Krisen-Update: Weimar, Geithner, LIBOR und die Zerschlagung der Banken

by markusgaertner on 26/07/2012 · 12 comments

c166051_m

Share

Ist es späte Einsicht, billiger Populismus, oder rüde Täuschung ? Der Topbanker, der einst die Citigroup durch eine Fusion zur größten Bank der Welt formte und das Too Big To Fail-Dilemma mitbegründete – Sandy Weill – fordert jetzt die Trennung zwischen Investmentbanken und traditionellen Kreditinstituten, zwischen Bank und Kasino.

Nehmen wir schlicht an, der Mann gibt ein ehrliches Statement: Er hat mit seiner Familie gerade gut gefrühstückt, ein Omelett verzehrt, einen Kakao getrunken, und nach dem jüngsten Nachrichtenblock der BBC nochmal schnell in den Spiegel geschaut (den im Bad). Da schoss es ihm ins Hirn. „Mensch, was haben wir bloß angezettelt ?“

Dann hätten wir nichts weniger als einen Kronzeugen gegen die elendigen Verwerfungen und Betrügereien bei den Großbanken. Sollen wir das 1:1 nehmen, was Weill da gesagt hat ? Ich denke schon. Banker sind eitle Menschen, Berufene (manche von Gott), Auserwählte, auf ihre Weise Künstler (sie lassen ja einiges verschwinden, schicken aber andere auf das Trapez), auch wenn sie nach der letzten Pub-Nacht im Büro gleich wieder den Schweinehund rauskehren.

Übrigens hat auch die Banken-Analystin Meredith Whitney in der Sendung „Closing Bell“ auf CNBC heute die Zerschlagung als gute Idee bezeichnet, das Supermarkt-Geschäftsmodell – alles unter einem Kasinodach – habe sich nicht bewährt.

Die Richmond-Fed zum Dienstleistungssektor im Juli:

Die Forderung von Weill kommt zu einer Zeit, in der es äußerst eng wird für die Weltwirtschaft. Und einer Zeit, in der die Banker mit dem Rücken zur Wand stehen. Selbst Tony Blair meinte ja am Dienstag warnen zu müssen, dass es nichts helfen würde, am Ende der Straße 20 Banker aufzuhängen.

Lieber Tony Blair: Wenn die so weitermachen, werden sie höchstens an den korinthischen Säulen vor der New York Stock Exchange festgenagelt. Vielleicht hat Weill ja nur spät erkannt, dass wir langsam auf dem Weg dorthin sind.

Bevor aber statt Boni die Heugabeln regieren, will man schnell noch die Kurve kriegen. War Blair nicht schon immer ein Wendehals ?

Wie nah die Weltkonjunktur bei all den Nachrichten über Banken-Eskapaden und Betrügereien an die Schwelle einer neuen Depression rückt, das haben wir gestern gesehen. Einbrechendes Geschäftsklima in Deutschland, düstere Prognosen aus dem Mittelstand. Dazu Minus 0,7% beim BIP in Großbritannien im jüngsten Quartal, weitaus schlimmer als in Spanien, wo im zweiten Quartal „nur“ ein Minus von 0,4% zu verzeichnen war.

Für Großbritannien bedeutet das mit drei Minusquartalen in Folge den längsten Double Dip in 50 Jahren. Niemand auf der Insel, so lesen wir im Telegraph, kann sich für 2012 noch Wachstum vorstellen. Das wären dann im schlimmsten Fall fünf Quartale hintereinander mit Minuszeichen beim BIP.

Aber Großbritannien ist ja nicht alleine.

In den USA hörten wir gestern nicht nur, dass die Verkäufe neuer Wohnhäuser im Juni um über 8% einbrachen und damit alle Thesen zu einer Wende am US-Immobilienmarkt über den Haufen warfen. Die Fed in Richmond publizierte auch ihre jüngsten Wirtschafts-Indikatoren für das Verarbeitende Gewerbe in ihrem Bezirk sowie für den Dienstleistungssektor.

Das Barometer diente zu Beginn der Großen Rezession als ziemlich guter Indikator dessen, was kam. Und im laufenden Monat Juli ist das Barometer abgestürzt. Der Rückgang ist schärfer als Anfang 2008. Der Aktivitäts-Index für die Industrie fiel 16 Punkte, von -1 auf -17.

