Krisen-Forensik: Erste Zeichen der Umkehr, oder nur eine Fata Morgana in finsterer Nacht ?

by markusgaertner on 29/08/2012 · 8 comments

2012-02-20_1705

Share

An mauen Tagen wie diesem – wenn man an der Wall Street ein Mikroskop braucht, um Kursbewegungen der führenden Indizes überhaupt noch zu erkennen – lese ich gerne diese Seite: Real Clear Markets.com. Das ist für gewöhnlich ein Füllhorn mit Berichten über ungewöhnliche Aspekte, guten Analysen, oder neue Drehs zu alten Themen. Diesen Rundgang auf der Seite habe ich gerade gemacht.

Was hängen bleibt, sind Schlagzeilen wie diese: GM stellt vorübergehend die Fertigung des Hybridautos Chevy Volt ein. Gestern hatte ja auch schon der Batterie- und Elektroauto-Spezialist BYD in China herbe Gewinneinbrüche für das erste Halbjahr gemeldet. Weitere Zeichen für eine Totgeburt des Elektroautos ?

Dann lese ich, dass die Benzinpreise in den USA an dem bevorstehenden Labor Day (Montag) historische Höchststände erreichen, auch dass Marc Faber die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Rezession in den USA auf 100% veranschlagt. Und dazu noch: Die Anleger ziehen weitere 2,7 Mrd. Dollar von der Wall Street ab, und in China ist der Boden noch nicht erreicht.

Damn, ich will unbedingt mal wieder etwas Positives schreiben. Daher habe ich diese Seite verlassen und mich auf die Suche gemacht.

Gibt es, so frage ich mich, Anzeichen für ein Umdenken ? Eine Besserung der Gier-Kultur an der Wall Street ? Eine beginnende Emanzipation der Politik von den Tentakeln der Finanzwirtschaft ? Eine neue Dringlichkeit in Bezug auf den Klimawandel, jetzt da ISAAC den Republikanern in Tampa während ihres Nominierungs-Parteitages einen gehörigen Blow-Job gibt ? Oder ein Samariter-Beispiel aus der Bankenlandschaft: Kreditinstitut hilft alter Frau in ihre Wohung zurück ?

Als erstes lese ich vom „Kulturwandel“ der Deutsche Bank.

Das Geldhaus hat seine Boni-Regeln für Führungskräfte verschärft. Es kann fortan eigene Aktien zurückfordern, die neu angestellte Manager bekommen haben.

Die Deutsche als Trendsetter bei der Rückkehr zu Maß und Mitte, zur Bodenhaftung ? So wie einst bei der Rendite-Vorgabe von Herrn Ackermann für die ganze Zunft ? Das klingt fast, als würde Apple-CEO Tim Cook die Rückkehr ins Zeitalter des VC 20 ausrufen.

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Aber es soll möglich werden, bei Misserfolgen jene Aktien wieder einzukassieren, die neue Manager beim Einstieg erhalten hatten.

Unter welchen Umständen das gemacht wird, in welchem Umfang und wie rigoros, das haben die uns nicht erklärt. Auch wissen wir nicht, ob dadurch das Gier-Mantra einen Dämpfer erhalten wird, ob vielleicht sogar öfter die Frage gestellt wird, ob wirtschaftliche Aktivität wieder mehr sozialen Zielen dienen soll, oder ausschließlich einem 100-Meter-Lauf der Branche um die besten Margen und einem Ausbagern der Bilanzen, das in den USA schon bei vielen Firmen dazu führt, dass den CEOs mehr gezahlt wird, als an das Finanzamt.

Und hatten uns die Banken – allen voran die Deutsche – nicht jahrelang erklärt, die Talente gingen der Zunft verloren, würde man die Boni und andere Köder zu klein konfektionieren ?

