OMT On My Bundestag-Terrace: Bernanke, Draghi und King ermüden

by markusgaertner on 23/10/2012 · 19 comments

c142861_m

Share

Es kommt nicht so oft vor, dass in Berichten der Nachrichtenagenturen Witze gerissen werden. Bloomberg macht heute eine der seltenen Ausnahmen. Im Vorbericht über den Auftritt von Mario Draghi vor dem Bundestag wird darauf verwiesen, dass auf der Dach-Terrasse des Reichstages eine Presse-Konferenz mit Draghi geplant ist.

Aber nicht, damit die Abgeordneten den EZB-Präsidenten von dort runter stoßen können, so der wichtige Hinweis vom Autor Jeff Black am Ende seiner Analyse zu der Frage, ob Marios offenes Scheckbuch den krisenmüden Bundestag umstimmen kann.

So schätzt man bei der führenden Agentur für Finanznachrichten das Verhältnis der Deutschen zu Draghis unlimitierten Anleihekäufen ein, die es unter dem Kürzel OMT zu Ruhm – und schon vor dem ersten massiven Einsatz zu einiger Wirkung . gebracht haben:

“The general supposition is that the Germans don’t like Draghi’s unlimited bond-buying plan, known as OMT. They were never that convinced about him running the European Central Bank either. According to the alarmists, the wealth of every German family has been put at risk by ECB policy, and the plan announced on Sept. 6 itself is akin to the devilish act of printing money.”

Ganz klar: Der Besuch heute in Berlin ist eine der schwierigeren Missionen, die der EZB-Präsident zu erfüllen hat. Dagegen sind die versprochenen Bond-Käufe schon fast handwerkliche Routine.

Aber eines fällt mir zur Wochenmitte auf. Draghi macht nicht als einziger Notenbankchef Schlagzeilen. Gestern kamen zwei sehr viel sagende Nachrichten zu zwei anderen Gallionsfiguren aus dem QE-Universum.

Ben Bernanke, so hören wir, wolle keine dritte Amtszeit. Das wäre ab 2014 gewesen. Doch Bernanke weiß: Entweder hat er es bis dahin mit einem Präsidenten Mitt Romney zu tun, der QE3 deutlich kritisiert und der zu Protokoll gegeben hat, dass er Bernanke nicht unterstützt.

Oder der Geld-Maestro hat weiter mit Barack Obama zu tun, müsste sich aber bei einer dritten Nominierung (der zweiten durch Obama) in einem Repräsentantenhaus mit Republikanischer Mehrheit zur Wahl stellen.

Man kann es als realistische Weichenstellung betrachten, oder darin eine Resignation sehen. Tatsache ist: Die Tage von Bernanke sind gezählt. Das brisante ist jedoch: Bernankes Ablaufdatum – Januar 2014 – ist jetzt definitiv schon vor jenem Termin, bis zu dem er die rekordniedrigen Zinsen versprochen hat.

Das bedeutet: Das Leitzin-Versprechen von Bernanke erstreckt sich in die erste Amtszeit seines Nachfolgers, wie auch immer der heißen wird. Und das verspricht Unsicherheit für die Börsianer, die die jüngste Kursrally am Aktienmarkt . und am Bondmarkt – auf die zementierten Minizinsen bis Ende 2014 aufgebaut haben. Keiner weiß, was der Nachfolger tun wird.

Im schlimmsten Fall dürfte der soganannte Bernanke-Put schließlich noch im wahrsten Sinne des Wortes zur Geltung kommen. Nicht wenige unter den Börsenbeobachtern führten die scharfen Kursverluste am Dienstag neben den schlechten Bilanz-Nachrichten auch auf die Gerüchte über Bernanke zurück.

Die zweite vielsagende Nachricht aus dem Zentralbank-Orbit kam gestern vom Gouverneur der Bank of England, Sir Mervyn King. King warnte in einer wenig optimistischen Bestandsaufnahme der Konjunktur, die Grenzen der Effektivität in der Geldpolitik der britischen Notenbank würden nun erreicht. “Printing money is not simply manna from heaven”, sagte er, “there are no short cuts to the necessary adjustment in our economy.”

Sir, können Sie gelegentlich auch vor dem US-Kongress und im Reichstag auftreten und diese Botschaft unter das Abgeordneten-Volk bringen ? Wir würden die anschließende Pressekonferenz dafür auch im Erdgeschoss organisieren, damit niemand auf dem Dach des Reichstags auf falsche Gedanken kommt …

Share

{ 18 comments… read them below or add one }

HaPennyBacon October 24, 2012 at 06:41

Wenn Draghi und Co weiter die Anleihen der Staaten schlucken lassen, woher kommen dann die zusätzlichen Schulden welche die Banken so dringend brauchen um ihre Zinsen zu erwirtschaften? Nur auf bis ins Unendliche steigende Aktienkurse können sie sich ja nicht verlassen. Private Schuldner sind ebenfalls auf der Hut und die staatlich verordneten Zwangablasszahlungen wie Riester-Rente usw. dürften wegen der Begrenztheit des zahlenden Publikums schon in kurzer Zeit für Magenknurren bei den Renditefetischisten sorgen.
Sehen wir nächstes Jahr vielleicht die nächsten alternativlosen Bankster-Rettungen, diesmal direkt von den “Experten” der Zentralbanken durch QExyz ausgelöst?

