Die Krise im Endstadium – Fahrrad statt Fiat in Italien, und Fachkräfte-Mangel im Weißen Haus

by markusgaertner on 05/10/2012 · 51 comments

2012-02-25_1946

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Sie haben Angst. Alle haben sie eine scheiß Angst. – Ich komme gerade von einem Abstecher zum nächsten Starbucks in der Austin Avenue zurück. Links neben uns am Tisch eine Lehrerin, die nicht mehr weiß, wo sie ihr Geld anlegen soll. Rechts zwei ältere Männer, die gerätselt haben wie lange es dauert, bis Spanien die Eurozone mit in den Abgrund zieht.

An meinem Tisch ein iranischer Freund, Immobilienmakler, der im September ein Minus bei den Verkäufen von 30% sah. Er weiß nicht, wann er das nächste Honorar verdienen kann. Diese Gespräche fanden in Vancouver statt, nicht in Athen oder Madrid, wohlgemerkt.

Das nur als Hinweis an alle, die hier immer bemerken, es seien nur 2%, die sich Sorgen machen, der Rest der Menschheit seit verblödet oder leide unter TV-verklebten Reality-Show-Gehirnen.

Wohin man geht, auch in Nordamerika, nur ein Thema: Wie geht es weiter mit diesem Schlamassel, der auf allen Kontinenten – und in jedem Land – eine andere Ausprägung hat, aber überall die Menschen zutiefst verunsichert ?

Und über uns die Hubschrauber der Fed. Sie werfen aber nur ein schwaches Mittel gegen Juckreiz ab, während unsere Pestbeulen von Tag zu Tag größer werden.

Das erinnert mich an die Verwegenheit des Sträflings und Ex-Elite-Soldaten Snake Plissken in dem Film „Klapperschlange“, wo sich der Hauptdarsteller in ferner Zukunft in Manhattan absetzen lässt. Der Stadtteil ist von hohen Mauern umgeben, um die Sträflingskolonie abzuriegeln. Snake Plissken soll den Präsident, dessen Maschine dort nieder ging, herausholen.

Er hat eine Pille im Hals, die explodiert und ihn tötet, wenn er nicht rechtzeitig zu seinen Auftraggebern zurückkehrt. Unsere Pille im Hals ist Ben Bernanke. Wir können ihn nicht heraus operieren. Wir müssen den Präsidenten aus dem Loch holen, sprich wie die Spanier unser Parlament belagern, damit endlich wieder Politik für die Wähler gemacht wird.

Wie tief die Frustration, wie erschreckend die Ängste selbst bei gut informierten und wohl situierten Zeitgenossen inzwischen sind, das zeigte am Donnerstag eine gleichzeitige Warnung von Jim Rogers und Marc Faber.

Beide sagten übereinstimmend, sowohl Mitt Romney als auch Barack Obama seien ahnungslos, planlos und gefährlich. Keiner der beiden, so die Investoren-Legenden, habe das Zeug, die Wirtschaft zu gesunden, den politischen und sozialen Schmerz dafür inkauf zu nehmen und den nötigen Heilungsprozess einzuleiten.

Währenddessen warnt Moody´s, der Arbeitsmarkt in den USA werde sich auf absehbare Zeit nicht erholen. Wie Recht die Kreditwächter haben, werden wir vermutlich schon heute sehen, wenn das Arbeitsministerium in Washington die Jobzahlen für den September vorlegt.

Fallen sie miserabel aus, zieht vielleicht der Mann ohne Moral ins Weiße Haus ein. Überraschen sie positiv, behalten wir den Präsidenten ohne Rückgrat. Was für einen Unterschied macht das eigentlich noch, möchte man zynisch hinzu fügen. Der eine schreibt die Amerikaner ab, der andere zieht sie weiter aus. In beiden Fällen bleibt die erwünschte Erholung eine Illusion.

In beiden Fällen bleiben Bernankes Hubschrauber in der Luft. Und unser Geld geht zur Hölle. Wie nahe wir schon am Abgrund stehen, sieht man beispielsweise an der jüngsten Fahrzeug-Statistik aus Italien. Dort werden erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Fahrräder verkauft als Autos. Und das ist noch kein Bailout-Land !!

Doch selbst kritische Medien wie die liberale Huffington Post beschäftigen sich angesichts der wachsenden Misere mit völlig falschen Fragen. Warum es noch nicht möglich sei Skydiving aus dem Weltraum zu starten, wollte die führende US-Online-Zeitung gestern wissen.

Die viel näher liegende und wichtigere Frage wäre gewesen: Warum sieht man vor dem Weißen Haus bis heute keine Demonstranten und Sprechchöre, und warum kann sich Ben Bernanke immer noch völlig unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen, ohne sich andauernd und überall durch ein Spalier wütender Sparer quälen zu müssen.

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