Kredite, Krater und Krematorien – Das Ende des Luxus mit dem Geld, das wir nicht haben, aber trotzdem ausgeben

by markusgaertner on 01/08/2012 · 25 comments

IKONE_GELD

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Man sieht sie allenthalben. Die Schleifspuren und Beweise, dass kein Geld mehr da ist. Aber dann hören wir immer neue Forderungen nach noch mehr Geld, für die Fässer ohne Boden, die das System entleeren.

Umfassende Mittel für den ESM zum Beispiel. Oder Banklizenzen für die Euro-Retter. Freie Fahrt für Mario Draghi auch, damit er – wie Ben Bernanke – die Probleme nicht lösen, aber verflüssigen und verzögern kann. Doch immer öfter und unerbittlicher klopft die Physik an die Türe und signalisiert: Hier geht es nicht mehr weiter.

Die US-Post wird heute – am Mittwoch – in Zahlungsverzug geraten. Es geht um 5,5 Mrd. Dollar, die für die Versorgung der Pensionäre eingezahlt werden müssen. Wenn der US-Kongress heute nicht ganz eilig im Windhund-Verfahren eine Garantie abgibt, oder sich einen Trick einfallen lässt – da ist man ja einfallsreicher und kreativer als bei der Lösung der strukturellen Probleme – dann ist das Unternehmen, das gerade 5.000 Stellen streicht und seinen Betrieb mit einem 12,7-Mrd.-Dollar-Kredit des Finanzministeriums aufrecht erhält, pleite.

DIE POST !! Das einzige tägliche Uncle Sam-Erlebnis für 320 Mio. Amerikaner, der einzige Strang, der den wilden Westen seit 150 Jahren mit Washington und New York zuverlässig verbindet. Wer keine Briefbox mehr hat, ist plötzlich nicht mehr am Ende der US-Welt, sondern gleich im Nirvana.

Auch in Griechenland geht das Geld aus, die staatlichen Kassen sind fast leer. Die Verhandlungen im Parlament über das neueste Sparpaket ziehen sich hin. Die Gläubiger der Hellenen haben unterdessen wegen der Verschleppung der zugesagten Reformen noch keine frischen Milliarden ausgezahlt. Jetzt geht es um die Gehaltsschecks der öffentlich Bediensteten.

Den Griechen bleibt nur Zeit bis zum 20. August. Spätestens an diesem Tag muss eine fällig werdende Anleihe in Höhe von gut drei Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank zurückgezahlt werden. Im griechischen Finanzministerium hofft man derweil auf ein Wunder, eine Verlängerung der Zahlungsfrist um einen Monat.

Nicht nur Regierungen ergeht es so, auch Firmen und privaten Haushalten im Westen.

Beispiel: 40% der US-Familien leben von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck. Das bedeutet: Es gibt über diesen Gehalts-Cashflow hinaus keine Ersparnisse, keinen Puffer. Laut einem neuen Bericht der Consumer Federation of America sind das genau gesagt 38% der privaten Haushalte. Vor 15 Jahren lag dieser Prozentsatz noch bei 31%. Auch das war schon hoch.

Jeder zweite Amerikaner hat zudem nicht genug für die Rente eingezahlt. Und vier von zehn Amerikanern können sich weniger als vor einem Jahr auf ihre meist dürftigen Ersparnisse verlassen. Ein Volk finanziell auf dem Zahnfleisch.

Unter dem Strich haben wir hier 127,5 Mio. Amerikaner, die nur eine schwere Krankheit, eine Kündigung oder einen Autounfall davon entfernt sind, in den wachsenden Mainstream der 46 Mio. Amerikaner aufgenommen zu werden, die offiziell als arm gelten. Ein Bericht des Zensus-Büros vom Dezember belegte, dass fast 146 Mio. Amerikaner inzwischen als Geringverdiener oder Arme gelten. Diese Gruppe hat in den USA seit 2009 satte vier Mio. neue Mitglieder.

Dass auch immer mehr Firmen im Westen auf dem Zahnfleisch gehen, sehen wir an dem heutigen Beispiel der Deutsche Bank, die nach ihrem herben Gewinneinbruch im zweiten Quartal annähernd 2.000 Stellen streichen will, 1.500 davon im Investmentbanking. Dass dies kein Einzelfall in der Geldbranche bleibt, erklärte am Dienstag Meredith Whitney auf „Bloomberg Surveillance“ mit Ton Keene. Demnach stehen bei den Banken noch mindestens 50.000 Stellenstreichungen an.

