Warum Jens Weidmann keine Bazookas mag – und Robin Hood jetzt in Spanien lebt

by markusgaertner on 29/08/2012 · 17 comments

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Booooyaa ! Das ist der Schlachtruf, mit dem Hedgefonds-Apostel Jim Cramer jeden Tag seine Investment-Schafe auf CBNC zu den stets super-optimistischen Kursprophezeiungen versammelt.

Bazoooookaa ! Das ist der Schlachtruf, mit dem der Fanblock an der Wall Street Ben Bernanke für Freitag in Jackson Hole anfeuert, in der Hoffnung, dass es nach dem Auftritt des Maestro auf dem Börsenparkett in New York nicht zu Tumulten kommt, wie auf Schalke nach einer Heimspiel-Niederlage.

Was müssen wir mit Blick auf die Weltwirtschaft im Herbst ausrufen ? Mir fällt spontan kein dickes B-Wort ein, aber es muss auch nicht sein. Denn die Fakten signalisieren ganz von alleine einen superheißen Herbst.

Während alle nach Bernanke rufen – und die nächste Fed-Injektion fordern – wird uns bei aufmerksamem Studium der US-Daten auch ohne Schlachtrufe klar, dass Monströses im Anmarsch ist. Ja, ich weiß: „Gärtner übertreibt mal wieder.“

Von wegen.

Das Problem dieser Tage ist nicht, ob die Notenbanken uns ausreichend mit Liquidität versorgen. Unser Problem sind zu viele Schulden. – Die Staatsschulden der USA – die am Dienstag 16 Billionen Dollar erreichten – nahmen im zweiten Quartal um 274,3 Mrd. Dollar zu, während das Bruttoinlandsprodukt lediglich um 117,6 Mrd. Dollar wuchs.

Im Klartext: Die Schulden wachsen 133,2% schneller als die wirtschaftliche Gesamtleistung, deren Zunahme über steigende Steuereinnahmen theoretisch ein Abtragen der Schulden erlauben würde, würde sie nur schnell genug wachsen.

In einem Gastbeitrag auf Zero Hedge zu diesem Thema lesen wir heute, dass Uncle Sam bei einem Zinssatz von 2,13% allein im laufenden Jahr 340 Mrd. Dollar für die fälligen Zinsen aufwenden muss. China hält nun so viele US-Schuldtitel, dass allein die Zinseinnahmen der Chinesen daraus reichen, um fast den kompletten Militärhaushalt zu finanzieren. Wenn das die Falken im Senat in Washington sehen ….

Und im Blog „Sovereign Man“ können wir folgendes dazu nachlesen:

In the 19th century, the Ottoman Empire was facing a similar debt crisis. In just 11-years, the Ottoman central government went from spending 17% of its tax revenue on interest payments, to spending over 52% of its tax revenue on interest payments. Then came default. Eleven years. The US is at 15% right now. How long will it take for the interest burden to become unbearable? – This is banana republic stuff, plain and simple… and smart, thinking people ought to be planning on capital controls, wage and price controls, pension confiscation, and selective default. Because the next trillion will be here before you know it.

Die Hawaii News Daily trägt heute 11 Anzeichen dafür zusammen, dass die Finanzwelt – unsere gesamte globale Konjunktur – in diesem Herbst in einen Sturm gerät, gegen den ISAAC nur wie eine Bayerische Fön-Brise über New Orleans war.

Unter den sauber belegten Angaben – meist aus Reuters, Bloomberg und von Investmentbanken zusammengetragen – finden sich folgende Informationen, die auch meist durch die Medien gegeistert sind:

Die Karlsruher Richter könnten am 12. September den Rettungsmechanismus kastrieren. Spanien könnte 300 Mrd. Euro für einen nationalen Komplett-Bailout beantragen. Griechenland braucht möglicherweise weitere 30 Milliarden. Das Hellenen-BIP schrumpft im laufenden Jahr 7%. Großbritannien ist in einer tiefen Rezession. China bremst scharf ab. Die Dallas-Fed hat einen Einbruch der geschäftlichen Aktivität für den Juli gemeldet.

Bei solcher Datenflut trauen sich selbst Bankanalysten inzwischen verstärkt mit grausigen Prognosen ans Licht. Jim Reid bei der Deutsche Bank schrieb diese Wochen an seine Klienten, seine seit 2010 gepflegte Theorie über nachlassende Flexibilität auf der fiskalischen und geldpolitischen Ebene sei inzwischen von Europa bestätigt worden.

Die USA hätten nun die Chance, diese Theorie zu widerlegen. Aber wenn der aktuelle Zyklus in den USA so lange sei wie seine Vorgänger in den vergangenen 158 Jahren, dann werde die nächste US-Rezession Ende August (Ooooooops, das ist ja Bernankes Freitag-Showdown) starten.

