Eine weltweite Illusion – Und eine globale Krise mit vielen Gesichtern

by markusgaertner on 25/09/2012 · 46 comments

IKONE_ANALYSE

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Sie alle denken immer noch, dass sie aus dieser Schulden-Falle wieder rauskommen werden. Aber die Krise wird sie trotzdem am Ende verschlingen. Es gibt kein Zurück, keine „Lösung“, auch keine Geldpolitik, die uns irgendwie mit magischem Strahl aus der Misere hinaus befördern kann.

Ben Bernanke hätte doch die „Bezaubernde Jeannie“ heiraten sollen. Das wäre eine viel versprechende Ehe geworden. Aber er hat es nicht. Und die Schulden sind einfach zu hoch. Das Wachstum bleibt zu gering. Die politischen Eliten sind verwirrt, korrupt und zaghaft. Und die süße Jeannie aus der Zauberflasche bleibt in der Videothek von NBC und dem ZDF eingesperrt. Ein für allemal. Zumindest für die Börsianer.

Mit lockerer Geldpolitik wird das bittere Ende dennoch hinaus gezögert. Es fühlt sich an, als wolle sich der Westen erhängen, aber die Notenbanker haben das Hanfseil gegen ein Bungee-Seil ausgetauscht und zur besseren Dehnbarkeit auch noch eingefettet.

Aber wohin man auf dem Planeten schaut, das bittere Ende zeichnet sich ab.

Beispiel Hong Kong. Am Dienstag hat die Zeitung Hong Kong Standard das grundlegende ökonomische Problem in der Stadt so illustriert. Ende August gab es in der Ex-Kolonie 35.254 Immobilien-Makler. Das waren 4,3% mehr als vor einem Jahr. Im selben Zeitraum ging die Zahl der von Hong Kongs Börsenaufsicht – der Securities and Futures Commission – autorisierten Börsen-Makler von über 16,500 auf 15,700 zurück.

Immobilien rauf, Börse runter. Bis vor nicht allzu langer Zeit, musste man bei Brokerhäusern in der Stadt Schlange stehen, warten, manchmal betteln, um ein Trading-Konto zu eröffnen und auch Aktien kaufen und verkaufen zu können, oder gar einen Sitz in einem der Handelsräume zu ergattern, die in Asiens Brokerhäusern so aussehen, wie bei uns die Wettbüros der Pferde-Rennbahnen.

Und jetzt ? Jetzt kann man sich dort quer über die Sitze schlafen legen, so viele freie Plätze gibt es. Der Grund, so der „Standard“: In den vergangenen 12 Monaten haben viele Anleger an der Börse zwischen 20 und 50% verloren. Wieder einmal wurden sie niedergemäht, mindestens das vierte Mal seit Beginn der 90er Jahre.

Dafür rauschen die Immobilienpreise mit jeder Runde QE weiter nach oben, weil das Team Bernanke in seiner unendlichen Weisheit die Welt so mit Liquidität flutet – außer jenen, bei denen das Geld in Form von Krediten ankommen soll – dass selbst im fernen Asien jedes Mal die Preis hochschäumen. So wie jetzt.

Deshalb wollen Hong Kongs Stadtväter diesmal der Immobilien-Spekulation gleich einen Riegel vorschieben. Doch im Großraum China – Taiwan und Hong Kong eingeschlossen – gilt es als nationaler Volkssport, solche Regeln zu umgehen. „Hou mer“, Hintertüre. So nennt man dieses Konzept andauernder Umgehung von Spielregeln und Gesetzen im Chinesischen.

Währenddessen beschreibt die China Daily in einprägsamer Weise, wie die Bilanzen der staatlichen Geschäftsbanken im Reich der Mitte nach langer Immobilien-Spekulation und ungezählten schlecht verzinsten Investitionen von überkapazitären Industriefirmen viel stärker als erwartet unter Druck geraten.

Die überfälligen Kredite bei Chinas 10 größten Banken nahmen demnach in den vergangenen 6 Monaten um 30% auf 489 Mrd. Yuan zu. „Das ist viel mehr als wir vorhergesehen haben, was beträchtlichen Druck auf die Kreditqualität der Banken verrät“, zitiert die Zeitung den Finanzspezialisten Richard Zhu, ein Partner bei PricewaterhouseCoopers.

Währenddessen verrät John Williams, der Präsident der San Francisco Fed, dass er mit einer erneuten Ausdehnung der Anleihekäufe durch die Währungshüter im kommenden Jahr rechnet. Das hört sich an wie ein Ferrari-Pilot, der den Fuß schon ganz durchgetreten hat und seinem Fan-Block in der Pirelli-Kurve zuruft, als nächstes werde er einen ordentlichen Motor in die lahme Kiste einbauen.