Am Freitag werden wir in den USA die erste von drei Schätzungen (sie kommen im 4-Wochen-Abstand) zum BIP-Wachstum im zweiten Quartal hören. Zahlreiche Investmentbanken haben ihre Prognosen in den vergangenen Wochen auf bis zu 1% gedrosselt. Deswegen könnten wir bei der ersten Schätzung morgen durchaus einen Freudensprung der Börsen erleben, wenn diese höher als erwartet – 1,5% oder mehr – ausfällt.

Doch im Telegraph wird zurecht gewarnt. Die erste Schätzung könnte – wie Anfang 2008, als die beginnende Rezession herb unterschätzt wurde – höher ausfallen und ein Gefühl falscher Sicherheit und Erleichterung geben. Für das zweite Quartal 2008 wurden damals zunächst 1,9% BIP-Zuwachs geschätzt, während die Rezession schon seit über einem Jahr wogte.

Typisch Evans-Pritchard, er fordert angesichts dieser Schätzungen und Zahlen (GB-BIP) radikale Eingriffe der Notenbanken, wie 1933.

Währenddessen bekommen wir aus der US-Bilanzrunde auch weitere deutlich Hinweise, wie lang die Bremsspuren des Euroland-Dramas in den Geschäftsberichten auf der anderen Seite des Atlantiks geworden sind.

Nur drei Jahre, nachdem Ford sein US-Geschäft neu ordnete – während Chrysler und General Motors staatliche Hilfe zum Überleben in Anspruch nehmen mussten – bricht jetzt das Europageschäft des Unternehmens völlig ein. Eskalierende Verluste auf dem Alten Kontinent bringen die Bilanz für das zweite Quartal zum Einsturz.

Der Nettogewinn fällt 57% auf eine Milliarde Dollar, bei einem Verlust in Europa von 404 Millionen. Die Verkäufe des Unternehmens sind auf dem niedrigsten Stand in 20 Jahren angekommen. Für 2012 wird in Europa mehr als eine Milliarde Dollar Verlust erwartet.

Die Richmond-Fed zum Verarbeitenden Gewerbe in ihrem Bezirk im Juli:

Währenddessen wogen weiter die Spätfolgen der Finanzkrise und der Großen Rezession: Spaniens Rendite auf 10jährige Anleihen erreicht 7,75%. Das gibt dem Land eine Halbwertszeit bis zum Bailout, die kürzer ist als das Verfallsdatum meines Yoghurts im Kühlschrank. Und Griechenland ist auf dem Weg aus der Eurozone.

Timothy Geithner kommt derweil in den USA enorm unter Beschuss, weil er in der Frühphase der LIBOR-Manipulation nicht mehr unternommen hat, außer die Briten zu informieren. Denn auch – und darüber ist der Kongress zunehmend erbost – die US-Regierung hat wegen des manipulierten LIBOR möglicherweise viel Geld verloren. So wurde zum Beispiel der LIBOR als Referenz-Zins für 85 Mrd. Dollar Bailout-Kredite an den Versicherer AIG zugrunde gelegt.

Jetzt wird im Finanzministerium unter Leitung von Minister Timothy Geithner nachgerechnet, wieviel die US-Regierung verloren hat, weil die New York Fed unter Präsident Timothy Geithner Anfang 2008, als sie von den LIBOR-Manipulationen Kenntnis erhielt, nicht gleich dazwischen gehauen hat und die Administration bei der Ausgabe neuer Anleihen möglicherweise bis zum Höhepunkt der Finanzkrise höhere Zinsen auf ihre Neuschulden zahlte.

Derweil erfahren wir, dass Jerry del Missier, der frühere COO von Barclays, der vor drei Wochen den Hut nehmen musste, mit einer Bonus-Packung von 6,7 Millionen Pfund Plus 10,8 Millionen Pfund Wertpapierbezügen abgesprungen ist. Del Missier war eine der Schlüsselfiguren im LIBOR-Skandal. Er hat erst in der vergangenen Woche im Finanzausschuss des britischen Parlaments gestanden, dass er im Herbst 2008 Tradern seines Hauses Anweisung für die künstliche Senkung des LIBOR-Satzes bei Barclays gegeben hatte.

Herr Blair, können wir schonmal den ersten Laternenpfahl haben ?

Share

{ 10 comments… read them below or add one }

Leave a Comment

*

{ 2 trackbacks }

Previous post:

Next post: