Glutöfen, Renditen, umstrittene Inseln und der kommende Bond-Crash

by markusgaertner on 10/10/2012 · 6 comments

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Die einzigen, die Lage-Beurteilungen noch gründlicher vermasseln können als Wall Street-Analysten und Rating-Agenturen, sind unsere Politiker. Das hat der Kampf gegen die seit drei Jahren lodernde Schuldenkrise in der Eurozone oft genug bewiesen. In Europa ging es jedoch “nur” um die größte Wirtschafts-Region der Erde selbst. Zunächst. Denn inzwischen verhagelt das Debakel in Europa selbst den fernöstlichen Boom-Wirtschaften das Geschäft.

Derzeit können wir an verschiedenen Orten der Welt Entwicklungen und Konflikte beobachten, die mehr als isolierte oder bestenfalls regionale Angelegenheit betrachtet werden, und nicht als ernstes Vorkommnis mit möglichen globalen Folgen. Doch die genannten Fälle haben eines gemeinsam: Sie drohen, der globalen Konjunktur zusätzlichen Schaden zuzufügen, in einer Zeit, in der China bremst, die Eurozone wackelt und die USA nicht wissen, ob sie noch schweben, oder schon in den Sturzflug übergegangen sind.

Eines der beunruhigenden Beispiele dieser Art ist der Streit zwischen China und Japan, der sich vordergründig um ein paar kleine Inseln zwischen beiden Ländern dreht. Auf japanisch heißen sie Senkakus, im Chinesischen Diaoyu. In China hat sich die Volksseele – unterstützt von der Dauer-Propaganda der KP – dermaßen erhitzt, dass japanische Autofirmen ihre Produktion im Reich der Mitte drastisch senken, teilweise halbieren.

Viele Flüge nach China werden von japanischen Airlines gestrichen. Zehntausende von chinesischen Touristen bleiben in Japan aus, wo sie sonst die Freizeitbranche fast ebenso anheizen, wie die aufgeblähten Stahl-Konglomerate rund um Shanghai und anderswo im Land ihre Glutöfen.

Auf den ersten Blick ist das schädlich für die japanische Konjunktur, die ohnehin unter Schulden, Erdbeben-Spätfolgen, Vergreisung und schwachen Absatzmärkten in Europa leidet. Japan hat im vergangenen Jahrzehnt schätzungsweise 80 Milliarden Dollar in China investiert. Viele Fabriken der japanischen Wirtschaft in der Volksrepublik sind elementare Bestandteile globaler Liefer-Netzwerke von Nippons Exportindustrie.

Kommt diese gigantische Maschinerie kräftig ins Stocken, drohen auch Rückschläge gegen Chinas Konjunktur selbst. Japans Firmen könnten, wenn die Chinesen stur bleiben, mittelfristig einige ihrer Investitionen abziehen. Das wäre für China, wo die Löhne stark gestiegen sind, ein zusätzlicher Rückschlag. Dass Chinesen in solch ernsten Situationen bereit sind, auch sich selbst einen Achter ins Rad zu drehen, bloß um dem Kontrahenten zu schaden, das weiß man erst, wenn man dort einmal gelebt hat.

Wenn Frau Merkel clever wäre, würde sie japanischen Firmen in dieser Phase in ostdeutschen Sonderwirtschaftszonen Konditionen anbieten, zu denen diese nach Europa kämen. Aber zwischen Schuldenkampf, nächster Wahl und Koalitions-Gerangel bleibt für derartige Arbeitsplätze schaffende Strategien keine Zeit.

Schade, denn die Chinesen haben vorgemacht, wie man mit starker internationaler Einbindung neue Industrie-Cluster baut, dabei Arbeitsplätze schafft, Investitionen anzieht und die Konjunktur ankurbelt. – Die Weltbank hat das in einem ausgezeichneten Papier im März 2011 akribisch vorgerechnet.

Ganz egal, wer der Sieger im fernöstlichen Armdrücken bleibt, kein geringerer als die gesamte Weltwirtschaft könnte am Ende als der Verlierer dastehen, wie CNBC in einer Analyse zurecht feststellt:

“The global economy can ill-afford any further slowdown in trade, especially one involving two of the world’s largest economies. Last month, the World Trade Organization said global trade will grow by just 2.5 percent this year, dragged down by Europe to less than half of the previous 20-year average. That’s down from a prior estimate of 3.7 percent made in April. The WTO also cut its growth forecast for 2013 global trade to 4.5 percent growth from 5.6 percent.”

Ein weiteres Beispiel für eine scheinbar regionale Entwicklung, die in Wirklichkeit das Zeug hat, die Weltwirtschaft zu sprengen, ist die Bond-Blase in den USA. Seit dem Sommer 2007 sind die Zinsen der 10jährigen US-Anleihe von 4% auf 1,4% gefallen. Nach der jüngsten Korrektur sind sie jetzt wieder auf 1,7% gestiegen. Wer sich den langfristigen Trend der Renditen für US-Anleihen anschaut, bekommt jedoch eine Gänsehaut.

Anleger und Investoren haben seit dem März 2009 knapp 1.000 Milliarden Dollar in den US-Treasury-Markt gepumpt. Ganz zu schweigen von den etwa 2.000 Mrd., die die Fed dort angelegt – und damit die Kurse massiv getrieben – hat. Viele Anleger haben – aus Angst einen zweiten Aktiencrash binnen vier oder fünf Jahren zu erleben, auf ein Plus am Aktienmarkt von 115% seit dem März 2009 verzichtet.

Doch der Trade-Off ist brandgefährlich: Niedrige Zinsen gegen vermeintliche Sicherheit. Viele prominente Investoren und Geldmanager – darunter Bill Gross und Warren Buffett – haben gewarnt, dass die Bonds genau jener Markt sind, der als nächstes platzen kann.

“Die größte Ironie ist für mich die Annahme, man sei bei Anleihen in einem sicheren Hafen”, zitiert Bloomberg den Anleihe-Experten Mitchell Stapley beim Vermögensverwalter Fifth Third Asset Management in Cincinnati, “wenn ich mir die Bonds heute anschaue, kriege ich eine Höllenangst.”

Ein weiteres Beispiel greift die FT in dieser Woche auf. Ich will es hier nicht ausführlich beschreiben, das können die viel besser selbst.

Es geht darum, dass die BRIC-Staaten (die ursprünglichen vier, denn jetzt ist ja bekanntlich Südafrika als das “S” am Ende dabei) alle am Scheideweg sind. Besonders in Indien, China und Russland wogt die Volksseele gegen Korruption in der Politik hoch. China hat unter Hu Jintao viel Schwung bei den Reformen eingebüßt.

Indien steckt derzeit auch im Schacht, versucht aber gerade wieder – gegen mächtige Proteste im ganzen Land – den Reformprozess zu beschleunigen, durch Öffnung des Einzelhandels, Versicherungswesen, Airlines etc.

In den beiden bevölkerungsreichsten Ländern dürfte innerhalb von Monaten oder wenigen Jahren entschieden werden – je nach Reformen – ob sie auf der Überholspur bleiben, oder ein schwerer Rückschlag droht. In China könnte das bis zu einem Volksaufstand mit Ablösung der Partei in ihrer jetzigen Form führen.

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