Philosophische Zuckungen im Finanzsystem, am Vorabend der nächsten Geldschwemme

by markusgaertner on 12/09/2012 · 6 comments

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“Größe hat riesige Vorteile”, wird JP Morgan Chase-CEO Jamie Dimon heute in den US-Medien zitiert. “Na herzlichen Dank”, kommentiert die Huffington Post diesen Spruch mit greifbarer Ironie.

Mich erinnern die Worte von Dimon an die Werbung derer, die uns ohne Kenntnis unserer Umstände eine Penis-Vergrößerung in Aussicht stellen. – Wir glauben diesen Schreinern der Lust ungefähr so viel wie unseren Bankern in diesen Tagen, zumindest ausgehend von  jüngeren Umfragen, wie die der Beratungsgesellschaft Ernst & Young zu Jahresbeginn.

Und dennoch: Dimon hat Recht. Natürlich aus seiner ganz eigenen Perspektive.

Den großen Wall Street-Banken tut ihre Größe wirklich gut. Und wir wissen auch warum. Weil sie ihnen ein Netz unter dem Finanz-Trapez verspricht. Dabei ist es aber wie bei der Penis-Vergrößerung: Die eine Hälfte der Menschheit findet sie wichtig. Die andere Hälfte sieht darin eine reichlich pubertäre Messlatte.

Philosophische Bekenntnisse – wie die von Dimon – scheinen sich am Vorabend der (wenn man den überwiegenden Prognosen glaubt) nächsten großen Geldschwemme durch die Fed im Universum der Wall Street breit zu machen.

Wenn das so ist, wäre dies ein Anzeichen für eine baldige Wende. Nach dem Motto: Während noch der bisherige Nachrichtenfluss – Schulden, Eurokrise, Gier, Manipulation und Betrug – anhält, tauchen die ersten Zeichen einer Läuterung und möglichen Kehrtwende im Denken oder Tun der Akteure an den Finanzmärkten auf.

Nehmen wir die “Neue Bescheidenheit der Deutsche Bank”, die das Manager Magazin gestern so beschrieb: Kosten kappen, Risiken drücken, Eigenkapital stärken: Die Deutsche-Bank-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen greifen durch. Sie schrecken selbst vor der Gründung einer internen “Bad Bank” nicht zurück. Das zeigt, wie sich die Spielregeln in der Hochfinanz ändern.

Die Frage ist natürlich, wie ernst wir diese Ankündigung des deutschen Bankprimus nehmen: So ernst wie eine Einlagensicherung, oder so ernst wie wir derzeit noch den LIBOR-Zins nehmen ?

12% nach Steuern als neues Renditeziel könnte man genauso gut in die Kategorie “etwas mehr Realitätssinn” einordnen. Denn Gier, die in diesem Umfeld niedriger Zinsen, wachsender Regulierung, unberechenbarer Börsen und dümpelnden Kreditgeschäfts weiterhin 25% suchen würde, müsste man eher als gierige Traumtänzerei bezeichnen.

Oder nehmen wir den reumütigen Mark Zuckerberg. Er räumte gestern bei der TechCrunch-Konferenz in San Francisco ein, die Wall Street enttäuscht zu haben. Zählt er da eigentlich die vielen Kleinanleger mit, die darauf vertrauten, dass sie zum Zeitpunkt des Aktienkaufs beim IPO alles wichtige wussten ? Es war Zuckerbergs erster großer Auftritt seit dem Börsengang, also 49% nach dem Einführungspreis der Aktie bei 38 Dollar.

Die Ankündigung, Facebook sei bereit für einen großen Pusch im mobilen Geschäft (Werbung), fassten die Börsianer offenbnar positiv auf. Die Aktie stieg nachbörslich um 3,5%. Wie lange dieser Anstieg anhält, ist allerdings eine andere Frage. Immerhin, das Wort “Fehltritte” hat sich Herr Zuckerberg abgerungen.

Während wir also die ersten – noch keineswegs gänzlich überzeugenden – Signale für eine mögliche Kehrtwende nach der Gierkultur sehen, hält der Nachrichtenstrom aus der Ära der finanziellen Übertreibung und Unseligkeit an.

Die folgenden Zahlen sind – im Unterschied zu den gerade beschriebenen Ankündigungen – bereits geschaffene Fakten. Und sie machen uns nicht viel Hoffnung, dass wir die Misere bald abhaken können.

So hat die Troika am Dienstag den Portugiesen mehr Zeit eingeräumt, um ihre Budgetversprechen aus dem 78 Mrd. Euro umfassenden Hilfspaket einzulösen. Die EU, der IWF und die EZB haben die Defizitziele für 2012, 2013 und 2014 auf 5% (von 4,5%), 4,5% (zuvor 3%) und 2,5% (zuvor 3%) geändert.

Währenddessen bereiten die beiden größten Gewerkschaften des Landes – CGTP und UGP – eine Serie von Protesten, und eventuell einen Generalstreik vor. Die Maßnahmen richten sich gegen die jüngsten Sparbeschlüsse.

Hunderttausende von Katalanen sind derweil am Dienstag in Barcelona auf die Straße gegangen, um dagegen zu protestieren, dass nach ihrer Ansicht die Krise in Spanien den Wohlstand ihrer autonomen Region zerstört. Seperatistische Kräfte sind Zentrifugalkräfte, nicht das Ziel des Euro.

Wenig Neues auch aus den USA, wo Moody´s dem Land die Aberkennung des Topratings – das es bei Standard & Poor´s im August 2011 bereits verloren hat – androht. Sollte das “fiskalische Kliff” aus automatischen Steueranhebungen und Ausgabenkürzungen, das Anfang 2013 droht, nicht rechtzeitig durch einen Kompromiss zwischen Republikanern und Demokraten im Kongress umschifft werden, droht der Hammer zu fallen.

Der Republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, erwartet indes nicht, dass die USA der drohenden Abstufung entgehen werden. Na herzlichen Dank.

Dramen spielen sich aber nicht nur beim Sparen und in Bezug auf die Beurteilung der Kreditwürdigkeit der größten Volkswirtschaft auf dem Planeten ab. Die OECD hat am Dienstag zum Beispiel ihren neuen Bericht “Education at a Glance 2012” publiziert. Darin steht, dass Länder wie die USA, Italien, Portugal und die Türkei weite Teile ihrer jungen Generation nicht an besserer Bildung teilhaben lassen. Sie werden mit Schulden überhäuft, einem versauten Planeten überlassen, bekommen keine ordentlichen Job-Perspektiven und werden auf dem Weg in ihren Beruf auch noch von den Schuldenmachern – uns Baby Boomern – ausgebremst.

Es lebe die Zukunft. Aber wessen ? Und welche ?

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