Doppelter Kolbenfresser bei den beiden letzten Motoren der globalen Konjunktur

by markusgaertner on 28/08/2012 · 8 comments

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Notstand, geschlossene Flughäfen, evakuierte Küstenstriche, New Orleans wieder im Ausnahmezustand, 78% der Ölförderung im Golf von Mexiko gestoppt: Der Sturm ISAAC walzt sich gen Louisiana, Mississippi und Alabama.

Während sich der Süden der USA einigelt – oder auf und davon macht – und der Nominierungs-Parteitag der Republikaner einen Tag lang zwangspausiert, rollt auf Chinas größten Hafen Yantian dank einbrechender Exportaufträge ein ganz eigener Orkan zu.

Hier im Süden der Volksrepublik wird um diese Zeit des Jahres normalerweise die Fracht für das Weihnachtsgeschäft in Europa und den USA auf die Schiffe geladen. Acht Kilometer Kräne und Verladestationen sind dann rund um die Uhr in Betrieb.

Schiffe mit 10.000 Containern können in Yantian binnen 30 Minuten gefüllt werden. Doch zurzeit geht es in dem gigantischen Hafen ungewöhnlich ruhig zu, wie ein Besuch des  Telegraph-Korrespondenten gerade ergeben hat.

Warum das so ist, können wir in der aktuellen Online-Ausgabe des Hong Kong Standard in der Nacht auf den Dienstag nachlesen: Foxconn International, wo Handys für Motorola und Nokia sowie Smartphones für Apple zusammengebaut werden, hat wegen dümpelnder Auftragseingänge gerade das schlechteste erste Halbjahr seiner Geschichte gemeldet – und das ist er weltgrößte Auftrags-produzent von Handys. Der Nettogewinn der Fluglinie China Southern brach in dieser Zeit um 85% ein, wegen schwachen Passagier- und Frachtaufkommens.

Mehr noch: Der Gewinn des Immobilienkonzerns Shimao bricht um 16% ein. Der Gewinn des Batterie- und Elektroauto-Spezialisten BYD Holdings sackt 94% ab. Und im Kasino-Paradies Macao verrenkt man sich die Köpfe bei der Suche nach Gästen. – All das steht auf einer Nachrichtenseite des Hong Kong Standard. An einem Tag.

Zur selben Zeit berichtet die Webseite Market Watch von “unangenehmen Nachrichten” aus China und Deutschland. Was im Falle Chinas gemeint ist, haben wir gerade gelesen. Was mit Blick auf Deutschland berichtet wird, ahnen wir: Der erneute Rückgang des ifo-Klimaindex.

Und in der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde – in Japan – hat die Regierung an diesem Dienstag den Ausblick für den privaten Konsum und das BIP-Wachstum zum ersten Mal seit dem Oktober zurück geschraubt. Die Wirtschaft Japans war im Juni-Quartal schon um nur noch 0,3% gewachsen. Der private Verbrauch verlor Schwung. Und die Schwäche in China sowie Europa zehrt an der Export-Dynamik. Die Handelszahlen für den Juli weisen den schärfsten Rückgang seit Monaten aus.

Wie es derweil in Europa aussieht, ist bekannt. Neu in der Nacht auf heute ist die höchste Arbeitslosenzahl in Frankreich seit 1999. Francois Hollande zieht alle Register, um sich gegen den rasanten Kollaps seiner Umfragewerte zu stemmen, inklusive Kriegsdrohung gegen Syrien. Währenddessen bereiten zahlreiche große Firmen – darunter die Autobauer – Entlassungen vor.

Die NYSE veröffentlichte am Montag ihren jährlichen Business-Überblick, für den diesmal 340 CEOs börsennotierter Firmen sowie 285 Chefs kleiner und mittelgroßer Firmen (KMU) zur Lage befragt wurden. Das Bild, das sich dabei ergibt, ist ganz klar: Während alle Welt rätselt, ob Maestro Bernanke eine dritte Geldflut entfesselt, ist das Geld aus den ersten beiden Runden noch gar nicht angekommen.

Die Kernaussage von Duncan Niederauer, dem CEO von NYSE Euronext, sagt eigentlich alles: “Unser Eindruck ist, dass der fehlende Zugang zu Fremdkapital die größte Jobbremse ist.” Demnach berichten nur 21% der KMU, dass sie über genügend Kapital für etwaige Wachstumspläne verfügen. Und jetzt kommt die schlimme Zahl in dem vielsagenden Bericht: Zwei Drittel der KMU in der Umfrage geben an, im kommenden Jahr keine Einstellungen vornehmen zu wollen, oder gar Stellen zu streichen.

Die Bereitschaft vieler Banken zur Kreditvergabe lasse weiterhin nach. Das gelte vor allem für jüngere Firmen, die noch keine Kredit-Historie nachweisen können. So hätten es KMU, die weniger als 10 Jahre bestehen, doppelt so schwer an Kredite heran zu kommen, wie Firmen, die bereits 25 Jahre am Markt sind.

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Victor August 28, 2012 at 09:11

GfK-Konsumklima trotz Krise stabil
Das GfK-Barometer für das Konsumklima verharrt im Moment bei 5,9 Punkten. Allerdings sehen viele Bürger die Konjunktur skeptischer – und sparen weniger. Damit fließt mehr Geld in den privaten Verbrauch.
http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/gute-kauflaune-gfk-konsumklima-trotz-krise-stabil/7062712.html

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Till August 28, 2012 at 10:53

> Damit fließt mehr Geld in den privaten Verbrauch.