Dann lese ich in der Huffpost vom „Erfinder“ des Supercomputer-Trading an der Wall Street, Thomas Peterffy. Er halte, so der Bericht, das aktuelle Wettrüsten um die letzten Millisekunden Vorsprung für nichts, was irgend einen sozialen Wert hätte. Peterffy gehörte in den 70er Jahren zu jenen Pionieren, die Computern das Traden beibringen wollten, um fortan ihr Leben – bei ordentlicher Rendite versteht sich – auf dem Golfplatz und mit dem Einsammeln von Schecks zu verbringen.

Ach wie schön solcher Müßiggang gewesen wäre, hätten nicht all die Boni und Renditen so vehement gelockt, wie die Jungfrauen im moslemischen Himmel jeden überzeugten Jihaddisten.

Der Millardär und Gründer des Brokerhauses Interactive Brokers erzählt in dieser Woche in einem Interview mit NPR, dass ihn das, was aus seiner Idee geworden ist, nur noch begrenzt begeistert. Der Schaden aus der Entwicklung soll größer sein, als der Nutzen, der gestiftet wird, so Peterffy. Späte Einsicht eines Erleuchteten, oder gar eines Geläuterten ?

So lange mit Milliardenaufwand neue Funkverbindungen – wie zwischen New York und Chicago, oder London und Toyko – gebaut werden, um weitere Millisekunden heraus zu schinden, dürfte Peterffys Erleuchtung eine einzelne Meinung bleiben, mehr nicht.

Währenddessen berichtet die Webseite MoneyNews.com von der heutigen Bond-Auktion in Italien, die erfreulich verlief. Das Land verkaufte für 3,75 Mrd. Euro kurzlaufende Schuldtitel, die meisten mit einer Laufzeit bis 2014. Die Rendite fiel – bei guter Nachfrage – mit 3,06% deutlich niedriger aus als noch vor einem Monat, am 26. Juli. Da hatte der Zinssatz bei 4,86% gelegen.

Doch morgen, am Donnerstag, steht ein größerer Test bevor. Und die Renditen fallen nicht etwa, weil Italien plötzlich glänzend dasteht, sondern weil die gekonnt erzeugte Fata Morgana der EZB Wirkung zeigt. Man halte einem Drogensüchtigen eine leere Spritze zur Warnung vor die Augen. Er wird sie als Signal für die Beschaffung der nächsten Dosis interpretieren.

Doch was passiert, wenn die nächsten Bondkäufe der EZB enttäuschen ? Oder wenn Mario Draghi am 6. September weniger auf den Tisch legt, als „die Märkte“ erwarten ? Dann sieht es ganz schnell wieder anders aus. Und während die gute Nachricht aus Italien begrüßt wird, machen die ersten autonomen Regionen in Spanien endgültig schlapp.

Ist es nicht eine tragische Ironie, dass jetzt, wo wir unbedingt wieder mehr vor Ort, an der demokratischen Basis entscheiden wollen, allerorten von nationalen Regierungen die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen wird ? Berlin will unbedingt mehr an Brüssel abgeben. Madrid will die Regionen, die nach Franco mehr Spielraum bekamen, wieder mehr an die Kandarre nehmen. Und Peking räumt in seinen Provinzen auf, weil dort beim Anschieben der Konjunktur und des Immobilienmarktes zu viele faule Kredite angehäuft wurden.

Beim Wettlauf um die schnellste und weitreichendste Zentralisierung sehe ich jetzt auch keinen Grund mehr, die neue Rivalität des Westens mit dem „Modell China“ zu analysieren. Die Modell-Debatte hat sich wegen verwässerter und verschwommener Alternativen erübrigt. Interventionen des Staates nehmen allerorten zu, es geht nur noch darum, bei wem am Ende die Institutionen glaubwürdig bleiben. Mit Marktwirtschaft versus Staatswirtschaft hat das wenig zu tun.

Das Ende der Geschichte ist vertagt, das Ende der Krise trotz einzelner positive Meldungen leider auch. Vorerst zumindest.

Share

Previous post:

Next post: