Krisen-Endspiel – Danziger Verhältnisse, EZB-Schiebereien und Risse am Nordpol

by markusgaertner on 18/08/2012 · 15 comments

Europa Karte

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Wenn ich mir überlege, welches die besten Kinofilme waren, die ich bisher gesehen habe, dann fallen mir immer wieder zwei ein. Und zwar aus ein und demselben Grund. Beide schafften es, in den ersten 60 Sekunden in einer ebenso schönen wie dramatischen Szene die ganze Botschaft des Streifens auf den Punkt zu bringen.

Einer der beiden Filme war „1492 – The Conquest of Paradise„, zum 500. Jubiläum der Reise von Kolumbus. In der Einstiegs-Szene sitzt Kolumbus mit seinem Vater am Strand und beobachtet, wie am Horizont des Meeres langsam ein Schiff verschwindet, der ultimative Beweis, dass die Erde rund sein muss. Das war, in der Logik des Drehbuchs, der Auslöser für das spätere Abenteuer. Der andere Streifen war „The Day After Tomorrow“ von Roland Emmerich. Dieser Streifen begann damit, dass an einer Klimastation in der Arktis der Eispanzer mit einem mächtigen Krachen aufbricht.

Beide symbolischen Szenen kommen mir in diesen Monaten öfter als zuvor in den Sinn, weil sie eines verdeutlichen: Umwälzende Ereignisse werden nur scheinbar vom Rand aus eingeleitet (Peripherieländer), der Auslöser ist jedoch irgendwann ein Riss mitten durch das „System.“ (Erde ist keine Scheibe) – Wir sehen das in diesen Wochen immer öfter, meist auf der sozialen oder auf der Finanzebene, wie die jüngsten Nachrichten zum Wochenschluss beweisen.

Arbeiter bei einer Fabrik von Caterpillar in Joliet, Illinois, haben am Freitag nach dreieinhalb Monaten einen Streik abgebrochen, ohne irgend etwas erreicht zu haben. Im Gegenteil. Sie mussten sich dramatischen Forderungen nach reduzierter Gesundheitsversorgung, gedrosselten Pensionsanprüchen und eingefrorenen Löhnen beugen.

Es ist nicht das erste Mal in der jüngsten Vergangenheit, dass die Gewerkschaften in den USA – und anders wo im Westen – gegen große Firmen ein solches Debakel erleben. Die Gründe dafür wurden hier oft genug beschrieben.

Das Fazit ist: Firmen sind zu Geldautomaten für das Topmanagement verkommen, die Gewerkschaften sind zahnlos geworden, Regierungen auch, weil Fließbänder nach Belieben über Landesgrenzen verlegt werden können und Gewinne im Ausland geparkt werden. Der „Riss“, von dem ich eingangs sprach, geht mitten durch die Gesellschaft. Es gibt immer mehr Verlierer im Europa und in den USA dieser Tage, und das erzeugt wachsende Spannungen, die sich irgendwann entladen.

Dieser Zeitpunkt rückt umso näher, je mehr die Gesellschaft sozial aus dem Gleichgewicht gerät. Wie sehr dies der Fall ist, hat das Wall Street Journal an diesem Beispiel illustriert: Large strikes have become rare in recent years. In 2011, there were 19 work stoppages involving 1,000 or more workers in the U.S., down from an annual average of about 35 in the 1990s, according to government data.

Wenn es diese Streiks nur noch im Geschichtsbuch gibt, wissen wir, dass wir verloren haben. Wie sehr wir bereits an die Wand gefahren sind, macht ein Stück über „die Zombie-Volkswirtschaften Europas“ deutlich, das ich heute gelesen habe.

There is nowhere near enough growth to even dent the compounding debt problems. The recent global arguments about growth versus austerity policies seem like a bad joke designed simply for partisan sake. Draghi can say all he wants about saving the euro, and interest rates can be cut in Europe, but it won’t make much difference. It is going to take a long time to work out Europe’s debt problems. Perhaps a very, very long time.

