Dilemma im globalen Jammertal – Alle schauen weg, aber keiner will der letzte Narr sein

by markusgaertner on 29/09/2012 · 9 comments

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Der krasse politische Absturz von Bo Xilai. Das kurzzeitige Verschwinden des nächsten Staatschefs Xi Jinping. Der eskalierende Streit mit Japan. Die demonstrative Schau für den neuen Flugzeugträger. – Und der miserable PMI-Index der HSBC für den September mit 47,9. Dazu der Niedergang des Shanghai Composite Index: Minus 12% im laufenden Jahr, minus ein Drittel seit 2010, minus zwei Drittel seit dem Hoch vor der Krise.

Wie weit die Bremsspuren dieses Absturzes reichen, das konnte man am Freitag im Wall Street Journal nachlesen. Die von China verursachte drastische Korrektur der Rohstoffpreise verwüstet in den Appalachen ganze Landstriche. Dort haben zehntausende von Kumpels bis zuletzt jene hochwertige Kokskohle gefördert, die China für die Produktion in seinem galaktisch überkapazitären Stahlsektor benötigt(e).

Der Telegraph hat Recht. Im Mutterland aller Boomphasen (15 Mal so schnell und 100 Mal so groß wie England während der Industriellen Revolution) ist jetzt einiges mega-faul. Die hässliche Fratze einer “harten Landung” streckt sich so in unser Gesicht wie ein Paparazzi, der die ersten Falten von Paris Hilton mit einer Makro-Linse ablichten will.

Jetzt fangen die Chinesen sogar an, mehr Komponenten und Rohmaterial für ihre Produktion im billigeren Ausland zu kaufen, damit sie im Geschäft bleiben, zum Beispiel Leder in Indien.

Es stimmt: China hat wenigstens in einer Weise ein wenig Glück, weil der Schulden-Abgrund in Europa, die nahende Fiskal-Katastrophe in den USA sowie diverse Brandherde – wie Iran, Syrien und der Streit der Volksrepublik mit Japan über die Senkaku/Diaoyu-Inseln – von der gefährlichen Abwärtsspirale der chinesischen Wirtschaft ablenken.

Doch es gibt eine umgekehrte – und verheerende – Schweigespirale in der Analyse des Landes. Kaum einer will der letzte ausländische Narr sein, der noch naive Bewunderung für das Land erklärt, während die Chinesen selbst schon in Scharen – und Säcken voller Bargeld – durch die nationale Hintertür strömen und das Bare an den Immobilienmärkten von New York über Vancouver und London bis Sydney in Sicherheit bringen.

Es herrscht Großalarm, besonders weil jetzt selbst Polizeipräsidenten türmen wollen, so wie Bo Xilais ehemaliger Sicherheitschef in Chongqing. Wie wir wissen, ging das gründlich daneben, der Mann wurde in dieser Woche harsch verurteilt.

Was uns China dieser Tage vorführt, ist symptomatisch für den Rest dieser abgrundtief verschuldeten, TV- und iPhone-geilen und apathisch-korrupten Welt.

Alle schauen weg vom Hoover-Damm unserer Werte, Finanzmärkte und politischen wie sozialen Systeme, während die Risse in der Staumauer beängstigend anwachsen, während die Schleusenwärter eilig an einer neuen Mauer bauen, um ihren schönen Stausee vor der Verschwendung an die Massen im Tal zu bewahren: Europa wird von Paris, Rom und Berlin eilig nach Brüssel verschoben. Die Überwachung von Menschen nimmt Ausmaße an, die George Orwell als einfältigen Pinsel erscheinen lassen. Und von Bankern bis Lobbyisten haben sich alle noch einmal ausgiebig bedient, bevor die Walze des Unabwendbaren uns alle plattmacht.

Die Banken und großen Firmen haben Macht an sich gerissen, die ihnen ohne Aufstand und Revolution nicht mehr genommen werden kann, es sei denn durch vollständige Aufgabe der Demokratie. Das wollen zwar die meisten nicht. Doch die einzige “Gruppe”, die größer ist als diese bekennenden Demokratie-Bewahrer, das sind jene, die nicht dafür kämpfen wollen.

So schreibt Chris Hedges an diesem Wochenende in Common Dreams über diesen Sachverhalt, in einer lesenswerten Analyse mit dem Titel “Wie nimmst Du Dein Gift ?”:

All the things that stand between us and utter destitution—Medicaid, food stamps, Pell grants, Head Start, Social Security, public education, federal grants-in-aid to America’s states and cities, the Women, Infants, and Children nutrition program (WIC), Temporary Assistance for Needy Families and home-delivered meals for seniors—are about to be shredded by the corporate state. Our corporate oligarchs are harvesting the nation, grabbing as much as they can, as fast as they can, in the inevitable descent.

Damit meint Hedges natürlich vor allem die USA. Doch China und Amerika stehen nicht alleine vor einem Abgrund.

In Europa sehen wir das jetzt im Falle Spaniens Dort wird gerade der Wohlfahrtsstaat ausgebraubt, um die Banken zu retten. Das Ergebnis sind zunehmende Proteste. (Link zu den LIVE-Bildern bei EL PAIS). In Madrid präsentierte am Freitag Budgetminister Cristobal Montoro seinen Haushalt für 2013. Die Welt schaute gebannt zu. Die aufgebrachten Massen umzingelten das Parlament. Die Polizei knüppelte ihre Schicksalsgenossen nieder. Die Bilder breiteten sich im Internet wie ein Lauffeuer aus.

