Wie aus dem “Goldman” Draghi ein richtiger Fugger wurde

by markusgaertner on 07/09/2012 · 7 comments

IKONE_EUROPA

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Er hat es wirklich getan. Mario Draghi hat die Bazooka heraus geholt. Er hat ein unbegrenztes Kaufprogramm für kriselnde Länder der Eurozone angekündigt. Konditioniert, wie wir hören.

Im Klartext: Die Renditefeuerwehr der EZB wird nur solchen Wackelländern helfen, die sich an bestimmte Vorgaben halten. Dazu gleich mehr. Zunächst das Problem, vor dem die EZB stand: Steigende Refinanzierungskosten stellten eine wachsende Gefahr für die Stabilität von Ländern wie Spanien und Italien dar.

Das sorgte für zunehmende Risse im Fundament der Eurozone und der Gemeinschaftswährung. Gleichzeitig waren es aber genau jene erhöhten Renditen, die die Regierungen in Rom, Madrid und anderswo am besten unter Druck setzen konnten, ihre Ausgabendisziplin nicht völlig außer Kontrolle geraten zu lassen. Die Renditen waren auch stets der äußere Anlass für den jeweils nächsten Krisengipfel.

Ein kurzer Schwenk zum Aspekt Werkzeuge: Eine gelockerte Geldpolitik wirkt entweder über sinkende (Re-)Finanzierungskosten, oder über die Aufweichung einer Währung. Der erste Effekt hilft, wenn bei sinkenden Zinsen mehr Kreditnachfrage entsteht.

Das ist aber nicht der Fall – wie zum Beispiel in den USA – wenn private Haushalte enorme Schulden abbauen und einen ohnehin geringen Appetit an Ausleihungen haben. Oder wenn Firmen – siehe ebenfalls USA – auf hohen Cashbeständen sitzen und sozusagen ihre eigene Bank vorhalten. (Microsoft rund 100 Mrd., Cisco 48 Mrd.)

Doch hoch verschuldete Regierungen, die sich refinanzieren müssen, greifen gerne zu. Sie können die Zinslast vorübergehend sogar senken, laden sich aber Schulden in einem höheren Tempo auf, als das BIP im derzeitigen Umfeld wachsen kann. Das macht spätere Zinsanhebungen zum definitiven Albtraum.

Sollte die Fed zum Beispiel nächste Woche ebenfalls aktiv werden und QE3 einläuten, dann kann sie höchstens den Dollar etwas verbilligen, was im schwachen weltwirtschaftlichen Umfeld aber nicht viel bringen würde. Außerdem, rein mathematisch: Auf einem gegebenen Planeten können nicht alle Länder ihre Exporte steigern, manche müssen Rückschläge hinnehmen.

Jetzt kommen wir zu den Folgen für die – und aus der Sicht der – EZB. Die Anleihekäufe, die am Donnerstag angekündigt wurden, können die Eurozone etwas länger zusammenhalten, wenn sie umfangreich genug sind. Zudem werden durch Inflation die Kosten der sozialen Netzwerke verringert.

Doch jetzt kommt der Knackpunkt: Das Ziel der EZB – wie der Fed – ist Preisstabilität. Bei der Fed kommt noch höchstmögliche Beschäftigung hinzu. Doch durch die Pläne, die Herr Draghi gestern auf den Tisch legte, gibt er dem Zusammenhalt der Eurozone nun eine höhere Priorität als der Preisstabilität.

Er weicht das eine (vorgegebene) Ziel zu Gunsten des neuen (politischen) Ziels auf. Hier wird im Handumdrehen ein ganz neues Mandat etabliert, eine Art Daseins-Staatsstreich.

Streng genommen hat sich die EZB, was ihre ursprünglichen Ziele angeht, jetzt zumindest für eine Weile erübrigt. Doch sie wird zur Erreichung politischer Ziele gebraucht, die nationale Regierungen nicht mehr aus eigener Kraft erreichen können.

Jetzt kommt das unauflösliche Dilemma.

Die verstärkten Anleihekäufe sind mit Bedingungen verknüpft. Sie werden nur im Gegenzug für noch mehr Austerität erfolgen. Doch genau diese Vorgabe wird die öffentlichen Defizite noch verschärfen, weil mehr öffentliches Sparen Nachfrage eliminiert.

Das Ergebnis ist verringerte wirtschaftliche Aktivität, weniger Steuereinnahmen …. und noch mehr Schulden = Anleiheverkäufe.

Damit hat die EZB für die Banken ein Perpetuum Bondum Mobile eingeführt. Die Geldhäuser können sich jetzt an einem immer schneller drehenden Anleihe-Karussel erfreuen. Währenddessen drückt die EZB zur Freude der emissions-süchtig gewordenen Regierungen die Zinslast gegen Null. Die Inflation besorgt den Rest.