Wie viel ist das ? Jahrzehnte ? Generationen ? Niemand weiß es. Wir waren noch nie in einem so tiefen Loch. – Vage Anhaltspunkte zum möglichen zeitlichen Rahmen kommen zum Ende der Woche jedoch von drei Seiten. Sie deuten an, dass alles auch schneller gehen könnte.

Die kommunalen Pleiten in Kalifornien werden jetzt zunehmen, sagte Moody´s am Freitag vorher:„We are considering potential across-the-board adjustments of debt ratings for California cities to reflect the new fiscal realities and the governmental practices in addressing them.“

Wachsende Pensionskosten und Gesundheitsausgaben, so die Ratingagentur, drohen weiteren Rathäusern im „Sunshine State“ finanziell die Luft abzuschnüren. Es sei damit zu rechnen, dass wegen der prekären Situation in vielen Gemeinden die Bereitschaft zunimmt, auch die Anleihehalter in die Pflicht zu nehmen, wenn nichts mehr geht, anstatt alle Lasten auf Steuerzahlern und städtischen Beamten abzuladen.

Der zweite Hinweis: Griechenland ist in den vergangenen Tagen erneut knapp einem Bankrott entgangen. Und das funktionierte so: Die Regierung verkaufte in dieser Woche für 4 Mrd. Euro 3-Monats-Schuldtitel. Der Erlös soll dazu dienen, 3,2 Mrd. Euro Anleihen, die die EZB hält, zurück zu zahlen. Diese laufen am 20. August aus, also am Montag. Griechische Geschäftsbanken waren die Hauptabnehmer der neuen Schuldtitel am Dienstag, weil andere Investoren keine Griechen-Anleihen mehr wollen.

Da die EZB im Juli entschieden hat, keine Hellenen-Anleihen mehr als Sicherheit für Kredite zu akzeptieren, hängen die Geschäftsbanken von der nationalen Notenbank ab. Die wiederum erhält Liquidität von der EZB. Nichts wirklich Neues. Aber ein Hütchenspiel mit Mrd.-Einsätzen, das sich nicht beliebig lange fortsetzen lässt.

Der dritte Hinweis kommt aus Polen. Vielen DANK an jene Leser hier im Blog, die dazu Links geschickt haben. Es geht um den Gold-Derivate-Händler Amber Gold, der am Montag zusammenbrach und Zehntausende im größten Schwellenland Europas geschädigt hat.

Seit drei Jahren hatte das Finanzministerium die Regulierer auf mögliche Missstände bei Amber Gold hingewiesen, nichts ist geschehen. Das Unternehmen hielt den Betrieb sogar ohne Lizenz aufrecht. Zustände wie in einem Bananenstaat, mitten in Europa. – Und wir wissen längst, dass Polen keine Ausnahme ist.

Amber gründete im laufenden Jahr sogar eine Billig-Fluglinie namens OLT Express. Sie stellte vorigen Monat den Betrieb ein. PR-Mann in der Pleite-Airline des Debakel-Unternehmens war der Sohn von Premier Donald Tusk, Michal Tusk. Der Junior war nicht nur Berater für OLT, sondern auch angestellt beim staatlichen Flughafen in Danzig, bei dem die OLT wiederum Kunde war.

Und das mitten in Europa.

Wie sollen wir jemals Vertrauen in unsere Institutionen zurück gewinnen, wenn mit wachsender Schlagzahl solche Meldungen von überall her kommen und in vielen Hauptstädten – angeführt von Berlin – an der Verlagerung von immer mehr Zuständigkeiten in einem noch stärker integrierten Europa nach Brüssel vergeben werden ?

Sind das Vorurteile, falsche Verdächtigungen ? – Ich muss aufhören Zeitungen zu lesen, wenn ich das glauben soll ….

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