Welche Art von Erwartungen solche Gedankenspiele schüren, das sieht man an den kursierenden Prognosen und Überlegungen der Investmentbanken. QE3 sei nicht stark genug, um die Aktienpreise signifikant nach oben zu befördern, wurde am Montag in der US Presse Adam Parker, der oberste Aktienstratege bei Morgan Stanley in den USA, zitiert. Daher sei er nicht überrascht, wenn die Fed bis Jahresende (!!!) QE3 in eine Version QE4 ausdehne.

Das erinnert mich an meine Frankfurter Zeit bei der ARD Mitte der 90er Jahre. Reuters fragt Bundesbank-Chef Hans Tietmeyer: Können Sie eine Zinssenkung bei der nächsten Sitzung ausschließen ? Tietmeyer: Sie wissen doch, wir können nie etwas ausschließen. Reuters-Bericht: Bundesbank schließt Zinssenkung nicht aus. – Daraufhin eifriges Treiben auf dem Börsenparkett.

Genauso geht das auch heute noch, sogar ohne Reuters. –  Doch wie fertig ist ein Junkie, der sich vor dem Setzen des nächsten Schusses schon die übernächste Spritze bereitlegt ? Und was sagt uns das über das Ausmaß, in dem die US-Konjunktur gerade einen Rückschlag erleidet ?

Und die stets zuverlässigen Frühwarner beim IWF ? Erklären uns heute, dass die Erosion des weltweiten Vertrauens (in Wirtschaft, Notenbanker und Politiker) das Wachstum dämpft. Als hätten wir das nicht seit 2009 unentwegt beobachtet.

Demnach soll die BIP-Prognose des Währungsfonds im kommenden Monat erneut gedrosselt werden. Man könnte ganze Wälder vor der Abholzung bewahren, wenn diese Kerle in Washington ehrlicher – und schneller – ihre Einschätzungen niederschreiben und drucken würden. Erst im Juli hatte der IWF seine Prognose für die Weltwirtschaft für 2012 auf 3,5% – und für 2013 auf 3,9% – gekürzt. Vor Fasching (Verzeihung, Karneval) wird noch einmal gekürzt, jede Wette.

Pikant ist folgendes IWF-Zitat: Die Unsicherheit darüber, ob Regierende die größten Probleme effektiv angehen, „beeinträchtigt nun Volkswirtschaften im Rest der Welt.“ Eine später Erkenntnis – und eine Farce. Denn: Ist der IWF nur Beobachter, oder ist er Akteur ?

Die Organisation gehört der Troika an, die regelmäßig bei Anti-Lustreisen nach Athen an fein gedeckten Tischen ausrechnet, wie weiträumig sich Griechenland zuletzt an den aktuellen Sparvorgaben vorbei gemogelt hat – um dann aus Berlin das grüne Licht zu bekommen, weil die nächste Tranche sowieso fließen muss.

Und die USA ? Im Spannungsfeld zwischen den 47% Obama-Loosern (Romney) und den Jihaddisten bei den Republikanern, die eine moderne Volkswirtschaft wie in der Duschkabine von oben berieseln wollen, aber im Wahlkampf nicht verraten, dass sie absichtlich keine Brause dafür einbauen, in diesem Spannungsfeld macht die Erosion ebenfalls sichtbare Fortschritte.

Das hat gestern kein anderer als Goldman Sachs-CEO Lloyd Blankfein gut auf den Punkt gebracht. Die USA sehen sich demnach mit einer weiteren Ratingwatsche konfrontiert und mit einem Status-Verlust des Dollars als Weltleitwährung, so der Geld-Prophet Gottes, weil die politische Elite nicht willens oder fähig sei, das schnell nahende „fiskalische Kliff“ zu umschiffen.

Mit diesem Kliff sind bekanntlich jene Ausgabenkürzungen und Steueranhebungen gemeint, die Anfang 2013 automatisch in den USA einsetzen werden, wenn sich Kongress und Präsident zuvor nicht auf ein Sparpaket einigen, das die klaffende Budgetlücke verringern hilft, ohne die Konjunktur abzuwürgen.

Dieses Kunststück allerdings wäre schon mit einer Mehrheit von 100% für eine der beiden Parteien kaum zu bewältigen.

Und wo endet das alles ? Es endet spätestens, wenn die Fed 50 Dreamliner bestellt, um nicht nur Boeing und den DOW zu retten, sondern um endlich genügend Geld abzuwerfen.

Wenn wir auf diesem Ozean von Geld dann Wasserski fahren können, ist das Maximum erreicht. Dann können wir getrost Apple shorten und besorgt unsere Garage zumauern (von innen, wohlgemerkt).

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