Im Endeffekt heißt das: Der schnelle Tod des Euro ist erst einmal abgewendet. Er wird jedoch ersetzt durch das langsame Strangulieren der Nachfrage, die wir brauchen, damit es Wachstum geben kann. Der politische Vorteil: Das “Kind” wird vorerst gerettet. Der Vorteil für die Finanzwirtschaft: NOCH mehr gutes Geschäft. Und die Steuerzahler ? Die Reschnung isss sischer.

Welches Schicksal hätten´s denn gern ?

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{ 7 comments… read them below or add one }

Till September 7, 2012 at 06:30

In Financial Times, Handelsblatt und Spiegel & Co. waren die letzten Tage überall Artikel, das die Südstaaten sich auf gutem und erfolgreichen Kurs befinden.

Die wichtigste Zahl für den dort zu erwartenden Boom waren dort die Lohnstückkosten, die durch angeordnete Lohndrückerei gefallen sein sollen, sowie eine ausgeglichenere Handelsbilanz durch Nachfragekollaps (auch streng positiv gewertet).

Also der Umbau der halben EU in rein exportorientierte Sweatshop-Schwellenländer ist auf dem besten Weg – das einzige Problem sind noch die faulen Kredite, aber die will man über Hedgefond-Investitionen in Immobilien, die die Preise wieder zum Steigen bringen sollen auch in den Griff kriegen. Schließlich kann man auch mit Mini-Einkommen dann wieder in die neue Immobilienspirale einsteigen und so Einkommen aus heißer Luft in reales Wachstum umsetzten.

Danach sind alle Probleme der Länder gelöst, solange nur die Kosten sinken und die Konsumausgaben weltweit steigen. Die Verbraucher müssen nur den Spagat hinbekommen, mehr zu konsumieren bei weniger Einkommen. Oder eine Schicht von 10-20% muß den Konsum übernehmen, und der Rest soll sehen wo er bleibt.

So läuft es ja auch in der EU gerade – Umsatz von Luxusautos nach oben, Kleinwagen nach unten…

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markusgaertner September 7, 2012 at 07:08

Das haut halt nur wegen der Gewichte der verschiedenen Einkommens-Segmente nicht hin, wie hier schon signalisiert … Viele Grüße

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Grinario September 7, 2012 at 06:37

“Die verstärkten Anleihekäufe sind mit Bedingungen verknüpft. Sie werden nur im Gegenzug für noch mehr Austerität erfolgen. Doch genau diese Vorgabe wird die öffentlichen Defizite noch verschärfen, weil mehr öffentliches Sparen Nachfrage eliminiert.”

Die Frage ist allerdings, ob Draghi diese vollmundige Ankündigung überhaupt umsetzen kann, dass sich die Krisenstaaten an irgendwelche von der EZB eingeforderten Bedingungen halten werden. Und was ist, wenn eine Kontrolle durch die EZB ergibt, dass die Bedingungen nicht eingehalten wurden? Na, dann wird weiter gedruckt und finanziert, man darf schließlich keinen Eurostaat hängen lassen. Es läuft also m. E. so oder so auf Inflation raus.

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Grinario September 7, 2012 at 10:07

Die Krisenstaaten und die “harten” Bedingungen des Herrn Draghi. So ungefähr muss man sich das auch in Zukunft vorstellen:
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/kauf-von-staatsanleihen-italien-hat-die-ezb-vorgaben-ignoriert-11881685.html

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vlk September 7, 2012 at 09:37

Ein weiteres Schmankerl gestern im Radio : Br3

Draghi will die entstehende Liquidität an anderer Stelle aus dem System ziehen um Inflation zu vermeiden….

Diesn Satz muß man sich auf der Zunge zergehen lassen…

Die drucken Geld wie blöd weil es zu wenig Geld gibt um all die Schulden zu finanzieren…wo bitte ist es da dann möglich an anderer Stelle ( bin ich einfach zu blöd sie zu finden ? ) diese Liquidität wieder abzusaugen ?
Wenn es so einfach wäre dann brauchen wir doch nix drucken sondern einfach von der Stelle eine Pipeline zurückzulegen an die Ecke wo es fehlt…

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Tom September 7, 2012 at 17:48

Wir sollten hier die jeweils die Propaganda-Schlagzeile der Woche küren!!! Ich hab schon einen Vorschlag in Gepäck:
DEUTSCHE SIND GEWINNER DER DRAGHI-BAZOOKA!
http://www.welt.de/finanzen/article109089427/Deutsche-sind-Gewinner-der-Draghi-Bazooka.html

Oh Mann, da weiss man echt net mehr, ob man lachen oder heulen soll!

Gruss
Tom

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Grinario September 8, 2012 at 08:27

Meine Stimme hätte Ihr Vorschlag!

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