Ich kenne Leute mit nicht zu hohem Einkommen, die wegen der gestiegenen Preise und stagnierenden Löhnen nicht mehr sparen können(am Ende des Geldes ist noch zuviel Monat übrig). Das ist dann wohl auch besseres Konsumklima?

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tomtom August 28, 2012 at 12:44

Zitat: “Allerdings sehen viele Bürger die Konjunktur skeptischer – und sparen weniger. Damit fließt mehr Geld in den privaten Verbrauch.”

Also für mich laß sich das so: “Nippel durch die Lasche ziehn, auch wenns nicht passt.” Die 2 sätze aus dem Handelsblatt sind doch ein widerspruch in sich. Wenn ich die Konjunktur skeptischer sehe, also einkommenseinbußen befürchte, dann spare ich doch nicht weniger ?! Im Gegenteil, ich bin vorsichtiger mit meinen Ausgaben, weil ich nicht weis was kommt !

Wenn ich jedoch das Vertrauen in die EZB Liro ä Euro Politik verloren habe flüchte ich in Sachwerte, da könnte dann auch was aus dem Konsumbereich bei sein. = klassischer CrackUpBoom. Naja Boom nicht, eher ein flaches kleines buumchen.

Aber der Artikel ist sicher ein Teil der tollen Propagandaaktion “Europa ist klasse” oder so ähnlich. Logik ist dann ja nicht nötig, ist ja Propaganda.

Gruß Thomas M.

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Stefan L. Eichner August 28, 2012 at 10:16

Ich frage mich schon länger, wie wir uns diese “Weltmotoren” und ihre Kolben eigentlich vorstellen müssen. Ich glaube, es handelt sich durchgehend um den Typ “Boxermotor” wie bei den alten VW. Allerdings haben die Wirtschaftsmotor-Experten vor der Konstruktion dieselben Handbücher gelesen, die es zwecks opitmaler Leistungsausbeute nahelegen, Zylinder in kunterbunt gemischter Größe auf den Motorblock zu schrauben und fein säuberlich darauf zu achten, dass die jeweils gegenüberliegenden (KMU auf der einen, Großkonzerne auf der anderen) in der Dimensionierung möglichst unterschiedlich ausfallen.

So sieht die globale Wirtschaftswelt vom Ergebnis her betrachtet gegenwärtig jedenfalls aus. Die spannende Frage ist, wann uns diesen Motoren der Reihe nach um die Ohren fliegen. Aber vielleicht geht es ja auch wirklich undramatisch zu. Ob Kolbenfresser oder gerissener Pleuel, das kann man ja alles wieder reparieren …

Viele Grüße
SLE

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Bernd August 28, 2012 at 15:09

Na ja, wenn Deutschland seine Waren nicht großzügig verschenken würde, hätten wir längst Probleme.

“Letztlich sind die tollen deutschen Exporterfolge selbst finanziert, ursprünglich durch privates Kapital, insbesondere Banken, aus Deutschland, seit Beginn der Krise vor allem über die BUBA und den explodierenden Target2 Forderungen, welche die Zahlungsbilanzkrise (Leistungsbilanz+Kapitalbilanz) der Südperipherie der Eurozone widerspiegeln:”
http://www.querschuesse.de/gfk-konsumklima-grust-mit-sonnigen-59-indexpunkten/

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Christian A. Wittke August 28, 2012 at 20:39

Bleiben wir beim Bild und setzen den Boxer als Antrieb in ein Flugzeug, soll’s ja geben; dann segelt dasselbe im Zweifel steingleich einer Notlandung entgegen und ziemlich egal ob nach Ohrenflug, Kolbenfraß oder Pleuelriß wird auch ein Stoßgebet kaum eine Garantie dafür sein, daß rechtzeitig eine gepflegte Landebahn auftaucht – und wenn doch, dann wollen gerade alle gleichzeitig genau dort notlanden.

Glückwunsch!

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Andreas Ludwig August 28, 2012 at 20:24

@Bernd
Genau. Letztendlich haben wir den anderen unsere Produkte finanziert. Deshalb steht auch auf jeder grossen Messe ein Zelt der Leasingbanken. Die Gefa finanzieren dem griechischen Unternehmer die Drehbank, der Unternehmer zahlt des Herstellers Preis, der Unternehmer geht pleite, die Maschine geht auf den Gebrauchtmarkt und wird wieder gut verkauft. So war es mal. Wer noch finanzieren kann drückt den Hersteller bis er kotzt, der Gebrauchtmaschinenmarkt ist kaputt und die Kisten nichts mehr wert. Weder die neuen nach der Aufstellung, noch die Gebrauchten. Damit sinkt des Unternehmers stille Reserve nach Abschreibung und dafür füllt er den Kontokorrentkredit mit private Sicherheiten. Wenn die nicht mehr passen, schicken die Banken ihn über den fehlenden Geldhahn in die Pleite.
Good luck Mittelstand.

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Andreas Ludwig August 28, 2012 at 20:41

Man könnte das noch weiter ausbauen. Die Banken verweigern dem Unternehmer die normale Finanzierung, drängen ihn zum leasen, natürlich mit Anzahlung. Der Unternehmer bildet keine stille Reserve, die Raten samt Restwert sind zu hoch, die Stundensätze auf dem Markt nicht durchsetzbar. Keine Vermögenswerte, noch mehr private Sicherheiten und der Unternehmer geht wieder in die Pleite. Nur andersherum. Ist wie das Zauberkarussel in den 70ern. Good luck Mittelstand

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