“Renaissance oder Ruin” – Gespräch mit Gerald Celente über unsere Dauerkrise und die Zukunft

by markusgaertner on 17/10/2012 · 17 comments

2012-10-16_2246

Share

Gerald Celente ist Amerikas führender Trendforscher. Er hat die Ära des Gourmet-Kaffees ebenso vorhergesagt wie die Finanzkrise 2008. Im Interview mit manager magazin online sagt er der Welt neue Kriege voraus – und die nächste Finanzpanik schon für 2013.

mm: In drei Wochen, am 6. November, wählt Amerika seinen nächsten Präsidenten. Welchen Unterschied macht es, ob der Amtsinhaber Barack Obama gewinnt, oder sein Herausforderer Mitt Romney?

Celente: Der einzige Unterschied, fürchte ich, wird darin bestehen, wer das Land langsamer ruiniert. Die Programme der beiden unterscheiden sich nicht wirklich. Wir haben in den USA ein zweiköpfiges Ein-Partei-System. In der Außenpolitik gibt es auch keinen Unterschied. Außer vielleicht, dass Romney noch mehr Bomben auf den Iran werfen würde.

Schauen Sie sich die Bilanz von Obama an: Nicht ein Verantwortlicher an der Wall Street wurde für die Finanzkrise bestraft. Nicht einmal MF-Global-Chef Jon Corzine haben sie sich geschnappt. Der ist nämlich ein Demokrat wie Obama und hat Hunderttausende für die Kampagne des Präsidenten gespendet. Jetzt streiten beide über die Steuern.

mm: Was ist mit Jobs?

Celente: Weder Obama noch Romney hat ein überzeugendes Programm für neue Jobs präsentiert. Wir brauchen hier gut bezahlte Arbeitsplätze. Aber wir haben kein Ausbildungssystem wie Deutschland, wo richtige handwerkliche Fertigkeiten unterrichtet werden, mit denen Menschen Jobs finden, die sie gut ernähren.

mm: In den vergangenen Tagen kamen vereinzelt Zeichen für eine Stabilisierung der US-Konjunktur. Die Arbeitslosenrate sank zuletzt auf 7,8 Prozent. Kritiker halten die Zahl jedoch für manipuliert. Was denken Sie?

Celente: Ich weiß es nicht. Aber warum sollte ich der Regierung etwas glauben? Die haben uns ständig angelogen, schon im Vietnamkrieg und beim Überfall auf den Irak. Aber schauen wir uns einfach die Zahlen an. Im September wurden 114.000 neue Jobs geschaffen. Wir brauchen jedoch allein 150.000, um das Wachstum der Bevölkerung aufzufangen.

Seit der Großen Rezession haben wir 24 Millionen Arbeitsplätze verloren. Doch 53 Prozent der Jobs, die seitdem geschaffen wurden, sind Bedienungen in Restaurants, Bartender und Pflegehilfen. Die verdienen keine Löhne, die eine Familie ernähren. Im Verarbeitenden Gewerbe haben wir im jüngsten Monat 14.000 Jobs verloren. Und seit dem März gingen dort fast 800.000 Vollzeit-Jobs verloren. Also selbst wenn die Zahlen nicht manipuliert waren, sind sie ein Desaster.

mm: Was ist derzeit das größte Risiko für die US-Konjunktur? Drastische Haushaltseinsparungen in 2013, ein Crash am Anleihenmarkt, steigende Zinsen, oder die Dezimierung der Mittelschicht?

Celente: Ich erwarte nicht, dass die Zinsen steigen. Europa und die USA können sich das nicht leisten. Die müssen noch mehr Geld in das System pumpen. Schauen Sie sich die Gewinnbilanzen an. Die Banken verdienen nun prächtig an der Refinanzierung von Hypotheken. Und von ihren Zinsvorteilen geben sie nichts an die Kunden weiter. Müssen sie auch nicht, sie haben ja die Macht an sich gerissen.

mm: Das aber nicht nur in den USA, oder?

Celente: Auch in Europa. Schauen Sie sich den Bundestag an. Der hat seine Souveränität verloren. Die wurde dem Parlament entrissen und nach Brüssel weiter gereicht. Und so geht es derzeit jedem Land in der Euro-Zone. Brüssel und die Europäische Zentralbank ziehen immer mehr Macht an sich.

Das komplette Interview finden Sie auf der Webseite des manager magazin Online ….

