Wie aus braven Top-Ökonomen wüste haudfrauf-Rabauken wurden

by markusgaertner on 22/08/2012 · 11 comments

2012-08-21_1751

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Es ist ganz klar: Die Finanzkrise und ihr Nachspiel haben im Koordinatensystem der Volkswirtschaft Unheil angerichtet: Keynesianer gegen Monetaristen, Austerität-Fans gegen Stimulus-Propheten, Fiatgeld-Verteidiger gegen Gold-Gurus. Die Gräben gehen quer durch alles in der Zunft. Viele Ökonomen suchen Halt im Nachdenken, im Schreiben, im Debattieren.

Andere wiederum in der Attacke auf Kollegen. Wer sich reibt, findet vielleicht neue Anhaltspunkte, Ideen, Gitterlinien für ein neues Koordinatennetz. Oder einfach mehr Profil in einer Zunft, die neuen Sinn und zukunftsfähige Theorien sucht.

Was in jüngster Zeit auffällt, ist die nachlassende Geduld und Toleranz in der Auseinandersetzung. Die jüngste Ökonomen-Debatte in Deutschland wurde schon mit viel Verachtung und einem Mangel an Souveränität geführt.

Jetzt kloppen sich in den USA gleich die besten Köpfe, und das wie Jungs auf dem Schulhof. Es hagelt Forderungen nach Aberkennung von Professuren und Entlassungen. Die mediale Schlammschlacht ähnelt dem Eifer von Propheten und der Verbissenheit von Jihaddisten.

Das Cover zur Newsweek-Ausgabe mit dem umstrittenen Ferguson-Beitrag:

Im Zentrum stehen wieder mal Paul Krugman und Niall Ferguson. Der Princeton-Professor Krugman hält einen Bericht seines Harvard-Kollegen Niall Ferguson in der Newsweek – “Mach´ Dich aus dem Staub, Barack: Warum wir einen neuen Präsidenten brauchen” – für nicht akkurat. Ferguson habe einen “unethischen Kommentar” abgegeben und “Fakten falsch wieder gegeben.”

Heute trat Ferguson bei Bloomberg TV auf und feuerte aus allen Rohren zurück, um seine Newsweek-Geschichte zu verteidigen. Dort wird unter anderem kritisiert, die Gesundheitsreform von Obama werde das US-Defizit erhöhen. Krugman wirft Ferguson unter anderem vor, er habe einen Bericht des Congressional Budget Office vom März 2011 zur Gesundheitsreform von Obama in “unethischer Weise” nicht richtig wiedergegeben.

Ferguson zitierte den Bericht um zu belegen, dass Obamas Reform in den kommenden 10 Jahren unter dem Strich 1,2 Billionen Dollar mehr kosten wird. Krugman weist darauf hin, dass dem CBO-Bericht zufolge die Reform das staatliche Defizit reduzieren wird, nicht weiter aufblähen.

Ferguson beharrte heute darauf, dass der “Affordable Care Act” – so das Reformwerk – das Defizit weiter erhöht. Hier ein Zitat:

“The critics are the ones who are splitting hairs because it’s absolutely clear what the CBO has said, is that the costs of the ACA [Affordable Care Act] will not be met by the new sources of revenue, you have to distinguish here between the direct sources of revenue created by ACA and the indirect ways the CBO says it will not increase the deficit. Krugman is being disingenuous.” (unredlich/unaufrichtig).

Jetzt kommen von allen Seiten Kommentare. Im Wonkblog der Washington Post dröselt Ezra Klein die einzelnen Ferguson-Statements auf und vergleicht sie mit dem zitierten CBO-Bericht. Er kommt zu dem Schluss, dass Ferguson nicht korrekt gearbeitet hat. Im Atlantic haut Matthew O-Brien kräftig rein und findet, dass der “Celebrity-Historiker” Ferguson in “eine Phantasiewelt inkorrekter Fakten abtauche. Es sei ein leichtes gewesen, Obama mit 8,3% Arbeitslosenrate Versagen vorzuwerfen.

Und Brad DeLong, Wirtschaftsprofessor an der University of California at Berkeley, forderte gar das Newsweek-Magazin auf, Ferguson zu feuern und er empfahl Harvard, Fergusons Beschäftigung zu überdenken.

Ferguson und Krugman liegen schon seit Jahren im Clinch. Ferguson ist ein Verfechter der Austeritäts-Politik, um die Zinsen nicht in die Höhe schießen und die Schulden unbeherrschbar werden zu lassen. Krugman weist regelmäßig wie eine Gebetsmühle darauf hin, dass gerade wegen der aktuell niedrigen Zinsen ein weiteres Anschieben der Konjunktur ein beherrschbares Problem sei.

Ferguson schrieb als Newsweek-Kolumnist in dem Beitrag der Ausgabe vom 27. August auch, Obama solle die in 2 Monaten anstehende Wahl verlieren, weil er seine Wahlkampfversprechen gebrochen habe. Laut Ferguson wurden unter Obama weder genügend neue Jobs geschaffen, noch das Finanzsystem reformiert, die Kosten im Gesundheitswesen eingedämmt und die staatlichen Schulden gedrosselt.

Hier die Links zu ein paar interessanten Berichten, die sich mit der hitzigen Ökonomen-Debatte beschäftigen

http://www.huffingtonpost.com/2012/08/20/paul-krugman-niall-ferguson-newsweek_n_1810136.html

http://www.huffingtonpost.com/2012/08/21/niall-ferguson-paul-krugman_n_1818082.html?utm_hp_ref=business

http://www.inquisitr.com/308814/niall-ferguson-v-paul-krugman-ferg-defends-obama-newsweek-story-from-critics/

http://www.guardian.co.uk/books/shortcuts/2012/aug/21/niall-fergusons-newsweek-article-obama?newsfeed=true

http://www.newyorker.com/online/blogs/johncassidy/2012/08/niall-ferguson-vs-paul-krugman.html

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{ 10 comments… read them below or add one }

Winfried August 22, 2012 at 06:39

Danke für dieses bezeichnende Sittengemälde!

Die gute Nachricht daran ist, dass selbst Top-Ökonomen noch zu Emotionen in der Lage sind, die die meistens von ihnen in ihren Modellen konsequent ausblenden.

Die weniger gute Nachricht ist, dass dieser Religionskrieg die Ökonomie wohl endgültig als das entlarvt, was sie ist: Keine Wissenschaft, sondern eine Ansammlung konkurrierender Religionsgemeinschaften, die kaum weniger fanatisch von ihren Dogmen erfüllt sind als christliche oder islamische Fundamentalisten!

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die Simpsons August 22, 2012 at 07:11

sag ich schon die ganze Zeit! Mammon, Wachstum und Geld drucken zu mehr ist diese Zunft nicht fähig! Jim Carey und Oekonomen haben etwas gemeinsam; sie schwätzen viel Unsinn.

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peterb August 22, 2012 at 11:39

Laut IWF gab es in den letzten 40 Jahren 100 Finanzkrisen. Sie haben das Desaster der Ökonomie offen zu Tage gelegt. Irgendwelche Selbstzweifel aber können diese Damen und Herren Ökonomen nicht erschüttern.

“Eines der schmutzigsten Geheimnisse der Ökonomie ist es, dass es so etwas wie eine Wirtschaftstheorie nicht gibt. Es fehlt schlicht und einfach eine Garnitur unerschütterlicher Grundprinzipien, auf die man Berechnungen, die realwirtschaftliche Ergebnisse beleuchten, gründen kann. Die ökonomischen Prinzipien, die ihre Theorie untermauern, sind ein Schwindel – keine grundlegenden Wahrheiten, sondern bloße Drehknöpfe, an denen man solange herumdreht und justiert, bis am Ende der Analyse die richtigen Schlussfolgerungen herauskommen”
(DeLong, J. Bradford – in Project Syndicate, Sep. 2010)

Was ist die Ökonomie anderes als eine normative Wissenschaft ?(https://de.wikipedia.org/wiki/Normative_Wissenschaft). Und eine solche ist, gelinde gesagt, umstritten.

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Andreas Ludwig August 22, 2012 at 12:07

Wir haben in den Blogs alle das gleiche Thema: Wann crasht das System?
Diese Woche war auch das Thema China…wann crasht China?
Wann crasht der Euro?
Wann crasht die Automobilbranche? Porsche erlebt Glanzzeiten…
Wann crasht Gold,Silber,Weizen,Ölmarkt,Griechenland?
Griechenland geht schon zwei Jahre in die Staatspleite.
Der Dax steigt und steigt.
Wäre nicht der Kampf um jeden Auftrag Tag für Tag, würde jeder denken alles klar…
Wären da nicht die Meldungen von Entlassungen und Insolvenzen Tag für Tag, jeder würde denken alles klar…
Wären da nicht die Meldungen über Steuerflüchtlinge mit ihrem Schwarzgeldkonten, jeder würde denken alles klar…
Und so ziehen die Tage, Monate, Jahre dahin…immer das Gleiche und das Schäbige und die Wirtschaften darben, die Menschen darben in Südeuropa, bei den Amis quillt die Scheisse aus jedem Gulli. Was passiert wirklich? Nichts…
Aber ist es wirklich so, das nichts passiert? Oder trifft es nur einige wenige? Oder sind es viele? Geht man in den Urlaub,wenn es nur an den Timmendorfer Strand ist und was sieht man? Volle Hotels und Ferienwohnungen und Menschen, Menschen, Menschen. Sieht es auf Spanischen Inseln anders aus? Nein. Die Verantwortlichen Einkäufer bei Unternehmen, wo sind sie? Im Urlaub. Fragt man wo waren sie denn Herr Sowieso? Antwort: Türkei.
Dann kommen schon Menschen vor die Haustüre betteln.Wie gerade passiert.
Ich war am Wochenende bei einem Kunden in Hamburg. Was liegt näher sich die Gegebenheiten anzuschauen. Hafenrundfahrt. Container abladen ohne Ende. Ist es Zufall das ich gleich 5 Kähne gesehen haben und das es brummt?
Das gebaut wird in Hamburg das es knallt? Das Hotels ausgebucht sind?
Das gleichzeitig eine Decke auf der Strasse liegt und die Habseligkeiten darüber verstreut sind und der Einkaufswagen aus dem Aldi als Koffer dient , dahinter ein Audi parkt ( R8) für glaub ich weit über 100 tausend Euro. Alles ist so unwirklich. Natürlich gab es diese Situation auch schon vor der Krise. Alle reden von der Krise…über die Krise…wohin mit seinem Geld…in Gold,Silber,Aktien was weiss ich. Fakt ist, es passiert nichts.Und jetzt ist die Frage, ist es besser wenn nichts passiert? Alles hinausgezögert wird, oder wäre es besser es knallt einmal richtig. Diese Frage stelle ich mir schon lange..Aber wer kann das schon beantworten. Wir wollen in Wirklichkeit das doch gar nicht. Wer weiss schon was dananch kommt. Vielleicht wird alles Gut. Vielleicht aber auch nicht. So gehen sie dahin die Tage, die Wochen, die Jahre….und nichts passiert. Wirklich?

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Till August 22, 2012 at 14:12

Paßt doch alles zusammen – wir haben eine Verteilungskrise, 20% der Bevölkerung besitzen 80% +/- ein paar Schnäpse (je nach Land), der Rest recht wenig – bzw. finanziert natürlich die dauraus implizierten Schulden. Und dieses Verhältnis wird jedes Jahr extremer.

Alles andere ist daraus abgeleitet. Staatsschuldenkrise, Bankenkrise, Subprime, Blasen aller Art, Aufstände (nicht hier). Wann es knallt – nicht abzusehen. Ein Blick in die Geschichtsbücher beweist allerdings, das es bei solchen Mißverteilungen knallen muß. Nächsten Monat, oder in 10 Jahren. Als Krieg jeder gegen jeden, oder harmlos als “New Deal” mit Schuldenschnitt und kurzfristige Vermögensdeckelung(Würde Verstand bei allen Beteiligten vorraussetzen).

Auf jeden Fall zieht sich die Feder immer stärker auf (ungleichere Verteilung), mathematisch Zwangsläufig durch Zinseszinssystem ohne Korrektiv (Reduzierung der Riesenvermögen über Vermögens und Erbschaftssteuern).

Somit passen sämtliche ihrer Beobachtungen hier hinein: Dicker Wagen UND Bettler, Immobilienboom UND Schlange vor den Suppenküchen (in Südeuropa).

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Joker August 22, 2012 at 13:26

Anstatt Oekonomen Schelte (so berechtigt sie ist) -

http://www.nytimes.com/2012/08/21/business/accounting-board-faults-audits-of-brokerage-firms.html?
via Deus ex Macchiacato…

Einer der wesentlichen Punkte (neben unfaehigen Regulatoren) – die Wirtschaftspruefer…… die gar nicht mehr das Personal haben, die Komplexitaeten unabhaenig zu beurteilen…
Fuer alle, die wissen wollen, wo die Stellschrauben sind….

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Marco August 22, 2012 at 16:21

Zumindest werden bei den Ökonomen in letzter Zeit die “Erklärungsversuche” etwas “bildlicher” gestaltet.

Hier z. B. Roubini:

“Erst die Zukunft wird zeigen, ob die Entscheidung, das Haus aufs Spiel zu setzen, um die Garage zu retten, richtig war.”

http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:top-oekonomen-der-waehrungscrash-ist-unvermeidlich/70079761.html

Ist sowas jetzt nur plattes Krisengeschwätz oder trifft es den Kern der Sache?
Im Endeffekt zeigt es auf jeden Fall nur, dass auch er – wie alle anderen auch – nur eine Vermutung anstellen kann, und dass das, was die Politiker aktuell so treiben, im Nachhinein dann als Gut oder Schlecht gewertet werden kann. Alles andere ist mehr oder weniger “Ansichtssache”.

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wolfswurt August 22, 2012 at 18:29

@Andreas Ludewig

Jeden Tag, noch besser jede Stunde, geschieht das Unvermeidliche: es geht abwärts.

Abwärts geht die Sittlichkeit , andere sagen Moral.
Abwärts geht die Nervenstärke über die von Ihnen erwähnten Dinge sprechen zu können.
Abwärts geht die Fähigkeit in der jungen Generation.
Abwärts geht die klare Sicht nicht nur der Kapitäne sonder Aller.
Abwärts geht das Denkvermögen.
Abwärts geht die Gefühlsebene, sprich Mitmenschlichkeit.
Abwärts geht die Stärke sein Leben selbst in die Hand nehmen zu wollen.
Und abwärts geht die Einsicht, daß wenn es dem Esel zu gut geht er auf dem Eis einbrechen wird.

Volle Hotels, Häfen, Urlaubsregionen sind kein Anzeichen für “Die Welt ist in Ordnung” sonder Ausdruck von Verdrängung und Verwirrung.

Der Tag der die Rechnung für die Verdrängung präsentieren wird, ist näher als manch einer glaubt.

Nach Naturgesetzlichkeit folgt auf ein Hoch ein Tief.

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Beate August 22, 2012 at 19:49

Wie sich die Dinge jenseits und diesseits des Atlantiks gleichen:

“Die USA sind insofern ein wettbewerbsfähiger Standort, als die heimischen Unternehmen erfolgreich am globalen Wettbewerb teilnehmen und dem durchschnittlichen Amerikaner einen hohen und wachsenden Lebensstandard bieten. (Wir bedanken uns bei Richard Vietor und Matthew Weinzierl für die Unterstützung beim Entwickeln dieser Definition.) Ein wettbewerbsfähiger Standort fördert den Wohlstand von Unternehmen und Einwohnern.

Niedrigere amerikanische Löhne steigern die Wettbewerbsfähigkeit der USA nicht. Auch ein billigerer Dollar vermag das nicht. Eine geschwächte Währung verteuert Importe und senkt den Preis amerikanischer Exporte, was im Endeffekt zu einer nationalen Gehaltskürzung führt. Einige Schritte der Unternehmen zur kurzfristigen Kostensenkung verschlechtern in Wirklichkeit die Wettbewerbsfähigkeit der USA.”

http://www.harvardbusinessmanager.de/heft/artikel/a-829228.html

Können Sie etwas zu den Konzepten der Ökonomen hinsichtlich dieser Frage sagen?

Wessen Konzept steigert nicht nur die Einkommen der Unternehmensbesitzer , sondern auch der ANDEREN Bewohner des Landes?

Hier können deutsche Ökonomen viel lernen!

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Andreas Ludwig August 22, 2012 at 20:24

http://www.welt.de/wirtschaft/article108748907/Samaras-garantiert-Deutschen-Rueckzahlung-der-Kredite.html

Das kann man sich doch langsam nicht mehr reinziehen dieses dumme Geschwafel von Verantwortlichen des Südens. Ob aus Spanien oder Italien. Oder von dem hier. Ob aus Amerika oder von Putin. Ob von unseren Herrschaften oder sonst wo. Erzählt es doch eurem Frisör. Selbst der ist nicht so dumm es zu glauben. Man sollte sie alle zum Teufel jagen. Aber ich glaube der schmeißt die Brut auch raus, um das Geschwätz nicht mehr hören zu müssen. Es ist unerträglich. Sie winseln und jammern. Wie Weicheier. Und je mehr sie winseln, umso unglaubwürdiger wirken sie. Ich Bürge mit meinem Namen. Vor 6 Monaten kannte ihn keiner. Man man man

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