Und während sich in China ein Albtraum an faulen Krediten Bahn bricht (Societe Generale), kommen vom dänischen Shipping-Primus Mearsk äußerst vorsichtige Schätzungen über dauerhaft niedrige Wachstumsraten für die chinesischen Exporte. „Es ist ganz klar, dass China in einer Reihe von Industrien Wettbewerbsvorteile verliert“, erzählt Soren Skou, der Container-Chef bei Maersk dem Wall Street Journal. Viele Maersk-Kunden, die billige Ware wie Spielwaren und Schuhe nach Europa verschifften, seien nach Bangladesch und Vietnam weiter gezogen.

Viele Reedereien hätten daher Schiffe stillgelegt. Chinas Ausfuhren seien in den ersten sieben Monaten mit 7,8% so langsam wie seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2009 nicht mehr gewachsen. China Cosco Holding, Chinas größte Reederei nach der Kapazität – sowie und China Shipping Container Lines – melden wachsende Verluste für das erste Halbjahr 2012. Am Dienstag hatte der Hafen von Shanghai schwache Handelsvolumina für einen Gewinnrückgang von 9,6% im ersten Halbjahr genannt.

Und was machen die Europäer ? Streiten.

Angela Merkel prallte heute mit Mario Monti aufeinander. Monti präsentiert sich ja stets vor Mikrofonen wie ein Lamm, wie einer mit Puls von 40, der selbst nach Einnahme von Viagra nur drei Liegestützen hinbekommt und garantiert keiner Maus je etwas antun würde. Doch hinter den Kulissen soll das ganz ausgesehen haben, wie wir Merkels zerfurchter Stresstest-Mine auf dem Bild im Bloomberg-Bericht von der anschließenden Pressekonferenz entnehmen können.

Bloomberg: Monti and Merkel publicly disagreed in Berlin today on whether the euro area’s bailout fund should get a bank license to boost its bond-buying capacity. The two leaders, who agreed on general principles of collaboration and budget discipline, must find common ground on details to enable European Central Bank President Mario Draghi follow through on his goal of stabilizing markets throughout the 17-nation euro area.

Über die Begegnung heute in Berlin können wir auch im Eurozonen-Krisenblog des Guardian lesen. Dort steht zudem ein Hinweis auf die vielleicht unheilvollste Entwicklung in diesen Tagen in Europa: Eine versuchte Machtergreifung der Banken über die EU. Dort wird auch auf das Spiegel-Interview mit Jens Weidmann Bezug genommen.

Der Bundesbank-Chef hat dort Vorwürfe klar von sich gewiesen, er versuche mit seiner konsequenten Haltung, den Euro zu zerstören. Im Gegenteil, so Weidmann, sei es Aufgabe und Zuständigkeit der Politik eine so weitreichende Entscheidung wie massive Anleihekäufe der EZB – wie sie von den Wackelländern gefordert werden – zu fällen.

Ich bin wirklich dankbar, dass noch ein paar Leute mit Verstand unterwegs sind und ihre Gedanken nicht nur abends im Pub äußern, sondern diese ganz klar und trocken zu Protokoll geben.

Ansonsten heute ? Eine schöne Geschichte in der New York Times über die Kaufkraft von Lobbygeld in den USA. Dort wollten im Februar zwei Drittel der Kalifornier eine Zigerattenabgabe von einem Dollar je Packung zur Unterstützung der Krebsforschung einführen. Da ganze sah gut aus – bis die Tabakbranche ihre Lobby- und Geldmaschine anwarf.

Drei Monate – und 41 Mio. Dollar – später war der Vorstoß beerdigt. Die Zigaretten-Hersteller hatten fünf Mal so viel in die Kapital-schlacht geworfen wie die Befürworter der Initiative: Am 5. Juni wurde mit 50,2% gegen 49,8% der Stimmen die Tabakabgabe in Rauch aufgelöst.

Sollte die Wirkung von Wall Street-Geld ähnlich groß im laufenden Präsidentschafts-Wahlkampf sein, dürften Obamas Tage im Weißen Haus endgültig gezählt sein. In 70 Tagen wissen wir Bescheid.

Während das große Geld auch in Europa über Mario Monti, Jean-Claude Juncker und Mario Draghi versucht, seinen Einfluss auf die Politik zu erweitern, lassen sich die ersten Gegenbewegungen beobachten. In Andalusien stürmten vergangenen Woche hunderte von Mitgliedern der Gewerkschaft SAT lokale Supermärkte und räumten die Regale aus, um den Armen zu helfen. Viel habe ich dazu in den europäischen Zeitungen außerhalb Spaniens nicht entdeckt.

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