfen kann. Ziemlich weit, wenn man heute im SPIEGEL vom Verfall der Kaufkraft der Deutschen liest. Demnach liegt die Kaufkraft der Germanen auf dem Niveau von 1991.Da sind wir schon jetzt, ohne dass diese elende Krise mit uns fertig ist.

Für eine Flasche Bier muss immer noch drei Minuten gearbeitet werden, wie damals vor 21 Jahren. Der Unterschied ist nur, wie der SPIEGEL leider nicht verrät: Im Augenblick brauchen wir viel mehr Flaschen Bier als damals, um uns für ein paar Stunden die Misslichkeiten dieser Welt vom Hals zu trinken.

Und dann erklärt Tony Blair dem Telegraph in einem Interview, der Westen unterschätze die Gefahr des radikalen Islam.

Tun wir das ? Ich denke kaum, vor allem nicht in London, das schon mehrmals Ziel von Terroristen aus diesem Religions-Orbit war. Aber Blair erstaunt durch sein Timing. Das macht verdächtig. Gerade jetzt, wo Barack Obama – der transtalantische Verbündete im Westen – vor der Wahl im November ein großes Ablenkungsmanöver von der konjunkturellen Misere und dem eskalierenden Schuldenberg braucht – und am Persischen Golf für einen Waffengang mit dem Iran aufgerüstet wird – da sind solche Worte verdächtig, zumindest nicht angebracht.

Aber Blair hat noch viel mehr auf Lager: ”We must regain the basic values of what society is about, we’re not against wealth, but we are in favour of social responsibility, we must not start thinking that society will be better off , if we hang 20 bankers at the end of the street.” – Ach, wirklich ? 20 Banker ? Das wäre ja ein halber Genozid gegen das, was sich derzeit abzeichnet. So wie es aussieht, kommen wir an diesem Punkt noch lange nicht an.

Ist das nicht gerade die Einstellung, Herangehensweise und Rhetorik, die uns die Dauerkrise beschert, dass führende Politiker – und in diesem Fall ein Ex-Premier – das Galgenschicksal von Bankern beschwören, die zwar Unheil über Millionen von Sparern, Rentnern, Armen und Mittelstandsfamilien gebracht haben, aber nicht einmal eine milde Gefängnisstrafe fürchten müssen ?

Warum dieser Drang, die Gauner, die uns erst die Finanzkrise, dann die Große Rezession und schließlich eine Dauerserie milliardenschwerer Betrugs-Skandale beschert haben, voreilig in Schutz zu nehmen ?

Warum stellt sich ein prominenter Ex-Premier, in dessen Zeit einige der großen Übertreibungen, deren Folgen uns nun plagen, gefallen sind, schützend vor die Täter und nicht vor die Opfer ?

Das ist verkehrte Realität, Ignoranz, Wahnsinn, Selbstbetrug. Und falsches Zeugnis für die Geschichtsbücher, aus denen in 80 Jahren dann wieder keiner lernt.

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{ 16 comments… read them below or add one }

Nina July 25, 2012 at 06:13

Die EU-Politiker haben jahrelang mit den Kräften aus London und NY gekungelt und sumpfige Geschäfte betrieben.
Man tut es heute noch gemeinsam im Nahen Osten oder sonstwo.
Gleichzeitig wird man von diesen Kräften aus London und NY öffentlich als entmündigte Vasallen vorgeführt.

Das Euro-Volk interessiert aber mehr die Smart-Angebote bei Penny und Saturn.
Die Kredit-Wohlfahrt besitzt das Primat.
Hier setzt erst Veränderung ein, wenn der Euro-Michel glaubt, der letzte Tag sei angebrochen.
Aber nach einer Woche Sonne ist die menschliche Versuchung wieder erwacht.
Sonst hätte doch die Menschheit aus der eigenen Geschichte lernen müssen?

Brot und Spiele war bei den Römern schon sehr effizient.
Die „Wochenschau“ der Neuzeit moblisiert täglich für den Endkampf und die „Führung“ setzt die letzten Volkssturm-Euros zur Verteidigung ein.
Und der Euro-Michel hat wieder Hoffnung, auf einen segensreichen Dispo.
Heute scheint wieder die Sonne.

Wir brauchen das alles für eine kommende Selbstreinigung.
Nur das Reinigungsmittel und der Zeitpunkt ist noch unklar.

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HaPennyBacon July 25, 2012 at 07:27

Wenn man sich das hier durchliest, dann kann einem schon ganz mulmig werden. Darf man nur hoffen das die USA nicht ganz durchdrehen.
http://www.n-tv.de/politik/US-Wahl/Romney-will-hart-durchgreifen-article6806641.html

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HaPennyBacon July 25, 2012 at 07:30

Ach und hier die Akte über Romney die das Wahlkampfteam von McCain 2008 über ihn angelegt hatte. Wenn man das alles durch hat wird einem schnell klar, warum der McCain sich für Sarah Palin als potentielle Vizepräsidentin entscheiden musste.
http://www.scribd.com/doc/78582788/McCain-2008-Oppo-File

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Torsten July 25, 2012 at 07:41

Mit dem Romney kommt auf uns noch was zu.

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vlk July 25, 2012 at 09:24

Das ist Bush² wenn das alles so eintrifft wie er tönt…

Wir werden uns noch nach den 4Jahren “Ruhe” unter Obama sehnen dann

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Torsten July 25, 2012 at 07:48

“wie ein Goldschürfer, der seit 20 Jahren am Yukon gräbt und siebt, und Würmer isst statt Nuggets zu finden”

ein schlechter Goldwäscher ..