Allerorten wird auf die ein oder andere Weise deutlich, dass der Ritt auf dem Vulkan irgendwann zu einer unsanften Landung, oder zu einem Absturz führen muss. Und irgendwann, das wird immer deutlicher, ist jetzt, ziemlich bald jedenfalls. Um im Bilde zu bleiben: Die Zeit, in der lediglich ein paar Steinchen während des Balanceaktes auf dem Vulkan wegbrachen und in den Krater fielen, ist vorbei. Jetzt bebt und wackelt der ganze Krater.

Beispiel Indien: Dort sind zur Wochenmitte 700 Millionen Menschen (!!!) – ja 700 MILLIONEN – ohne Strom, nachdem gleich drei der fünf wichtigen Überlandnetze ausgefallen sind. Warum, weiß wieder mal keiner so genau. Laut der Zentralregierung haben verschiedene Bundesstaaten mehr Elektrizität aus dem jeweiligen Netz entnommen als vereinbart. Das führte zu einer Überlastung.

Klar ist nur: Indien hat auf seine ganz eigene Weise über die Verhältnisse gelebt, es hat jahrelang versäumt, die Infrastruktur mit der boomenden Wirtschaft schritthalten zu lassen. Resultat: Der größte Blackout in der Geschichte der Menschheit. Mit skurrilen Folgen: 28 Staaten, darunter die Hauptstadt Delhi, ohne Strom:

Stehende Züge und Aufzüge, streikende Klimaanlagen in brummender Hitze mit extremer Luftfeuchtigkeit, tote Ampeln mit horrenden Staus, dazu Krematorien, in denen halbverbrannte Leichen mit eilig gesammeltem Holz zu Ende pulverisiert wurden, angehaltene Operationen in den Kranklenhäusern, Krankenschwestern, die Beatmungsgeräte manuell ankurbelten, weil auch die selten überprüften Notstrom-Aggregate streikten. Und die schönen Shopping-Malls als Saunas.

Nur zur Erinnerung, rein mathematisch: Die BRICS treiben in diesem Jahr 40% des weltweiten Wachstums an. Indien ist einer der beiden größten BRICS. Und drei Tage im Jahr, solange werden viele wirtschaftliche Aktivitäten nun verzögert, sind 1% weniger beim sowie lahmenden BIP. Und das ist das best case-Szenario ! Denn wenn die Stromausfälle anhalten, kommt es zu Streiks und Protesten.

Man muss sich das vor Augen halten: Ein Viertel der neuen Wirtschafts-Weltmacht BRICS im Koma !!!

Während so alles am Angrund der (erschöpften) Möglichkeiten wankt, kommen immer neue Forderungen nach immer mehr Geld, um die schnell wachsenden Schlaglöcher des Zeitalters der Unverantwortlichkeiten und der Maßlosigkeit zu stopfen. Wie im Film 2012, nur ohne das übliche Glück der Hollywood-Akteure.

So soll nach dem Willen Frankreichs und Italiens der künftige Schutzschirm ESM – dessen „überraschend“ gefundene Hintertür für die unbegrenzte Selbstbedienung den Bundestag ganz plötzlich erstaunt, einen unbegrenzten Kreditrahmen bei der EZB erhalten. Dazu die Njets aus dem Kanzleramts, und das Gekläffe aus der FDP. Aber konkrete Schritte, um den Granatie- und Bailout-Wahn mit einem tuigen Schnitt zu beenden ? Fehlanzeige.

Es gibt für mich nicht viele Zusammenhänge oder Ereignisse in diesen Tagen, die besser illustrieren, wie in zunehmendem Maße die Verbindlichkeiten die Möglichkeiten überwältigen.

Und wie alle benommen dabei zuschauen. Dabei ist das Bild der maximalen Feuerkraft, das n-tv im Zusammenhang mit der Finanz-Aufbockung des ESM verwendete, völlig irreführend. Die Munition, die hier verwendet wird, ist ja nur imaginär, im besten Falle sind das Platzpatronen.

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