Share

{ 17 comments… read them below or add one }

Ert October 17, 2012 at 07:00

Guten Tag Herr Gärtner,

Schön, das sie hier mal Celente bringen. Leider werde ich aus dem Typen nicht schlau – nicht das ich es nicht genau so sehe oder ihm widerspreche. Nur ist seine Art doch eher sehr populistisch, alarmistisch – insbesondere wenn man seine Interviews bei King World News und Co. kennt.

Das Trends Jounrnal, zumindest die Ausgaben die ich kenne, also naja…. Es wird immer die gleiche Vita zitiert, ohne das sich wohl wirklich einer einmal die mühe gemacht hat das alles nachzuvollziehen.

Können sie mich gf. Erleuchten bzw. Ihre Einschätzung zu Celente kurz schildern?

Mit bestem Gruß
Ert

Reply

markusgaertner October 17, 2012 at 15:06

Sie haben ganz Recht, auch ich kann ihn nicht richtig fassen. Ich halte ihn für einen ehrlichen Menschen, mit viel Gewissen und Gerechtigkeitssinn ausgestattet, und eine Kämpfernatur. Er wirkt im persönlichen Gespräch jünger als 65, hat viel Energie. Aber mehr als einmal kam er mir auch ein bisschen simplistisch vor, auch populistisch. Andererseits: Was will man machen, um in einem Meer durchgeknallter TV-Sendungen und sensationsgeiler Medien gehört zu werden ? Sanft predigen ? Flüstern ? Wissenschaftliche Charts anbieten ? Das Trends-Journal hätte ich mir auch eine Ecke professioneller vorgestellt, weil der Mann ja eine ganze Mannschaft beschäftigt, inklusive einen bekannten Cartoonisten, der auch für die NYT arbeitet. Der hatte in der Sommerausgabe das auseinander brechende Schiff gezeichnet, das mir Celente im Gespräch zeigte. Als ich fragte, ob der Zeichner den Eisberg vergessen hat (er ist nicht zu sehen), antwortete Celente schlagfertig, das sei ein Torpedo gewesen. Das ist nicht nur schlagfertig, es zeigt auch Geschichtskenntnis. Ein Torpedo hat die Lusitania versenkt, wenn ich mich recht erinnere. Und in seinem Szenario, wo alles in Krieg enden wird, ist das auch die passende Version. Celente hat ein seltenes Talent: Strategische Analysefähigkeiten mit der Gabe, Dinge prägnant auf den Punkt zu bringen, wie den Spruch “Renaissance oder Ruin.” – Sei es, wie es will, wir bräuchten mehr solche Leute, die es rausschreien wie es ist. Abschließend muss ich gestehen, dass es mich etwas überwältigt hat, am Ende des Gesprächs, wie düster seine Gedanken bisweilen sind. Er sagte mir zum Abschied, er sei sich nicht sicher, warum es das Böse ist, das immer gewinnt. Wenn das so ist, warum sind wir noch hier ? Als göttliche Folterkammer ? – Viele Grüße an alle.

Reply

Ert October 18, 2012 at 05:33

Vielen Dank für diese kurze Zusammenfassung – insbesondere der Punkt bez. des Selbstmarketing im Zeitalter des schon 20 Jahre toten Diskurses im Fernsehen.

Ja, Herr Celente hat das Talent die Realität in sehr, sehr kurze und prägnante Botschaften zusammenzufassen “If People have nothing left to loose – they loose it” oder “”Princeton Harvard Yale , Bullets Banks and Bombs”.

Nicht, das ich das Endergebnis nicht auch schwarz sehe – aber genau da lag Herr Celente in den letzten 4 Jahren doch schon mal ganz oft daneben – also beim Timing mit mehrfacher Ankündigung. Schauen wir mal – wenn er auf King World News kommt, dann höre ich Ihn mir auf jeden Fall immer gerne an, wobei ich gerne mal ein zwei Stunden Interview mit Ihm hätte – er also mehr Erzählen kann, als die Standardstory die in 15 Minuten untergebracht werden kann.

Reply

TSTM October 17, 2012 at 07:39

Endlich mal jemand, der es auf den Punkt bringt: Entmündigung der Bevölkerungen.

Und so wird es statistisch, zumindest in Deutschland, der Öffentlichkeit untergejubelt:

Professor Christian Kröger in der FTD:
“Das jährliche Defizit definiert nicht zwingend den absoluten Zuwachs der Schulden. Das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) muss hier andere Berechnungsgrundlagen zugrunde gelegt haben. Die Gründungen der Bad Banks (Hypo Real Estate, Landesbanken und so weiter) 2010 haben den deutschen Staat knapp 200 Mrd. Euro oder rund zehn Prozent Schuldenzuwachs gekostet. Diese “außerordentlichen Belastungen” sind allerdings aus dem Defizit herausgerechnet worden. Inklusive dieser Belastungen ergibt sich eigentlich eine Neuverschuldung von rund 13 Prozent und nicht von rund 4,5 Prozent.
Es ist zweifelhaft, ob die Regelungen des Grundgesetzes geeignet sind, solche “statistischen Bereinigungen” in der Zukunft aufzuhalten. Die Verfassung definiert eine Defizitgrenze, keine absolute Schuldengrenze. Aus meiner Sicht wäre Letzteres aber notwendig, um das politisch propagierte Ziel des Schuldenabbaus zu erreichen. Wenn “einmalige außerordentliche” Belastungen aus dem Defizit herausgerechnet werden können, errechnet sich der absolute Schuldenzuwachs nachgewiesenermaßen nicht durch das ausgewiesene Defizit. Es kann also wieder passieren, dass der Staat im Rahmen des Rettungsfonds ESM oder weiterer Rettungsmaßnahmen Schulden aufnimmt, ohne dass diese defizitrelevant werden. Die Einhaltung der Schuldenbremse im Sinne des Grundgesetzes kann durch die beschriebenen Bereinigungsmöglichkeiten also durchaus “gestaltet” werden.”

http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:staatsverschuldung-deutscher-schuldenstand-300-prozent/70102707.html#z

Und so wird kreativ “weiter gestaltet”, weltweit. Wie einfach es doch ist die Massen dumm zu halten. Klar, 300 % Staatsverschuldung klingt aber auch brutal.
Früher gab es wenigsten Brot und Spiele, das waren noch Zeiten!

Reply

Victor October 17, 2012 at 07:47

Danke, sehr interessant.

Brot gibt es doch noch – gespielt wird mit unserer Zukunft auf volles Risiko!!

Reply

HaPennyBacon October 17, 2012 at 13:08

JEDER der auf Kapital- oder Vermögensbildung setzt spielt doch mit. Das bedeutet, jeder der eine PKV, KLV oder eine private Rentenversicherung abschließt, ruiniert seine und unserer aller Zukunft ein Stück weiter. JEDER der Riestert oder auch nur seiner Bank das Geld zum “Arbeiten” überlässt anstatt es auszugeben ist dafür verantwortlich das immer mehr Schulden aufgetürmt werden. Der Staat ist durch seine Schuldenorgien ja lediglich als Gläubiger eingesprungen, da die Realwirtschaft die von immer mehr Sparern oder Anlegern dringend benötigten Zinsen überhaupt nicht begleichen könnte. STOPPT endlich die ganze Spar- und Zins-Scheiße und werden vernünftig!

Reply

Marco October 17, 2012 at 19:50

Ja, so ist es.
Der Haken an der Sache ist bloß, dass sich viele Leute schlicht und einfach nicht trauen, sich aus diesem System zu verabschieden. Zumindest so lange nicht, wie ja noch Freunde, Verwandte, Nachbarn, Arbeitskollegen und so weiter drinnen sind. Der Mensch ist ein Herdentier. Und da trotz vielleicht vorhandener Erkenntnis auszuscheren, fällt nicht leicht:

http://de.wikipedia.org/wiki/Pluralistische_Ignoranz

Aber auf der anderen Seite führen solchen psychologischen Hintergründe dann aber auch innerhalb kürzester Zeit zu so Phänomenen wie einem Bank-Run (wobei das dann eher Panik ist).

Reply

TSTM October 17, 2012 at 07:58

Nachtrag:
“Zum Beispiel dachte ich, dass die Karlsruher Richter bei Ihnen daheim, als die über den Stabilitätsmechanismus abstimmten, ein Referendum verlangen würden. Aber das Gericht hat gar nicht über die Verträglichkeit mit der Verfassung geurteilt, sondern nur über die finanztechnische Praktikabilität. Das soll ein Verfassungsgericht sein? Das ist ein Haufen Narren.”

HaHaHaHa… . Ich bin ja doch nicht allein.

Reply

Ert October 17, 2012 at 08:45

Das Verfassungsgericht – aus der Politik berufen – und teilweise mit ex Staatsdienern und Politikern besetzt, kann gar nicht anders als das Dogma des Staatsapparates zu stützen. Und selbst wenn es wie im Falle der Wahlgesetze anders urteilt als es ein Teil des Staatsapparates – dann ignoriert der Staatsapparat oder die Partei das Urteil einfach.

