Schlafend durch die Krise – Rip van Winkle wurde in der EZB gesichtet

by markusgaertner on 25/10/2012 · 12 comments

2012-07-22_1853

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Jetzt hat selbst der Ritter der Bilanzrunde versagt. Apple meldete gestern nach Börsenschluss zwar 26% mehr iPad-Verkäufe als im 3. Quartal des Vorjahres. Doch die Gewinnprognose enttäuscht derb. Der Aktienkurs fiel erstmals seit Juni wieder unter die Marke von 600. Das Beispiel zeigt, wie verwöhnt die QE-gedopten Börsianer geworden sind, und wie weit sie sich von der Realität entfernt haben.

Da ist eine Tech-Ikone, die mit der Produktion für ihr beliebestes Produkt gar nicht nachkommt, aber Anleger und Investoren machen ein langes Gesicht. Und auf CNBC erzählen sie uns, was in einer solchen Situation immer kommt: Tolle Gelegenheit zum Einstieg. – Steckt Euch Eure Empfehlungen sonstwo hin, kann ich da nur sagen.

Ansonsten zeigt das Beispiel Apple – besser die Reaktion auf die Quartalszahlen – dass wir in schwierigem Fahrwasser angelangt sind. Das wurde in der ablaufenden Woche bis zum Erbrechen deutlich. Nicht nur durch Schilderungen, wie sich in Griechenland bei einbrechender Wirtschaft die extreme Rechte breit zu machen beginnt.

Trotz wogender Austerität sind die Schulden in der Eurozone bei 90% des BIP angekommen. Das ist der höchste Wert seit der Einführung des Euro. Dass die drakonischen Sparprogramme nicht den erwünschten Fortschritt beim Schuldenabbau bringen – absolut nehmen die Schulden ja weiter zu, weil immer noch Defizite ausgewiesen werden – liegt an der schwachen Konjunktur.

In fünf Ländern der Zone – Griechenland, Spanien, Italien, Portugal und Zypern – herrscht Rezession. Wenn im November die BIP-Zahlen kommen, werden wir sehen, dass es die ganze Eurozone erwischt hat.

Schon am Mittwoch hatten wir von Markit den neuen Einkaufsmanager-Index für die Eurozone bekommen: Er fiel von 46,1 auf 45,8 Zähler. Das ist der niedrigste Stand in 3 Jahren.

Im Klartext: Wir müssen uns auf eine Geduldsprobe einstellen, falls nicht das Zusammentreffen mehrerer wirtschaftlicher Katastrophen – fiskalisches Kliff in den USA, harte Landung in China, Japan-Implosion – die Eurozone und damit den Euro mit in die Tiefe reißt. Das wurde in dieser Woche auch aus Äußerungen vom Chefökonom bei Goldman Sachs in Europa, Huw Pill, deutlich.

Pill, der noch bis zum Sommer bei der EZB gearbeitet hatte und damit über Insider-Kenntnisse verfügt, räumte in einem Bloomberg-Interview ein, dass die EZB letztlich nur Zeit kauft, und dass es mindestens 18 Monate dauern wird, bis das Schlimmste vorüber ist. – Ich halte den Mann angesichts dieser Prognose für einen ziemlichen Optimisten.

Passend zur düsteren Aussicht für Europa stufte gestern nach Börsenschluss S&P auch noch drei französische Banken ab. Sie seien dem schwieriger gewordenen europäischen Umfeld stärker ausgesetzt, hieß es zur Begründung für die Banken-Watsche.

Und in den USA, wo 10 Tage vor der Präsidenten-Wahl zwischen den beiden politischen Lagern ein erbitterter Prognose- und Umfrage-Krieg geführt wird ? Dort bahnt sich ebenfalls eine herbe Entäuschung an, was das BIP im 3. Quartal angeht. Und dabei dürften nicht einmal die überzogenen Erwartungen alleine Schuld sein.

Die Großbanken beginnen damit, die Latte – nachdem sie das am Aktienmarkt diesmal nicht so erfolgreich getan haben – für das BIP für Juli bis September niedriger zu legen. Bei JP Morgan wurde die BIP-Prognose für das Quartal in dieser Woche von 1,8% auf 1,6% gesenkt. Bei Barclays wurden ebenfalls 2 Zehntel Prozentpunkte gestrichen. Die offizielle Zahl kommt heute. Der Schnitt der von Reuters befragten Analysten liegt bei 1,9%.

Auch hier droht eine unsanfte Überraschung, wegen schwächerer Investitionen, lauen Exporten und den schwachen Konsumzuwächsen. Dass die Stimmung in der Wirtschaft derzeit gar nicht gut ist, sahen wir diese Woche an den Plänen zu eklatanten Stellenstreichungen, beispielsweise bei Dow Chemical.

Wir hörten es aber auch aus Berichten – wie diesem im DealBook der New York Times – über die Buttonwood-Konferenz in New York, wo die am häufigsten geäußerten Charakterisierungen für die aktuelle Konjunktur “zerbrechlich”, “schmerzhaft” und “mit Abwärtsrisiken” lauteten.

A propos, die Aktie der NYT brach gestern nach Börsenschluss um fast 19% (!) ein. Das Medien-Flaggschiff machte im jüngsten Quartal “überraschend” einen Verlust, nachdem die Anzeigen im Printsektor um 10% absackten. Auch die Best Buy-Aktie brach gestern um 10% ein. Die größte amerikanische Elektronik-Kette stutzte für das dritte Quartal die Gewinnprognose um 10%.

Das merke ich an der (sinkenden) Bestellhäufigkeit meiner Zeitungs-Auftrageber schon seit Wochen deutlich. Seit August klingeln dort in den Anzeigenabteilungen die Telefone nicht mehr so oft. Währenddessen ergeht sich die Finanzwebseite CNN Money in einer Schilderung der drei “furchteinflößendsten” Trends in der laufenden Bilanzrunde.

Und der nach Mohamed El-Erian am zweitmeisten zitierte Wall Street-Apostel, Peter Schiff von Euro Pacific Capital, darf bei MoneyNews einen brisanten Vergleich ausbreiten: Die wirtschaftliche Situation sei derzeit eindeutig schlechter als 1987. Das versucht Schiff so zu belegen: Damals machten sich die Börsianer wegen der als Zwillings-Defizit (twin deficits) bezeichneten Fehlbeträge im Außenhandel und im Haushalt in die Hosen. Die Twin Deficits addierten sich auf bedrohliche 6,4% des BIP. Jetzt, so Schiff, liegt diese Rate bei satten 13%. Das ist mehr als doppelt so hoch.

Wir Rip van Winklen jetzt diese Dauerkrise einfach und legen uns 20 Jahre lange schlafen … in die Berge, ohne Fernseher und CNBC …

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dank October 26, 2012 at 08:34

“…in die Berge, ohne Fernseher und CNBC …”
Und die Menschen werden später sagen: Auch Markus Gärnter lag mit seinem Tipp für richtigen Umgang mit der Systemkrise und der Vorsorge deswegen richtig. ;-)

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vlk October 26, 2012 at 13:45

Vielleicht liegen wir auch alle hier falsch — immerhin ist das GDP um 2% gestiegen…

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donWeb October 27, 2012 at 12:59
HaPennyBacon October 26, 2012 at 16:56

Zu Peter Schiff viel mir das Video hier ein:
http://www.youtube.com/watch?v=NkEtArDFNYA&feature=youtu.be
Wenn man bedenkt das es in Österreich aufgenommen wurde und die Leute dort so schön gelacht haben, dann kann einem das Lachen schon im Halse stecken bleiben.

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O.T. October 27, 2012 at 10:46

Nur weil dort “Austrian” steht, heißt das nicht das Schiff in Österreich gesprochen hat. Das ist auch daran zu erkennen weil nicht die Masse der Nicht-Native-Speaker über derartige Witze lachen würden.
Die “Österreichische Schule” ist eine Bezeichnung für eine Richtung der Ökonomie die durch Nazideutschland gezwungen wurde zu emigrieren, wie leider auch soviel andere Vernüftiges.

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HaPennyBacon October 28, 2012 at 05:47

Danke für die Korrektur O.T.
Nur ich befürchte, das den Zuhörern trotzdem bald das Lachen im Halse stecken bleibt. Gerade der aufkommende Wirtschaftsprotektionismus der US-Amerikaner könnte deren wichtigstem Wirtschaftsgut(dem Dollar) den Hals umdrehen.

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Marco October 27, 2012 at 18:22

Mittellose pflegebedürfte Rentner nach Spanien outsourcen:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/hunderttausende-senioren-koennen-ihre-altenpflege-nicht-mehr-zahlen-a-863822.html

Das wird bestimmt bald “alternativlos”.

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HaPennyBacon October 28, 2012 at 05:49

Spanien ist doch viel zu teuer! Da würde ich eher die Ukraine oder Indien vorschlagen.

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et October 28, 2012 at 09:02

Auch für die Griechen könnte das eine Geschäftsidee werden, sobald sie a) die Drachme wieder haben und b) mal wieder selber arbeiten möchten….

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Nina October 27, 2012 at 21:57

Rockwell Collins & Newell Rubbermaid kündigen Massenentlassungen an
http://www.wirtschaftsfacts.de/2012/10/rockwell-collins-newell-rubbermaid-kundigen-massenentlassungen-an/
Clinton weiß warum sie geht.
Die US-Außenpolitik lässt sich ganz einfach nicht mehr finanzieren.
Afghanistan, Irak, Georgien , die US-Diktatoren im Nahen Osten usw.

Daimler kann nur noch auf Russland hoffen.
Das LKW-Geschäft und weiteres, ich hoffe eine langfristige Planung.

Eurasien oder 1813?

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Nina October 28, 2012 at 07:57

Putin: Europäische Krise hat politische und wirtschaftliche Dimensionen
http://german.irib.ir/nachrichten/politik/item/212504-putin-europ%C3%A4ische-krise-hat-politische-und-wirtschaftliche-dimensionen

Mit solchen Einschätzungen macht sich Putin bei den €-Fanatikern und den €-Propaganda-Medien immer unbeliebter.

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Nina October 28, 2012 at 08:03

Bemerkenswerte Ansätze in dieser Diskussionsrunde:

On The Money: Why to invest in Russia (ft. Jim Rogers)
https://www.youtube.com/watch?v=VugKS-7sqHo&list=UUpwvZwUam-URkxB7g4USKpg&index=4&feature=plcp

Ich denke, es schlafen nicht alle in dieser Krise.

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