Seidenschals für China, Carepakete für Europa – Wie Hersteller von Konsumgütern unsere Zukunft sehen

by markusgaertner on 31/08/2012 · 21 comments

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Hier kommt eine richtig gute Nachricht. Hermes, der französische Markenhersteller von Seidenschals, Uhren, Schmuck und Lederwaren, meldet für das erste Halbjahr einen Anstieg des operativen Gewinns um 22%. Der wichtigste Grund ? Darauf kommt man als Leser dieses Blogs sogar ohne die Hilfe von Multiple Choice-Aufgaben: China.

Wir haben hier viel auf die deutlichen Bremsspuren im Reich der Mitte hingewiesen. Inzwischen haben auch andere Blogs und Medien verstanden, wie stark die Wirtschaft der Volksrepublik an Dynamik einbüßt. – ABER: Man muss die Zahlen aus China stets im Kontext sehen.

Sollte das Land für den Rest des Jahrzehnts „nur“ um jeweils 7% pro Jahr wachsen – und der Konsum bei 35% des BIP stagnieren – dann würde die Kaufkraft der Chinesen bis zum Jahr 2020 trotzdem um 2.100 Milliarden Dollar wachsen.

Das sind 2,1 Billionen Dollar. – Zum Vergleich: Das wäre 22% mehr als das aktuelle BIP des zweitgrößten BRICS-Mitglieds Indien (1,722 Billionen). Würde das BIP-Wachstum in China auf 3,5% pro Jahr zurückgehen – was getrost als harte Landung gelten würde – wären das immer noch 1,05 Billionen Dollar Kaufkraftsteigerung. Das entspräche der Volkswirtschaft von Mexiko, oder Südkorea.

Warum ist das wichtig für uns ? Weil das eine Menge zusätzlicher Nachfrage für westliche Konsumgüterhersteller auslöst und auch bei uns Arbeitsplätze schafft, nicht nur in den Fabriken. Inzwischen reisen 80 Mio. Chinesen pro Jahr ins Ausland – in Europa vor allem nach Frankreich und Deutschland – weil sie neugierig auf den Rest der Welt sind.

Dabei geben sie so viel für Shopping aus, dass manche Luxuswaren in europäischen Läden ein Drittel des gesamten Ladenverkaufs chinesischen Touristen verdanken. Ganz zu schweigen von den deutschen Autos, die sie zuhause fahren und den deutschen Maschinen oder den europäischen Airbussen, die sie bestellen – auch wenn dieses Geschäft immer schwieriger wird.

Und was können die weniger Betuchten von uns daraus machen ? Auf jeden Fall nicht nur jammern und meckern, wie uns die reichste Frau der Welt heute erklärt hat. Gina Rinehart, die australische Milliardärin, hat es auf den Punkt gebracht: „Hört auf zu jammern, arbeitet härter, sauft weniger, raucht nicht so viel und macht Kontakte“, statt Ärger. (Torten statt Brot, wir erinnern uns).

So. Da haben wir´s.

Es hat einer rustikalen Minen-Magnatin in Down Under bedurft, um uns aus unserem dekadenten Schlaf zu reißen. Wir sind alle zu verwöhnt und zu verweichlicht. Mehr noch: Wir verdienen zu viel, deshalb sind wir auch noch undankbar. Rinehart würde gleich noch die gesetzlichen Mindestlöhne senken, wäre sie am Ruder.

Klar. Da muss was dran sein.

Die Republikaner in den USA empfehlen uns ja schließlich andauernd etwas ganz ähnliches: Weniger Steuern, bessere Konditionen für die „Job-Produzenten“, schiebt das ganze Geld in der Einkommens-Pyramide nach oben, damit es anschließend auf uns alle hernieder rieselt.

Das ist die „Trickle Down“-Philosophie. Die Volkswirtschaft als monetäre Duschkabine.

Wie das funktionieren soll ? Weiß ich auch nicht. In den USA wurde das ja unter den Bush-Präsidenten lange ausprobiert. Das Ergebnis DIESES Versuchs kennen wir allerdings.

Vielleicht fragen wir mal die Konsumgüterhersteller, wie sie sich – neben dem Verkaufsrausch, den sie in China erwarten – auf den künftigen Konsum in Europa einstellen ? Das dürfte uns doch einigen Aufschluss über die Zukunft auf dem Kontinent geben.

Unilever zum Beispiel (Omo, Domestos, Ben & Jerry´s, Lipton, Hellmann´s, Persil), der britisch-holländische Konsumgüter-Gigant.

Dort geht man offenbar davon aus, dass die Schuldenkrise kein temporäres Phänomen ist, das vorübergehend weite Teile der Konsumenten vor größere Probleme beim Einkaufen stellt, sondern ein langfristiger Trend, an dessen Ende die Verarmung einer großen Kundengruppe stehen wird.

„Die Armut kehrt nach Europa zurück“, sagte am Montag Jan Zijderveld, der Europachef bei Unilever in einem Interview. Unilever, das drittgrößte Unternehmen seiner Art auf der Welt in der Branche, geht laut Zijderveld sogar davon aus, dass so manche Verkaufsstrategie, die in armen Ländern Erfolg hatte, nun auf Teile Europas übertragen werden kann. – Juhuuu, endlich wird die Globalisierung eine Zweibahnstraße !

Ist Unilever damit alleine ? Keinesfalls. Der CEO von L´Oreal, Jean-Paul Agon, spricht von „der Logik der Verarmung.“

Zijderveld seinerseits wird sogar ziemlich konkret: „Wenn die Spanier pro Einkaufstour nur noch 17 Euro ausgeben, dann können wir ihnen nicht Waschmittel verkaufen, die das halbe Budget aufzehren.“ Sehr realistisch, der Mann.

Und wie setzt man so etwas als Marketing-Manager um ? In Spanien werden jetzt die Würfel für Spülungen in kleineren Packungen zu je fünf Stück verkauft.  In Griechenland werden Kartoffelbrei und Mayonnaise in kleineren Portionen ins Regal gelegt. In „Groß“britannien wird das auch so gemacht. Seitdem so verfahren wird, sind die Umsätze nicht weiter gefallen.

Auch bei Frankreichs führendem Retailer E.Leclerc – der mit 556 Großmärkten 18% vom Markt hält – stimmt der CEO, Michel-Edouard Leclerc, zu: “I agree, there is a movement of very sharp pauperization in Southern Europe.” Leclerc betreibt viele Supermärkte in Italien, Spanien und Portugal.

In Italien, dessen Premier vor wenigen Tagen die EZB zum totalen Aufkauf der römischen Staatsanleihen aufforderte, verkauft Leclerc jetzt zum Beispiel Yoghurt nicht mehr im Mehrfach-Pack, sondern in Einzel-Bechern.

Salute Mario ! Und DANKE Gina, für unbezahlbaren Rat !

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