Reply

vlk October 24, 2012 at 07:23
et October 24, 2012 at 17:44

…erschreckend…

Und hierzulande werden entsprechende Versuche gemacht, sog. eVoting…

Reply

Arlamist October 24, 2012 at 07:44

Formerly known as…..

Bloomberg ist wirklich manchmal……. Arlamists – haben die das mit Realist verwechselt – not so sure.

Man stelle sich vor, Draghi druckt Geld und keiner will es….. Es wird jetzt wirklich surreal….. Wenn Draghi nicht waere, waeren nicht nur die Spanier pleite – machen wir uns nichts vor – die EZB ist bereits weit und breit die einzige Kaeuferin der meisten EU Staatanleihen – wird ueber die nationalen Geschaeftsbanken abgewickelt. Die kaufen vom Staat, und hinterlegen bei der ECB – wie sieht die letzte Bilanzsumme aus? Also wird bereits gedruckt, OMT wird gar nicht gebraucht.

http://www.economonitor.com/edwardhugh/2012/10/22/taking-a-man-at-his-word/?

Apple leidet viel schneller unter dem Abgang von Steve als (ich) erwartet (hatte).

Reply

Marco October 24, 2012 at 08:51

In der Realwirtschaft fällt ein Index nach dem anderen:

http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:konjunktur-ifo-index-faellt-zum-sechsten-mal-in-folge/70108737.html

Aber dank Notenpresse braucht das die Menschen im Paralleluniversum ja nicht zu interessieren (siehe ZEW-Index).

Die Frage ist nur: Wie lange kann dieses Spielchen so weitergehen?
Da die Frage wohl niemand beantworten kann, werden wir es wohl weiterhin wie das Kaninchen mit der Schlange halten.
Ruhig sitzen bleiben und abwarten, was passiert…

Reply

Marco October 24, 2012 at 09:24

Und während alle Welt wie gebannt auf irgendwelche Indizes schauen, erdreisten sich die abgehobenen Politiker zu immer krasseren Aussagen (siehe z. B. Spanien):

“Das ist der sozialste Staatshaushalt in der Geschichte!”

http://uhupardo.wordpress.com/2012/10/23/das-ist-der-sozialste-staatshaushalt-in-der-geschichte/

Wen juckt das noch? Ein Aufschrei? Ja, aber nur kurz. Dann kommt ja schon die nächste News.

Uhupardo hat das schön kommentiert:

“Newspeak ist die eine Sache. Das wäre fatal genug, wenn nicht inzwischen die Sanktionierung komplett ausbleiben würde, weil der ungeheure Wust an Informationen kaum noch anderes zulässt. Wichtig ist nur noch die möglichst schnelle Übermittlung von Nachrichten “Was ist passiert”. Früher reichte das am nächsten Tag in der Zeitung, heute geht es um wenige Minuten, wer ist der Schnellste.
Da scheint keine Zeit mehr zu bleiben zur Analyse, denn das braucht: Zeit und Innehalten. So wird die so wichtige Analyse des heutigen Newspeak-Vortrags unterbleiben, weil alles morgen (spätestens) von der nächsten News zugeschmiert wird und Aktualität verliert.
Wenn die Analyse unterbleibt, kann es keine Sanktionierung geben. Dadurch entsteht absolute Beliebigkeit.”

Das ist die Realität in unserer Mediengesellschaft. Dem kann ich nichts mehr hinzufügen.

Reply

Markus Gaertner October 24, 2012 at 15:59

… doch, noch eines: Gaertner´s Blog lesen. Das ist genau der Mechanismus, den ich durchbreche: Kein Breaking News-Diktat, Zeit nehmen für die Analyse, dabei der nötige Mut zur Lücke … Viele Grüße

Reply

et October 24, 2012 at 17:18

…Markus, Sie waren schneller – genau darauf wollte ich hier hinweisen: Dass es Leute wie Markus Gärtner gibt, welche aus den hektischen Depeschen “Slow News” machen, das wir Leser auch interpretieren können. An dieser Stelle: Herzlichen Dank aus Zürich für die viele Arbeit!

Reply

vlk October 24, 2012 at 19:13

Traurig das Blogger deutlich bessere Beiträge bringen als Massenmedien….

für die es deutlich einfacher sein sollte gut zu recherchieren

Reply

die Simpsons October 24, 2012 at 11:04

“Printing money is not simply manna from heaven”,

Für die Hedge-Fonds, die mit den Griechenland-Anleihen Kasse gemacht haben, gilt dieser Spruch von Sir Mervyn King. Und für alle anderen Finanzhaie gilt das ebenso. Dummerweise profiteren aber die 99% nicht von diesem Manna, ganz im Gegenteil man nimmt Ihnen das Wenige noch weg. Und eines schönen Tages betrifft es Dich selber. Man will es nur nicht wahrhaben.

