Nächste Station, US-Wahl: Such Dir den passenden Kapitalismus raus

by markusgaertner on 31/10/2012 · 15 comments

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Sandy ist durchgerauscht. Das Monster hat einen Korridor der Verwüstung hinterlassen. Das Fernsehen zeigte am Dienstag Bilder, die an Kriegs-Szenen erinnern. Doch in Amerika schaut man stets man nach vorne. Der Blick nach hinten ist für Loser. Geschichte lehrt uns nicht viel. Aber Zuversicht und hoch gekrempelte Ärmel, das führt immer weiter.

Zwei patriotische Aufgaben warten jetzt: Die Verwüstungen beseitigen – und Wählen ! Am Dienstag ist es soweit. Ich habe mit Freunden privat eine Flasche Rotwein auf Obama gewettet. – Ich weiß: Er ist der Kerl mit dem eingezogenen Schwanz. Aber Romney ist der Mann mit der Kettensäge für das Sozialsystem.

Addiert man zu den Besuchern von Suppenküchen noch die Armen, die überschuldeten Hausbesitzer, die Arbeitslosen und die allgemein deprimierten, dann ist das ein Heer von mindestens 100 Millionen Amerikanern, die sich zu den Verlierern der Dauermisere zählen. Sie wissen, dass Obama sie schwer enttäuscht hat. Aber sie wollen nicht den Kandidaten, der sie endgültig plattwalzt.

Das ist die Logik meiner Wette. Das schrille Glänzen von Michelles Monster-Zähnen halte ich sicher noch vier Jahre aus. Aber die Schuldenuhr wird aus ihrem Kasten springen, bevor die First Lady die erste Falte zeigt.

Für die Wette hätte ich genausogut Weißwein wählen können, passend zur Farblosigkeit des „Yes we can“-Propheten, der als Kapitän kampflos endete. Keine Schlacht hat er entschieden geführt, viele Versprechen gebrochen, jeden Fight mit den Republikanern vermieden.

Er hat auch nicht die Dezimierung der Mittelschicht aufgehalten, wie wir an den jüngsten Einkommenszahlen sehen. Im September schrumpfte das verfügbare Einkommen der Amerikaner inflationsbereinigt um weitere 0,02%. Nichts atemberaubendes. Aber eine fortschreitende Erosion. Es war der zweite Monat in Folge mit weniger in der Tasche, wenn man die Preissteigerungen abzieht.

Solche Entwicklungen, erst recht vor einer so wichtigen Wahl – und so kurz nach den Verwüstungen, die Sandy angerichtet hat – provozieren Nachdenken, Reflexion.

Das kann man heute im Business-Teil der New York Times nachvollziehen. „Choose Your Capitalism“ heißt es dort in einer Analyse mit Blick auf die Wahl am Dienstag.

Die beiden wichtigsten Thesen: Amerika hat zwar in den vergangenen 30 Jahren beim Durchschnittseinkommen 71% zugelegt – das war Platz 16 unter den 29 besten Ländern der Welt. Aber bei der Verteilung hapert es beträchtlich, wie dieses Zitat aus dem NYT-Stück von Eduardo Porter zeigt:

„Yet for all the riches we have amassed, by the O.E.C.D.’s calculation, the income of Americans of working age in the middle of the distribution has grown less since the mid-1980s than in virtually every other developed nation. Perhaps unsurprisingly, we suffer from some of the worse social ills known to the industrialized world.“

Zwei Thesen stechen in dem Kommentar hervor: Erstens, Amerika hat es nicht verstanden, zusätzlichen Wohlstand in die Breite weiter zu reichen. Zweitens, der darwinistische Kapitalismus des Landes hat gravierende soziale Folgen gehabt. (Siehe meine Wette).

Das Wirbel-Monster Sandy hat vieles von dem, was im Argen liegt, offenbart: Miserabel instand gehaltene Infrastruktur zum Beispiel. Aber auch vermeintliche Nachlässigkeit, die im schlimmsten Fall aus falschem Kostendenken gespeist wird. Das Versagen der Notstrom-Generatoren im medizinischen „Langone“-Zentrum der New York University führte am Montag zu einer Aufsehen erregenden Verlegung von 200 Patienten. Der Vorgang provozierte am Dienstag auf verschiedenen Fernsehsendern schlimme Vermutungen.

„Unsere Generatoren erfüllen alle Anforderungen der Regulierer, wir testen sie ständig sorgsam“, versicherten Sprecher des Hospitals. Doch Goldman Sachs-Präsident Gary Cohn, einer der Trustees des Krankenhauses, gab etwas ganz anderes zu Protokoll. Die Generatoren seien „nicht das Beste am Markt“ und die Führung des Hospitals habe von Problemen gewusst. Die Infrastruktur sei etwas betagt.

Die Kraken-Arme von Goldman Sachs reichen also bis in die Intensiv-Stationen der Stadt. Nicht schlecht, wir lernen nie aus.

Aber warum gibt der Mann die Probleme erst jetzt zu Protokoll, wenn sie doch potentiell lebensbedrohlich sein können ? Zumindest haben wir schon einmal gehört, dass es bei Goldman Sachs zur kollektiven Erkenntnis gehört, dass gewinnorientiertes Handeln gelegentlich auf Kosten der Klienten geht.

Ironie am Rande: Der Milliardär Kenneth Langone, nach dem (und dessen Frau Elaine) das Langone-Zentrum der NYU seit seiner 200-Mio.-Dollar-Spende 2008 benannt ist, lag im 11. Stock, um eine Lungen-Entzündung zu kurieren, als Sandy durch die Stadt tobte.

Hier noch eine kleine Recherche-Hausaufgabe für unsere ehrgeizigen und Google-erfahrenen Leser: Ich hätte gerne noch eine Weile über die Verbindungen zwischen Goldman Sachs und der NYU, bzw. diesem Krankenhaus recherchiert. Dazu habe ich aber wegen der aktuellen Berichterstattung keine Zeit.

Hat jemand Lust, da ein bisschen zu graben ? Es dürfte sich lohnen, sagt mir mein Riecher ….. Bin schon gespannt auf die Antworten.

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