Halluzination oder Halunken-Propaganda – Europa auf dem Weg in die “Dritte Industrielle Revolution”

by markusgaertner on 07/10/2012 · 6 comments

IKONE_EUROPA

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Die wahren europäischen Kräfte beginnen, sich gegen die anti-europäischen Eskapaden zu organisieren. Erst Schottland, dann Katalonien, jetzt – am Samstag – Venedig. In der alten Handelsstadt, früher das, was man heute einen Stadtstaat nennen würde, gab es gestern eine große Demonstration für die Unabhängigkeit von Italien.

Alter Stolz und eherne Handelswürde, dazu große Tradition und der ewig erfolgreiche Kampf (irgendwie schon) gegen die Wassermassen haben dem Ort und seinen Bürgern Selbstbewusstsein gegeben.

Sie haben – wie wir alle – die Schnauze voll. Voll von Korruption und Unfähigkeit in der Politik, Schulden bis zum Abwinken, dem ungehinderten Raubzug gegen die Mittelschicht durch Banken und Steuereintreiber, aber auch durch korrupte Politiker in Rom, die im Fernsehen dem Wahlvolk zugrinsen und in Bunkern unter ihren Regierungspalästen Parties mit Minderjährigen feiern, wenn sie nicht gerade ungedeckte Schecks ausstellen, die ihre Wähler – bislang noch grummelnd – am Ende wiederwillig übernehmen.

Hier bäumt sich das wahre Europa auf, das, wofür es sich lohnt zu rackern, zu wählen und Steuern zu zahlen. Das Europa der Vielfalt, das Europa, das sich vor 200 Jahren in Blut und Bitterkeit – und 1945 und 1989 wieder – die Freiheit erkämpfte. Es beginnt, das Europa der verworrenen Ideologen, der verbitterten alten Besserwisser, der Macht-Zementierer und Demokratie-Demontierer zu bekämpfen.

In den kommenden Monaten werden diejenigen, die uns weißmachen – nur mehr Einheitsbrei-Europa und Regierungsferne würden unsere Zukunft sichern – ordentlich in den Schwitzkasten zu nehmen.

Der Ausgang dieses Kampfes, der keineswegs einen sicheren Sieger kennt, könnte für weitere 200 Jahre Weichen stellen. Diejenigen, um die es wirklich geht, die Wähler, Sparer und Steuerzahler, mischen sich bislang überhaupt nicht oder nur zögernd und in kleiner Zahl ein.

Sie fühlen noch zu wenig Leidensdruck, oder sie haben noch nicht verstanden, worum es geht: Um ihr privates Vermögen, ihre Kinder, ihr ganz persönliches und kollektives politisches Erbe. Um die Freiheiten, die mit dem Blut ungezählter anderer erkämpft worden sind. Nicht zuletzt gegen die Verbrecher der Nazi-Herrschaft.

Wie erleuchtet und realistisch, ja wie zukunftsweisend und bodenständig die neue Brüsseler Machtzentrale für uns handeln würde, das durften wir am Wochenende vernehmen. Uns wird eine “dritte industrielle Revolution” in Aussicht gestellt.

Blühende Landschaften auf dem Schuldensumpf. Wer es glaubt, kann sich ein post-industrielles Venedig des Wohlstands, glücklicher Bürger und eines durch Mega-Wachstum plattgewalzten Schuldenberges in ganz Europa ausmalen. – Sozusagen flächendeckende Lifestyle-Lagunen im schuldensozialistischen Zwangs-Einigungs-Europa.

Es ist aber zu schön, um wahr sein zu können.

Diese Fata Morgana wird im Konzept des zuständigen Kommissars Antonio Tajani ausgebreitet. Demnach soll der Anteil der Industrie im europäischen BIP von aktuell 15% bis Ende des Jahrzehnts auf 20% angehoben werden. Das wären nur acht Jahre. Einen solchen gigantischen Sprung haben nicht einmal die Chinesen hinbekommen.

Und die legten ab Ende der 70er Jahre – bis zur Finanzkrise 2008 – im Schnitt jährlich fast 10% BIP-Wachstum hin. China konnte seine Wirtschaftsleistung jeweils binnen 10 Jahren verdoppeln. Diese zweite industrielle Revolution war 15 Mal so schnell und – wegen der Bevölkerung 100 Mal so wuchtig – wie die erste Industrielle Revolution, die sich ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England abspielte.

Brüssel will also noch eins drauflegen. Und das mit enormen Schulden, einer ausgemachten Rezession als Startguthaben und einer Industrie, die gerade den Rückwärtsgang einlegt – siehe auch die deutsche Autoindustrie – ganz zu schweigen vom Verarbeitenden Gewerbe in den südeuropäischen Ländern.

Wollen wir tatsächlich demokratische Freiheiten und die dazugehörigen Kontrollmöglichkeiten an ferne Apparatchiks abgeben, die solche Blütenträume unters Volk streuen ? Ganz zu schweigen von dem Geld, das sie dafür investieren müssten ?

Und was sagen all die Banker dazu ? Die scharfe Expansion des Industrie-Sektors würde ja zu Lasten der (Finanz-)Dienstleister gehen. Fließbänder statt Boni ? Ein Verrat an der Geldklasse, die dafür auch noch schlecht verzinste Kredite ausreichen und ihre herrlichen Renditen kaputtmachen müsste ? “Nicht über meine Bilanz, ihr Brüsseler Pappnasen.”

Mehr noch: Wer einen solch gigantischen Schwenk propagiert, der muss vorher etwas falsch gemacht haben. Und dem sollen wir den Rest des Vermögens hinterher werfen ?

Wir wissen nicht genau, um ehrlich zu sein, wie weit solche Pläne gedeihen würden. Ans Ziel kämen sie jedoch im Leben nicht, nicht annähernd.

Nur eines weiß ich: Welche Mega-Behörden dafür geschaffen würden. Wieviele Anleihen die Banken dafür platzieren dürften. Wie viel zusätzliche Steuern uns um die Ohren gehauen würden, um diese Phantastereien voran zu treiben. Der neue Flughafen in Berlin wäre gegen dieses Projekt ein mit militärischer Präzision und weit innerhalb des  Budgets abgewickeltes Musterprojekt.

Ich plädiere da lieber für Venedig. Auch wenn das Wasser bis zum Halse steht. – Und Arbeitsbeschaffung in hiesigen Fabriken ist einfach more sexy, als noch mehr nutzlose Jobs für Brüssel.

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