Rendite-Jagd, Neutrinos, Wall Street-Drohnen und das Ende der Physik

by markusgaertner on 07/08/2012 · 70 comments

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Wenn ich zum örtlichen Starbucks fahre, einen Latte holen, komme ich drei Blocks von meinem Haus entfernt in der Austin Avenue an einer kleinen Kirche vorbei. Jedes Mal prangt auf einem Schild am Eingang ein anderer Spruch, der die Aufmerksamkeit der vorbei rauschenden Autofahrer erheischen soll: “Wenn Jesus Dein Co-Pilot ist, wechsle die Sitze”, stand da einmal. Das fand ich witzig. Beim letzten Mal, als ich vorbeifuhr, am Montag, stand dort “Über 2000 Jahre unter dem gleichen Management.”

Das fand ich noch besser.

Gerade habe ich in der Huffington Post einen sehr interessanten Artikel über die jüngste technische Entwicklung an der Wall Street gelesen. Der Autor beschäftigt sich mit der Frage, ob man nicht künftig, um den Atlantik auch für Börsianer schneller überwinden und das Trading-Tempo weiter steigern zu können (London-New York) Partikel-Beschleuniger einsetzen kann.

Diese könnten superkleine Neutrinos, kleiner als ein Atom, mit Lichtgeschwindigkeit mitten durch die Erde schießen, versehen mit Botschaften wie: “Verkaufe 10.000 Facebook-Aktien.”

So ein Ding könnten sich reiche Investoren dann in den Keller stellen, zum Beispiel in Kuala Lumpur, oder in Oberammergau, und statt des Anrufs bei Goldman Sachs könnten sie einfach direkt in New York eingreifen, vielleicht sogar der Bank bei dem ein oder anderen Deal ausnahmsweise zuvorkommen. “Hey, Speedy, Du lahme Gurke, ich habe Dich heute wieder abgehängt.” Wie früher beim Kavalierstart an der Ampel, nur mit Rendite. Raumschiff Enterprise wäre ein müdes Mofa gegen dieses Szenario.

Die Stoßrichtung ist klar: Es geht darum, wie die technische Aufrüstung des Wertpapierhandels in New York – und an anderen führenden Börsen – weiter getrieben werden kann – oder sagen wir neutraler: Beschleunigt werden kann.

In dem Beitrag in der Huffington Post wird bis hin zum Einsatz von Drohnen spekuliert, was sich alles machen ließe, um das Tempo an der Wall Street weiter zu erhöhen.

Und dieser Gedanke scheint nicht alleine die Huffington Post zu beschäftigen.

Dazu kann man heute auf der Webseite “Wired” ein schönes Stück über “tobende Bullen” lesen. Der Untertitel: “Wie die Wall Street vom Lichtgeschwindigkeits-Handel abhängig wurde.” Der Autor stellt mit fast nostalgischem Unterton fest, dass es mal eine Zeit gab, als an der Wall Street in Firmen investiert wurde, die richtige Produkte herstellten. – Jetzt werde dagegen nur noch auf Technik gewettet, die schnellere und immer schnellere Trades erlaubt.

Hier ein Zitat aus dem Stück von Jerry Adler:

One of the major themes of this year’s conference was “the race to the bottom,” the cost-is-no-object competition for the absolute theoretical minimum trade time. This variable, called latency, is rapidly approaching the physical limits of the universe set by quantum mechanics and relativity. But perhaps not even Einstein fully appreciated the degree to which electromagnetic waves bend in the presence of money. Kevin McPartland of the Tabb Group, which compiles information on the financial industry, projected that companies would spend $2.2 billion in 2010 on trading infrastructure—the high-speed servers that process trades and the fiber-optic cables that link them in a globe-spanning network.

Die zentrale Feststellung mit Blick auf den Finanzdienstleister Knight Capital, der vergangene Woche bei einem Software-Fauxpas im Flash-Trading 440 Mill. Dollar verlor, ist die: Es dauerte nur eine Stunde, um dieses Unternehmen, das zuvor 10% des Aktienhandels in den USA abwickelte, zu ruinieren. Jedenfalls fast. Hier die entscheidende Fragestellung in dem Wired-Bericht:

News reports describe the bulk of the bad trades happening in less than an hour, a computer-driven descent that has the financial community once again asking if its pursuit of profits has led to software agents that are fast yet dumb and out of control. We’re posting this story in advance of its publication in Wired’s September issue because it examines how Wall Street has gotten to the point where flash failures come with increasing frequency, and how much further traders seem willing to go in pursuit of ever-greater speed.

Unweigerlich denkt man da zurück, auch mit Blick auf meine Eingangsbemerkung mit den “2000 Jahren unter gleichem Management”.

Es hat 25 Jahre gedauert, Detroit kaputt zu wirtschaften. Es dauerte noch 10 Jahre nach dem Dotcom-Crash, um den einstigen Dotcom-Star Nortel mit dem Zerfleddern seiner Patente faktisch zu begraben. Und es dauerte nur vier Jahre, bis Apple mit dem iPhone den einstigen Smartphone-Superstar Research in Motion (Kanada) – der zehn Jahre vor dem iPhone die BlackBerries gebracht hatte – völlig an die Wand zu spielen.

Jetzt geht es – dank Wall Street – sogar schon im Minutentakt, Firmen in den Boden zu rammen. Im 19. Jahrhundert hat man dafür die berühmten drei Generationen gebraucht.

Was sagt uns das, und was bedeutet es ? Es bedeutet, dass wir hier einen Beweis zusätzlich haben, dass die Menschheit sich gar nicht erst fragt, ob sie an eherne Grenzen stößt. Sie will einfach immer weiter, zumindest diejenigen, die Einfluss auf Tempo, Kraft, Renditen und anderes haben, womit sich immer neue Rekorde aufstellen lassen.

Wir machen es ihnen leicht: Usain Bolt nach 7,5 Sekunden durchs Ziel ? Das wollen wir auch noch sehen. Roger Federer mit einem Aufschlag, bei dem der gelbe Ball die Schallmauer durchbricht ? Her damit. Autos, die auf der Überholspur (Wie Lucky Luke im Cartoon beim Revolver ziehen) den eigenen Schatten abhängen ? Cool. Lebensverlängernde Stammzellen ? Wollten wir schon immer haben. Und Aktientrades, die den Verkauf vor dem Kauf ausführen ? Das wäre eine charmante Gewinngarantie.

Wir sind als Menschheit aber an einem Punkt angelangt, wo wir erstmals unsere Lebensqualität nur dadurch verbessern können, dass wir es mit weniger versuchen, am besten auch ein bisschen langsamer.

Aber wer an der physischen Grenze noch eins drauflegen will, muss damit rechnen, dass der Reifen platzt, oder der Muskel reißt, oder der Neutrino den Facebook-Auftrag vergurkt, oder das entfesselte Klima uns alle verschlingt.

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