Ganz pikant ist aber, das selbst das Verfassungsgericht schon keine legale Grundlage hat, da das verfassungsgerichtsgesetz gegen das zitiertgebot des GG Verstößt. Zudem haben wir auch keine Verfassung – so währe das Titel “Grundgesetzgericht” angebrachter.

Reply

TSTM October 17, 2012 at 11:00

Warum sollte das BVerfGG gegen das Zitiergebot gem Art 19 verstoßen? Es wirkt sich ja quasi NICHT als verfassungsimmanente Schranke (Grundrechtseinschänkung) aus. Das BVerfVGG regelt zudem auch “nur” formell und materiell, das Was und Wie des BVerfG. Das BVerfG wiederum legt, oder sollte es zumindest, das GG (GG=Verfassung) aus. Es beschränkt es nicht. Auch wenn die Auslegungen gelegentlich, sagen wir mal äääähhhh, hm, tja, arg, na ja, ähhhh hhhhmmmmmmmm, m.E. grenzwertig sind.

Historisch gesehen haben wir eigentlich keinen autonomen Rechtsstaat, der Friedensvertrag ist völkerrechtlich nicht unterzeichnet worden. So gesehen ist das alles hier ein Provisorium. Aber alle machen trotzdem mit. Egal.

Reply

Victor October 17, 2012 at 08:05

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/milliarden-ueberschuesse-tanz-auf-dem-vulkan-banken-gewinne-explodieren/v_detail_tab_print/7259822.html
Es ist eine Wiederkehr, die in ihrem Ausmaß überrascht. Die US-Großbanken geben in diesen Tagen ihre Zahlen für das abgelaufene Quartal bekannt – und die Finanzriesen können „durch die Bank“ überzeugen.
Am Dienstag hat Goldman Sachs die Anleger mit einem Gewinn von 1,5 Milliarden Dollar erfreut. Vor einem Jahr hatte die Investmentbank noch einen Verlust von mehr als 400 Millionen Dollar eingefahren. Damals hatten Goldman die Flaute im Investment-Banking und die Schuldenkrise in Europa zugesetzt. Es war erst der zweite Quartalsverlust seit dem Börsengang der Investmentbank im Jahr 1999.

Der Film “Goldman Sachs – Eine Bank lenkt die Welt” läuft noch einmal auf ARTE am Mittwoch, den 17.10. um 22:40.

Reply

TSTM October 17, 2012 at 10:39

Hallo Victor! Lohnt sich das an zu schauen? Oder auch mit einem Weichspüler versehen?

Reply

Victor October 17, 2012 at 11:57

http://www.theintelligence.de/index.php/wirtschaft/finanzen/4836-es-ist-kein-geheimnis-mehr-goldman-sachs-regiert-die-welt.html
“Diese 45 Minuten dauernde erstklassig ausgearbeitete Dokumentation sollte unbedingt gesehen werden. Sie sollte an Schulen ausgestrahlt werden, um schon junge Menschen darauf vorzubereiten, in welche Art von Welt sie hineinwachsen. Und jeder, der sich vom Grundtenor der Massenmedien bis jetzt mitreißen ließ, Kritik an Investment-Banken wie Goldman Sachs als „Verschwörungstheorie“ abzutun, der müsste sich nun die Fragen stellen, was dem österreichischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ORF in den Sinn gekommen ist, diese Sendung auszustrahlen.” <- bezieht sich auf die fast 30 Minuten gekürzte Fassung!!

Die Doku ist wohl mutig aber nicht selbstmörderisch… ;-)

Reply

micdinger October 17, 2012 at 15:31

Ist bereits auf YouTube zu sehen:

http://www.youtube.com/watch?v=IT_wRPbMzfI

Reply

Victor October 17, 2012 at 16:32

..die vom ORF um fast 30 Minuten gekürzte Version – die vollständige von Arte ist auf YouTube gesperrt.

Reply

dank October 18, 2012 at 01:09

“Vollversion” ~71 Minz:

http://vimeo.com/49730552

Reply

Bernd October 17, 2012 at 18:51

vor 2 Jahren hat Celente geschrieben das Immigranten, besonders Moslems Europa lieber verlassen sollten, da ab 2012 mit etnischen Vertreibungen zu rechnen ist. Wenn man nach Spanien schaut, und vor allem nach Griechenland dann hat er mit der Prognose recht. Aus Spanien sind 400000 freiwillig zurückgewandert, und in Griechenland geht man ziemlich radikal vor.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/10/16/griechenland-rechtsradikale-partei-gewinnt-stimmen-frustrierter-buerger/

Reply

Leave a Comment

*

Previous post:

Next post: