Gaertner´s Krisen-Kristallkugel – Was nach der Misere auf uns wartet

by markusgaertner on 09/10/2012 · 38 comments

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Die BBC illustriert heute in einem vielsagenden Bericht, was für junge Akademiker in den Sternen steht. Erzählt wird der Berufseinstieg von Jamie Fox. Der 22jährige hat in diesem Sommer an der Bangor University sein Studium in Musik und Englisch abgeschlossen. Jetzt arbeitet er für einen Bauern in Norfolk als lebende Vogelscheuche.

Für umgerechnet 330 Euro in der Woche muss Fox täglich in 8-Stunden-Schichten bei jedem erdenklichen Wetter – mit einem Akkordeon bewaffnet und in ein oranges Kostüm gekleidet – Vögel von einem Rapsfeld verjagen.

Fox soll uns hier – da er ja bereits martialisch degradiert wurde – als Visier bei unserem Blick in die Zeit nach dem Dauerschulden-Debakel dienen. Er soll auch noch den Nebel verscheuchen, der uns derzeit einen klaren Blick in die Zukunft nach der Krise verwehrt. Erste Umrisse sind in der Kristallkugel jedoch erkennbar. Zumindest wenn wir uns aktuelle Zeitungsberichte und Statistiken genauer ansehen.

Zum Beispiel die neue Vision von George Osborne, dem Schatzmeister der britischen Regierung. Der Mann schlug am Montag in einem Anfall rabiater De-Regulierung (die kam ja nach der Finanzkrise zum Leidwesen der Trickle-Down-Philosophen zum Stillstand) einen Barterhandel vor: Angestellte sollen im Tausch gegen Aktien des Unternehmens, bei dem sie angestellt sind, bislang gesetzlich fixierte Arbeitnehmer-Rechte aufgeben.

Eine ganz neue Gattung von Firmen soll dabei herauskommen: Malocher, die als Beteiligte die Klappe halten, keine Rechte einfordern, dafür Dividende kassieren (die sie als Anleger auch so bekommen hätten) und dafür sage und schreibe ein bisschen Steuer für die Kapitalerträge einsparen.

Mit Steuer-Discount zurück ins 18. Jahrhundert. Es leben die Konservativen in Großbritannien. Was kommt als nächstes ? Abtreten unserer Einlagen an die Bank für gebührenfreie Konten ? Verzicht auf Beteiligung an der nächsten Wahl für nachrichtenfreies Busen-Fernsehen ? Erlaubnis zur ungefragten Beteiligung an der Rettung von Südländern, gegen Aufgabe von Volksvermögen ? Stille Duldung der biblischen Geldvermehrung durch die Notenbanken im Gegenzug für ein kollektives Rettungsboot (das am Ende doch sinkt) ?

Vogelscheuchen-Jobs für alle ?

Die Phantasie von angeblichen Volksvertretern scheint vier Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise ohne Grenzen zu sein. Der Einfallsreichtum erstreckt sich aber leider nur auf Gebiete, die uns nicht helfen, sondern – wie in diesem Falle – sichtbar schaden. In diesem Sinne ist es erhellend, dass Osbornes Erguss just am Montag kam, als die Finanzminister der Eurozone dem Startschuss für den Stabilitätsmechanismus beiwohnten.

Oder das hier: Die Washington Post beschreibt heute ausführlich, wie jetzt die Gerichte in den USA das Staffelholz von den Banken übernehmen. Es geht um die Riesen-Aufgabe, das Finanzmarkt-Reformgesetz mit den Namen Dodd-Frank zu torpedieren und bis zur Unkenntlichkeit abzunagen.

Dabei haben sich die Geldhäuser zwar trotz ihres Kreuzzug-Gebahrens noch längst nicht erschöpft. Aber neuer Schwung von einer anderen Flanke in der Schlacht gegen Reformen, die eine Wiederholung der Krise vermeiden sollen, kann ja nicht schaden. Dabei stellt sich laut der Washington Post heraus, dass der Banner-Träger beim Entlastungsangriff der Justiz auf die Vernunft und das Notwendige von Eugene Scalia getragen wird. Das ist der Sohn des Supreme Court-Richters Antonin Scalia.

Währenddessen unterhält uns das Manager Magazin mit einem Erlebnis-Bericht aus der “Giftküche der Flexibilisierung.” Anders kann man es wirklich nicht nennen. Es geht darum, dass die deutschen Hersteller sich mit einem Rezept auf den Abschwung vorbereiten, der in den kommenden Monaten alle mit Wucht treffen wird.

Die Zutaten: “Reihen schließen, Stammbelegschaften halten, maximale Flexibilität in der Arbeitszeit.” – Das Problem ist dabei nur: Die sozial erträglicher – und damit anständiger – verteilte Last beim Abschwung wird trotzdem zum selben Ergebnis führen, das uns das unvermeidliche Ende dieser Dauerkrise zeigt: Weniger kollektiver Verdienst des Erwerbstätigen-Heeres, weniger Kaufkraft, daher erneute Discount-Schlachten und Flexibilisierungs-Kampagnen, bis dem Patienten – den Konsumenten – die Luft ausgeht.

Das Gute ist: Weniger von allem brauchen wir ohnehin, wenn dieser Planet uns noch eine Weile aushalten soll. Aber von allem am Ende nichts mehr, das führt einfach nur zu einem anderen Tod. Die erste Methode erinnert mich an den Galgen, die zweite an eine Steinigung. Beide Methoden – dachte ich – sind in unseren Breitengraden seit langem nicht mehr akzeptiert.

Aber wie schon bei den Arbeitsrechten und Herrn Osborne – wenn sie als brillante Idee verkleidet daherkommen, werden Greueltaten in den Zeitungen sogar gerühmt.

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