Tief fliegende Zinsen, Implantate, Wal-Mart-Apps, die China AG und das System Bernanke

by markusgaertner on 03/09/2012 · 12 comments

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Hat sich Ben Bernanke selbst erübrigt ? Ist er überflüssig geworden ? Brauchen wir ihn noch, wenn seine Wirkung über das rhetorische Spiel auf Zeit nicht hinausgeht ? Und immer mehr Ökonomen räumen ein – auch in der Fed selbst – dass weitere Gaspedal-Orgien in der US-Geldpolitik im günstigsten Fall eine nachlassende Wirkung haben werden.

Den USA steht ein heißer Herbst bevor, weil der Wahlkampf alle Energien binden und den rivalisierenden Parteien wenig Aufmerksamkeit für die Tagespolitik erlauben wird. Und das, während das nahende “fiskalische Kliff” aus Steueranhebungen und Ausgabenkürzungen Anfang 2013 noch mehr Lebenselixier aus der US-Wirtschaft saugen wird.

Bernanke ist – das weiß er längst – ein politisches Auslaufmodell. Zückt er seine berühmte Bazooka und feuert vor dem Wahltag am 6. November noch einmal so richtig aus allen Rohren, werden die Spätfolgen seiner Geldpolitik ihn 2014 nicht für eine weitere Amtszeit empfehlen. Macht er nichts, verzichtet also auf Wahlkampfhilfe für Obama, stellen die Republikaner mit wachsender Wahrscheinlichkeit den nächsten Präsidenten. Sie werden Bernanke so schnell wie möglich absägen.

Doch die ganze Debatte um QE3 oder nicht verfehlt den wichtigsten Punkt.

Die Weltkonjunktur rutscht in diesen Wochen und Monaten in eine neue Rezession, aus der uns die Notenbanken nicht befreien können. Noch billigeres Geld – und noch mehr davon – helfen nicht. Wir haben in der globalen Wirtschaft zu viele Schulden, zu viel überschüssige Kapazität, zu viele verängstigte Konsumenten und zu wenige Unternehmen, die im Expansionsmodus sind.

Niedrigzinsen und Hubschrauber-Aktionen können das nicht ändern.

Wal-Mart, der weltgrößte Retailer – und Marktführer in den USA mit 4.500 Läden – denkt nicht zuerst an Erweiterung, sondern an Kosten und schwache Nachfrage. Das Unternehmen zahlt in jeder Sekunde an seine Kassierer(innen) 12 Mio. Dollar Lohn.

Zu den Projekten, die im Heimatland der Kette derzeit intern die größte Aufmerksamkeit bekommen, sind Versuche zur Automatisierung der Bezahlvorgänge an den Kassen. Es wird jetzt ein Test vorbereitet, bei dem die Kunden mit ihren Handys selbst die gekaufte Ware scannen. Eine entsprechende App ist geschrieben worden.

Auch die China AG befasst sich längst nicht mehr damit, wie sie ihr (ehemaliges) Turbowachstum weiter hochschrauben – oder zumindest halten kann – sondern wie sie die Risiken und Nebenwirkungen von 30 Jahre Hyperschall-Konjunktur eindämmen kann, bevor sie das Land verschlingen. Der PMI wurde am Wochenende offiziell mit 49,2 Zählern angegeben. Damit hat er nicht nur Rezession-Niveau erreicht, sondern auch das mieseste Ergebnis seit 9 Monaten. Der PMI der HSBC Bank für das Verarbeitende Gewerbe ist sogar auf 47,6 gefallen.

Doch das ist nicht die ganze Geschichte.

Chinas Staatsbanken haben eine juristische Treibjagd auf Manager bei Händlern und Herstellern der Stahlindustrie begonnen. Sie wollen das ausgeliehene Geld irgendwie eintreiben. In der Branche dominiert China den Rest der Welt. Mit einer Fertigungskapazität, die den heimischen Konsum um satte 200 Mio. Tonnen übersteigt, produziert China die Hälfte des weltweiten Ausstoßes. Jetzt machen laut der China Daily 83% der Stahlkocher im Land Verluste.

O-Ton China Daily: By the end of last year, China’s steel industry had a total debt burden of $400 billion – around the size of South Africa’s economy. Some of China’s leading mills alone owe 200-300 billion yuan ($32-$47 billion), according to the China Iron and Steel Association.

Bei den staatlichen Geschäftsbanken mehren sich die faulen Kredite im Portfolio. Bei den Stahlfirmen wird die Geduld der Banker offenbar zuerst – und besonders – knapp. In einigen Stahlhochburgen sind nur noch 60-70% der Firmen in Betrieb. Die Preise sind auf den niedrigsten Stand seit 2009 gefallen. Und ein guter Teil des Problems dieser Industrie hat aktuell mit dem massiven Stimulusprogramm nach der Finanzkrise zu tun.

Kein Wunder also, dass die Führung in Peking – wie Ben Bernanke – mit dem nächsten großen Schluck aus der Pulle zögert. Sie würde zwar Schmerzen in sehr begrenztem Umfang kurzfristig lindern, aber dem System noch mehr Kosten aufbürden. Und wie im Falle der Fed in den USA – und im Falle des Billigheimers Wal-Mart – geht es hier nicht um billigeres Geld, wenn eine Lösung gefunden werden soll, sondern um Nachfrage, Kosten und Preise.

Die gültige Mathematik haut einfach nicht mehr hin.

Es müssen so viele Firmen aus dem Markt ausscheiden, bis die übrig gebliebenen wieder die Preise so anheben können, dass sie profitabel werden. Das würde China aber noch weiter abbremsen, denn es geht beileibe nicht nur um Stahl. Oder – wenn diese Firmen künstlich am Leben erhalten werden – muss das Land auf mittlere Sicht noch mehr Überkapazitäten und eine Finanzkrise inkauf nehmen.

So ist das auch in den USA: Die Fed kann so lange schieben wie sie will. Wenn Uncle Sam für jeden Dollar, den er ausgibt, 40 Cent Schulden aufnimmt – und die Zinslast aus den Schulden viel schneller wächst als das BIP – kann die Notenbank nur den Schmerz lindern. Sie kann diese Arithmetik nicht aufheben.

An diese eherne Grenze sind auch die staatlichen Lebensversicherer in den USA gestoßen. Garantieverzinsungen, wachsende Auszahlungen, immer mehr ungedeckte Versprechen: Die Lücke zwischen erfolgten Zusagen und vorhandenen Mitteln ist so groß geworden, dass jetzt das Regionalparlament in Kalifornien beschlossen hat, das staatliche Rentensystem 6,3 Mio. Arbeitern der Privatwirtschaft zu öffnen.

Damit soll ein neuer Schub an Einnahmen erzielt werden. Natürlich hilft auch das nicht auf Dauer. Denn für die “Neuen” im System wird es ebenfalls Deckungsprobleme geben. Aber man macht halt vorübergehend eine neue Schleuse auf.

Das System Bernanke ist zu einem Mittel der Lebensverlängerung verkommen. Ähnlich wie bei schlechten Implantaten der Schönheits-Chirurgie türmen sich dabei mit fortschreitender Zeit immer mehr Risiken auf. Der Unterschied hier: Ein Chirurg kann die nicht mehr gewünschten Implantate leicht entfernen.

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