Welche Ironie: Die viel gescholtenen Griechen, und jetzt die Spanier, führen uns vor, wie man um die Demokratie kämpft. – Wenn aus den Protesten in Spanien und Griechenland eine europaweite Bewegung wird – ich bete inzwischen dafür – dann wäre das viele Hilfsgeld der Deutschen wirklich gut angelegt worden.

An den Finanzmärkten sahen wir den üblichen Reflex: Juhu, die Sparmaßnahmen wurden verkündet, jetzt wird alles gut, und wenn nicht, dann haben wir ja noch die Notenbanken.

Hier kommt der brisante Punkt: Spaniens Budgetminister hat in seiner Prognose für 2013 die Annahme unterlegt, dass die Wirtschaft lediglich 0,5% schrumpfen wird. Das wiederum hat bei den Analysten der Investmentbanken zu Reaktionen zwischen Heiterkeit und Entsetzen geführt. – Der Grund ist schlicht. Hier sind die Prognosen der Banken für 2013: Bank of America -1,7%, Societe Generale -2,2%, Citigroup -3,2%.

Die Einhaltung der versprochenen Budgetlimits – 4,5% des BIP in 2013 und 2,8% in 2014 – ist somit pure Illusion. Wie wir an diesem Samstag lernten, gelingt dies auch nicht im laufenden Finanzjahr, weil die Gläubiger des Landes darauf zu bestehen scheinen, dass die Finanzhilfe für die Banken beim Staat verbucht wird.

Im Klartext: Die zusätzlichen Sparmaßnahmen, die das Volk radikalisieren, sind schon wieder neutralisiert, bevor der Platz vor dem Parlament für die nächste große Demo geputzt worden ist.

Japan sollten wir nicht vergessen, die No. 2 unserer implodierenden wirtschaftlichen Märchenwelt.

Im August fiel der Industrieausstoß im Monatsvergleich um satte 1,3%. Das sind annualisiert über 15%. Doch nicht nur leidet das Insel-Land unter schwacher Nachfrage der einbrechenden Märkte in Europa. Jetzt werden auch noch reihenweise Fabriken in China geschlossen, weil die Wut der Chinesen gegen ihre Nachbarn mit dem roten Punkt in der weißen Flagge kaum noch kontrolliert werden kann. Aus der Sonne (in der Flagge) wird die 10 in der Zielscheibe der Chinesen.

Meine erste Lektion über Chinas Verhältnis zu Japan lernte ich am ersten Tag meiner Tätigkeit als Handelsblatt-Korrespondent in Peking. Das war im Januar 1999. Bei der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt fragte ich den Taxifahrer nach der Staffelung der Gebühren. Seine Antwort: “Gute Ausländer 50 Yuan, schlechte Ausländer 100 Yuan, Japaner 200 Yuan.”

China ist Japans größer Absatzmarkt geworden und zwängt die siechende Inselwirtschaft in einen unbarmherzigen Schwitzkasten. Natürlich auch auf eigene Kosten. Aber das ist in dem historisch aufgeheizten Verhältnis vielen in China egal.

Japan kämpft jetzt also noch an einer zusätzlichen Front. Neben Vergreisung, Verschuldung, Erdbeben-Misere, schwachen Absatzmärkten in Europa, einem starken Yen und hoher Import-Abhängigkeit von teurer Energie kommt jetzt noch eine Handels-Schlacht mit dem Erzrivalen hinzu.

Wie schlimm das wird, wissen wir nicht. Aber wir können mit Zuversicht sagen, dass es der No. 2 in der Weltwirtschaft – und damit uns allen – keinen zusätzlichen Schwung verleihen kann.

Und Amerika ?

Auweia, können wir nach dieser Woche einfach nur sagen: Enttäuschung bei den Hausverkäufen, Stagnation des Konsums im August, Einbruch der Orders für langlebige Konsumgüter um 13%, miserable Einkommenszuwächse und dann noch der Chicago-PMI mit deprimierenden Werten, vor allem beim “Order-Backlog”: Das ist die Auftrags-Pipeline, die unter erheblicher Schwindsucht leidet.

Dazu kommt die anstehende Wahl am 6. November, für die sich ein Sieg Obamas abzeichnet – und eine Selbst-Zerfleischung der enttäuschten Republikaner.

Das größere Messer bei dem internen Fight, der in der konservativen Partei schon begonnen hat, werden die Hardliner der Tea Party führen, die Jihaddisten, diejenigen, die das Land wirtschaftlich in einen Abgrund zu fahren bereit sind, um Recht zu behalten und über die Demokraten zu siegen. Das wird dann irgendwann eine Regierung über einen Scherbenhaufen, aber eine Regierung eben. Wenn das kein Macht-Instinkt ist.

Selbst die ignorante Wall Street bekommt jetzt langsam weiche Knie. Die führenden Aktien-Indizes haben bis Freitag den Großteil ihrer Zuwächse aus den Wochen vor dem 13. September, als sie QE3 vorab feierten, schon wieder abgegeben.

Wie genommen, so zerronnen. Wie geboomt, so gedoomt. Wie verdrängt, so erhängt – es sei denn, wir wachen alle sehr bald auf.

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