Reply

donWeb October 24, 2012 at 12:47

Wer’s noch nicht gesehen hat, dem sei es heiss empfohlen:
http://www.youtube.com/watch?v=CRBjtYW6qI4&list=UUP1CJKRkg6ImllD6N2qIKHg&index=1&feature=plcp
Eine Lektion über Plasma, Magnetische Gravitationsfelder und deren Wechselwirkung in Galaxien und Nanomaterialien.

Was trocken nach Physik klingt, ist der totale Gamechanger für alle Menschen auf der Welt!
Keine Verbrennung von Treibstoffen mehr, beliebig viel Energie gewinnen und speichern, müheloses Reisen zwischen Orten und Planeten, kein Krebs mehr! Aus Phantasie wird bald Wirklichkeit. Sagenhaft.

Reply

HaPennyBacon October 24, 2012 at 13:36

Ein neuer Messias, fürwar :-)
Ist er der legitime Nachfolger von Hartmut Müller?

Reply

Benedikt October 24, 2012 at 17:01

Die Notenbanken von Eurozone, USA oder Japan werden die Leitzinsen nie freiwillig anheben, schon gar nicht wegen der Inflation. Der einzigste Grund, die Zinsen anzuheben wäre, wenn man Ausländisches Kapital anziehen muss. Wenn die Zinsen nur geringfügig steigen, reißt das bei der Verschuldung große Löcher in den Staatshaushalte. Ein Prozent mehr Zinsen bedeutet nur für DE 20 Mrd mehr Ausgaben.

Reply

vlk October 24, 2012 at 19:21

Nur dadurch dreht das Rad sich immer noch wie gewohnt….

Und das es weltweit ein Wettlauf um niedrige Zinsen gibt-gibt es auch keine echte Kapitalflucht….wohin auch mit dem ganzen Papier ? Wir haben doch eigentlich nur noch 4 Währungsräume und alle entweder mit Pest oder mit Cholera…
USD – EUR – YUAN – JPY

Der Gold- und Silbermarkt ist zu klein.

Daher Bedarf es auch keiner großen Anstrengung – die Währungen wird es nicht zerreissen mangels Alternativen.
Und den Euro auch nicht . Die Problematik ist diesmal nicht begrenzt auf ein Land. Daher gibt es keine Fluchtmöglichkeit.

Die Orgie geht weiter — und mit Zinsen nahe 0 kann man verdammt viel “bezahlbare” Schulden machen.

Reply

et October 24, 2012 at 17:28

@ donWeb

Abgesehen davon, dass sich der Redner mit allerlei unappetitlichen Figuren umgibt (“Prof.” Meyl u.dgl.) – halten Sie es wirklich für erstrebenswert, wenn beliebig Energie gratis und unlimitiert verfügbar wäre?

Egal woher die Energie kommt, ihre Verwendung würde Abwärme produzieren (Entropiesatz). Wollen Sie wirklich, dass jeder Doedel und sein Kranker Bruder zusätzlich die Erde heizt?

Wer eine neue Energiequelle eröffnet, ohne gleichzeitig eine Wärmesenke zu installieren, gehört standrechtlich erschossen!

Reply

Futur October 25, 2012 at 06:40

@et

Dies hieße ja, dass günstige, effiziente Energiequellen gar nicht wünschenswert wären. Gilt der Entropiesatz grundsätzlich für alle Energiequellen? Kann man nicht auch eine Gegenrechnung erstellen, dass die zusätzliche Wärme Energie spart, oder sogar zur Energiegewinnung beiträgt?

Es gibt doch auch schon Geräte, die Wäreme aus der Luft ziehen und damit das Haus heizen. Das Haus meines Bruders wird so beheizt, ist das im Sinne des Entropiegesetzes neutral und damit besser?

Viele Grüße
Futur

Reply

et October 25, 2012 at 22:25

@ Futur

Eine Wärmepumpe (wir heizen auch so bei uns) muss 30-40% der nachher genutzten Wärme als Verdichtungsenergie aufbringen. D.h von zB 140 Wärmeeinheiten kommen 100 aus der Luft (oder zB aus dem Boden), und 40 kommen faktisch aus dem elektrischen Antrieb der Wärmepumpe.

Da die gesamte investierte Energie aber am Ende im Gesamtsystem Erde landet, heizen Sie den Planeten mit auf. Zwar nur mit 40 statt 140, aber immer noch.

Der Entropiesatz verhindert eine echte Kühlung innerhalb eines Systems wie der Erde. Nur wenn es gelingt, die Wärme ins Weltall abzustrahlen, wird es hier wieder kühler.

Daher: “Freie Energie” wäre sehr gefährlich.

Persönlich bin ich allerdings überzeugt, dass sich beide Probleme (Quelle UND Senke) lösen lassen. Stichwort “Nullpunktenergie”.

Reply

Marco October 25, 2012 at 16:01

Vielleicht wird Bernanke ja auch vom Saulus zum Paulus. So wie der ehemlige Citibank-Manager Philip Wollen:

http://www.newslichter.de/2012/10/pladoyer-fur-fleischverzicht/

Die Hoffnung stirbt zuletzt…

Reply

Leave a Comment

*

{ 1 trackback }

Previous post:

Next post: