Krisen-Komik: Hahnenkämpfe, spülende Kandidaten und ein Handbuch für neue Millionäre

by markusgaertner on 16/10/2012 · 4 comments

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Heute habe ich ganz kurz ans Aufhören gedacht. Aber nur für eine Sekunde. Dann war der Spuk vorbei. Der Hintergrund: Newsmax erklärt uns auf seiner Webseite, dass jeden Tag 3.981 Millionäre dazu kommen. Die bieten sogar ein „Tool-Kit“ an, ein Handbuch zu schnellem Reichtum. Es zeigt, wie man es am besten anstellt. Natürlich kostet der brillante Ratgeber nix. Und da war die Sekunde vorbei.

Wenn Sie Euch kostenlos verraten wollen, wie Ihr in den Himmel kommt, unsterblich oder reich werdet: Sofort abschalten. Die Realität sieht doch ganz anders aus, wie wir wissen: Sie verlangen alles von uns, immer mehr Steuern, ständig höhere Abgaben. Und das ganze bei weniger Rechten, schlechterer Volksvertretung und der Zerstörung der Mittelklasse.

Das, Liebe Leute, ist das, worauf man sich bestimmt verlassen kann.

Darüber habe ich am Wochenende in einem langen Gespräch mit Gerald Celente diskutiert. Wir haben uns in Vancouver zu einem Interview getroffen, für das Manager Magazin (siehe nächster Eintrag, der kommt). Meine Erklärung der bislang ausgebliebenen Revolution in den Schuldenstaaten – aber auch in reicheren Ländern – ist: Es geht viel zu vielen Leuten noch viel zu gut.

Celentes Standpunkt war: Es geht sehr wenigen viel zu gut, und sehr viele haben viel zu wenig. Aber ein nicht identifizierbarer Mechanismus – oder Trieb – lässt die Menschen immer wieder unter der Fuchtel von Bankern oder autoritären Politikern enden, anstatt dass sie die Heugabeln in die Hand nehmen.

Meine Position wird heute bestätigt durch einen Bericht der Daily Mail in Großbritannien. Dort breiten sich Hahnen-Kämpfe, wie wir sie nur noch aus Lateinamerika und Südostasien kennen, ebenso aus wie in anderen westlichen Ländern, wo sie oft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verboten worden waren.

Selbständige, Ärzte, Zahnärzte, alle möglichen „Professionals“, legen sich in wachsender Zahl Kampfhähne zu, die in der Arena mit scharfen Klingen bestückt auf das jeweils andere Tier einhacken. Das ist wie im Kolosseum, aber noch mit Tieren.

Bei einer Razzia in West Sussex wurden gerade 500 (!!) Tiere gefunden. Es gibt offenbar viele Leute, die noch ordentlich Geld haben, auch in der Mittelschicht, und die sich langweilen – und Ablenkung suchen, dazu Rendite. Denn bei solchen Kämpfen wird hoch gewettet.

Gegen das, was uns gierige Fondsmanager am Ende des Jahres überweisen – nach Abzug von Gebühren, Boni-Anteilen und Aufwand für anstrengende Sex-Parties – ist das offenbar leicht verdientes Geld. Und ein viel besserer Kick ist auch dabei als beim Fondssparen. Das ist wie Baumgartners Weltraum-Sprung gegen das Waschen stinkiger Socken mit der Hand.

Währenddessen berichtet die Washington Post, wie Romney-Vize Paul Ryan am Wochenende mit einer Kohorte regelrecht in eine US-Suppenküche in Youngstown in Ohio eindrang, sich geradewegs in die Küche begab und – bis alle Fotografen fertig geblitzt hatten – ganz schnell ein bisschen sauberes Geschirr abspülte.

Die Verantwortlichen in der Suppenküche waren entsetzt. Der Termin war nicht vereinbart, nicht autorisiert. Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Das war eine Nummer wie Goebbels auf Rädern. Aber gute Bilder für die 46 Mio. Besucher von US-Suppenküchen, denen man Plastikkarten ausstellt, damit sie die Straßenbilder nicht mit langen Schlangen verunreinigen.

Ganz unabhängig von den vielen Suppenküchen, und der Tatsache, dass jeder sechste Amerikaner als arm gilt – und dass immer noch mehr als 10 Mio. Hausbesitzer „unter Wasser“ sind, haben jetzt die beiden Erfolgsautoren Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in einem Papier vorgerechnet, dass die USA gerade ein erstaunlich gute wirtschaftliche Erholung nach der Krise erleben. Hier ein Auszug aus dem Papier, das der Business Insider heute bespricht:

„According to our (2009) metrics, the aftermath of the US financial crisis has been quite typical of post-war systemic financial crises around the globe, if one really wants to focus just on United States systemic financial crises, then the recent recovery looks positively brisk.“

Ich hatte vor der Arbeit der beiden Wirtschaftsexperten dank ihres Erfolgs-Buches „This Time It´s Different“ ziemlichen Respekt. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vor allem auch wegen des Gesprächs mit Gerald Celente (siehe nächster Eintrag).

A propos Erholung: Es sind jetzt nur noch drei Wochen bis zur Wahl am 6. November in den USA. Kein Wunder, dass da manche nervös werden, wie ja die Suppenküchen-Invasion der Propaganda-Delegation von Paul Ryan zeigt.

Auch bei Obama scheinen die Nerven blank zu liegen. Wenn er diese Woche die zweite TV-Debatte vergurkt, dürfte es um seine Wiederwahl bestellt sein. Aber Obama hat seine eigene Propaganda-Abteilung, wenn wir dem Ex-CEO von General Electric, Jack Welch, glauben. Der sagt nämlich, dass die jüngste Arbeitslosenzahl für die USA mit 7,8% getürkt wurde.

Während an der Auflösung dieses Gerüchts noch gearbeitet wird, lesen wir immer häufiger Berichte von US-Arbeitgebern, die ihre Angestellten unter Druck setzen: Wenn Ihr Obama wählt, droht uns Stellenabbau, wird da suggeriert. Diesmal wurden offenbar die berüchtigten Koch-Brüder erwischt, wie die Huffington Post berichtet.

Und ein kurzer Blick auf die Webseite von Money News rundet am Montag Abend das ganze Bild noch etwas ab: Christine Lagarde warnt (wie so oft), dass die Unsicherheit über das fiskalische Kliff in den USA noch zunehmen wird (was uns nicht überrascht, solange die Uhr vorwärts läuft). Soros watscht wieder die Deutschen ab. Eine Studie warnt vor einem 1.200 Mrd. Dollar großen Loch in den öffentlichen US-Pensionen. Und die Inflationssorgen reichen bis in die heiligen Hallen der Fed hinein (wo kommen die denn her ?).

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