Deutsche Urlauber aus Spanien berichten bei mir vermehrt, dass in Spanien die Bäche und Flüsse voll von spanischen Goldwäschern sind.
Ich betreibe dies noch als Hobby, allerdings, wenn es hart auf hart kommt, weiss ich bereits die Placer schon.

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dank July 25, 2012 at 08:10

“…vor der Wahl im November ein großes Ablenkungsmanöver von der konjunkturellen Misere…”
Genau meiner Erwartung – jeden Tag aufs neue.

“…if we hang 20 bankers at the end of the street….”
Gedankenmanipulation pur, Ablenkung vom eigenen Unvermögen, bzw. Selbstschutz wegen der eigenen Verstrickungen. Ob die Stimmung etwa besser wäre, wenn daneben noch 20 Politiker hängen würden? Insgesamt wäre ich als Politiker oder Banker mit solchen Gedankeninjektionen viel viel vorsichtiger. Zur richtigen Stunde erinnert sich das Volksgedächtnis immer ganz gut…

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Andreas Ludwig July 25, 2012 at 09:02

Ich habe vor ein paar Wochen hier geschrieben, das es Abgeordnete gibt die sich mit Bushido auseinandersetzen. Als Praktikant aufbehnmen. Schon hat dieser anerkannte Adelige aus Schwäbisch Hall ein Problem an der Backe. Das diese Politiker auch noch geschäftliche Kontakte zu Kriminellen aufbauen zeigt mir wie gnadenlos Selbstverliebt die Politikerkaste ist. Anstatt ordentliche Arbeit zu leisten für ihre Wähler, schlagen sie sich mit so einem Pack rum…Jetzt möchten wir gar nicht wissen, wie es in den höheren Etagen unserer Politik aussieht. Welche Nasen sich aneinander reiben beim Nürburgring oder Bahnhof Stuttgart, oder,oder,oder….
http://www.stimme.de/hohenlohe/hz/Vorwuerfe-an-CDU-Mann-Christian-von-Stetten;art31503,2517774

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vlk July 25, 2012 at 09:57

Mitt Romney verkündet „amerikanisches Jahrhundert“

Erinnert mich an das Tausendjährige Reich eines Östereichers

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dank July 25, 2012 at 10:58

Bin mir ganz sicher, ob er damit aber das 20. Jahrhundert meint. ;-)
Alles andere würde nur riesige Truppenbewegungen beinhalten… – die Zeiten der Cowboys neigen sich dem Ende zu, die Welt hat sich verändert, das Denken in vielen Politikerköpfen nicht. Es gibt neue große Mitspieler, die nur all zu gerne von der Generalität bei den Beratertätigkeiten klein geredet werden. Kranke Allmachtsfantasien.

Warum eigentlich keine “amerikanische Jahrmillion”? Oder “Jahrmilliarde”
Das amerikanische Jahrundert des Hunger vielleicht?

Livemitschnitt der Mitt Romney-Rede”…und selbst dem Urknall werden wir einholen, um ihn für immer zu schweigen zu bringen, denn Gods own Army wird nicht länger ruhen bis auch das letzte Staubkorn dieses ver* Universums unseren Stempel trägt oder mindestens von uns ausgebeutet wurde…” sarkasmusaus

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Marco July 25, 2012 at 12:21

Und hier das nächste Einsatzfeld für Gods own Army:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/syrien-und-ihr-denkt-es-geht-um-einen-diktator-11830492.html

Zumindest im Feuilleton-Bereich gibt es noch ein paar Journalisten in den Mainstream-Medien, die das ansprechen, was die Kollegen aus den News-Abteilungen verschweigen oder verdrehen.

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Christian A. Wittke July 25, 2012 at 12:59

Tony Blair ist für mich der Inbegriff des Lügens, Fälschens, Betrügens und Ausdruck des Verdammtseins, so man sich mit Möchtegernen und Berufspolitikern umgibt.

caw

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MCD July 25, 2012 at 13:22

….und Tony Blair wirft sich schützend vor die Banker
_____________
Bei 20 Millionen £ Einnahmen per annum aus diesem Sektor kein Problem:-) Solidarität ist angesagt.

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Victor July 25, 2012 at 14:00

Wir leben in einer Gesellschaft, die nur noch aus Selbsttäuschung und Illusionen besteht. Es herrscht das allgemeine Wunschdenken, wenn wir nur mehr Wachstum, mehr technologischen Fortschritt, mehr zentrale Steuerung, mehr Gesetze, mehr Effizienz … einfach mehr von dem machen was wir bisher gemacht haben … dann werden wir alle Probleme meistern können, ohne unser Verhalten und unsere Ansprüche ändern zu müssen.

http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2012/07/die-selbsttauschung-ist-astronomisch.html

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die Simpsons July 25, 2012 at 17:42

Es besteht Hoffnung: In Irland wurde ein Bankster inhaftiert
http://der-klare-blick.com/2012/07/irland-bankster-inhaftiert/

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Tom July 25, 2012 at 23:42

Ein paar Bauern werden immer geopfert, wenn man die Weste weiterhin weiss erscheinen lassen will. Die gesamte Mischpoke gehört hinter Gitter, Bankster UND deren Polit-Clowns!

Gruss
Tom

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